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Von Franz Heidhues

 

Einleitung


Mit der Unterzeichnung der Millenniumserklärung im Jahre 2000 haben sich 189 Regierungen im Millenniumsentwicklungsziel (MDG) Nr. 1 verpflichtet, extreme Armut und Hunger zu beseitigen; konkret haben sie unterschrieben, zwischen 1990 und 2015 den Anteil der Menschen mit einem Einkommen von weniger als einen US-Dollar pro Tag sowie den Anteil der hungernden Menschen zu halbieren; und dies vor dem Hintergrund einer immer noch deutlichen Zunahme der Weltbevölkerung. Die Ernährung für alle zu sichern und die notwendige Nahrung für die bis 2050 zusätzlichen rund drei Milliarden Menschen, vornehmlich in Entwicklungsländern, bereitzustellen ist möglich, erfordert aber erhebliche Anstrengungen von Politik, Forschung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft.

 

Ernährungssicherheit – ein komplexes Problem

 

Ernährungssicherheit ist gegeben, wenn alle Mitglieder einer Gesellschaft jederzeit Zugang zu qualitativ und quantitativ ausreichenden Nahrungsmitteln haben. Diese generell akzeptierte Definition umfasst sowohl die ausreichende mengenmäßige Versorgung mit Nahrungsenergie (Kilokalorien (kcal) pro Person) als auch eine ausgewogene Diät mit der notwendigen Versorgung an Vitaminen und Mikronährstoffen. Wie viele kcal pro Person und Tag für diese so definierte Ernährungssicherheit notwendig sind, hängt von einer Reihe von Faktoren (wie z.B. Körpergröße, Alter, Belastung, Gesundheitszustand, Klima, etc.) ab, wird generell jedoch in einer Größenordnung von 2300 bis 2500 kcal pro Person und Tag gesehen.

Ernährungssicherheit eines Haushalts bzw. einzelner Haushaltsmitglieder wird durch ein Bündel von Faktoren bestimmt. Drei Gruppen von Einflussfaktoren lassen sich unterscheiden:

1. das Bevölkerungswachstum und der dadurch wachsende Druck auf natürliche Ressourcen und der ihre Nutzung beeinflussende technische und biologische Fortschritt;

2. Preisentwicklungen für Nahrungsmittel, die besonders für arme Haushalte von entscheidender Bedeutung sind,

3. die Infrastruktur, das kulturelle und sozio-ökonomische Umfeld und wirtschaftliche, institutionelle und politische Rahmenbedingungen, die den Zugang zu natürlichen Ressourcen, Märkten, Institutionen, Beschäftigung und Einkommen bestimmen; und

4. externe Faktoren wie Klima, Naturkatastrophen und Kriege.

Wie diese Faktoren aufeinander und auf die Ernährungssituation einwirken, hängt oft von der spezifischen Situation ab. Nur auf der Grundlage situationsspezifischer Untersuchungen wird es zu problemgerechten Maßnahmen kommen können. So kann wachsender Bevölkerungsdruck zu Abholzung und Ausdehnung der Anbauflächen in Hanglagen mit der Folge wachsender Erosion und Bodendegradation führen, er kann aber auch zu verstärkten Bemühungen um Innovationsentwicklung, Produktionssteigerung und außerlandwirtschaftlicher Beschäftigung führen. Eine mangelhafte Infrastruktur, wie zum Beispiel unzureichender Zugang zu Gesundheitsversorgung und fehlende Schulen (vor allem für Mädchen) können auf der einen Seite zu höherem Bevölkerungswachstum mit den oben erwähnten schädlichen Folgen für die natürlichen Ressourcen führen, auf der anderen Seite Arbeitsproduktivität und Innovationsakzeptanz behindern und damit den Hunger verstärken.

Für die Ernährungssicherheit ist von Bedeutung, wie sich die Nachfragestruktur im Entwicklungsprozess ändert. Mit wachsendem Einkommen und zunehmender Urbanisierung wird die Nachfrage vielfältiger und qualitätsbewusster. Mit höherem Einkommen neigen Konsumenten dazu, Grobgetreide wie Mais und Hirse oder Wurzelfrüchte wie Maniok und Tapioka in ihrer Diät durch Weizen zu ersetzen und mehr Obst, Gemüse, Milchprodukte und Fleisch zu essen. Diese Veränderungen und der verstärkte Wechsel zu außerhäuslichem Essen machen auch Anpassungen in Nahrungsproduktion, -verarbeitung und -vermarktung erforderlich (Pingali 2006). Auch neue Nachfragekomponenten, wie die wachsende Nachfrage nach Bioenergie, können zu einer verschärften Konkurrenz um natürliche Ressourcen und zu höheren Preisen und erhöhter Ernährungsunsicherheit führen. So haben neue Schätzungen des International Food Policy Research Instituts (IFPRI) gezeigt, dass eine Erhöhung des Beimischungsanteils um einen Prozentpunkt von biobasierten Treibstoffen zu einer Zunahme der hungernden Menschen von 17 Millionen führen wird.

