
Von Heinz Faßmann
Artikel zu Internationaler Migration
Artikel zu Flucht und Vertreibung
Artikel zu Integration
Begriffsbestimmung
Binnenmigration (hier synonym mit "Binnenwanderung" verwendet) wird generell als Wanderung innerhalb eines "Gebiets" verstanden (vgl. Leser 1997), wobei das „Gebiet“ ein Staat oder eine Region sein kann. Der Begriff ist damit nicht sehr exakt definiert, denn Wanderungen innerhalb einer – möglicherweise sehr kleinen – Region gelten genauso als Binnenmigration wie Wanderungen innerhalb eines Staates. Die Relativität von Innen und Außen und in weiterer Folge von Binnenwanderung und Außenwanderung wird damit deutlich und ist im Sinne einer klaren Begrifflichkeit als nachteilig zu werten.
Binnenwanderung ist jedenfalls eine Form von räumlicher Mobilität. Dazu zählt neben Wanderungen – als dauerhaft konzipierte Verlagerung des Wohnortes – auch die Pendelwanderung – die periodisch wiederkehrende Distanzüberwindung zwischen Wohn- und Arbeitsort – sowie alle sonstigen Formen (Freizeitverkehr, Einkaufsfahrten etc.). Wanderungen selbst können auf der Grundlage vieler weiterer Kriterien eingeteilt werden. Ein Kriterium ist dabei die „Qualität“ der überschrittenen Grenze, die zur Differenzierung in Außen- und Binnenwanderung führt.

Theoretischer Rahmen
Binnenwanderung stellt – vom theoretischen Hintergrund aus betrachtet – keinen Sonderfall dar. Ganz im Gegenteil: Weil die binnenstaatliche Migration in den meisten Staaten politisch nicht reglementiert wird, ist die Anwendbarkeit theoretischer Ansätze um vieles besser gegeben als bei der Außenwanderung. Binnenwanderung kann daher zunächst als Distanzphänomen erklärt werden. Territoriale Einheiten, die benachbart sind, weisen in der Regel ein höheres Maß an Austausch auf als entfernt liegende Einheiten (Gravitationsansatz). Die Distanz steuert das Ausmaß der Binnenwanderung.
Binnenwanderung kann – unabhängig von der Distanz – auch als eine Folge von regionalen Disparitäten im Bereich der Beschäftigung und des Einkommens erklärt werden. Im Rahmen des liberalen Marktmodells streben Arbeitskräfte eine hohe Rendite des Produktionsfaktors „Arbeit“ an. Sie werden daher dorthin ziehen, wo Arbeitsnachfrage besteht (Job-vacancy-These) oder wo das erzielbare Arbeitseinkommen hoch ist (Income-differential-These). Die Binnenwanderung von Arbeitskräften in Richtung Hochlohnarbeitsmarkt führt dazu, dass dort die Löhne tendenziell sinken, während sie in den Abwanderungsgebieten aufgrund der Knappheit des Produktionsfaktors Arbeit steigen werden. Binnenwanderung ist in diesem theoretischen Ansatz ein Vehikel, um regionale Disparitäten auszugleichen und einen – wenn auch kurzfristigen – interregionalen Gleichgewichtszustand zu erreichen.
Schließlich kann Binnenwanderung nicht nur als Folge ungleicher Löhne oder Arbeitsmöglichkeiten aufgefasst werden, sondern generell als Konsequenz ungleicher Lebensbedingungen. Dazu zählen nicht mehr nur Einkommen und Arbeit, sondern auch Wohnmöglichkeiten, die regionale Ausstattung mit sozialer Infrastruktur sowie die nichtmaterielle Bewertungen der Lebensqualität. Potentiell Wandernde wägen in einem Entscheidungsprozess ab, was die Herkunftsregion „zu bieten“ hat, welche abstoßenden („push“) und welche anziehenden („pull“) Faktoren vorhanden sind und vergleichen dies mit den Push- und Pull-Faktoren der potentiellen Zielregion. Wenn viele Pull-Faktoren für und nur wenige Push-Faktoren gegen eine Zielregion sprechen, dann kann eine Binnenwanderung erfolgen, die – im Unterschied zur Außenwanderung – nicht durch Einwanderungsgesetze, Visa-Bestimmungen oder Fremdenrecht gesteuert wird.
Entwicklungstendenzen
In vorindustriellen, traditionellen Gesellschaften („premodern traditional society“) ist das Ausmaß der räumlichen Mobilität vergleichsweise gering. Auch wenn das Bild einer statischen und immobilen Gesellschaft nicht stimmt, so bleibt das Ausmaß an Wanderungen im Vergleich zu anderen Phasen gering. Wenn Wanderungen stattfinden, dann handelt es sich in vielen Fällen um Wanderungen über kurze Distanzen und – wenn keine Außengrenze überschritten wird – eben um Binnenwanderung.
