
Von Steffen Kröhnert
Die Bevölkerungsentwicklung in der Türkei als einem möglichen künftigen Mitgliedsland der Europäischen Union könnte für Deutschland von besonderem Interesse sein. Immerhin leben in Deutschland rund 1,7 Millionen Türken. Damit war Deutschland in der Vergangenheit das wichtigste Zielland türkischer Emigration. Unter den Ländern, die derzeit eine Mitgliedschaft in der EU anstreben, ist die Türkei das einzige Land, das über eine zahlenmäßig bedeutende junge und wachsende Bevölkerung verfügt. Im Jahr 1927, vier Jahre nach der Ausrufung der türkischen Republik durch Mustafa Kemal Atatürk, besaß die Türkei lediglich knapp 14 Millionen Einwohner. Die Türkei war ein unterentwickeltes Land mit einer hohen Geburten- und Sterberate. In den folgenden Jahrzehnten zeigte die autoritäre Modernisierung des türkischen Staates Wirkung: Es kam zur klassischen Bevölkerungsexplosion, wie sie für viele Entwicklungsländer typisch ist. Die jährliche natürliche Wachstumsrate der türkischen Bevölkerung lag bis zum Jahr 1990 fast ständig über zwei Prozent, erst in den 1990er Jahren verlangsamte sich das Wachstum. Jedoch liegt die Türkei der Weltbank zufolge mit einer jährlichen Wachstumsrate von gegenwärtig 1,25 Prozent (2006) deutlich über dem europäischen Durchschnitt.
Im Jahr 2007 hatte die Türkei knapp 71 Millionen Einwohner. Damit hatte sich ihre Zahl seit der Gründung der Republik mehr als verfünffacht. Zusätzlich leben rund 3,5 Millionen türkische Staatsbürger im Ausland, davon 3 Millionen in Europa und 1,7 Millionen in Deutschland.
Bevölkerungsentwicklung in der Türkei 1927 bis 2006
Jahr | Bevölkerungszahl | Jährliche Wachstumsrate (in Prozent) |
1927 | 13.648.000 | --- |
1930 | 14.448.000 | 2,11 |
1940 | 17.821.000 | 1,96 |
1950 | 20.947.000 | 2,17 |
1960 | 27.755.000 | 2,85 |
1970 | 35.605.000 | 2,5 |
1980 | 44.737.000 | 2,07 |
1990 | 56.473.000 | 2,35 |
2002 | 65.293.000 | 1,32 |
2007 | 70,586,256 |
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Quelle: Höhfeld (1995): 201, für das Jahr 2002: Spiegel Jahrbuch 2003, für das Jahr 2007: Turkstat
Wie für sich entwickelnde Länder typisch, ist die rohe Sterberate in der Türkei kontinuierlich gefallen. Lag sie in den Jahren 1960 bis 1965 noch bei 16,4 Promille, sank die Sterberate zwischen 2000 und 2005/bis zum Jahr 2006 auf 5,8 Promille (UN PopDataBase). Die Lebenserwartung der türkischen Bevölkerung betrug 2006 69,1 Jahre für Männer und 74,0 Jahre für Frauen, sie hat sich damit allein in den letzten zehn Jahren um vier Jahre erhöht (Turkstat).
Die Fertilität türkischer Frauen war bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein enorm hoch: Noch 1960 wurden durchschnittlich 6,2 Kinder je Frau geboren. Die Gesamtfertilitätsrate sank jedoch deutlich, sie betrug 1978 noch 4,3 und 2006 nur noch 2,18 Kinder je Frau. Auch dieser Wert ist noch deutlich höher als in allen europäischen Ländern.
Deutliche Fortschritte erzielte die Türkei bei der Kindersterblichkeit, einem wichtigen Indikator der sozioökonomischen Entwicklung: Starben 1965 noch 166 von 1.000 Säuglingen, waren es 2006 nur noch etwa 22,6. Dennoch liegt die Säuglingsterblichkeit über dem westeuropäischen Niveau, das zwischen 10 und 15 Promille beträgt.
Die hohe Fertilität und gesunkene Sterblichkeit der Türken in den vergangenen Jahrzehnten prägt die Altersstruktur der Bevölkerung: 2004 waren 29 Prozent aller Türken jünger als 15 Jahre, die Altersstruktur der türkischen Bevölkerung zeigt bis heute eine klassische Pyramidenform.
