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Von Margret Karsch und Iris Hoßmann


Die Einwohnerzahl der Bundesrepublik Deutschland sinkt, das Durchschnittsalter der Deutschen steigt, und immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund prägen das Straßenbild. Die Erkenntnis, dass sich die Struktur der Bevölkerung stark verändert, hat längst die Studierzimmer der wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen verlassen. Der Dreiklang "weniger, älter, bunter" hat über die Medien eine breite Öffentlichkeit erreicht. Die Nachricht hat ihre gute und ihre schlechte Seite, und beide verdienen Aufmerksamkeit. Mehr noch: Die demographischen Entwicklungen verlangen – wie alle gesellschaftlichen Veränderungen – nicht nur Ideen und Konzepte, wie am besten damit umzugehen ist, sondern auch schnelles und zugleich weitsichtiges politisches Handeln. Denn die Beobachtungen verweisen sowohl auf Missstände und Mängel, die behoben, als auch auf Positives und Potenziale, die genutzt werden sollten.

Die Befunde fallen regional allerdings sehr verschieden aus. "Weniger, älter, bunter" gilt zwar auf Bundesebene, nicht aber gleichermaßen auf Länder- oder Kreisebene. Hoyerswerda etwa hat seit der Wende bis 2006 ein Drittel der Einwohner verloren, Erding bei München hat dagegen fast im gleichen Umfang zugelegt. Frauen im Kreis Fürstenfeldbrück wurden sieben Jahre älter als im pfälzischen Pirmasens, Männer im Kreis Starnberg acht Jahre älter als im mecklenburgischen Demmin. Hier stellen sich regional unterschiedliche Aufgaben. Entsprechend weichen auch die Lösungsansätze voneinander ab. Das Ziel, für alle Mitglieder der Gesellschaft eine möglichst hohe Lebensqualität und Zufriedenheit zu schaffen, kann nur in unterschiedlichen Ausprägungen erreicht werden. Nicht nur, weil die Wünsche der einzelnen Bürgerinnen und Bürger voneinander abweichen, sondern auch, weil jede Region ihre eigene Geschichte besitzt und ihre eigene Entwicklung vollzieht, die sich nicht immer über einen bundesrepublikanischen Kamm scheren lässt. Dennoch muss die Bundesrepublik die Grundversorgung gewährleisten.

Worauf fußt also der Dreiklang "Weniger, älter, bunter", der so oft zur Zusammenfassung des demographischen Wandels angeführt wird? Welche demographischen Entwicklungen verbergen sich auf regionaler Ebene dahinter? Und welche politischen Ansätze könnten dazu dienen, die jeweiligen damit verbundenen Schwierigkeiten zu bewältigen und die Chancen zu nutzen?

Weniger potenzielle Eltern, weniger Kinder

 

Noch bis vor wenigen Jahren ist die Einwohnerzahl Deutschlands stetig gewachsen. 2003 lebten hierzulande rund 82,4 Millionen Menschen. Doch seitdem ist die Zahl gesunken, bis Ende 2008 auf rund 82,0 Millionen Menschen. Die offiziellen Prognosen gehen von einem weiteren Schrumpfen der Bevölkerung aus, das sich durch den Rückgang der Zahl potenzieller Eltern noch beschleunigen wird. Die Variante "mittlere" Untergrenze der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung kommt zu dem Ergebnis, dass in Deutschland im Jahr 2050 rund 12,6 Millionen Menschen weniger leben werden als im Basisjahr 2008. Dieser Prognose liegen die Annahmen einer durchschnittlichen Kinderzahl von 1,4 je Frau, einer weiter wachsenden Lebenserwartung sowie eines jährlichen positiven Wanderungssaldos von 100.000 ab 2014 zugrunde. Die für die Berechnung verwendete durchschnittliche Kinderzahl je Frau ("total fertility rate", kurz: TFR) gibt an, wie viele Kinder jede Frau im Laufe ihres Lebens bekommen würde, wenn die Fruchtbarkeit der Frauen aller Altersgruppen auf dem Stand des Jahres der Betrachtung bliebe. Damit eine Bevölkerung gleich groß bleibt, muss – ohne Zu- und Abwanderung, bei gleich bleibender Lebenserwartung – die TFR auf dem "Ersatzniveau" von 2,13 liegen (nicht nur bei genau zwei Kindern, weil nicht alle, die geboren werden, das zeugungsfähige Alter erreichen).

