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Von Rainer Mackensen


1. Gegenstand


Bevölkerung bezeichnet die ständigen Bewohner eines Gebietes. Veränderungen einer Bevölkerung werden innerhalb definierter Perioden gemessen; die demografisch relevanten Ereignisse - Geburten, Sterbefälle, Aus- und Einwanderungen - zwischen zwei Zeitpunkten werden auf die Bevölkerungsbestände bezogen. Aus Fortschreibungen wie aus den Zählungen lassen sich Folgerungen für Sozial-, Gesundheits-, Siedlungs- oder Wohnungspolitik ableiten.

Bevölkerungsbestände und auf sie bezogene Ereignisdaten lassen sich als Geburten- und Sterberaten, Zuwachsraten etc. zusammenfassen. Die Lebensläufe von Personen, die viel gemeinsam haben: Geburts- oder Heiratszeitpunkt und die Erfahrung historischer Ereignisse und Kunststile, Zeitgeist, Moden im gleichen Alter, werden zu Kohorten zusammengefasst; sie bilden "Generationenprofile". Bevölkerungsgeschichte ist ein Teil der Bevölkerungsforschung. Die Lebensgeschichte "gegenwärtig lebender" Personen lässt sich nur in vergleichsweise wenigen Fällen erheben (Stichprobenerhebung). Die Bevölkerungsforschung ist auf Melderegister oder Kirchenbücher angewiesen. Diese erlauben auch "Familienrekonstitutionen".

Von der Bevölkerungsgeschichte zu unterscheiden ist die Geschichte der Bevölkerungswissenschaft. Der Rückblick zeigt: Weder wurden Bevölkerungen jederzeit gleichartig verstanden, noch sind Ergebnisse heute gleichartig zu bewerten: Datengrundlagen, Analysemethoden und Begriffe haben sich im Laufe der Zeit verändert, so dass man frühere Auffassungen nur mit Vorsicht beurteilen kann.

Im frühen 20. Jahrhundert, von dem Bestreben geprägt, die Gesellschaft nach "wissenschaftlichen Kriterien" neu zu gestalten, gewannen Gedanken aus Biologie und Medizin die Oberhand: Man wollte auch "die Bevölkerung verbessern"; und zwar nach Erb- und Zuchtkriterien, vielfach auch auf der Basis rassistischer Vorstellungen. Vor allem wollte man ("positive Eugenik") die Nachkommenschaft der so genannten "Erbgesunden" fördern. Da begann man zwischen "höherwertigen" und "minderwertigen" Erbgutträgern zu unterscheiden. Nicht nur in Deutschland wollte eine "negative Eugenik" minderwertigere Nachkommenschaft durch Sterilisationen verhindern, aber gerade in Deutschland auch durch "Euthanasie" beseitigen. In der Praxis führte die "negative" Bevölkerungspolitik zur Sterilisation bestimmter Personengruppen (z.B. Geisteskranke, Sinti und Roma, soziale Randgruppen), im nationalsozialistischen Deutschland diente sie auch zu Legitimation der Ermordung von Angehörigen dieser Gruppen sowie der europäischen Juden.

Wissenschaftsgeschichte untersucht, wie Begriffe entstehen und sich verändern, weitergegeben und missverstanden oder missbraucht werden. Wenn ein neues Wissenschaftsgebiet entsteht, interessieren sich verschiedene Fachgebiete dafür; sie denken in den Traditionen ihrer Disziplinen. Von Bevölkerungen sprachen zunächst politische Philosophen, dann Theologen und Astronomen, ehe sich Staatslehrer, Geographen, Soziologen und Ökonomen für diesen Gegenstand interessierten. Dadurch entstanden Teildisziplinen: Bevölkerungsstatistik, Bevölkerungslehre, Bevölkerungssoziologie, Bevölkerungsgeographie und Bevölkerungsökonomie. Die neuen Forschungsgebiete blieben anfangs Hilfswissenschaften ihrer Mutterdisziplinen, ehe sie sich verselbständigten. Für die Bevölkerungsforschung sorgten ab Mitte des 19. Jahrhunderts in erster Linie die statistischen Ämter, denen "staatswissenschaftliche" Seminare an Hochschulen folgten. Damit begann die Institutionalisierung des Faches.

Seit etwa 1900 begannen sich Biologen und Mediziner für Bevölkerungsprozesse zu interessieren, hinsichtlich der biologischen Merkmale; bald kamen soziale, dann so genannte "rassische", endlich politische Merkmale hinzu. Die Bevölkerungsforschung wurde überall von der Eugenik beeinflusst, in Deutschland von "Rassenhygienikern" bevölkerungspolitisch eingesetzt, mit den bekannten Konsequenzen.

