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von Gregor Grienig

 

Roma in Europa leben oft in schlechten Verhältnissen: Sie sind wenig gebildet, auf dem Arbeitsmarkt kaum vermittelbar, werden diskriminiert und teilweise sogar verfolgt. Viele Roma befinden sich auf der Flucht durch Europa – entwurzelt in den Wirren der Wendezeit und vertrieben während der Konflikte auf dem Balkan. Etwa einige Hunderttausend Roma suchen nach Arbeit und besseren Lebensbedingungen in West- und Mitteleuropa. Entgegen der allgemeinen Vorstellung sind die Roma jedoch kein Volk auf ewiger Wanderschaft – Schätzungen zufolge wandert nur ein kleiner Teil der Roma in Europa.

Die allgemeine Wahrnehmung der Roma ist auch in Deutschland noch von alten Vorurteilen bestimmt. So herrscht bei einem Großteil der Bevölkerung die Vorstellung von einem homogenen Nomadenvolk vor, unfähig zu Anpassung an die sich verändernden politischen und sozioökonomischen Bedingungen. Diese Einschätzung ist jedoch unzeitgemäß und lässt sich vielfach widerlegen.

  • Die Roma in Europa sind heutzutage mehrheitlich sesshaft und wohnen in ihrer Heimatregion. Nur ein relativ kleiner, schwer zu beziffernder Anteil, der sich vor allem in West- und Mitteleuropa aufhält, lebt ohne klare örtliche Bindung. Die Gründe für die Mobilität dieser Gruppe sind vielfältig: Viele suchen nach saisonal und regional bedingter Arbeit, andere sind aus dem ehemaligen Ostblock und den Krisengebieten im Balkan nach Westeuropa geflüchtet. Der Anteil der saisonweise oder dauerhaft migrierenden Roma an der gesamten Roma-Population wird von der Universität Graz auf etwa fünf Prozent geschätzt.

  • Die Roma bilden eine Bevölkerungsgruppe, deren Angehörige sich in vieler Hinsicht stark voneinander unterscheiden. Allen Schwierigkeiten zum Trotz ist einen Teil der Roma der gesellschaftliche Aufstieg gelungen. Darüber hinaus haben viele die regionale Sprache, Religionen und Traditionen angenommen, so dass sie teilweise gar nicht als Roma zu identifizieren sind. Das gilt insbesondere für Deutschland: Die bereits seit Jahrhunderten in Deutschland einheimischen Roma unterscheiden sich in vielen Bereichen erheblich von den Zuwanderern der letzten Jahrzehnte. Verallgemeinerungen und Stigmatisierungen sind jedoch immer noch auf der Tagesordnung. Laut einer Umfrage würde ein Viertel der deutschen Bevölkerung sich unwohl fühlen, wenn ihr Nachbar Roma wäre (Eurobarometer 2008).

  • Die Schwierigkeiten der politischen und ökonomischen Anpassung sind nicht von der Hand zu weisen, lassen sich jedoch oft auf die historischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zurückführen. Diskriminierung und Marginalisierung erschweren es den Roma, erfolgreich an geachteten gesellschaftlichen Teilbereichen wie Facharbeit, Politik oder gar Forschung und Entwicklung teilzuhaben. Bis heute werden in den meisten Teilen Europas Roma ausgegrenzt: Roma sind niedriger gebildet als die Allgemeinbevölkerung und somit auch schlechter in den Arbeitsmarkt integriert; ihre Gesundheitsversorgung ist ungenügend, und sie wohnen in schwierigen Umständen. So wird der Teufelskreis der Armut von Generation zu Generation aufrechterhalten.

Ausschlaggebend für das negative und stigmatisierende Bild der deutschen Öffentlichkeit von Roma in der Allgemeinbevölkerung ist nach Aussagen von Vertretern der Sinti und Roma vor allem die negative Berichterstattung in den deutschen Medien. Verallgemeinerungen bewirken, dass Problemgruppen innerhalb der Roma als typisch für alle Roma angesehen werden.

