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Von Jürgen Bähr

 

Es besteht eine enge Beziehung zwischen Bevölkerungsgeografie und einer umfassend verstandenen Bevölkerungswissenschaft als Lehre vom Wesen, den Ursachen und den Wirkungen von Bevölkerungsvorgängen. Das bedeutete einerseits, dass sich bevölkerungsgeografische Untersuchungen grundlegender demografischer Arbeitsmethoden und Kennziffern bedienen müssen, daraus folgt aber andererseits, dass man durch die Berücksichtigung der räumlichen Dimension zu einem vertieften Verständnis und zu weiterführenden Erklärungen von Bevölkerungsvorgängen kommen kann.

Die Anfänge einer wissenschaftlichen Bevölkerungsgeografie reichen bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhundert zurück. Standen zunächst fast ausschließlich Fragen der Bevölkerungsverteilung und -dichte sowie deren kartografische Darstellung im Mittelpunkt (1833 erste Karte der Weltbevölkerungsverteilung von Scrope), so dominieren heute Untersuchungen zur Bevölkerungsdynamik in ihrer räumlichen Differenzierung und ihrer Wechselwirkung mit der Bevölkerungsstruktur. Noch immer wird dabei Wanderungen und anderen Formen räumlicher Mobilität (Zirkulation) ein größeres Interesse entgegengebracht als der räumlichen Analyse von Fertilität und Mortalität.

Die Beschreibung räumlicher Bevölkerungsverteilungen und ihrer Entwicklung führt zur Frage nach der Erklärung dieser Verteilungsmuster. Beide Aspekte werden in der folgenden Definition der Bevölkerungsgeografie zusammengeführt: Die Bevölkerungsgeografie analysiert auf verschiedenen Maßstabsebenen die räumliche Differenzierung und raumzeitlichen Veränderungen der Bevölkerung nach ihrer Zahl, ihrer Zusammensetzung und ihrer Bewegung. Sie versucht, die beobachteten Strukturen und Prozesse zu erklären und zu bewerten sowie ihre Auswirkungen und räumlichen Konsequenzen in Gegenwart und Zukunft zu erfassen.

Mensch und Natur

Unter den Erklärungskonzepten der Bevölkerungsgeografie dominierte lange Zeit die Analyse des Beziehungsgeflechtes zwischen Mensch und Umwelt. So hat bereits Friedrich Ratzel, der 1891 ein erstes theoretisches und methodisches Grundgerüst der Bevölkerungsgeografie legte, insbesondere die Prägung des Menschen durch Naturgegebenheiten betont. Er sah dies allerdings nicht im Sinne einer direkten kausalen Beziehung, sondern unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse. Ebenfalls stark naturgeografisch geprägt waren die in den 1920er Jahren aufkommenden Tragfähigkeitsüberlegungen, die vor allem von Penck (1925) angeregt wurden. Durch Ermittlung des möglichen Nahrungsmittelspielraums der Erde wollte man die maximal mögliche Zahl der Weltbevölkerung feststellen. Die meisten Untersuchungen dieser Art beschränkten sich auf eine Berechnung agrarwirtschaftlich nutzbarer Areale und einer Abschätzung der jeweilen Bodenqualität. Dagegen blieben die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen und Kräfte weitgehend unberücksichtigt. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden Konzepte zur Tragfähigkeit und Bevölkerungsdichte zur wissenschaftlichen Begründung geopolitischer Doktrinen missbraucht.

Das führte dazu, dass die Bevölkerungsgeografie nach 1945 in Deutschland als ideologisch belastet galt und die Forschung erst in den 1960er und 1970er Jahren wieder ernsthaft betrieben wurde. Dabei wurden vielfach Anregungen aus dem angelsächsischen und französischen Sprachraum aufgegriffen (Trewartha 1953, Beaujeu-Garnier 1956/58). Die Vorstellung Trewarthas von einer zentralen Stellung der Bevölkerungsgeografie innerhalb der geographischen Wissenschaft als Bindeglied zwischen Kultur- und Naturgeografie konnte sich jedoch nicht durchsetzen. Das liegt auch daran, dass sich seit den 1960er Jahren die Wanderungsforschung zum eindeutigen Schwerpunkt der Bevölkerungsgeografie entwickelte und Wanderungen im Normalfall nur wenig von natürlichen Rahmenbedingungen beeinflusst werden.

Die ersten Einführungen in das Gesamtgebiet der Bevölkerungsgeografie erschienen in den 1980er Jahren (Kuls 1980, Bähr 1983, Leib& Mertins 1983); 1992 legten Bähr, Jentsch & Kuls ein umfangreiches Handbuch vor. Die Lehrbücher spiegeln die demografische Orientierung der Bevölkerungsgeografie wider, wie sie sich seit den 1980er Jahren in Annäherung an die Forderung Woods (1979) "Population Geography should become more demographic", mehr und mehr durchsetzte. Nicht in gleicher Weise sind neuere theoretische Strömungen aus den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften von der Bevölkerungsgeografie aufgegriffen worden.