Betrachtet man zunächst nur die natürliche Bevölkerungsentwicklung, also die Zahl der Geburten und Todesfälle, so ist der Rückgang der Bevölkerung auf die sinkenden Geburtenzahlen zurückzuführen. Im Vergleich zu den 1960er und 1970er Jahren liegen diese auf einem sehr niedrigen Niveau: 1960 wurden rund 1.261.600 Kinder geboren, 2007 waren es nur rund 684.900. Diese Zahl entspricht zwar erstmals seit 1997 wieder einem sehr leichten Anstieg der Neugeborenenzahl um 12.000 gegenüber dem Vorjahr, sollte aber nicht überbewertet werden. Das bisherige Ergebnis der Neugeborenenzahl für 2009 liegt mit 651.000 bereits wieder darunter. Eine Trendwende ist nicht zu erwarten, denn die Zahl der potenziellen Mütter, also von Frauen im fertilen Alter (dazu zählt die Statistik alle 15- bis 44-Jährigen), erreicht nicht das Niveau der 1960er und 1970er Jahre. Ausgeglichen werden könnte dies durch eine höhere Kinderzahl je Frau – die liegt jedoch seit 35 Jahren nahezu konstant niedrig.

Ursache für den damaligen Geburtenrückgang war vor allem ein Wertewandel – hin zu größerer individueller Freiheit und Selbstbestimmung, insbesondere in der Sexualität. Bereits vorher hatte es Phasen sinkender Kinderzahlen gegeben, so gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als zum einen die Kindersterblichkeit sank und somit weniger Geburten zu derselben Kinderzahl führten, und zum anderen mit der Industrialisierung die Unterscheidung von Arbeit im privaten und im öffentlichen Raum sowie der Ausbau der Sozialversicherungssysteme Kinder weniger ökonomisch betrachtet wurden, weil sie nicht mehr in demselben Maße als Arbeitskräfte im Haushalt und Alterssicherung fungierten. Die beiden Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise 1930 ließen die Kinderzahlen ebenfalls einbrechen. Der europaweite kulturelle Wandel in den 1960er und 1970er Jahren wiederum hat sich in den Geburtenzahlen als "Pillenknick" zwischen 1964 und 1974 niedergeschlagen.

 

Regionale Unterschiede

 

Auf regionaler Ebene bestehen jedoch durchaus noch Unterschiede, insbesondere zwischen ländlichen Räumen und Städten: Die Landkreise Vechta und Cloppenburg verzeichnen einen kontinuierlichen Geburtenüberschuss. Zwischen 1989 und 1999 stiegen die Geburtenzahlen sogar. Das erklärt sich neben traditionell hohen Kinderzahlen vor Ort aus dem großen Zustrom von Spätaussiedlern, die in Niedersachsen überproportional in diesen beiden Kreisen leben und überdurchschnittlich viele Kinder bekommen haben. Im Landkreis Vechta lag die durchschnittliche Kinderzahl je Frau 2008 bei 1,57, in Cloppenburg bei 1,66. Demmin in Mecklenburg-Vorpommern erreichte sogar einen Wert von 1,70 und löste damit Cloppenburg, als bundesweiten Spitzenreiter ab.
Bis zur Wiedervereinigung lag in Ostdeutschland die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau über der im Westen. Der Systemwechsel ließ die Zahl der Kinder im Osten jedoch sinken, 1994 erreichte sie mit durchschnittlich 0,77 Kindern je Frau den niedrigsten jemals in Deutschland verzeichneten Wert. Dann stieg die Kinderzahl im Osten wieder an, während sie im Westen langsam sank. Betrachtet man die Daten von 2008 für die Kreise und kreisfreien Städte Deutschlands, so ist hinsichtlich der durchschnittlichen Kinderzahl je Frau die jahrzehntelange Teilung des Landes nicht mehr erkennbar: In vielen westdeutschen Landkreisen haben sich die Kinderzahlen dem Durchschnitt angepasst oder liegen darunter, die meisten ostdeutschen Landkreise haben aufgeholt. Dass die Kinderzahlen sich zwischen Stadt und Land sowie zwischen Ost und West angleichen, deutet jedoch insgesamt darauf hin, dass die bessere Bildung der Frauen und ihre gewachsene Erwerbstätigkeit zunehmend die Vorstellungen von Familie verändern.

