Von Sabine Sütterlin
Partizipation ist in der heutigen Entwicklungszusammenarbeit ein zentraler Begriff. Das bedeutet: Die Betroffenen stehen im Mittelpunkt. Wenn sich an ihrer Situation auf lange Sicht etwas ändern soll, müssen sie selbst die Probleme erkennen und benennen, sie müssen Lösungen vorschlagen und über die günstigste entscheiden. Wenn es an die Umsetzung geht, müssen sie sich die Kenntnisse aneignen, die dafür notwendig sind – statt sich einfach von den Experten ein Projekt überstülpen zu lassen. Doch armen Menschen mangelt es oft an Selbstbewusstsein. Wenn sie nur wenig oder gar keine Schulbildung haben, sind sie rasch eingeschüchtert. Gesellschaftliche Diskriminierung, etwa aufgrund niedriger Kastenzugehörigkeit in Indien, lässt ihr Selbstwertgefühl zusätzlich schrumpfen.
Die Erfahrung hat gezeigt, dass es helfen kann, wenn sich die Menschen in Gruppen zusammenschließen.
Gruppen als Element der Nachbarschaftshilfe haben sich traditionell vor allem in armen ländlichen Gegenden gebildet, etwa unter Kikuyu-Bäuerinnen in Kenia oder als "mothers' groups" (Müttergruppen) im Himalajagebiet Nepals. Dies haben vor allem nichtstaatliche Entwicklungsorganisationen aufgegriffen, um ihre Projekte partizpativ und nachhaltig wirksam zu gestalten. Auf ihre Anregung formieren sich sogenannte Selbsthilfegruppen, die – zunächst unter Anleitung - ein gemeinsames Ziel formulieren und sich dafür Regeln geben: Regelmäßige Gruppentreffen gehören meist dazu, ebenso die Einhaltung bestimmter Vorschriften. Ein solches Ziel kann beispielsweise die wirtschaftliche Unabhängigkeit aller Mitglieder mithilfe von Mikrokrediten sein. Das Zusammenspiel von Selbsthilfegruppen und Mikrokrediten hat sich als besonders erfolgreiches Modell erwiesen.
Anzahl der von der Grameen Bank mit Mikrokrediten unterstützten Selbsthilfegruppen, 1976 bis 2008

Die Vorteile von Selbsthilfegruppen liegen auf der Hand: Unter seinesgleichen fühlt sich das einzelne Mitglied eher aufgehoben als allein. Das Wort zu ergreifen fällt im vertrauten Rahmen leichter. Das stärkt das individuelle Selbstvertrauen. Zudem lernen die Mitglieder aus den Erfahrungen der anderen. Gespräche mit Projektmitarbeitern oder Anleitungen durch Experten sind im Rahmen von Gruppen effektiver als vor größerem Publikum, da die Inhalte bei regelmäßigen Gruppentreffen wiederholt, aufbereitet und weiter entwickelt werden können. Je offener die Diskussionen sind, je mehr die Mitglieder über ihre Rechte und ihre Potenziale erfahren, desto mündigere Bürger werden aus ihnen. Manchenorts organisieren sich Selbsthilfegruppen auch in übergeordneten Zusammenschlüssen auf Gemeinde-, Bezirks- oder Landesebene, wohin jeweils einzelne Gruppenmitglieder entsandt werden.
Frauen profitieren am meisten
Frauen, die aufgrund ihres Geschlechts oft zusätzlich diskriminiert werden, profitieren ganz besonders von der Solidarität, die sie in Selbsthilfegruppen erfahren. Sie treten Männern gegenüber selbstbewusster auf und können sich etwa bei häuslicher Gewalt gegenseitig unterstützen.
Natürlich lösen auch Selbsthilfegruppen nicht alle Probleme. Und längst nicht immer gelingt es, den Zusammenhalt über einen längeren Zeitraum zu bewahren – und so womöglich irgendwann die Arbeit der Entwicklungsorganisationen überflüssig zu machen. Gruppendynamische Verschiebungen, widerstrebende Interessen und Veränderungen der äußeren Bedingungen können zum Scheitern führen.
Studien der südindischen Nichtregierungsorganisation "Myrada" zufolge funktionieren Selbsthilfegruppen bei der Umsetzung bestimmter Ziele am besten, wenn die Mitglieder gleiche Interessen, ähnliche Herkunft, Klassenzugehörigkeit oder andere Übereinstimmungen mitbringen. Myrada zieht deshalb die Bezeichnung "Self Help Affinity Groups" vor, frei übersetzt etwa: "nach Neigung frei gewählte Selbsthilfegruppen". Mithilfe solcher Gruppen hat Myrada von Mitte der 1980er Jahre an zur großen Verbreitung von Mikrokrediten in Südindien beigetragen.
Modellfunktion hat die "Grameen Bank" in Bangladesch, die 1976 begann, Mikrokredite an arme Frauen zu geben. Die Kreditnehmerinnen sind jeweils in Fünfergruppen organisiert und zunächst erhalten nur zwei Mitglieder ein Mini-Darlehen. Erst wenn diese den Betrag samt Zinsen pünktlich und regelmäßig zurückgezahlt haben, können weitere Mitglieder Geld leihen. Auf diese Weise wachen die Mitglieder gegenseitig darüber, wie die anderen ihre Kredite verwenden, in welche Unternehmungen sie investieren, ob diese auch wirklich Gewinne abwerfen und ob die Schulden korrekt bedient werden. Gleichzeitig bieten die regelmäßigen Treffen der Gruppe Gelegenheit, alltägliche Dinge wie eine gesunde Ernährung, die Einhaltung von Hygienevorschriften, Verhütung, Kindererziehung und Schulbesuch des Nachwuchses zu diskutieren, die ein integrierter Bestandteil des Grameen-Systems sind – und Voraussetzung für jegliche Entwicklung.
Literatur/Links
Grameen Bank, www.grameen-info.org
Venro (Hg.): "Mein Wort zählt". Mikrokredite: Kleines Kapital, große Wirkung. Frankfurt a.M. 2007.
Myrada, nichtstaatliche Entwicklungsorganisation mit Sitz in Bangalore, Indien: myrada.org
Stand: Februar 2009

im Online-Handbuch Demografie