Die Altersstruktur der türkischen Bevölkerung

In der Türkei gibt es, entsprechend der ungleichmäßigen wirtschaftlichen und sozioökonomischen Entwicklung des Landes, erhebliche regionale Disparitäten der Bevölkerungsentwicklung. In den unterentwickelten Regionen im Osten (Mittel- und Ostanatolien, Schwarzmeergebiet) werden noch immer etwa doppelt so viele Kinder je Frau geboren wie in entwickelten westlichen Regionen, etwa dem Großraum Istanbul. 1993 wurde für den Westteil der Türkei eine Gesamtfertilitätsrate von 2,0, für den Ostteil dagegen von 4,4 ermittelt. Die höchsten Geburtenraten wiesen im Jahr 2000 die südöstlichen Provinzen Sirnak (7,1), Hakkari (6,7) und Siirt (6,1) auf. Dies erzeugt soziale Sprengkraft, denn gerade die agrarischen, wirtschaftlich unterentwickelten Provinzen im Osten der Türkei verzeichnen das größte Bevölkerungswachstum und den größten Anteil einer jungen Bevölkerung.
Heiratsverhalten
Die Heirat und die Institution der Familie hat in der Türkei nach wie vor eine hohe Bedeutung. Es herrschen noch weitgehend traditionelle Familienbildungsprozesse vor. In den ländlichen Regionen dient eine frühe Heirat vorrangig der Sicherung der Besitzverhältnisse, verringert aber auch die Gefahr des „Ehrverlustes“ der Frau. „Ehre“ (namus) ist in der Türkei ein zentraler Wert, der das Verhältnis der Geschlechter nachhaltig bestimmt. Das durchschnittliche Heiratsalter lag 2006 bei 27,7 Jahren für Männer und 23,8 Jahren für Frauen (Turkstat). Das Heiratsalter verlagert sich dabei auch in der Türkei allmählich nach hinten: Noch 1975 heirateten Frauen im Schnitt mit 20,4 Jahren. Auch hierbei existiert eine Diskrepanz zwischen den Metropolen und den ländlichen Provinzen. In den unterentwickelten Regionen der Osttürkei werden zahlreiche Ehen auch schon vor der gesetzlichen Altersgrenze von 15 Jahren für Mädchen und 17 Jahren für Jungen geschlossen. Dies ist nur möglich, indem Eheschließungen nicht standesamtlich, sondern lediglich religiös, durch einen Imam, erfolgen. Da dadurch eine Vielzahl solcher frühen Ehen nicht statistisch erfasst wird, liegt das offizielle Eheschließungsalter in den östlichen Provinzen höher als in der Realität. Aufgrund der hohen sozialen Bedeutung der Institution Ehe spielen Ehescheidungen bisher nur eine sehr geringe Rolle: Selbst die Zehn-Millionen-Metropole Istanbul verzeichnete im Jahr 1994 lediglich ca. 6.000 Scheidungen (in Berlin gab es im gleichen Jahr ca. 8.000 Scheidungen, bei nur einem Drittel der Einwohnerzahl), in den südöstlichen Provinzen kommen offizielle Scheidungen dagegen fast nicht vor. Für das Jahr 2006 gab das türkische Statistikamt Turkstat für Istanbul allerdings bereits 20.679 Scheidungen an – ein enormer Anstieg.
Räumliche Bevölkerungsbewegung und Urbanisierung
Das dynamische Bevölkerungswachstum in den Ostprovinzen der Türkei blieb nicht ohne Konsequenzen: Die unterentwickelten, agrarisch-subsistenzwirtschaftlich organisierten Regionen konnten der explodierenden Zahl junger Menschen keine Perspektive bieten. Der durch das Prinzip der Realteilung ständig sinkende Anteil landwirtschaftlicher Nutzfläche pro Kopf entzog vielen Menschen die Lebensgrundlage. Zwischen 1950 und 1980 ist der Anteil landloser oder landarmer Bauern in der Türkei von 14 Prozent auf 32,5 Prozent gestiegen (Höhfeld 1995). In den Städten dagegen sorgte eine Liberalisierung der bis in die 1950er Jahre protektionistischen Wirtschaftspolitik für Investitionen im privaten Wirtschaftssektor und für ein rasches Aufblühen der Städte. Mit dem Anschluss der ländlichen Regionen an das Fernverkehrsnetz in den 1960er Jahren setzte eine Massenbewegung vom Land in die Städte ein. Das starke Entwicklungsgefälle von den industrialisierten zu den ländlichen Regionen war Motor der Urbanisierung. Bis heute konzentriert sich das durch die Binnenwanderungen ausgelöste Städtewachstum auf wenige Metropolen. Die fünf größten türkischen Städte, Istanbul, Ankara, Izmir, Konya und Bursa, beherbergen fast ein Drittel der türkischen Stadtbevölkerung.