Allerdings sind die Mütter im Westen oft älter als im Osten. Die Geburten von Teenager-Müttern etwa haben im Osten seit der Wende zugenommen, ihr Anteil liegt um die sechs Prozent. In einigen wirtschaftlichen Problemgebieten Westdeutschlands ist der Anteil ähnlich hoch, im bundesdeutschen Durchschnitt dagegen beträgt er nur drei Prozent. Die Zahl der Frauen, die im Alter zwischen 35 und 39 Jahren Mütter werden, liegt dagegen im Westen erheblich höher als im Osten. Vor allem Großstädte und wohlhabende Regionen, in denen der Bildungsgrad der Frauen hoch ist, liegen hier an der Spitze – in Hamburg und München hat mehr als ein Fünftel der Neugeborenen eine Mutter, die älter als 34 Jahre ist. Auch in Potsdam, Dresden und Berlin ist dieser Trend erkennbar. Im bayerischen Starnberg wird bereits jedes dritte Kind von einer Mitt- oder Enddreißigerin geboren, in Frankfurt/Oder dagegen nur jedes elfte Kind.

Die Kinderzahl entspricht nicht in jedem Fall der Wunschkinderzahl von Frauen und Männern, und Kinderlosigkeit ist nicht immer Folge einer bewussten Entscheidung. Abgesehen von medizinischen Ursachen spielen auch verschiedene Faktoren der persönlichen Situation eine Rolle – und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, zu denen auch der Stellenwert von Kindern gehört. Frauen, die in Großstädten leben, bleiben häufiger kinderlos als ihre Geschlechtsgenossinnen auf dem Land, in den Stadtstaaten, allen voran Hamburg, ist die Kinderlosigkeit am höchsten. In Westdeutschland ist außerdem die Kinderlosigkeit umso häufiger, je höher der Bildungsstand der Frauen ist. Laut Mikrozensus, der größten jährlichen Haushaltsbefragung, lag der Anteil der Frauen ohne Kinder in Gesamtdeutschland im Jahr 2008 bei den 40- bis 44-Jährigen (Geburtsjahrgänge 1964 bis 1968) bei 21 Prozent, bei den 50- bis 54-Jährigen (Geburtsjahrgänge 1954 bis 1958) bei 16 Prozent und bei den 60- bis 64-Jährigen (Geburtsjahrgänge 1944 bis 1948) bei zwölf Prozent. In der ehemaligen DDR war Kinderlosigkeit selten, aber bei den Jahrgängen ab 1960 steigt sie. Bei dem Geburtsjahrgang 1965 liegt die Kinderlosigkeit im alten Bundesgebiet um die 25 Prozent, in den neuen Bundesländern um die zwölf Prozent.

Beim Kinderwunsch bestehen zwischen Ost und West kaum Unterschiede. Er ist im Osten bei Frauen etwas höher als im Westen (1,78 gegenüber 1,73) und bei Männern etwas niedriger (1,46 gegenüber 1,59). Der Kinderwunsch ist im internationalen Vergleich in Deutschland eher gering ausgeprägt, aber der Population Policy Acceptance Study zufolge wollten 2003 rund 80 Prozent der Befragten zwischen 20 und 38 Jahren Kinder oder lebten bereits mit ihnen zusammen. Dass Wunsch und Wirklichkeit beim Kinderwunsch auseinanderklaffen, ist jedoch nicht nur in Deutschland, sondern auch innerhalb der gesamten Europäischen Union ein verbreitetes Phänomen. Besonders groß ist der Anteil kinderloser Frauen im Alter zwischen 25 und 39 Jahren, die gerne ein Kind hätten, in Italien, Griechenland und Kroatien.

