Von Lilli Sippel
Welche Ursachen und Folgen sind mit der Zu- und Abwanderung gut ausgebildeter Menschen verbunden? Schon seit Jahrzehnten stellen sich Wirtschaftswissenschaftler, Soziologen und Geografen diese Frage. In der Diskussion über die Migration hoch Qualifizierter fallen regelmäßig Schlagworte wie Brain Drain, Brain Gain und Brain Circulation – was steckt jeweils dahinter? Welche Annahmen zu gesellschaftlichen Abläufen stehen hinter diesen Begriffen, die das "brain" (Gehirn) als wichtigstes Merkmal eines Zu- oder Auswanderers hervorheben? Welche wirtschaftliche und soziale Bedeutung kommt der hoch qualifizierten Elite eines Landes zu, ihrer Denkfähigkeit und ihrem Wissen?
Brain Drain
Der Begriff Brain Drain – wörtlich: der Abfluss von Gehirn – bezeichnet die Auswanderung hoch qualifizierter Fachkräfte ins Ausland. Er etablierte sich nach dem Zweiten Weltkrieg, als britische Wissenschaftler vermehrt in die USA auswanderten. Das Konzept des Brain Drain hat sich auch in der Entwicklungszusammenarbeit als nützlich erwiesen. Insbesondere die in den 1970er Jahren vorherrschende Dependenztheorie erklärte die Entwicklungsländer zu Wanderungsverlierern, zu den Opfern der Einwanderungspolitik großer Industrienationen. Bis heute stellen Entwicklungs- und Schwellenländer wie Indien und China die meisten hoch qualifizierter Migrantinnen und Migranten.
Die Gründe, warum Fachkräfte ihre Heimat verlassen, sind überwiegend individuell: Schlechte Arbeitsbedingungen, geringe Bezahlung und fehlende Karriere- oder Weiterbildungschancen begünstigen die Wanderungsentscheidung. Aber vielerorts spielen auch eingeschränkte Presse-, Meinungs- oder Informationsfreiheit, politische Verfolgung oder die Instabilität der Herkunftsregion eine Rolle.
Unterschiedliche Qualifikationen

Die Auswirkungen der Abwanderung sind mitunter katastrophal: Wenn Ärzte, Lehrer, Wissenschaftler und Unternehmer abwandern, hat ein Land kaum eine Chance, sich zu entwickeln und im internationalen Wettbewerb Anschluss zu finden. Es fehlt an Personal in strategisch wichtigen Sektoren wie bei der Gesundheit und Bildung, an den Steuern der besser Verdienenden, und auch an Innovation und volkswirtschaftlichen Investitionen. Besonders dramatisch ist die Lage im Gesundheitssektor. Das meist unter enormem finanziellem Aufwand ausgebildete medizinische Personal steht der Bevölkerung schlichtweg nicht zur Verfügung, wenn es einmal ausgewandert ist. Vier von fünf ausgebildeten Ärzten verlassen Jamaika; in Grenada bleibt nur einer von 22 Ärzten in der Heimat (zit. nach Langthaler 2008).
Brain Gain
Brain Drain auf der einen Seite bedeutet einen Brain Gain auf der anderen Seite: Während ein Land hoch Qualifizierte verliert, gewinnt ein anderes durch die Einwanderung Know-how und Innovationspotenzial. Die USA sind das Hauptaufnahmeland hoch qualifizierter Migrantinnen und Migranten, aber auch andere OECD-Länder wie Kanada, Australien und manche europäische Staaten sind beliebte Ziele. In erster Linie locken dort die besseren Lebensbedingungen und Zukunftsperspektiven. Länder, in denen die Weltsprache Englisch gesprochen wird, sind dadurch oft im Vorteil. Entscheidend ist allerdings die herrschende Einwanderungspolitik: Viele Industrieländer wünschen sich zwar, dass mehr Fachkräfte kommen, um dem oft durch Alterung bedingten Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Die politischen Auflagen stehen jedoch nicht im Einklang damit, sondern verhindern die Zuwanderung.
Gebildete Einwanderer
Brain Circulation
Eine Einteilung in endgültige Wanderungsgewinner und -verlierer erfasst auf Dauer gesehen die komplexe Wirklichkeit jedoch nicht. In den 1990er Jahren haben Forscher die Theorie der Brain Circulation entwickelt: Ihr zufolge verlaufen Wanderungsströme nicht endgültig und einseitig in nur eine Richtung. In der globalisierten Welt bleiben Migranten nicht immer bis an ihr Lebensende im Zielland und brechen auch mit der Auswanderung ihre Verbindungen in die Heimat nicht abrupt ab. Die Wanderung hoch Qualifizierter kann sowohl für das Aufnahme- als auch für das Herkunftsland positive Folgen haben. Ebenso wie die Industrieländer können Entwicklungsländern einen so genannten Brain Gain erwarten, falls die ehemals ausgewanderte Elite zurückkehrt. Unternehmensgründungen, Investitionen, Transfer von Know-how und Technologie, aber auch die Diaspora-Netzwerke der Rückkehrer können einen regelrechten Entwicklungsschub bewirken. Ferner tragen zahlreiche Rücküberweisungen durch die in der Ferne lebenden Migranten zur Entwicklung im Herkunftsland bei. Für alle Entwicklungsländer zusammen beliefen sich die Rücküberweisungen im Jahr 2007 auf etwa 285 Milliarden US-Dollar (Weltbank 2009) – mehr als doppelt so viel wie die gesamte öffentliche Entwicklungshilfe der Industrienationen im selben Jahr (Welthungerhilfe 2008).
Vervierfachung der Rücküberweisungen an Entwicklungsländer

Es sind vor allem Schwellenländer wie Indien und China, die ihren Rückkehrern eine Perspektive bieten. Das wohl berühmteste Beispiel ist die indische IT-Wirtschaft, die nicht zuletzt dank zurück gewanderter Softwarespezialisten seit Beginn der 1990er Jahre zweistellige Wachstumsraten verzeichnet. Jedes zweite Softwareunternehmen auf dem Subkontinent wurde von einem ehemaligen Auswanderer gegründet oder wird von einem solchen geführt (Hunger 2005). Diese schaffen dadurch zahlreiche Arbeitsplätze und hohe Exporterlöse, denn durch ihre Kontakte im Ausland haben sie Zugang zu einem großen Absatzmarkt.
Literatur / Links
Hunger, Uwe (2005): Vier Thesen zur deutschen Entwicklungshilfepolitik für Indien. In: APUZ 27/2005, S. 12-18.
Ders. (2003): Vom Brain Drain zum Brain Gain. Die Auswirkungen der Migration von Hochqualifizierten auf Abgabe- und Aufnahmeländer. Expertise im Auftrag der FES.
Langthaler, Margarita (2008): Braindrain und seine Auswirkungen auf Entwicklungsländer. Working Paper 20 des Österreichischen Forschungsinstituts für Internationale Entwicklung, Wien.
U.S. Census Bureau (2006): Current Population Survey, Annual Social and Economic Supplement, 2006.
U.S. Census Bureau (2000): United States Census 2000.
Weltbank (2009): Migration and Remittances.
Welthungerhilfe/ terre des hommes (2008): 16. Bericht zur Wirklichkeit der Entwicklungshilfe 2007/2008. Eine kritische Bestandesaufnahme zur deutschen Entwicklungspolitik, Bonn.
Stand: Dezember 2009

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