Die Bevölkerungsgruppe der Roma ist schwer zu erfassen

In Deutschland leben Roma seit etwa sechshundert Jahren. Die Anzahl ihrer Nachfahren mit deutscher Staatsbürgerschaft wird auf etwa 70.000 geschätzt. Über die Anzahl der Flüchtlinge und Vertriebenen, sowie der Arbeitsmigranten, die vor allem in der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts dazugekommen sind, gibt es nur vage Annahmen. Unicef rechnet mit 50.000 Roma-Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien, darunter 20.000 Kinder.

Die deutsche Statistik tut sich bei der Schätzung der Romazahlen im Land aus drei Gründen schwer:

  1. Ein Teil der Roma ist nicht im Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft und wird daher nicht in der amtlichen Statistik geführt. Eine klare Erfassung der Grundgesamtheit der Roma in Deutschland ist aufgrund eines unbekannten Anteils illegaler beziehungsweise nicht ordnungsgemäß registrierter Roma schwierig.
  2. In der amtlichen Datenerhebung wird generell nicht nach der ethnischen Herkunft gefragt werden. Deutsche Zahlen zur ethnischen Herkunft beruhen daher immer auf Schätzungen.Viel Roma verweigern aus sozialen und historischen Gründen ein klares Bekenntnis zur Ethnie.
  3. Roma haben besonders in den Zeiten des deutschen Nationalsozialismus schlechte Erfahrungen mit statistischen Erhebungen zu ihrer Bevölkerungsgruppe gemacht; heutzutage kann ein Bekenntnis zur Ethnie zu sozialer Ausgrenzung führen.

Diese Gründe führen zu ungenauen Ergebnissen bei den Erhebungen der amtlichen Statistik. Sie wirken sich zudem verzerrend auf die Erhebung via Stichprobe aus. Auch in empirischen Erhebungen (Mikrozensus, Allbus, demoskopische Umfragen) können die Bevölkerungsparameter und Meinungsbilder der Roma nur verzerrt erhoben werden. Das gültige empirische Datenmaterial über Roma in Deutschland ist demnach sehr gering.

Die Roma-Population wird für viele europäische Länder geschätzt, indem Wanderungsbewegungen rekonstruiert werden. Die Fehleranfälligkeit solcher Berechnungen ist jedoch hoch. Gerade ältere Schätzungen beschreiben angesichts der jüngeren Flüchtlingsbewegungen die realen Bevölkerungsgrößen nur noch sehr ungenau. Das Fehlen von belastbaren empirischen Studien führt zwangsläufig dazu, dass dasselbe Datenmaterial wiederholt und fortgeschrieben wird.

Veröffentlichungen zu den Roma in Deutschland müssen darüber hinaus vor folgendem Hintergrund interpretiert werden: Tendenziell neigen staatliche Verwaltungen zu niedrigeren Angaben, während Roma-Organisationen die Bevölkerungsparameter höher beziffern, um mehr politisches Gewicht zu erlangen. Die Schätzungen können daher als nur als Annäherung an die wahren Bevölkerungsparameter gewertet werden – da es keine Alternative gibt, dienen sie als Datengrundlage für die Roma-Forschung.


Schätzung der Zahl der Roma in Deutschland

Unicef-Schätzung

70.000 Roma mit deutscher Staatsbürgerschaft

plus etwa

50.000 Flüchtlinge

davon 20.000 Kinder


Roma-Flüchtlinge haben es auch in Deutschland schwer


Besonders die Roma, die als Flüchtlinge kategorisiert werden, haben es schwer im deutschen Exil. Zwei Drittel von ihnen sind nicht rechtmäßig in Deutschland und werden nur geduldet. Das bringt mehrere Probleme mit sich: Sie müssen jederzeit mit ihrer Abschiebung rechnen. Darüber hinaus bleibt ihnen der Zugang zu Integrationsmaßnahmen und zu Sprachkursen verwehrt. Erschwerend wirkt auch die Unterbringung geduldeter Roma in provisorische Siedlungen an den Stadträndern, denn hier leben sie abgekoppelt vom normalen gesellschaftlichen Leben in Deutschland.