Hier liegt der Spielraum, den die Politik nutzen kann, wenn sie ihre Bürgerinnen und Bürger dabei unterstützen will, Familien zu gründen. Dazu gehört insbesondere die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, denn mit der gewachsenen Gleichberechtigung von Männern und Frauen sowie unter dem steigenden wirtschaftlichen Druck ist die Erwerbsbeteiligung von Frauen zunehmend selbstverständlich geworden. Der Ausbau der Krippenplätze reicht dazu allerdings nicht aus, schon gar nicht, wenn die Bundesregierung ihn so wenig ehrgeizig betreibt und lediglich ein Ziel von Plätzen für ein Drittel der Kinder bis 2013 anstrebt. Steuer- und Rentensystem müssen an dem Leitbild einer modernen Familie ausgerichtet werden und diese unterstützen. Das wiederum setzt voraus, dass die Voraussetzungen für Geschlechtergerechtigkeit erfüllt sind und eine Auseinandersetzung mit Rollenbildern stattfindet.

 

Weniger Zuwanderer, mehr Menschen mit Migrationshintergrund

 

Die Zahl der Bürgerinnen und Bürger eines Landes wird jedoch nicht nur von den Geburten und Todesfällen bestimmt, sondern auch von der Zuwanderung aus dem Ausland – und die nimmt ab. In der Vergangenheit gab es mehr Zuzüge als Abwanderung, seit der ersten Hälfte der 1990er sind die Wanderungsgewinne jedoch zurückgegangen. Seit den 1970ern verzeichnet die Statistik jährlich mehr Gestorbene als Lebendgeborene, und seit 2003 wird diese negative natürliche Bevölkerungsbilanz nicht mehr durch einen Zuwanderungsüberschuss ausgeglichen.

In Deutschland leben rund 6,7 Millionen Ausländerinnen und Ausländer, das entspricht einem Bevölkerungsanteil von etwa 8,2 Prozent. Die Anteile schwanken jedoch stark nach Bundesland: Der höchste Anteil findet sich in Hamburg mit 13,2 Prozent, der niedrigste in Thüringen mit 1,5 Prozent. Für das Zusammenleben wichtiger als die Staatsbürgerschaft sind jedoch der kulturelle Hintergrund der Gesellschaftsmitglieder und ihre mögliche Migrationserfahrung. 2008 lebten in Deutschland 15,6 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, das sind etwa 19,0 Prozent der Bevölkerung.

Diese leben allerdings ebenso wie die Ausländer nicht gleichmäßig über ganz Deutschland verteilt, wie 2009 eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung – auf Basis der Daten des Mikrozensus 2005 – gezeigt hat: Hamburg und Baden-Württemberg weisen mit jeweils rund einem Viertel der Bevölkerung den größten Anteil von Menschen mit Migrantionshintergrund auf. In Westdeutschland ist Schleswig-Holstein mit zwölf Prozent die Region mit den wenigsten Menschen mit Migrationshintergrund, in den neuen Bundesländern sind es sogar nur fünf Prozent – wegen der geringen Zahl und der sehr ähnlichen Zuwanderungsgeschichte betrachtet diese Untersuchung Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen gemeinsam.