Je mehr Wissenschaftler sich für ein neues Fachgebiet interessieren, desto vielfältiger werden dessen Verständnis und der Gebrauch ihrer Begriffe. Man schließt sich in Fachverbänden zusammen und gründet Zeitschriften und Forschungsstätten. Dieser Prozess der Professionalisierung ist noch nicht abgeschlossen: Der erste Lehrstuhl für "Demographie" (die internationale Bezeichnung) auf deutschem Boden wurde 1972 in der DDR (Hochschule für Ökonomie, Berlin, seit 1978 an der Humboldt-Universität, Berlin) eingerichtet, 1973 wurde das Bundesinstititut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden gegründet und 1983 wurden Lehrstühle für "Bevölkerungswissenschaft" (der deutsche Ausdruck) in Bamberg und Bielefeld, 1998 in Rostock für Demografie geschaffen und 1996 ein Max Planck-Institut für demographische Forschung in Rostock.

Diese Institutionalisierung war für Deutschland verzögert worden, weil das Fachgebiet durch die Nähe einiger seiner Vertreter zum NS-Regime diskreditiert war. Inzwischen hat es sich international längst etabliert. Dabei interessierte man sich vorwiegend für Zu- oder Abnahmen von Bevölkerungen und Geburtenhäufigkeiten. Migrationsprozesse stehen weniger im Zentrum der Bevölkerungswissenschaft.

Außerdem sind viele Stiftungen im Bereich Demografie aktiv, indem sie entweder wie das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung selber forschen oder wie die Robert-Bosch-, die Bertelsmann-, die Vodafone-, die Münchner-Rück-, die Hertie-, die Körber- oder die Software-AG-Stiftung Forschungsprojekte unterstützen.

 

2. Thematik

 

Bevölkerungsforschung interessiert sich für quantitative demografische Veränderungen; die Menge der Geburten, der Sterbe- und Wanderungsfälle. Die Biologie von Geburten und der Sterblichkeit ist "sozial überformt". Deshalb gibt es in der Bevölkerungsforschung biologische und sozialwissenschaftliche Zugänge. Wanderungen sind ökonomisch, soziologisch und politisch erklärbar.

Zunächst fand man in der Sterblichkeit Muster. Astronomen entwickelten daraus "Sterbetafeln". Für biologische Prozesse wurden in der Vererbungs- und Züchtungsforschung und für Versicherungen mathematische Modelle der stationären oder stabilen Bevölkerung entwickelt, die sich um 1930 auch in der Bevölkerungsforschung durchsetzten. Dafür sprach das politische Interesse an Vorausrechnungen, die mit großer Zuverlässigkeit möglich sind. Das hatten zuerst Stadtplaner erkannt, die für den künftigen Wohnungsbedarf vorsorgen mussten. Erbbiologische, auch politische und mathematische Sichtweisen haben deshalb zeitweise die sozialwissenschaftlichen Perspektiven überdeckt.

"Ereignisse" verändern die "Bevölkerungsbestände", beruhen auf dem Handeln von Personen und sind in soziale Institutionen eingebunden, physischen, biologischen, regionalen und ökonomischen Bedingungen unterworfen. Deshalb werden Motivationen von den Mitteln unterschieden, mit denen sie realisiert werden. Mackenroth sprach vom "physischen Können", "sozialen Dürfen" und "persönlichen Wollen, aus dem das "generative Verhalten" folgt; es schlägt sich massenstatistisch in "generativen Strukturen" nieder, die das Muster historisch bedingter "Bevölkerungsweisen" prägen.

Dieses Denken steht in der Tradition der "jüngeren historischen Schule" der Nationalökonomie. Sie wollte die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen des individuellen Handelns berücksichtigen. Es ist ohne französische Revolution, deutschen Idealismus und Dilthey oder den Neukantianismus nicht vorstellbar - und hat nirgends so starke Spuren hinterlassen wie in Deutschland.

Die Tradition angloamerikanischen Denkens unterscheidet sich hiervon; stattdessen ist der Einfluss der Biologie stärker. Deshalb konnten dort die deutschen Vorstellungen einer fachübergreifenden "Bevölkerungswissenschaft" weniger Fuß fassen als die biologisch-mathematischen Begriffe der "Demografie".

Wissenschaftliche Bevölkerungspolitik ist ein Bestandteil der Bevölkerungsforschung, indem sie fragt, wie sich demografische Prozesse auf die soziale Lage auswirken. Wirtschaftliche und soziale Rahmenbedingungen sind politisch definiert. Nach der NS-Herrschaft ist die deutsche Bevölkerungsforschung zurückhaltend geworden, kann aber nicht umhin, beobachtete Zustände zu bewerten. Es kommt darauf an, unter welchen Maßstäben. Politisch entscheiden über bevölkerungspolitische Maßnahmen die konstitutionellen Instanzen; darauf haben die Urteile der Bevölkerungsforschung Einfluss.

