
Von Franz Nuscheler
Die Weltbevölkerungsberichte der Vereinten Nationen warnen regelmäßig vor wachsender Armut und fortdauernder Umweltzerstörung im Gefolge eines ungebremsten Wachstums der Bevölkerung in den Armutsregionen der Dritten Welt. Die Medien dramatisieren diese Berichte häufig in apokalyptischen Bildern von unregierbaren Monsterstädten, Hunger-Weltkriegen und irreparablen Umweltzerstörungen.
Kein eindimensionaler Ursache-Wirkungs-Zusammenhang
Solche Schilderungen erinnern an das schon vor zwei Jahrhunderten (1798) von Thomas Robert Malthus ausgedachte Verelendungsgesetz, das einen gesetzmäßigen Zusammenhang zwischen Bevölkerungswachstum, abnehmender Nahrungsmittelproduktion, Hungersnöten und Kriegen herstellte.
Zwar stellt auch das Oberkapitel "Bevölkerung und Entwicklung" einen kausalen Zusammenhang zwischen hohem Bevölkerungswachstum und verschiedenen Ausdrucksformen von Armut her, konstruiert aber keinen eindimensionalen Automatismus zwischen Ursache (Bevölkerungswachstum) und Wirkung (Armut).
Malthus´ Kernthese lautete vielmehr, dass Armut nicht allein eine Folge vieler Kinder ist, sondern zugleich eine wesentliche Ursache bildet, dass viele Kinder geboren werden; dass deshalb Entwicklungsstrategien, die nur auf Geburtenkontrolle und nicht zugleich auf die Verringerung der Massenarmut abzielen, scheitern müssen. Folglich könnte nur die Kombination von verbesserten Lebensbedingungen und wirksamerer Familienplanung das Bevölkerungswachstum unter die als bedrohlich angesehene Marke von zwei Prozent drücken.
Demografische und soziale Entwicklung
Tabelle 1 und 2 im einführenden Kapitel Bevölkerung und Entwicklung konkretisieren den abstrakten Begriff der Armut, der sich nicht allein in einem niedrigen Pro-Kopf-Einkommen manifestiert, sondern vielfache Begleiterscheinungen hat, die die Bevölkerungsentwicklung beeinflussen. Als ursächlich für den Zusammenhang zwischen demografischer und sozialer Entwicklung wurden vor allem die folgenden Armutsindikatoren erkannt:
Daten zur Weltarmut
Knapp 939 Millionen Menschen leiden unter chronischem Hunger, ebenso viele haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, und 2,7 Milliarden Menschen verfügen nicht über sanitäre Einrichtungen (Quelle: PRB: 2008 World Population Data Sheet).
Die Daten der Weltbevölkerungsberichte belegen mit statistischen Durchschnittswerten, die häufig die soziale Situation von Armutsgruppen noch beschönigen, die Korrelation zwischen hohen Raten des Analphabetismus, besonders unter erwachsenen Frauen, der Säuglings- und Müttersterblichkeit, der bildungsabhängigen Nutzung von Verhütungsmethoden sowie der Fertilität, die dort am höchsten ist, wo auch die Armut am höchsten ist.
Bei diesem statistischen Nachweis über den Zusammenhang zwischen Armut und Bevölkerungsentwicklung dürfen allerdings deren Determinanten nicht übersehen werden, die in der reproduktiven Eigendynamik der Altersstruktur von Entwicklungsgesellschaften liegen. Manche Demografen halten diese Eigendynamik sogar für entscheidender als sozio-ökonomische oder kulturelle Einflussfaktoren: Der Anteil der Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren an der Gesamtbevölkerung, die in den nächsten Jahrzehnten in das zeugungs- und gebärfähige Alter kommen, ist in den Armutsregionen am höchsten. Im subsaharischen Afrika drückt zwar die hohe Aids-Infektionsrate bereits die Lebenswartung und dünnt besonders im Südlichen Afrika in dramatischer Weise die arbeits- und erwerbsfähigen Altersgruppen aus. Das hat aber kurzfristig nur geringen Einfluss auf das Bevölkerungswachstum, weil weiterhin die Fertilitätsraten die Mortalitätsraten weit übersteigen. Bei der Bekämpfung von Aids gilt wie bei allen Bemühungen um eine Verringerung des Bevölkerungswachstums der dreifache Imperativ von Bildung, Aufklärung und Vorbeugung.