Die Verteilung hängt eng mit verschiedenen Migrationswellen zusammen. Mit Ausnahme von Berlin und Hamburg bilden Aussiedler in allen Bundesländern den größten Anteil an Personen mit Migrationshintergrund, in den beiden Stadtstaaten sind es Menschen türkischer Abstammung. Aussiedler und Menschen türkischer Abstammung stellen zusammen in manchen Bundesländern mehr als 40 Prozent aller Menschen mit Migrationshintergrund – erstere leben häufiger auf dem Land und in kleineren Städten als andere Herkunftsgruppen, letztere bilden in der Mehrzahl der Städte die größte Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund. Das Saarland zog in den Nachkriegsjahrzehnten die meisten Gastarbeiter an, sie kamen aus Portugal, Spanien, Italien und Griechenland, um in der Schwerindustrie zu arbeiten. In Baden-Württemberg stellen Menschen mit kulturellen Wurzeln im ehemaligen Jugoslawien zehn, in Bayern elf Prozent aller Menschen mit Migrationshintergrund. Migranten aus dem Fernen Osten und ihre Kinder leben besonders häufig in Hamburg und in den neuen Bundesländern – in beiden Regionen stellen sie zehn Prozent aller Menschen mit Migrationshintergrund. In Hamburg ist vermutlich der Überseehafen dafür ausschlaggebend, und die ehemalige DDR hatte Vietnamesen als Arbeitskräfte ins Land geholt – und viele von ihnen sind geblieben.

Wieso ist es überhaupt sinnvoll, Menschen mit Migrationshintergrund als Gruppe zu betrachten – und wer soll über wie viele Generationen hinweg dazu gezählt werden, bis er oder sie als Deutsche oder Deutscher gilt? Auch hierüber streitet die Öffentlichkeit. Die Zahlen der OECD belegen jedoch zweifelsfrei, dass vom Migrationshintergrund zumindest hierzulande viel abhängt und die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund aussagekräftiger ist als allein die Zahl der Ausländer, denn beide Gruppen müssen in ihrem Leben Elemente verschiedener Kulturen vereinbaren. Der soziale Hintergrund ist in Deutschland mehr als in den meisten anderen OECD-Staaten immer noch entscheidend für den Bildungsweg. Der Bildungsgrad wiederum gehört zu den Faktoren, die die Integration in die Gesellschaft stark beeinflussen. Ein Blick auf die kulturellen Hintergründe kann dabei helfen, Maßnahmen zu ergreifen, um das Zusammenleben aller zu verbessern. Zudem muss die Aufnahmegesellschaft sich besser über ausländische Abschlüsse informieren und sie anerkennen, denn selbst Hochqualifizierte stolpern in Deutschland über diese Integrationshürde.

Neben der Zuwanderung von außen beeinflusst die wachsende Mobilität der Deutschen über die Landesgrenzen hinaus den Wanderungssaldo. Die Zahl der deutschen Auswanderer hat sich in absoluten Zahlen gegenüber 1970 auf fast das Dreifache erhöht. Im internationalen Vergleich ist sie allerdings immer noch gering. Zudem ist Auswanderung ein westdeutsches Phänomen, und seit Anfang der 1990er sind es vor allem junge, ledige Männer, die das Land verlassen. Der Anteil Hochqualifizierter unter ihnen liegt höher als in der nicht mobilen Bevölkerung. Das hat Folgen: Der jetzt schon spürbare Fachkräftemangel wird sich noch verschärfen, wenn Deutschland nicht seine Zuwanderungsgesetze verbessert und Zuwanderung erleichtert und fördert sowie alle Menschen, die hierzulande leben, besser integriert. Denn ausgleichen lässt sich dieser Brain Drain nur durch einen entsprechenden Brain Gain beziehungsweise durch die Förderung und Weiterbildung der Einheimischen.

 

Weniger Kinder + mehr Ältere = steigendes Durchschnittsalter

 

Die Bevölkerung altert seit über 100 Jahren. Das Durchschnittsalter der Deutschen liegt bei 43,2 Jahren – zum Vergleich: In Indien liegt es bei 24 Jahren. Die Ursachen der demographischen Alterung in der Bundesrepublik liegen in der steigenden Lebenserwartung, in der Alterung der starken Babyboomer-Jahrgänge, auf die eine kleinere potenzielle Elterngeneration folgte sowie in den niedrigeren Kinderzahlen. In den letzten Jahren kamen noch rückläufige Wanderungsgewinne hinzu – und da Zuwanderer oft jünger sind, hob dies den Altersdurchschnitt noch.