Das wirtschaftliche Zentrum der Türkei, Istanbul, das 1961 noch 1,3 Millionen Einwohner hatte, ist bis zum Jahr 2000 zu einer Megastadt mit mehr als zehn Millionen Einwohnern aufgestiegen. Jährlich kommen etwa 400.000 Migranten aus verschiedenen Regionen der Türkei hinzu. In den 1990er Jahren lösten die kriegsähnlichen Zustände – hervorgerufen durch Kämpfe zwischen der türkischen Armee und Einheiten der Kurdischen Arbeiterpartei PKK - in den ländlichen Südostprovinzen zudem eine massive intraregionale Fluchtbewegung in die städtischen Zentren Südostanatoliens wie Adiyaman, Diarbakir und Gaziantep aus. Seit 1980 nimmt der Anteil der ländlichen Bevölkerung in der Türkei nicht mehr zu, das gesamte Bevölkerungswachstum muss von den Städten aufgenommen werden. Mittlerweile weist die Türkei mit einem Durchschnittswert von 70,5 Prozent einen hohen Urbanisierungsgrad auf, bei allerdings erheblicher Diskrepanz zwischen einzelnen Provinzen: Er variiert zwischen über 80 Prozent in der Marmara-Region (bei Istanbul) und nur ca. 30 Prozent im Schwarzmeergebiet.
Das Städtewachstum eilt, anders als zur Zeit der Industrialisierung Westeuropas, der industriellen Entwicklung weit voraus. Während in der Zeit von 1950 bis 1997 die Zahl der Beschäftigten im Industriesektor nur um 4 Millionen zunahm, stieg die Zahl der Stadtbewohner im gleichen Zeitraum um 35 Millionen. Die städtischen Arbeitsmärkte sind nicht in der Lage, den Strom der Zuwanderer aufzunehmen. Dies führt zu einer hohen verdeckten Arbeitslosigkeit und zu großen illegal errichteten Siedlungen am Rande der Städte (sog. Gecekondus – wörtlich „über Nacht gebaut“). In Istanbul leben schätzungsweise 60 Prozent der Bevölkerung in solchen Siedlungen.
Entwicklung der städtischen und ländlichen Bevölkerung in der Türkei 1927 bis 1995

Ausblick
Die türkische Bevölkerung wird – auf Grund ihrer Altersstruktur – noch bis Mitte des 21. Jahrhunderts wachsen. Das Staatliche Institut für Statistik der Türkei (DIE) prognostiziert für das Jahr 2050 eine Einwohnerzahl von 95 Millionen, die mittlere Variante der UN sogar 98,9 Millionen. In einzelnen, wenig entwickelten Regionen der Türkei sind heute bis zu 50 Prozent der Bevölkerung jünger als 15 Jahre. In den folgenden Jahrzehnten wird eine enorme Zahl junger Menschen auf den Arbeitsmarkt drängen und eine berufliche Perspektive einfordern. Dabei haben diese Menschen in ihrer Mehrzahl keine Bildung genossen, die sie für Tätigkeiten in einer entwickelten Industriegesellschaft qualifiziert. Trotz erheblicher Fortschritte bei der Alphabetisierung liegt noch heute lag die Quote der nicht Schreib- und Lesekundigen laut UNFPA im Jahr 2005 bei den Frauen bei etwa 21 Prozent (Männer fünf Prozent). Der Anteil derjenigen Kinder im Sekundarschulalter, die eine weitergehende schulische Ausbildung genießen (also eine Schulbildung, die über die 8-jährige Grundschulpflicht hinaus geht) lag 2001 bei lediglich 43 Prozent.
Es ist nicht absehbar, ob die türkische Politik und Wirtschaftsentwicklung dieses Problem lösen kann. Die unqualifizierten Migranten werden in großer Zahl in den türkischen Ballungszentren, aber auch in anderen europäischen Ländern eine wirtschaftliche Perspektive suchen. Für Deutschland, das den größten Teil der im Ausland lebenden Türken beherbergt, könnte dies eine besondere Herausforderung darstellen. Im Rahmen der EU-Beitrittsverhandlungen gilt es daher, weitsichtig wirtschafts- und bildungspolitische Initiativen für die Türkei auf den Weg zu bringen.
Literatur / Links
Akkaya, Cigdem/ Özbek, Yasemin/ Sen, Faruk (1998): Länderbericht Türkei. Darmstadt.
Bundeszentrale für Politische Bildung (2002): Türkei. Informationen zur politischen Bildung (277). Bonn.
Höhfeld, Volker (1995): Türkei. Schwellenland der Gegensätze. Gotha.
Institut for Population Studies, Hacettepe Universität Ankara: http://www.hips.hacettepe.edu.tr
Spiegel-Buchverlag (2002): Jahrbuch 2003. Zahlen, Daten, Analysen. Hamburg.
Staatliches Institut für Statistik der Türkei: www.die.gov.tr
Statistisches Bundesamt (2005): Länderprofil Türkei: http://www.destatis.de
Turkish Statistical Institute: http://www.turkstat.gov.tr
Zentrum für Türkeistudien, Universität Duisburg/Essen: www.zft-online.de
Stand: August 2008