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von Gregor Grienig

 

Roma – Einzahl Rom, weiblich Romni – leben über den ganzen europäischen Kontinent verstreut. Die etwa neun Millionen Angehörigen dieser Bevölkerungsgruppe bilden hier die größte Minderheit. Lange Zeit war ihre Herkunft ungeklärt. Mittlerweile weiß man, dass die Roma vor Hunderten von Jahren aus Indien nach Europa eingewandert sind. Gerade durch die EU-Osterweiterung sind nun viele Roma zu EU-Bürgern geworden – dennoch sind ihre Lebensumstände noch nicht mit denen anderer EU-Bürger zu vergleichen.

In vielen Ländern ähneln sich die Probleme der Roma: Weil sie oft nur einen geringen Bildungsstand besitzen und häufig arbeitslos sind, leben sie in prekären Verhältnissen und genießen nur ein niedriges soziales Ansehen. Ihre Lebensumstände sind vor allem in den ehemaligen Ostblockländern schwierig, wo der Lebensstandard der Roma auf einem im Vergleich zu den übrigen Staaten noch niedrigeren Niveau liegt.

Die Probleme der Roma gehen auf eine seit Jahrhunderten verfestigte gesellschaftliche Ausgrenzung zurück, die sich auf ihre ethnische Zugehörigkeit und ihre soziale Situation zurückführen lässt. Verfolgung, Vertreibung und Diskriminierung bestimmen seit Jahrhunderten die Lebensumstände der Roma. Auch heutzutage gibt es in der Allgemeinbevölkerung massive Vorurteile gegenüber dieser Volksgruppe. So lässt sich der Erfolg der ungarischen Jobbik-Partei bei den Parlamentswahlen 2010 auch mit der breiten „Hasskampagne“ der Rechtsextremisten gegen die Roma im Land erklären.

Mehrere europäische Initiativen versuchen mittlerweile, die Lebenssituation und die allgemeine Wahrnehmung der Roma in Europa zu verbessern. So wurde 2005 in Bulgarien das „Jahrzehnt der Roma-Integration“ verkündet. Ziel der in diesem Zusammenhang ergriffenen Maßnahmen ist es, die Roma besser in die Gesellschaft zu integrieren. So sollen die Bildung der Roma und ihre Arbeitsmarktbeteiligung gefördert werden. Von einer erfolgreichen Anpassung der Lebensverhältnisse an die Mehrheitsbevölkerungen kann bis dato jedoch noch keine Rede sein. Ein wichtiger erster Schritt auf dem Weg zur gesellschaftlichen Integration ist sicherlich ein besseres Verständnis für ihre Lebenssituation.

 

Wenig Daten

 

Belastbare Daten über die Roma-Populationen in den einzelnen europäischen Ländern sind schwer zu erheben: Die Roma-Staatsbürger lassen sich mit den Mitteln der amtlichen Statistik nur schwer von der Allgemeinbevölkerung unterscheiden; auch die Zahl der Flüchtlinge im Land lässt sich offiziell kaum erfassen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich viele Roma statistischen Erhebungen ihrer Ethnie verschließen. Dieser Argwohn gründet in den Verfolgungen während des Holocaust und den bis heute anhaltenden Vorurteilen und Anfeindungen gegenüber ihrer Volksgruppe. So ist die europäische Romaforschung mangels Alternative auf wenig belastbare Schätzwerte angewiesen. Die Karte zeigt die angenommene Verteilung der Bevölkerungsgruppe über ganz Europa.

Roma – eine große Volksgruppe in der EU

Die Roma in Europa sind statistisch nur schwer zu erfassen. Schätzungen zufolge beläuft sich ihre Zahl auf neun Millionen. Ein kaum zu bestimmender Anteil ist auf der Wanderung durch Europa. Besonders viele Roma leben in Südosteuropa. Hier können ihre Lebensumstände vielfach als äußerst prekär bezeichnet werden.

Die Roma leben über ganz Europa verteilt, die meisten jedoch in Südosteuropa. Allein die drei Länder Rumänien, Bulgarien und Serbien beherbergen wohl über drei Millionen Roma. Die Bevölkerungsstruktur der Roma unterscheidet sich grundlegend von denen der Allgemeinbevölkerung in diesen Gebieten: Roma in Südosteuropa heiraten sehr jung. Außerdem liegt die Anzahl ihrer Kinder weit über der durchschnittlichen Kinderzahl der Allgemeinbevölkerung. Darüber hinaus weist die Altersstruktur einen hohen Anteil junger Menschen aus und ähnelt insofern eher der von typischen Entwicklungsländern.