2007 betrug die Lebenserwartung für neugeborene Jungen 77,2 Jahre, für neugeborene Mädchen 82,4 Jahre. Die Unterschiede sind nicht nur biologisch bedingt, sondern auch vom Lebensstil abhängig. Rauchen, Alkoholkonsum und sportliche Betätigung sind starke Einflussfaktoren. Seit den 1970er Jahren lassen sich Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland beobachten: 1990 lag die Lebenserwartung der Frauen im Westen 2,3 Jahre höher als im Osten, die der Männer im Westen lag 3,3 Jahre über der im Osten. Aber der Osten hat aufgeholt: Bei den Frauen ist die Differenz mit 0,3 Jahren nur noch sehr gering, und auch bei den Männern ist der Abstand geschrumpft – auf 1,3 Jahre. Die Ursachen hierfür liegen in der verbesserten medizinischen Versorgung und den besseren Einkommensverhältnissen nach der Wende. Eine Annäherung gab es auch bei den alten und sehr alten Menschen.

Allerdings bestehen auch innerhalb von Ost- und Westdeutschland Unterschiede, und zwar findet sich im Westen wie im Osten ein Nord-Süd-Gefälle – 2008 in Baden-Württemberg geborene Mädchen können damit rechnen, 83,3 Jahre alt zu werden. Jungen können sich auf ein Alter von 78,6 Jahren einstellen. Damit haben Mädchen hier eine um 12 Monate, Jungen sogar eine um 16 Monate höhere Lebenserwartung als der Bundesdurchschnitt. Das Saarland verzeichnete laut Sterbetafel 2006/2008 die niedrigste Lebenserwartung für beide Geschlechter. Sachsen ist der östliche Spitzenreiter bei der Lebenserwartung für Mädchen, Berlin für Jungen.
Die wachsende Zahl Hochbetagter, die an sich erfreulich ist, bedeutet aber auch einen Anstieg der chronischen und psychischen Leiden, insbesondere der Demenzfälle. Die Pflegebedürftigkeit nimmt im Alter entsprechend zu: Zwischen 70 und 80 Jahren sind nur rund zehn Prozent pflegebedürftig, danach steigt die Pflegequote steil an – bis 2030 wird es bei konstanten altersspezifischen Pflegequoten mehr als drei Millionen Pflegebedürftige geben. Der Anteil wächst also von heute rund 2,6 auf etwa vier Prozent. Bei der Pflege bestehen große Unterschiede zwischen den Geschlechtern, auch weil Frauen im Schnitt älter werden als Männer. Sie leben im Alter häufiger allein, Männer werden eher von ihren Partnerinnen betreut: Etwa 60 Prozent der 90-Jährigen sind pflegebedürftig, bei den Frauen rund 75, bei den Männern 40 Prozent.

Wenige Babies, viele Ältere

 

 

Während die Schar der Kleinen wegen niedriger Kinderzahlen und schwindender Elternjahrgänge auf absehbare Zeit zurückgehen wird, verzweieinhalbfacht sich vermutlich die Zahl der sogenannten Hochaltrigen. Im Jahr 2050 dürfte jeder achte in Deutschland lebende Mensch über 80 Jahre alt sein.

Ab 2042 nimmt die absolute Zahl der über 74-Jährigen (Hochbetagten) ab. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung steigt weiterhin, da die Bevölkerung schrumpft – besonders in den jüngeren Altersgruppen.

Aus der Pyramide wird ein Pilz

Die Generation der in den 1960er Jahren geborenen Babyboomer bildet heute die stärksten Altersjahrgänge. Da seit 1970 mit jeder Generation etwa ein Drittel weniger Kinder heranwachsen, als Eltern da sind, verwandelt sich die Bevölkerungspyramide in einen Pilz – scharfe Zungen sagen: in eine Urne.

Die Altersstruktur in der heutigen Form lässt noch verschiedene tiefe Einschnitte und Ausbuchtungen erkennen: die Geburtentiefs nach dem Ersten und Zweiten Weltkriegs und die Kriegstoten, den Babyboom, den Geburtenrückgang in den Jahren 1965 bis 1975 (wobei die Zahl der Geburten erst ab 1972 unter eine Million fiel), das Geburtentief in den neuen Ländern. Da Frauen eine höhere Lebenserwartung haben als Männer und im Zweiten Weltkrieg mehr Männer umgekommen sind, trifft die demographische Alterung Frauen stärker als Männer. Im Jahr 2050 wird entsprechend den Prognosen zufolge die Bevölkerungspyramide schon beinahe auf dem Kopf stehen – und eine Schlagseite aufweisen.