Roma haben im Durchschnitt mehr Kinder als die europäische Allgemeinbevölkerung – genaue Daten liegen für Deutschland nicht vor. Geduldete Roma in Deutschland bekommen für ihre Kinder jedoch kein Kindergeld. In einigen Bundesländern (Saarland, Baden-Württemberg, Hessen) gibt es für diese Kinder noch nicht einmal eine Schulpflicht. Andernorts werden Kinder von Roma-Flüchtlingen ohne Prüfung des Einzelfalls auf Sonderschulen verwiesen. Durch das Ausbildungs- und Arbeitsplatzverbot wird auch den heranwachsenden Jugendlichen jegliche Perspektive auf dem deutschen Arbeitsmarkt verbaut. Diese Integrationshemmnisse wirken sich erschwerend auch Bemühungen einer Integration von Roma-Flüchtlingen in Deutschland aus.

Eine Besserung der prekären Lage vieler Roma-Flüchtlinge in Deutschland ist an eine Veränderung ihres Aufenthaltstatus gekoppelt – doch gerade hier versperrt sich Deutschland. Stattdessen hat der Bundesinnenminister am 15. April 2010 ein Rückübernahmeabkommen mit seinem kosovarischen Amtskollegen geschlossen. Ziel ist die Rückführung ausreisepflichtiger Flüchtlinge in den Kosovo. Gerade die damit verbundene Abschiebung zahlreicher Roma in ehemalige jugoslawische Krisengebiete wird von Flüchtlingsorganisationen wie Amnesty International stark kritisiert. Ihren Angaben zufolge erwartet diese Menschen in ihren Heimatregionen Diskriminierung und Verfolgung.

Qualifikationslücken und Vorurteile führen zu Arbeitslosigkeit

Eines der größten Hemmnisse bei der Integration der Roma ist ihre mangelnde Arbeitsmarktbeteiligung. Überdurchschnittlich viele Roma in Deutschland sind nicht ausreichend qualifiziert und werden darüber hinaus aktiv aus dem Arbeitsmarkt ausgegrenzt, wie eine Umfrage des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma unter deutschen Sinti und Roma aus dem Jahr 2006 zeigt: 44 Prozent von ihnen fühlen sich bei der Bewerbung um eine Arbeitsstelle diskriminiert. Da es sich bei den Befragten um deutsche Staatsbürger mit einem Internetanschluss handelt – die also nicht repräsentativ für die gesamte Roma-Population in Deutschland sind – ist es wahrscheinlich, dass die Diskriminierung bei der Roma-Gesamtpopulation als ungleich höher empfunden wird.

Eine bessere Integration der Roma in das deutsche Bildungssystem, besonders ihrer Kinder, könnte zumindest die Qualifikationsnachteile abbauen. Doch auch hier gibt es massive Probleme. Roma-Kinder neigen dazu, die Schule frühzeitig zu verlassen und qualifizieren sich unterdurchschnittlich. Dies hat mehrere Gründe: Bekanntermaßen gleicht das deutsche Bildungssystem zum einen den unterschiedlichen familiären Hintergrund der Kinder nicht erfolgreich aus, zum anderen sehen sich Roma-Kinder an den Schulen oftmals mit negativen Vorurteilen konfrontiert. Darüber hinaus haben die Eltern von Roma-Kindern teilweise Vorurteile gegenüber dem deutschen Bildungssystem und fürchten, dass ihre Kinder die Nähe zur Ursprungskultur verlieren. Somit fehlt vielen Kindern auch der wichtige Rückhalt in der Familie.

Ein im April 2010 veröffentlichter Bericht der Weltbank betont, dass eine bessere Eingliederung der Roma in den Arbeitsmarkt europaweit hunderte Millionen Euro an Produktivitätszuwachs bedeuten könnte. Grundvoraussetzung dafür ist jedoch eine erfolgreiche Integration der Roma in das Bildungssystem. Deutschland muss seine Initiativen diesbezüglich vorantreiben.