Makro- und Mikroanalyse

Methodisch dominierten bis in die 1970er Jahre makroanalytische Konzepte. Dabei werden aggregierte, zumeist im Rahmen von Volkszählungen erhobene Daten zur Hypothesenüberprüfung herangezogen. Ein Beispiel dafür bildet das von Stewart (1948) entwickelte Konzept der "sozialen Gravitation", mit dem aus der Physik übernommene Vorstellungen auf Wanderungsvorgänge und andere Arten menschlicher Interaktionen übertragen werden. Die Verbesserung der elektronischen Datenverarbeitung eröffnete nicht nur bessere Möglichkeiten, große Datenmengen zu verarbeiten, sondern auch Zusammenhänge mittels mathematisch-statistischer Verfahren zu testen.

Seit dem Ansatz von Wolpert (1965) zur Erklärung von Wanderungsentscheidungen, der als "Grundpfeiler" einer verhaltensorientierten Geografie gelten kann, wurden die deterministischen Modelle zunehmend durch mikroanalytische Ansätze ergänzt. Dabei stehen die Entscheidungen von Individuen oder Haushalten im Vordergrund.

Wanderungsentscheidungen

Die Datengewinnung setzt in der Regel eigene Befragungen voraus; repräsentative Aussagen für größere Räume sind daher nur schwer erreichbar. Um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass der Handlungsspielraum des Einzelnen durch vielfältige äußere Zwänge eingeschränkt wird, sind die "reinen" entscheidungstheoretischen Konzepte durch sog. constraints-Modelle ergänzt worden. Dabei werden sowohl "objektive" als auch "subjektive" Merkmale und deren Verflechtungen einbezogen. Die objektiven Merkmale bilden zum einen den Hintergrund für den Wahrnehmungs- und Bewertungsvorgang, zum anderen wirken sie als constraints auch direkt auf den Entscheidungsprozess.

 

Bevölkerungskartografie


Einerseits werden Ergebnisse bevölkerungsgeografischer Untersuchungen häufig in Karten- oder Diagrammform dargestellt, andererseits können Bevölkerungskarten die Grundlage für weiterführende statistische Analysen liefern. Nach der bis heute gültigen Definition von Witt (1971) geben Bevölkerungskarten über die Verteilung, die Dichte, die Struktur sowie die räumlich dauerhaften oder vorübergehenden Veränderungen der Bevölkerungszahlen und schich­tungen Auskunft. Die Art der Darstellung und ihre technische Ausgestaltung ist Aufgabe der Bevölkerungskartografie als Teilbereich der thematischen Kartografie.

Während sich die Technik der Kartenherstellung dank leistungsfähiger Hardware und die Entwicklung speziell auf kartografische Belange abgestellter Software in jüngerer Zeit vollständig verändert hat, sind die Karteninhalte weitgehend gleich geblieben. Grundlegend sind Karten der Bevölkerungsverteilung (in Absolutdarstellung) und Bevölkerungsdichte (auf die Fläche bezogene Relativwertdarstellung). Aus Karten der Bevölkerungsverteilung lassen sich verschiedene statistische Kennwerte, wie Bevölkerungsschwerpunkt als räumlicher Mittelwert und Bevölkerungspotential als Maß der aggregierten Erreichbarkeit ableiten.

Die Veranschaulichung von Bevölkerungsstrukturen und -entwicklungen erfordert häufig die Kombination von Karte und Diagramm; und neben einer flächenhaften Darstellung spielen größengestufte Signaturen und Bewegungslinien (z. B. Pfeile für Wanderungen) eine wichtige Rolle. Bevölkerungskarten gibt es in allen Maßstabsstufen, von der kleinmaßstäbigen Weltkarte bis zur großmaßstäbigen Stadtteilkarte.
 

Literatur zur Einführung in die Bevölkerungsgeographie:

Bähr, J. (2004): Bevölkerungsgeographie. UTB 1249. 4. Aufl. Stuttgart.

Bähr, J.; Jentsch, C.; Kuls, W. (1992): Bevölkerungsgeographie. Lehrbuch der Allgemeinen Geographie 9. Berlin, New York.

Beaujeu-Garnier, J.: (1956 und 1958): Géographie de la Population. 2 Bände. Paris.

Findlay, A. M. (2003): Population Geographies for the 21st Century. Scottish Geogr. Journal 119, S. 177-190.

Gans, P.; Kemper, F.-J. (Hrsg.) (2001): Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland. Bd. 4: Bevölkerung. Heidelberg, Berlin.

Kuls, W. (2002): Bevölkerungsgeographie. Studienbücher d. Geographie. 3. Aufl. (zus. mit F. J. Kemper). Stuttgart.

Leib, J.; Mertins, G. (1983): Bevölkerungsgeographie. Das Geogr. Seminar. Braunschweig.

Penck, A. (1925): Das Hauptproblem der physischen Anthropogeographie. Zeitschrift für Geopolitik 2, S. 330-348.

Ratzel, F. (1891): Anthropogeographie. Zweiter Teil: Die geographische Verbreitung des Menschen. Stuttgart

Stewart, J. Q. (1948): Demographic Gravitation: Evidence and Application. Sociometry 1, S. 31-58.

Trewartha, G. T. (1953): A Case for Population Geography. Annals Assoc. Amer. Geogr. 43, S. 71-97.

Witt, W. (1971): Bevölkerungskartographie. Veröff. d. Akad. f. Raumforschung und Landesplanung 63. Hannover.

Wolpert, J. (1965): Behavioral Aspects of the Decision to Migrate. Papers and Proceedings of the Regional Science Association 15, S. 159-169.

Woods, R. I. (1979): Population Analysis in Geography. London, New York.

 

Stand: Januar 2008

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