Die wirtschaftlichen Grundlagen des generativen Handelns sind eher zu beeinflussen als gesellschaftliche Bedingungen oder individuelle Motivationen; deshalb wird den politisch möglichen Maßnahmen nur geringe Wirkung auf den Bevölkerungsprozess zugestanden. In Deutschland wird explizite Bevölkerungspolitik bis heute offiziell abgelehnt. Niemand leugnet, dass die Veränderungen der Altersstrukturen, der Haushaltsgrößen, der Arbeitsmärkte zu großen gesamtwirtschaftlichen Belastungen, zu Erosionen der Siedlungsstruktur und zu Schwierigkeiten auf den Wohnungsmärkten, zur Überbeanspruchung von Sozial-, Alters- und Krankenversicherungen und auch zur Arbeitslosigkeit beitragen; sie sind ein Faktor der Einkommens- und Steuerpolitik. Auf allen diesen und anderen Gebieten wird ständig politisch gehandelt; demografische Informationen sind dabei unverzichtbar.

Auch in der DDR lehnte man Bevölkerungsforschung und -politik anfänglich ab. Aber auch hier setzte um 1965 der neue Geburtenrückgang ein. Die Zentralplanung verlangte nach Daten, und man ließ Bevölkerungsforschung wieder zu.

 

3. Konkurrierende Konzepte

 

In der DDR wurde der "Marxismus-Leninismus" als Richtschnur auch der Bevölkerungsforschung dekretiert; Westdeutschland bemühte sich um die Rezeption der internationalen "Demografie"; aber die eigene Wissenschaftsgeschichte wirkte nach.

Bis heute ist unklar, ob die Demografie den Rang einer eigenständigen Disziplin beanspruchen kann, die alle Aspekte des Bevölkerungsprozesses zu behandeln vermag, oder ob demografische Forschung und Theoriebildung besser in den Teildisziplinen der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Geographie und Geschichtswissenschaft, Mathematik und Statistik aufgehoben sind. Beide Konzepte stehen in einer Fachgeschichte, in welcher unterschiedliche "Leitdisziplinen" die Bevölkerungsforschung beeinflussten.

 

4. Neue Theorie- und Forschungsansätze

 

Seit 1980 wurden die Zusammenhänge der Bevölkerungsforschung mit der NS-Politik untersucht, zunächst von der Medizingeschichte. Dabei wurde klar, dass die Bevölkerungsforschung in Westdeutschland von Personen aufgebaut worden war, die schon in der NS-Zeit wissenschaftlich und zum Teil auch politisch aktiv gewesen waren. Seither werden auf diesem Gebiet eingehendere Untersuchungen betrieben. Ende der 1990er Jahre wurde die Bedeutung der mit Bevölkerungsforschung eng verflochtenen angewandten Geographie und Bevölkerungsstatistik für die Expansionspolitik des NS-Staates ("Generalplan Ost") deutlich.

Unter dem Eindruck der bevölkerungspolitischen Erfahrungen und der Entwicklung in Ökonomie und Soziologie sucht die Bevölkerungsforschung nach neuen Konzepten. Zwei Ansätze erweisen sich dabei neben anderen als besonders ergiebig: das "Hauswirtschafts-" und das "Lebenslauf"-Konzept. Wird der private Haushalt als Wirtschaftseinheit betrachtet, dann können seine Entscheidungen als "ökonomisch rational" angesehen werden; dazu gehören auch die Entscheidungen über Zahl, Abstand und Ausbildung der Kinder. Personen organisieren ihren Lebenslauf mit anderen gemeinsam im Rahmen gesellschaftlicher Vorgaben. Dabei werden auch Entscheidungen über Familienbildung, Erwerbstätigkeit und Wohnungsfindung koordiniert. Umfangreiche Erhebungen haben den Zusammenhang dieser Entscheidungssequenzen erwiesen.

 

Literatur / Links

 

Aly, Götz 1999: Endlösung. Frankfurt/M.

vom Brocke, Bernhard 1998: Bevölkerungswissenschaft - Quo vadis? Opladen.

Birg, Herwig 1996: Die Weltbevölkerung. München.

Fahlbusch, Michael 1999: Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik? Baden-Baden.

de Gans, Henk A. 1999: Population Forecasting 1895-1945. Dordrecht.

Gehrmann, R.: Methoden der historischen Bevölkerungsforschung - historische Demographie und Bevölkerungsgeschichte. In: Mueller, U., B. Nauck u. A. Diekmann eds. 2000: Handbuch der Demographie. Heidelberg.

Huinick, J.: Soziologische Ansätze zur Bevölkerungsentwicklung. In: Mueller, U., B. Nauck u. A. Diekmann eds. 2000: Handbuch der Demographie. Heidelberg.

Hummel, Diana 2000: Der Bevölkerungsdiskurs. Opladen.

Imhof, Arthur 1977: Einführung in die Historische Demographie. München.

Khalatbari, Parviz 1972: Ökonomische Unterentwicklung. Frankfurt/M.

Mackenroth, Gerhard 1953: Bevölkerungslehre. Berlin.

Mackensen, Rainer 1998: Bevölkerungsfragen auf Abwegen der Wissenschaften, Opladen.

Mackensen, Rainer 2001: Bevölkerungslehre und Bevölkerungspolitik vor 1933. Opladen.

 

Stand: Februar 2008

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