Hohes Bevölkerungswachstum verstärkt also eine komplexe Gemengelage von Entwicklungsproblemen, die unter den Bedingungen von Massenarmut nur schwer überwunden werden können. Wenn sie nur langsam verändert werden, lässt auch die Verlangsamung des Bevölkerungswachstums auf sich warten.
Die Korrelation von hohem Bevölkerungswachstum und verschiedenen interdependenten Armutsindikatoren legt die Schlussfolgerung nahe, dass Armut das bevölkerungs- und entwicklungspolitische Schlüsselproblem ist. Die populäre These der „Neo-Malthusianer“, dass die „Bevölkerungsexplosion“ die Ursache von Armut und vieler weiterer unheilvoller Entwicklungen sei, bleibt eine Antwort schuldig, wie sie anders als durch das von der Kairoer Weltbevölkerungskonferenz beschlossene Aktionsprogramm entschärft werden könnte.
Das flächendeckende Angebot von Dienstleistungen für die „reproduktive Gesundheit“ ist ein bevölkerungspolitischer Imperativ, aber Geburtenkontrolle allein kann den Wettlauf zwischen verfügbaren Ressourcen und dem Bevölkerungswachstum nicht entscheiden. Zwangsmaßnahmen nach dem Vorbild der VR China sind nicht nur aus menschenrechtlicher Sicht bedenklich, wenn z.B. gezielt und unter Gewaltanwendung weibliche Embryos abgetrieben werden. Sie setzen auch einen Kontrollapparat voraus, über den auch viele Diktaturen nicht verfügen. Das Dilemma bleibt, dass eine Erfolg versprechende Bevölkerungspolitik einen umfassenden sozio-ökonomischen und kulturellen Wandel voraussetzt, der Zeit braucht, die jedoch angesichts des Problemdrucks sehr knapp ist.
Literatur / Links
Brown, Lester R./Gary Gardner/Brian Halweil: Wie viel ist zu viel? 19 Dimensionen der Bevölkerungsentwicklung, Stuttgart 2000.
DGVN (Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen): Bevölkerung und Entwicklung. Informationsdienst (lfd.).
Population Reference Bureau: World Population Data Sheet, <st1:place w:st="on"><st1:city w:st="on">Washington</st1:city>, <st1:state w:st="on">D.C.</st1:state></st1:place>
DSW-Newsletter (www.dsw-online.de)
Haupt, Arthur/Thomas T. Kane/DSW (Hrsg.): Handbuch Weltbevölkerung. Begriffe, Fakten, Konzepte, Stuttgart 1999.
Leisinger, Klaus M.: Hoffnung als Prinzip. Bevölkerungswachstum: Einblicke und Ausblicke, Basel/Boston/Berlin 1993.
Leisinger, Klaus M.: Die sechste Milliarde. Weltbevölkerung und nachhaltige Entwicklung, München 1999.
UNFPA (UN Bevölkerungsfonds): Weltbevölkerungsberichte, New York/Bonn/Stuttgart, jährlich.
UN Population Division: World Population Prospects. The 2006 Revision, New York 2007.
Stand: November 2008

im Online-Handbuch Demografie

in den Newslettern
Paul Collier:
Die unterste Milliarde
Warum die ärmsten Länder scheitern und was man dagegen tun kann
Craig Churchill (Hg.):
Protecting the poor
A microinsurance compendium
Die alte Welt. Die demografische Entwicklung erfordert rasches Handeln, um wachsende Armut zu vermeiden.
Von Margret Karsch
In: welt-sichten 4/2009.