Die in vielen Situationen beobachteten Wechselwirkungen zwischen Ernährungsunsicherheit und natürlichen Ressourcen lassen sich etwas verkürzt auf eine einfache Formel zurückführen: Hunger produziert Umweltzerstörung und Armut, und Umweltzerstörung verursacht Hunger. Bei rasch wachsender Bevölkerung kann dies zu einem sich selbst verstärkenden Teufelskreis werden.

 

Einige Fakten zur Welternährungslage

 

Es herrscht weitgehend Übereinstimmung, dass die Welt ausreichende Ressourcen hat, um die notwendige Nahrung auch für die wachsende Weltbevölkerung zu produzieren. Voraussetzung ist, dass die Möglichkeiten des technischen Fortschritts genutzt werden und die notwendigen Veränderungen in der Politik und im menschlichen Verhalten erfolgen. Derzeit ist die Welternährungslage inakzeptabel schlecht:

- Noch immer leiden über 800 Millionen Menschen (das sind zahlenmäßig mehr als die gesamte Bevölkerung Europas und Nordamerikas) unter unzureichender Nahrungsversorgung: Sie hungern.

- Besonders schwerwiegend ist die chronische Unterernährung bei Kindern. Heute sind 160 Millionen Kinder chronisch unterernährt. Ihre Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten ist geschwächt. Ihre Lernfähigkeit und ihr Entwicklungspotential sind schon so verringert, dass sie viel geringere Chancen haben, aus dem Teufelskreis von Hunger und Armut auszubrechen.

- Hinzu kommen weit verbreitete Defizite an Vitamin A, vor allem auch bei Kindern, was zu Erblindung führen kann; des weiteren der Mangel an Eisen und Jod und vielen Mikronährstoffen.

 - Armut und Hunger halten die betroffenen Menschen oft in Armutsfallen gefangen. Unterernährung führt zu niedriger Arbeitsleistung, Krankheitsanfälligkeit, geringer Produktivität und niedrigem Einkommen, was wiederum Armut und Hunger nach sich zieht. Unterernährte Mütter bringen untergewichtige Kinder zur Welt, die bei weiterer unzureichender Ernährung ihr geistiges und physisches Potential nicht voll entwickeln können und so wieder in Armut verfallen.

- Die Hauptproblemregionen, gemessen an der Anzahl der Armen, sind Südasien (Indien, Bangladesh, Pakistan, Nepal und Sri Lanka); legt man den Anteil der Armen an der Gesamtbevölkerung zu Grunde, dann ist Afrika südlich der Sahara am stärksten betroffen. Innerhalb dieser Regionen ist Armut vor allem im ländlichen Raum konzentriert; über 75 Prozent der Armen leben heute auf dem Land und vorwiegend von der Landwirtschaft (Ravallion, Chen, and Sangraula 2007).

- Ermutigend sind die positiven Entwicklungen: Der von der Welthungerhilfe und IFPRI herausgegebene Welthungerindex, der das Ausmaß des Hungers auf der Basis drei gleich gewichteter Indikatoren - dem Anteil der Unterernährten in der Bevölkerung, dem Anteil der Kinder unter fünf Jahren mit Untergewicht und der Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren – misst (Welthungerhilfe und IFPRI, 2006), zeigt, dass der Hunger weltweit in den letzten zwei Dekaden abgenommen hat, allerdings regional sehr unterschiedlich. Die positivsten Entwicklungen sind in Asien (mit Ausnahme Nordkoreas) zu verzeichnen; auch in Lateinamerika und der Karibik sind die meisten Länder auf gutem Wege. Das größte Ausmaß des Hungers und die geringsten Fortschritte sind in Subsahara-Afrika zu erkennen; nur in wenigen Ländern hat sich die Hungersituation merklich verbessert, wie zum Beispiel in Ghana, Dschibuti, Mosambik, Rep. Kongo, Mauretanien und Malawi; andere Länder steuern zwar auf Verbesserungen zu, liegen aber weit hinter dem angestrebten Fortschritt zur Erreichung des ersten MDGs zurück (Welthungerhilfe, IFPRI und Concern, 2007).

