
Von Lilli Sippel / Reiner Klingholz
Der Begriff Aussiedler stammt aus dem Bundesvertriebenengesetz von 1953 und bezieht sich auf in Osteuropa lebende deutsche oder deutschstämmige Minderheiten. Seit 1993 wird im amtlichen Deutsch die Bezeichnung "Spätaussiedler" verwendet. Spätaussiedler sind Deutsche im Sinne des Grundgesetzes (Artikel 116), unabhängig davon, ob sie die deutsche Staats-angehörigkeit besitzen oder nicht. Sie können mit nicht-deutschstämmigen Familienangehörigen nach Deutschland zurückkehren und für diese die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen.
Bereits Willy Brandt hatte im Rahmen seiner "Neuen Ostpolitik", Verträge mit mittel- und ost-europäischen Ländern abgeschlossen, um die Ausreisefreiheit benachteiligter deutscher Minderheiten zu verbessern. Bis 1987 kamen 1,4 Millionen Aussiedler nach Westdeutschland, die meisten von ihnen aus Polen. 1988 stieg die Zahl der zugewanderten Aussiedler sprunghaft auf über 200.000 Menschen an – rund 123.000 mehr als im Vorjahr.
Die meisten aber kamen 1990, nach dem Ende des Kalten Krieges: knapp 400.000 in einem Jahr. Insgesamt wanderten zwischen 1991 und 2006 1,9 Millionen Menschen als Spätaussiedler nach Deutschland ein, vornehmlich aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Dabei hat sich der Anteil der nicht-deutschstämmigen Familienangehörigen im gleichen Zeitraum verdoppelt.
Immer weniger Spätaussiedler kommen

Spätaussiedler haben einen Rechtsanspruch auf Einbürgerung und sie bekommen umfangreiche finanzielle Hilfen, privaten Wohnraum, Sprachkurse, Umschulungskurse, berufliche Eingliederungshilfen und andere Leistungen. Damit sind sie als einzige Migrantengruppe von Anfang an den Einheimischen rechtlich gleichgestellt. Sprachbarrieren und kulturelle Schwierigkeiten erschweren dennoch ihre Integration. Weil häufig die Berufsabschlüsse aus dem Heimatland in Deutschland nicht anerkannt werden, erleben viele Familien einen sozialen Abstieg.
Die neue Arbeitsmigration: Offene Grenzen zwischen den europäischen Nachbarländern
Nach dem Freizügigkeitsgesetz der EU dürfen sich Unionsbürger in den Mitgliedsstaaten frei bewegen und genießen dort ein dreimonatiges Aufenthaltsrecht, ohne weitere Voraussetzungen erfüllen zu müssen. Zunächst galten diese Rechte nur für Arbeitnehmer und ihre Familien. Seit Anfang der 1990er Jahre wurden sie auch auf die Gruppe der Nichterwerbstätigen wie Studenten und Rentner ausgedehnt. Dennoch spielt die Zuwanderung aus den EU-Mitgliedsstaaten zahlenmä-ßig eine eher geringe Rolle, denn die jährliche Zahl der Zuzüge ist ähnlich hoch wie die der Fortzüge – das heißt viele Unionsbürger lassen sich nur vorübergehend in Deutschland nieder.
Ausgeglichene Bilanz

Ebenfalls meist aus Europa, wenn auch nicht immer aus der EU, stammen Tausende gering qualifizierte Vertrags- und Saisonarbeiter. Nach dem Fall der Mauer schloss Deutschland mit den damaligen ost- und mitteleuropäischen Nicht-EU-Mitgliedsstaaten, darunter Polen und Tschechien, bilaterale Verträge, so dass seither ausländische Arbeitnehmer für einen befristeten Zeitraum am deutschen Standort in einer Firma ihres Herkunftslandes arbeiten dürfen. Zudem können Saisonarbeiter bis zu acht Monate im Jahr, beispielsweise als Erntehelfer oder in der Gastronomie, in Deutschland arbeiten. Da sich beide Gruppen aber nur vorübergehend in Deutschland aufhalten, sind sie keine "echten" Migranten. Im Mittel der Jahre 1994 bis 2003 waren aber immerhin 276.000 Saison- und Werkvertragsarbeiter in Deutschland tätig.
Literatur / Links
Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration (2005): Migrationsgeschehen 2004, www.bundesregierung.de.
Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2009): Ungenutzte Potenziale. Zur Lage der Integration in Deutschland. Berlin, www.berlin-institut.org.
Statistisches Bundesamt (2007): Bevölkerung und Erwerbstätigkeit. Wanderungen 2006. Wiesbaden.
Stand: April 2009
Das Discussion Paper "Das Trilemma des Wachstums" ist nun auch auf Englisch erschienen.
Kommentar von Reiner Klingholz in der FAZ
Ungenutzte Potenziale
Zur Lage der Integration in Deutschland

Suat Bakir, Geschäftsführer der Türkisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer
"Wenn wir in Deutschland keine Ghettos wollen, dann müssen wir auch etwas dafür tun"
Howard Duncan, Metropolis, Ottawa, Canada
"Die Regierung muss der deutschen Öffentlichkeit verständlich machen, dass Zuwanderung in ihrem Interesse liegt"
Jakob von Weizsäcker, Bruegel
"Europa muss attraktivere Regelungen anbieten"
Dr. Daniel Müller-Jentsch, Avenir Suisse
"Es gibt viele Gewinner und wenige Verlierer der Neuen Zuwanderung"
Prof. Dr. Michael Hüther, Institut der deutschen Wirtschaft, Köln
"Aus der Zuwanderungs-
verhinderungsregel müssen wir eine Zuwanderungs-
begrüßungsregel machen"


Interview mit Reiner Klingholz auf tagesschau.de
"Neues Deutschland" im Manager Magazin
Klaus J. Bade, Pieter C. Emmer, Leo Lucassen, Jochen Oltmer (Hg.):
Enzyklopädie Migration in Europa - Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart