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Von Steffen Angenendt

 

Theoretischer Rahmen

 

In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich die vormals von der "realistischen Schule" der internationalen Beziehungen geprägte Vorstellung von Sicherheit grundlegend gewandelt. Diese beruhte auf der Überzeugung, dass die internationalen Beziehungen durch Staaten geprägt seien, die versuchten, ihre Macht und ihre Interessen gegenüber anderen Staaten durchzusetzen, im Extremfall auch mit militärischer Gewalt. Sicherheit bedeutete in erster Linie die Abwesenheit einer externen militärischen Bedrohung (Walt 1998).

 

Diese Sichtweise wurde auch schon während der Blockkonfrontation insbesondere von der "liberal-institutionellen" Denkschule als eindimensional und kurzsichtig kritisiert. Die Welt sei statt durch Anarchie und Konflikt immer stärker durch Kooperation und Ordnung geprägt. In den neuen Konzepten der "menschlichen" oder "globalen" Sicherheit ging es dementsprechend nicht mehr primär um die Verteidigung des Nationalstaates gegen Angriffe von außen, sondern u.a. anderem um den Schutz des globalen Ökosystems und um die Wohlfahrt der Bürger (Stares 1998).

 

Seit dem Ende der nuklearen Blockkonfrontation hat diese Betrachtungsweise an Bedeutung gewonnen, und "nichttraditionelle" Sicherheitsrisiken (Sato/Taylor 1995) wie Bürgerkriege und ethnische Konflikte, Umweltverschmutzung, Ressourcenknappheit, organisiertes Verbrechen, internationaler Terrorismus und unkontrollierte Wanderungsbewegungen finden zunehmende Beachtung. Auch das Bevölkerungswachstum wurde als neues Sicherheitsrisiko identifiziert. Dabei standen vor allem Szenarien einer drohenden "Überbevölkerung" in Entwicklungsländern im Vordergrund (Chase/Hill/Kennedy 1996, Helman/Ratner 1993, Kaplan 1994, Homer-Dixon 1994). Inzwischen hat sich aber eine realistischere Bewertung dieses vermeintlichen Sicherheitsrisikos durchgesetzt (Eberstadt 1998).

 

Weltweite ungleiche Bevölkerungsentwicklung, unterschiedliche Probleme
Das Wachstum der Weltbevölkerung verlangsamt sich seit fast 30 Jahren. Ende der 1960er Jahre betrug es noch über zwei Prozent jährlich, derzeit liegt es bei 1,3 Prozent. Diese Abnahme schlägt sich aber nur sehr langsam in einem Rückgang des absoluten Zuwachses der Weltbevölkerung nieder. Immerhin nimmt die Weltbevölkerung derzeit um etwa 77-80 Millionen Menschen pro Jahr zu.

 

Dieser globale Trend beinhaltet regional und einzelstaatlich unterschiedliche und zum Teil gegensätzliche Entwicklungen. Es können drei Gruppen von Ländern unterschieden werden (Ulrich 2000), wobei zu bedenken ist, dass Bevölkerungsprojektionen unsicher sind, da es bislang keine Methode gibt, künftiges Geburtenverhalten verlässlich zu prognostizieren.

 

In einigen Ländern wird sich die Bevölkerung in den nächsten 50 Jahren noch einmal verdoppeln. Hierzu gehören u.a. die Staaten des subsaharischen Afrika. In diesen Ländern wird das Problem der Nahrungsmittelversorgung noch gravierender, weil die landwirtschaftlich gut nutzbaren Flächen nicht mehr ausreichen werden. Die Luft- und Wasserverschmutzung und die Bodenerosion werden zunehmen. Die weltwirtschaftliche Beteiligung dieser Länder wird noch geringer, und das Wirtschaftswachstum wird oft schwächer sein als die Bevölkerungszunahme. Insbesondere im südlichen Afrika wird die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung zusätzlich durch die AIDS-Katastrophe behindert. Ein Resultat von Bevölkerungswachstum und mangelnder Entwicklung ist, dass weder ausreichend Arbeitsplätze noch eine hinreichende öffentliche Infrastruktur (Gesundheitssysteme, Schulen, Transportwesen) zur Verfügung stehen.

 

Dies forciert interne Wanderungsbewegungen, in erster Linie eine Landflucht in die Städte, und die Verarmung der unteren Schichten, die wohl noch zunehmen wird. Die Regierungen dieser Staaten sind zudem oft schwach, und vielerorts werden diese Probleme zur Stärkung von autoritären politischen Strukturen, Guerillabewegungen, Sezessionsbestrebungen und Fundamentalismus führen. Der Auswanderungsdruck wird steigen, und es wird größere innerstaatliche Fluchtbewegungen geben.

 

In einer zweiten Gruppe von Ländern wird die Bevölkerung bis 2050 weiter wachsen, aber sich nicht mehr verdoppeln. Hierzu gehören u.a. China, Indien, Indonesien, Bangladesch, Mexiko, die USA, Großbritannien und Frankreich. Viele dieser Länder verzeichnen eine rasche wirtschaftliche Entwicklung, und einige werden in ähnlicher Weise wie die Industriestaaten seit Mitte des 19. Jahrhunderts von der Kombination von Bevölkerungswachstum und wirtschaftlichem Wachstum profitieren (und bei weiterem Fortgang der wirtschaftlichen Globalisierung die derzeit führenden Industrieländer unter Konkurrenzdruck setzen).

 

Eine dritte Gruppe von Ländern wird hingegen einen Bevölkerungsrückgang erleben. Hierzu gehören u.a. Deutschland, die südeuropäischen und viele ostmittel- und osteuropäische Länder. Hier nimmt die Zahl der Geburten ab. Die langfristigen Folgen sind dramatisch: Sobald die geburtenschwachen Jahrgänge das Alter erreichen, in dem sie potenziell Eltern werden, wird es bei gleicher Geburtenhäufigkeit noch weniger Neugeborene pro Jahr als in der vorherigen Generation geben. Zudem nimmt die Sterblichkeit in den Industriestaaten ab.

 

Beide Entwicklungen werden die Altersstruktur der Bevölkerung in diesen Staaten grundlegend verändern: Der Anteil jüngerer Menschen wird ab- und der Anteil älterer Menschen zunehmen. Dies wird den bestehenden sozialen Sicherungssystemen erhebliche Probleme bereiten. Gleichzeitig wird die Exportabhängigkeit angesichts der schrumpfenden eigenen und der wachsenden Weltbevölkerung künftig zunehmen, ebenso wie die Bedeutung der technologischen Innovationsfähigkeit, weshalb vor allem die hoch entwickelten Industrieländer künftig noch stärker auf den Import von Wissen und auf Einwanderer angewiesen sein werden.

 

Bevölkerungsentwicklung und internationale Sicherheit
Eine grundlegende Frage ist, ob die Bevölkerungsentwicklung eine Komponente von (staatlicher) Macht darstellt. Geopolitische Betrachtungen gehen häufig unter Hinweis auf historische Erfahrungen von der Prämisse aus, dass Staaten mit großer Bevölkerung auch größeren politischen Einfluss hätten. Demnach wäre zu erwarten, dass die ungleiche globale Bevölkerungsentwicklung die Hierarchie im internationalen System verändern könnte (Wöhlcke 1999). So könnten einige der bevölkerungsreichen Staaten regionale Integrationsprozesse beeinflussen, zu relevanten Partnern oder Konkurrenten der Industrieländer aufsteigen und größeres Gewicht in internationalen Organisationen erhalten. Auch könnten diese Staaten ihre wachsende Bevölkerung als Rüstungsressource nutzen. Für die aktuelle Gültigkeit solcher Befürchtungen gibt es aber ebenso wenig einen empirischen Beleg (Tir/Diehl 1998) wie für die Vermutung, dass Länder mit einem hohen Bevölkerungswachstum leichter militärische Potenziale aufbauen können. Im Gegenteil: Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass ein rasches Bevölkerungswachstum zunächst zu knapperen Mitteln für militärische Ausgaben führt.