 

Was ist zu tun?

 

1. Die Bevölkerung in Entwicklungsländern wächst nach wie vor, zwar mit leicht abnehmenden Zuwachsraten, aber in absoluter Höhe mit rund 80 Millionen Menschen pro Jahr. Weitere Verringerungen des Bevölkerungswachstums werden sich nicht von allein einstellen. Erhebliche Investitionen in Schulen und Ausbildungsprogramme unter Einbezug von Ernährungs- und Gesundheitsthemen, in Gesundheitsversorgung und Hygiene fördernde Infrastruktur, wie Brunnenbau, dörfliche Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung sind von höchster Priorität. Dabei ist gerade unter dem Aspekt der Bevölkerungspolitik eine prioritäre Ausrichtung dieser Programme auf Frauen und Mädchen wichtig.

 

2. Nahrungsproduktion in den Entwicklungsländern muss einhergehend mit der wachsenden Bevölkerung und ihrer sich verändernden Konsumstruktur nachhaltig erhöht werden, wobei die zunehmende Konkurrenz um landwirtschaftliche Flächen für die Bioenergieerzeugung eine neue Herausforderung darstellt. Dabei kann sich steigende Nahrungsproduktion (wie auch Bioenergieproduktion) immer weniger auf die Kultivierung neuer Flächen stützen, einfach weil in vielen Regionen keine ackerbaulich nutzbaren Flächen mehr vorhanden sind. Produktivitäts- und Leistungssteigerungen werden die vorwiegende Quelle zukünftiger Nahrungsproduktionssteigerungen sein müssen. Dieser Weg ist im Gegensatz zur Flächenexpansion schwieriger. Er ist forschungs- und wissensintensiv und muss die wachsenden Engpässe, die durch Wasserknappheit und Übernutzung von natürlichen Ressourcen entstehen, ebenso wie die Gefahren eines Klimawandels, abnehmender Biodiversität und höherer Krankheitsanfälligkeit berücksichtigen. Dies erfordert steigende, nicht abnehmende Investitionen und Anstrengungen in Agrarforschung, Innovationsentwicklung und -verbreitung. Dabei eröffnen neue Ansätze wie partizipative Forschung und Innovationsentwicklung und molekularbiologische Verfahren erweiterte Möglichkeiten, den Forschungs- und Innovationsprozess effektiver zu gestalten. Gleichzeitig müssen Märkte und Institutionen im ländlichen Raum, wie Finanz- und Marktinstitutionen, Saatgut- und Düngemittelversorgung und Beratung gestärkt und ausgebaut werden. Ebenso muss der wirtschaftspolitische Rahmen so gestaltet werden, dass Landwirte Anreize erhalten, ihre Produktion zu steigern und für den Markt zu produzieren (Heidhues 2001).

 

3. Die Schaffung von Beschäftigung und Einkommen im ländlichen Raum durch Förderung arbeitsintensiver Technologien in der Landwirtschaft und der auf der Landwirtschaft und den natürlichen Ressourcen der Region aufbauenden Verarbeitungs- und Vermarktungsaktivitäten bleibt eine zentrale Aufgabe ländlicher Entwicklung. Diversifizierung in außerlandwirtschaftliche Aktivitäten bietet Beschäftigungsmöglichkeiten für aus der Landwirtschaft abwandernde Arbeitskräfte, ohne dass sie in die großen Megastädte wandern müssen. Sie schafft die Einkommen, die für Ernährungssicherung unentbehrlich sind und setzt Entwicklungsimpulse im ländlichen Raum frei.

 

4. Institutionen müssen geschaffen und wirtschaftspolitische Maßnahmen ergriffen werden. Der Erfolg von ländlichen Entwicklungsprogrammen und Maßnahmen zur Förderung der Landwirtschaft hängt entscheidend von den wirtschaftspolitischen und institutionellen Rahmenbedingungen ab. Dabei kommt es auf das Zusammenwirken und sinnvolle Aufeinanderabstimmen von langfristigen Politikmaßnahmen zur Bevölkerungsentwicklung, wirtschaftlichem Wachstum und natürlichem Ressourcenerhalt mit mehr kurzfristig orientierten Maßnahmen zur Beseitigung von Preisverzerrungen, zur Stärkung von Organisationen des Kredits, der Vermarktung, der Produktionsmittelversorgung und der Beratung an.

 

5. Gute Regierungsführung (good governance) muss gefördert werden. Wir müssen heute feststellen, dass in vielen Entwicklungsländern trotz mehr als vier Jahrzehnte dauernder Entwicklungskooperation und -förderung durch nationale und internationale Entwicklungsinstitutionen der Lebensstandard für breite Bevölkerungsschichten nicht besser, ja für viele sogar schlechter wurde. Analysen des Entwicklungsprozesses zeigen, dass die Armen deshalb auf der Verliererseite von Entwicklung stehen, weil sie nicht organisiert sind, sich nur eine schlechte Schulbildung leisten können und daher keine politische Schlagkraft bilden. Regierungen, die von Machteliten dominiert sind, haben sich nicht um die Armen gekümmert, sie sogar oft systematisch diskriminiert und Armut reduzierende Programme unterlaufen. Sie wollen verhindern, dass die Armen sich politisch artikulieren und organisieren und so den Machterhalt der Machtinhaber gefährden (Easterly 2002). Daraus ergibt sich: die Entwicklungszusammenarbeit muss in Zukunft sehr viel selektiver erfolgen. Gute Regierungsführung mit nachgewiesener Einbeziehung der Armen in den Entwicklungsprozess wird ein entscheidendes Kriterium weiterer Hilfe sein müssen, wenn Entwicklung zur Wohlfahrtssteigerung auch der Armen führen soll. Darüber hinaus ist entscheidend, die Armen in der Bildung politischer Macht zu unterstützen und ihnen zu helfen, sich politisch zu artikulieren. Es gibt Beispiele, wo Nichtregierungsorganisationen wertvolle Hilfestellung geben.

 

Fazit

 

Die nachhaltige Sicherung der Ernährung und die Reduzierung der Armut einer rasch wachsenden Bevölkerung wird die vordringlichste Aufgabe des 21. Jahrhunderts bleiben. Sie zu meistern, bleibt eine große Herausforderung für Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Es ist möglich, das Wissen zu erarbeiten und die Instrumente und die Mittel bereitzustellen. Aber das wird nicht mit einer Fortführung der bisherigen Politik „business as usual“ möglich sein (von Braun 2001). Erheblich verstärkte Anstrengungen sind erforderlich:

1. in der langfristig ausgelegten Unterstützung der Reduzierung des Bevölkerungswachstums, der Förderung von Erziehung und Ausbildung und der Erhaltung der natürlichen Ressourcen;

2. in der Förderung von Forschung und Innovationsentwicklung und -verbreitung;

3. in der ländlichen Entwicklung zur Schaffung von Arbeitsplätzen und Einkommen auch außerhalb der Landwirtschaft;

4. in der Korrektur von wirtschaftspolitischen Verzerrungen und in der Stärkung von Institutionen, vor allem im ländlichen Raum und

5. in dem stringenten Bestehen auf gute Regierungsführung und Einbeziehen der Armen in den Entwicklungsprozess.

 

Literatur / Links

 

Easterly, W. (2002): The Failure of Economic Development, in: Challenge, Vol. 45, No. 1, Armonk, NY, USA.

Heidhues, F. (2001): The Future of World, National and Household Food Security, in: Nösberger, J., Geiger, H.H. and Struik, P.C. (eds.): Crop Science: Progress and Prospects, Wallingford und New York.

Pingali, P. (2006): Westernization of Asian diets and the transformation of food systems: Implicationsfor research and policy.

Ravallion, M., S. Chen, and P. Sangraula (2007): New evidence on urbanization of global poverty, Washington D.C.

von Braun, J. (2007): The World Food Situation, Driving Forces and Required Actions. IFPRI Food Policy Report, Washington D.C

von Braun, J. (2001).Den Hunger drastisch verringern, in: Nord-Süd aktuell, XV, Nr. 3, Hamburg.

von Braun, J., Bellin-Sesay, F., Feldbrügge, T and F. Heidhues (1998): Verbesserung der Ernährung in den Entwicklungsländern: Strategien und Politikempfehlungen, Köln.

Welthungerhilfe und IFPRI (2006): Herausforderung Hunger – Welthungerindex: Fakten, Urschen, Entwicklungen, Bonn.

Welthungerhilfe, IFPRI und Concern (2007): Herausforderung Hunger 2007 – Welthungerindex: Fakten, Ursachen, Entwicklungen. Maßnahmen zur Bekämpfung von akuter Unterernährung und chronischem Hunger, Bonn.

 

Stand: April 2008

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