Das System der Renten-, Kranken-, Pflegeversicherung muss sich also auf höhere Kosten bei sinkenden Einnahmen einstellen. Reformen im Gesundheitssystem müssen der gesellschaftlichen Alterung und den sich wandelnden Bedürfnissen Rechnung tragen – insbesondere im Hinblick auf die steigende Zahl von Demenzerkrankungen. Hinzu kommt, dass die unbezahlte Arbeit, die momentan noch vor allem Frauen bei Pflege und Betreuung von Kindern und Alten leisten, ökonomisch oder in anderer Form kompensiert werden muss – und einen Rahmen braucht, der sicherstellt, dass die Bedürfnisse nach Nähe und Kommunikation nicht dem wirtschaftlichen Druck weichen müssen.

Einflussfaktor Binnenwanderung: Trends

 

Die regionale Altersstruktur hängt jedoch nicht nur von den Neugeborenenzahlen, der Sterberate, der Lebenserwartung oder der Zuwanderung aus dem Ausland ab, sondern auch von der Binnenwanderung. Innerhalb Deutschlands ließen sich in den letzten Jahren unterschiedliche Wanderungstrends ausmachen, unter denen drei dominierten: Ost-West-Wanderungen, Nord-Süd-Wanderungen und Suburbanisierung von den Städten ins Umland. Dieser Trend hat jedoch nachgelassen: Inzwischen ziehen etwa die Städte Aachen und Mainz mehr Menschen an als das Umland.

Und noch etwas hat sich geändert: Die alten Bundesländer verzeichneten in den Jahren nach der Wende Bevölkerungsgewinne, die neuen -verluste. Zielgebiet war vor allem der Süden des Landes: Bayern verzeichnete 1991 bis 2008 netto 653.000 Zuzüge, Rheinland Pfalz 220.000, Baden-Württemberg 231.000. 1990 bis 2008 zogen aus Ostdeutschland (ohne Berlin) 3,1 Millionen Menschen weg, in die umgekehrte Richtung strebten nur 1,5 Millionen. Entsprechend leben in den alten Bundesländern gegenwärtig 65,5 Millionen Menschen, in den neuen 13,0 Millionen (beide ohne Berlin) und in Berlin 3,6 Millionen. In den alten Bundesländern ist die Zahl der Bevölkerung bis 2005 gestiegen, seit 2006 verliert Westdeutschland Bevölkerung. In den neuen Bundesländern ist sowohl die natürliche Bevölkerungsentwicklung als auch die Wanderungsbilanz negativ.

Die Abwanderung aus dem Osten konzentrierte sich in den letzten Jahren regional auf ländliche und strukturschwache Regionen. Es zogen mehr Frauen als Männer fort, mehrheitlich aus den jüngeren Altersgruppen und mit den besseren Abschlüssen als die Zurückbleibenden. Vor allem die Aussicht auf einen Job und Ausbildungsplatz war entscheidend für den Wegzug. Diese Entwicklung ist in vielen peripheren Regionen Europas zu beobachten, aber der größte Frauenmangel ist in den neuen Bundesländern zu finden – wo dann wiederum die potenziellen Mütter fehlen.

