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Von Reiner Klingholz

 

Artikel zu Geschlechterrollen und Fertilität

Artikel zur Kontrazeption in Europa   

Artikel zur Kontrazeption weltweit

 

Familienplanung hat Tradition

 

Vor fünftausend Jahren riet der chinesische Kaiser Shen Nung Männern, mit möglichst vielen Frauen zu schlafen, ohne zu ejakulieren, um Lebenskraft für die Zeugung männlicher Nachkommen zu sammeln. Mädchen wurden oft nach ihrer Geburt getötet. Die Bibel erzählt von Onan, der das Weib seines toten Bruders nicht schwängern wollte und deshalb, wenn er ihr beiwohnte, seinen Samen „auf die Erde fallen“ ließ (Die Bibel. 1. Mose 38,9). Diese Praktiken weisen darauf hin, dass der Wunsch nach Familienplanung uralt ist.

Die überlieferten Methoden effektiver Geburtenkontrolle lagen die längste Zeit der Menschheitsgeschichte bei den Frauen, die die Folgen vorrangig zu tragen hatten. Mit der Hexenverfolgung und dem gleichzeitigen Aufkommen der von Männern dominierten medizinischen Profession ging das überlieferte Wissen über Fruchtbarkeit, Fortpflanzung und Verhütungsmethoden im alten Europa weitgehend verloren. Im Gegensatz etwa zu Afrika, wo es sich teilweise auch nach der Kolonialisierung hielt, blieb es bis ins Industriezeitalter hinein auf wenige „Geheimnisträger“ beschränkt, vornehmlich auf Ärzte und Apotheker.

 

Der harte Kampf um das Recht auf reproduktive Gesundheit

 

In den USA galt das Wissen um empfängnisverhütende Methoden noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts als „Geheimnis der Reichen“. Denn seit 1873 war der „Vertrieb, Transport oder Import von obszönem, unzüchtigem oder schlüpfrigem Material“, dazu gehörten Verhütungsmittel, gesetzlich verboten. Die einzige Möglichkeit, an Verhütungsmittel zu kommen, war über eine Arztpraxis – und ein Arztbesuch war teuer.

Während in den Niederlanden schon Ende des 19. Jahrhunderts die weltweit erste Verhütungsklinik gegründet wurde, war das Thema in Amerika noch länger Tabu. Als Pionierin der amerikanischen Frauenbewegung eröffnete Margret Sanger am 16. Oktober 1916 im New Yorker Bezirk Brooklyn die erste Beratungsstelle für Geburtenkontrolle in den Vereinigten Staaten. Sanger hatte das Elend der Frauen und Kinder als Krankenschwester erlebt: In den engen Mietskasernen der Lower East Side grassierten Syphilis und Gonorrhoe, ausgezehrte Frauen bekamen ein Kind nach dem anderen, viele erlitten Fehlgeburten oder starben an den Folgen unsachgemäß durchgeführter Aborte. So war der Andrang auf die Beratungsstelle groß. Doch schon nach zehn Tagen schloss die Polizei sie wieder und Sanger wurde zu 30 Tagen Gefängnis verurteilt. Dennoch gab sich die Vorkämpferin nicht geschlagen und erreichte durch ihre Hartnäckigkeit, dass das Verkaufsverbot von Verhütungsmitteln aufgehoben wurde – zunächst nur in New York, 1938 unter Roosevelt schließlich in allen Staaten.

Anfang der 1950er Jahre war es ebenfalls Margaret Sanger, die den Anstoß zur Forschung nach einer Verhütungspille gab. Dank der Pille konnten Frauen erstmals in der Geschichte der Menschheit ganz allein über ihre Fortpflanzung bestimmen. Der „Pillenknick“, als deutliches Absinken der Geburtenraten in den USA, in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern sichtbar, steht für das Zusammentreffen zweier Ereignisse: erstens der Verfügbarkeit eines effizienten, ausschließlich in der Hand der Frau liegenden Verhütungsmittels, und zweitens der veränderten Rolle der Frau in der Gesellschaft und ihrer zunehmenden Integration in das Arbeitsleben. Margaret Sanger und ihre Mitstreiterinnen hatten eine bedeutende gesellschaftliche Neuerung angeschoben, deren endgültige Etablierung sich in dem Schlussdokument der UN-Weltbevölkerungskonferenz von 1994 widerspiegelt: Die Befreiung der Sexualität von der Angst vor unerwünschter Schwangerschaft. Von dieser kann allerdings ein Großteil der Frauen in den weniger entwickelten Ländern bis heute nur träumen. Kairo 1994 markiert jedoch auch eine Neuorientierung in der Konzeption von Familienplanungsprogrammen: Die in der Bevölkerungspolitik lange vorherrschende Idee, Entwicklung sei „die beste Pille“, rückte etwas in den Hintergrund. Der Anspruch auf körperliche Unversehrtheit als fundamentales Menschenrecht und die Stärkung der Frauenrolle standen jetzt als Mittel im Kampf gegen rapides Bevölkerungswachstum an erster Stelle.

 

Literatur

 

Asbell, Bernard (1996): Die Pille und wie sie die Welt veränderte

Kröger, Friederike / van Olst, Nienke / Klingholz, Reiner (2004): Das Ende der Aufklärung

 

Artikel zu Geschlechterrollen und Fertilität

Artikel zur Kontrazeption in Europa         

Artikel zur Kontrazeption weltweit

 

Stand: Oktober 2007

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