 

Wanderungsbewegungen und internationale Sicherheit
Generell kann eine Kombination von fehlenden Zukunftsperspektiven, politischen Spannungen und starkem Bevölkerungswachstum den Auswanderungsdruck erhöhen. Es gibt allerdings keine empirisch belastbare Theorie, wann ein solcher Auswanderungsdruck zu Auswanderung führt. Auswirkungen auf die äußere Sicherheit der Aufnahmestaaten hätten solche Wanderungsbewegungen auch nur im Fall krisenhafter Massenfluchtbewegungen, denn nur solche könnten zu einem Verlust der Kontrolle über die Grenzen führen. Zumindest in den Industriestaaten sind solche aber nicht zu erwarten, da diese durch ihre Grenzsicherung und ihre Aufnahmepolitik erhebliche Zuwanderungshürden errichtet haben. Invasionsszenarien auf Grund des Bevölkerungswachstums gehören nicht in eine realistische Analyse.

 

Trotzdem könnten künftige Zuwanderungen durchaus mittelbare Wirkungen auf die innere und äußere Sicherheit der Zielländer haben. Diese werden deutlich, wenn man den traditionellen Sicherheitsbegriff durch einen erweiterten Sicherheitsbegriff ersetzt (Buzan 1991, Waever et al. 1993, Angenendt 1997). Dann können umfangreiche Zuwanderungen die innenpolitischen Stabilität und den sozialen Frieden und damit auch die innenpolitischen Voraussetzungen der außenpolitischen Handlungsfähigkeit der betroffenen Staaten beeinträchtigen. Solche Gefahren sind in vielen Industrieländern zu erkennen: die Ausbreitung von Fremdenfeindlichkeit, von rechtsradikalem Gedankengut, der Glaubwürdigkeitsverlust der etablierten politischen Kräfte, unter Umständen auch die Gefahr eines Imports ethnischer Konflikte, des Überspringens terroristischer Aktivitäten sowie die Ausbreitung von Drogenhandel und organisiertem Verbrechen.

 

Wanderungsbewegungen können auch die bilateralen außenpolitischen Beziehungen zwischen den Herkunfts- und den Zielländern der Wanderungen beeinflussen. So können Flüchtlinge und Migranten für außenpolitische Ziele instrumentalisiert werden, und die Bemühung um die Bewältigung von Wanderungsbewegungen kann die Zielländer dazu bewegen, sich in innere Belange der Herkunftsländer einzumischen. Wanderungsbewegungen können sich zudem auf regionale Integration auswirken, wie am Beispiel der EU zu erkennen ist: Die Überbrückung der unterschiedlichen Belastung durch Zuwanderung ist eine große Herausforderung, aber auch eine Triebkraft für die Gemeinschaftssolidarität. Schließlich können große grenzüberschreitende Bevölkerungsbewegungen zur politischen Destabilisierung von ganzen Regionen führen und die dortige Sicherheit gefährden.

 

Politische Bewertung

Es besteht kein empirisch nachweisbarer direkter Zusammenhang zwischen der Bevölkerungsentwicklung und der inneren oder äußeren Sicherheit von Staaten oder Regionen. Sicherheitsrisiken liegen vor allem in Armut und politischer Instabilität und manifestieren sich, allerdings in einem weit weniger dramatischen Sinn als häufig angenommen, am ehesten in transnationalen Wanderungsbewegungen. Die Bevölkerungsentwicklung spielt hierbei lediglich eine vermittelnde Rolle. Sicherheitspolitiker und Bevölkerungsexperten sollten dies in ihren Analysen stärker berücksichtigen.

 

Stand: 2007

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The Growth Trilemma

Das Discussion Paper "Das Trilemma des Wachstums" ist nun auch auf Englisch erschienen.

Demografiestrategie der Bundesregierung:

Kommentar von Reiner Klingholz in der FAZ

Warum entstehen Kriege?
Welchen Einfluss haben demografische Veränderungen auf die Entstehung von Konflikten?




mit Amine Sami Ben Sassi, tunesischer Gynäkologie und Internetaktivist

"Bildung hat gesellschaftlich immer mehr an Wert verloren - und war am Ende nichts mehr wert."