Wissen ausbauen – Misstrauen abbauen


Die schwierige Situation der Roma in Deutschland wird von Missverständnissen und Unwissen in der Allgemeinbevölkerung noch verschärft. Eine sensiblerer Umgang mit Roma-Flüchtlingen, eine differenziertere Berichterstattung in den Medien und ein klareres Bekenntnis Deutschlands zu seiner großen Minderheit können die Lebensumstände von Roma in Deutschland sicherlich verbessern. Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang eine verstärkte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Bevölkerungsgruppe. Neue empirische Ergebnisse können verhindern, dass veraltete Feststellungen wiederholt und fortgeschrieben werden, und so zur gesellschaftlichen Aufklärung beitragen.

Auch die Europäische Union ist auf die problematische Lage vieler Roma in Europa aufmerksam geworden. Seit 2005 wird versucht, im Rahmen des „Jahrzehnts der Roma-Integration“ ihre Diskriminierung zu bekämpfen, ihnen den Zugang zu Bildung zu erleichtern und sie damit besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Wirksame Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensumstände der Roma in ganz Europa sind dringend notwendig, um die größte und am schnellsten wachsende Minderheit in Europa erfolgreich an der „europäischen Idee“ zu beteiligen.

 

  Literatur / Links

 

Arbeitsgruppe Roma und Sinti, im Rahmen des Nationalen Thematischen Netzwerks Asyl in der europäischen Gemeinschaftsinitiative EQUAL (2007): Zugang zum Arbeitsmarkt für Roma und für Sinti. Informationen zur beruflichen Integration von Roma und Sinti in Deutschland, http://www.equal.esf.de.

Kröhnert, Steffen/Hoßmann, Iris/Klingholz, Reiner (2008): Die demografische Zukunft von Europa. Wie sich die Regionen verändern. Hgg. vom Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung. München.

Bundeszentrale für politische Bildung: Hintergrund aktuell (26.04.2010). Bonn, http://www.bpb.de.

Europäische Kommission (2008): Eurobarometer Spezial 296: Diskriminierung in der Europäischen Union: Wahrnehmungen, Erfahrungen und Haltungen, Befragung: Februar – März 2008, http://www.ec.europa.eu.

European Commission against Racism and Intolerance (2009): ECRI-Bericht über Deutschland (vierte Prüfungsrunde). Strasbourg. http://www.coe.int.

Koch, Ute (2005): Herstellung und Reproduktion sozialer Grenzen: Roma in einer westdeutschen Großstadt. Wiesbaden.

Lüken-Klaßen, Doris/Meixner, Sonja (2004): Roma in Public Education. RAXEN 5 Report to the European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia (EUMC). Bamberg.

Peucker, Mario/ Bochmann, Annett/ Heidmann, Rachel (2009): Housing Conditions of Sinti and Roma. Germany. RAXEN Thematic Study. Wien.

Rombase, Universität Graz, http://www.romani.uni-graz.at.

UNICEF Serbia (2007): Breaking the Cycle of Exclusion. Roma Children in South East Europe. Belgrad.

UNICEF (2007): Zur Lage von Kindern aus Roma-Familien in Deutschland, Zusammenfassung der Ergebnisse einer Studie des Zentrums für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, http://www.unicef.de.

Weber, Hartwig (2010): Sinti- und Roma-Kinder in Deutschland. In: Der Straßenkinderreport. http://www.strassenkinderreport.de.

World Bank Report (2010): Economic Costs of Roma Exclusion, http://www.siteresources.worldbank.org.

Zentralrat Deutscher Sinti und Roma (2006): Ergebnisse der Repräsentativumfrage des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma über den Rassismus gegen Sinti und Roma in Deutschland. http://www.zentralrat.sintiundroma.de.

Zentralrat Deutscher Sinti und Roma (2008): Parallelbericht zu dem Bericht der Bundesrepublik Deutschland vom 23. Januar 2007 für das United Nations - Committee on Elimination of Racial Discrimination (CERD), http://www.institut-fuer-menschenrechte.de.

 

Stand: Juni 2010

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