Bürgerliches Engagement als Ressource

 

In Ostdeutschland beschleunigt sich durch Abwanderung die demographische Alterung, vor allem in den peripheren Regionen. Die öffentlichen Haushalte sind stark altersstrukturabhängig, sowohl bei den Einnahmen als auch bei den Ausgaben. Der Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung etwa und der Wandel von Beschäftigungsverhältnissen führt insbesondere in den bevölkerungsarmen Gebieten zu sinkenden Steuereinnahmen. Das wirkt sich auf das Versorgungsangebot aus, etwa auf die Infrastruktur im Verkehrs- oder Gesundheitsbereich. Ländliche Kreise, die dünn besiedelt sind, haben höhere Pro-Kopf-Ausgaben zur Aufrechterhaltung der kommunalen Infrastruktur als Kreise mit höherer Verdichtung, da Straßen, Kanalisation oder der Öffentliche Personennahverkehr ja auch bei geringer Nutzung Kosten verursachen. Solche Regionen finden sich gegenwärtig vor allem in den neuen Bundesländern, zukünftig aber auch in den alten. Und es ist nicht abzusehen, dass sich bald wieder ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Alt und Jung herausbildet, zwischen denen, die sozialstaatliche Leistungen beziehen und denen, die sie aufbringen – so wünschenswert das auch wäre.

Da die öffentliche Hand Aufgaben, die sie bisher übernommen hat, nicht mehr bezahlen kann, ist die Grundversorgung heute zunehmend gefährdet. Das lässt auch die Bedeutung bürgerschaftlichen Engagements wachsen. In alternden und schrumpfenden Regionen können freiwillige Leistungen lokale Versorgungsstrukturen stützen: Wenn keine Busse mehr fahren, bilden Nachbarn Fahrgemeinschaften, um sich Kosten und Aufwand zu teilen – etwa wenn sie die Kinder zum Judotraining in die nächstgelegene Stadt bringen, einen Arzttermin haben oder einkaufen wollen.

Politische Aufgaben

 

Die Grundversorgung darf jedoch nicht von Einzelnen abhängen, das macht sie zu fragil und birgt die Gefahr, dass nicht alle Bürgerinnen und Bürger davon erreicht werden. Die Kommunalpolitik muss hier Verantwortung übernehmen, denn die Grundversorgung muss vom Staat sichergestellt werden. Da Alterung und Schrumpfen in der Bundesrepublik unabwendbare Entwicklungen sind, ist es nötig, dass die Politik die Entwicklungen abfedert und zukunftsfähige Strategien entwickelt, um sich an die Veränderungen anzupassen.

Allein über einen Finanzausgleich lassen sich die Aufgaben nicht nachhaltig lösen, die sich aus der demographischen Entwicklung ergeben. Um nicht nur die Symptome zu bekämpfen, etwa durch Verkleinerung der Strukturen oder gar den Wettstreit mit anderen Kommunen um Einwohner, braucht es ein radikales Umdenken, das sich an den notwendigen Dienstleistungen orientiert. Dazu gehören etwa die Garantie der Mobilität und gesundheitlicher Versorgung. Das wiederum erfordert raumordnerische Handlungsstrategien: In ländlichen Regionen um Mittel- und Kleinstädte muss die Verdichtung verstärkt werden, es braucht zentrale Orte, die Bildung, Gesundheit, den Öffentlichen Personennahverkehr sowie eine Ver- und Entsorgungsinfrastruktur bereitstellen. Um einen solchen integrierten Ansatz umzusetzen, müssen Anreize für Kooperationen geschaffen werden – und bei Kooperationsverweigerung Sanktionen in Erwägung gezogen werden.

Bei allen länderübergreifenden Übereinstimmungen zeigt die Bevölkerungsstruktur der Bundesrepublik Deutschland doch erhebliche regionale Unterschiede. Die Politik muss insbesondere im Hinblick auf die Abwanderung aus ländlichen Räumen den Spagat zwischen Grundversorgung und autonomer regionaler Entwicklung schaffen. Dazu kann sie sich auf einen Föderalismus besinnen, der lokales Handeln stützt, ohne den Blick für den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt zu verlieren. Die Vielfalt der Lebensverhältnisse gefährdet nicht zwingend deren Gleichwertigkeit. Erste Schritte wären mehr Kompetenzen für die Kommunen und Bürokratieabbau. Das kann eine aktive Bürgergesellschaft stärken, regionale Entwicklung fördern und letztlich die Lebensqualität heben – und somit dazu führen, dass die Chancen des demographischen Wandels genutzt werden.

Literatur / Links

 

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Stand: November 2010

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