Fast überall in Europa leben die Roma am unteren Ende der sozialen Rangordnung. In den Gebieten Südosteuropas ist ein Leben am Rande der Gesellschaft jedoch besonders hart. In Bosnien-Herzegowina wird ihre Arbeitslosenrate auf über 90 Prozent geschätzt, eine Vielzahl der Roma wohnt in provisorischen Siedlungen auf Müllkippen und Industriebrachen, und die Hälfte der Roma-Kinder auf dem Balkan gilt als unzureichend ernährt.

Ein Hauptproblem der Roma ist die niedrige Bildung in der Bevölkerung. Die niedrige Qualifikation versperrt ihnen den Zugang zu angemessen bezahlter Erwerbsarbeit, und viele von ihnen müssen ihren Lebensunterhalt unter kläglichen Bedingungen bestreiten. Dass sie von der Allgemeinbevölkerung diskriminiert und stigmatisiert werden, verschärft ihre Probleme noch.

Die schlechten Lebensumstände wirken für viele Roma im südosteuropäischen Raum als Antrieb dafür, ihre Heimatregionen zu verlassen. Die Wirtschaftskrise und die steigende Zahl an gewaltsamen Übergriffen auf Roma in vielen Regionen haben diesen Trend verstärkt. Mit der Wanderung von Ost- nach West- und Mitteleuropa verbinden viele Roma die Hoffnung darauf, den Teufelskreis der Armut und Ausgrenzung zu durchbrechen. Die ernüchternde Realität sieht jedoch anders aus: Viele Roma finden auch im Westen Europas keine Arbeit und sind teilweise mit ähnlichen Problemen konfrontiert wie in der Heimat. Bei den Migranten aus Osteuropa lässt sich ein Dominoeffekt von Problemen erkennen: Scheitern sie bei der erfolgreichen Anmeldung eines Wohnsitzes im Zielland, werden ihnen vielfach auch die Bürgerrechte und sogar einfache Versorgungsleistungen verwehrt. Besonders hart treffen diese Umstände Frauen, Kinder und Ältere.

Die mangelnde Eingliederung einer großen Anzahl von Roma in die produktiven gesellschaftlichen Teilbereiche kommt Europa teuer zu stehen: Nach Schätzungen der Weltbank könnte von Europas Roma-Bevölkerung eine Produktionsleistung von mehreren hundert Millionen Euro ausgehen. Bis dato lebt jedoch ein großer Teil der Roma in Armut und ist auf Transferleitungen angewiesen.

Das gilt jedoch nicht für alle Roma. Die gesellschaftlich integrierten Nachfahren von Roma, die bereits seit Jahrhunderten in den Ländern West- und Mitteleuropas ansässig sind, werden von der Öffentlichkeit kaum dieser Volksgruppe zugeordnet. Diese Staatsbürger mit Roma-Abstammung haben teilweise einen erfolgreichen gesellschaftlichen Aufstieg gemeistert.


Literatur / Links


Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA)(2009): Die Situation von Roma EU-Bürgern, die in anderen Mitgliedstaaten leben, http://www.fra.europa.eu.

Amnesty International (2007): Amnesty Journal November 2007 - Die Diskriminierung von Roma in Südosteuropa. http://www.amnesty.de.

Baumgartner, Gerhard/Freund, Florian (2007): Roma Politik in Österreich. Kulturverein Österreichischer Roma. Wien.

EU-MIDIS (2009): Erhebung der Europäischen Union zu Minderheiten und Diskriminierung. Erster Bericht der Reihe „Daten kurz gefasst“: Die Roma.

Hund, Wulf D. (1996): Das Zigeuner-Gen. Rassistische Ethik und Geist des Kapitalismus. In: Zigeuner. Geschichte und Struktur einer rassistischen Konstruktion. Duisburg.

Kröhnert, Steffen/Hossmann, Iris/Klingholz, Reiner (2008): Die demografische Zukunft von Europa. Wie sich die Regionen verändern. Hgg. vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. München.

UNICEF Serbia (2007): Breaking the Cycle of Exclusion. Roma Children in South East Europe. Belgrad.

United Nations Development Programme (2003): Avoiding the Dependency Trap: The Roma in Central and Eastern Europe, http://www.roma.undp.sk.

World Bank Report (2010): Economic Costs of Roma Exclusion, http://www.siteresources.worldbank.org.

 

 

Stand: Juni 2010

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Die demografische Zukunft von Europa
(2008)
untersucht Migrationsströme in und aus einzelnen Ländern

Ungenutzte Potenziale (2009)
Zur Lage der Integration in Deutschland




im Online-Handbuch Demografie

  • Roma in Deutschland
    [...] 
    Die allgemeine Wahrnehmung der Roma ist auch in Deutschland noch von alten Vorurteilen bestimmt[...]