Mit dem Beginn der Industrialisierung und der zunehmenden Konzentration von Arbeitsplätzen in den urbanen Zentren steigt das Ausmaß an räumlicher Mobilität insgesamt („early transitional society“). Dazu kommt, dass gleichzeitig die Sterblichkeit sinkt und die Bevölkerungszahl zunimmt. Das „Öffnen der Bevölkerungsschere“ erhöht die Zahl der abwanderungsbereiten Menschen in den ländlichen Räumen und gleichzeitig die binnenorientierte Land-Stadt-Wanderung.
Die Industrialisierung breitet sich aus und wird zum dominanten Leitsektor der Volkswirtschaften („late transitional society“). Die binnenorientierte Land-Stadt-Wanderung dauert zwar noch immer an, wird aber von anderen Wanderungsformen begleitet: Die Fernwanderung (inklusive Überseewanderung) wird ebenso wichtig wie die Wanderung von Arbeitskräften von einem industriellen Standort zum anderen. Die Bedeutung der Binnenwanderung geht damit aber relativ zurück.
Der Industrialisierungsprozess ist weitgehend abgeschlossen, der demografische Übergang ebenso („advanced society“). Geburten- und Sterbezahlen haben sich auf einem niedrigen Niveau eingependelt, und damit ist die Phase des raschen Bevölkerungswachstums beendet. Der „Druck“ abwanderungsbereiter Menschen aus den ländlichen Räumen lässt nach und ebenso die Arbeitskräftenachfrage in der Industrie. Die Land-Stadt-Wanderung der Arbeitskräfte und die Massenmigration über lange Distanzen und nach Übersee gehen zurück. Alle zirkulären Wanderungsformen nehmen dagegen zu: die Wanderung hoch qualifizierter Eliten und die Wanderung von „Gastarbeitern“ mit hohen Intensitäten der Rückreise und des Weiterwanderns.
In der nachindustriellen Gesellschaft („superadvanced society“) setzt sich der relative Rückgang der arbeitsorientierten Binnenwanderung weiter fort. Die Industrie und der Dienstleistungssektor haben sich nahezu flächig ausgebreitet und auf viele Zentren verteilt. Die Substitution der Wanderungen durch periodische Pendelwanderungen vom Wohn- zum Arbeitsort wurde möglich und förderte eine andere Form der Binnenwanderung: die Abwanderung von meist jungen Familien mit Kindern aus den Kernstädten in das Stadtumland. Die räumliche Mobilität in einer nachindustriellen Gesellschaft ist damit weiterhin sehr hoch – in der Tendenz sogar ansteigend –, aber zunehmend durch zirkuläre Formen (zirkuläre Elitenmigration, konjunkturelle Arbeitskräftewanderung, Pendelwanderung) und wohnstandortorientierte Wanderungen (Suburbanisierung, Seniorenwanderung) gekennzeichnet.

Ausmass und Strukturmerkmale
Das Ausmaß der Binnenwanderung selbst sagt sehr viel über die Mobilitätsbereitschaft und die Mobilitätsmöglichkeiten in der Gesellschaft aus. In weiterer Folge wird damit etwas über die Struktur des Wohnungs- und Bodenmarkts, über die Verteilung und die Dynamik der Arbeitsplätze und über den gesellschaftlichen Status von Mobilität und Sesshaftigkeit ausgesagt. Maßzahlen zur Kennzeichnung der Intensität der Binnenwanderung eignen sich daher zum internationalen Gesellschaftsvergleich.
In Österreich kommen jährlich auf 1.000 Einwohner rund 36 Binnenwanderer (genauer Binnenwanderungen), die einen Wohnortwechsel zumindest über die Gemeindegrenze vorgenommen haben (Stand 2006). In Deutschland (Stand 1999) ist dieser Wert höher (50 Wanderungen pro 1.000 Einwohner) und noch mobiler sind die Bewohner der USA. Aus dem Zensus 2000 geht hervor, dass immerhin 153 von 1.000 Einwohnern innerhalb eines Jahres die Wohnung wechseln, 57 von 1.000 überschreiten dabei eine County-Grenze. Auch wenn der unterschiedliche Zuschnitt der territorialen Grenzen die Binnenwanderungsraten erheblich beeinflusst, so lässt sich dennoch daraus ein unterschiedliches Mobilitätsmuster ableiten. Die US-amerikanische Gesellschaft ist räumlich weit mobiler, auf einem einigermaßen transparenten Boden- und Immobilienmarkt können Hauswerte exakt bestimmt werden und der große gemeinsame Kulturraum fördert die Möglichkeit, dorthin zu ziehen, wo bessere Arbeits- und Wohnbedingungen herrschen.
Ein Großteil der Binnenwanderung ist zumindest in Europa eine Wanderung aus der Kernstadt in das Stadtumland und – umgekehrt – eine Wanderung aus den ländlichen Räumen in die Stadt zum Zwecke der Ausbildung oder der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit. In Österreich entfällt fast die Hälfte der jährlichen und eine Bundeslandgrenze überschreitenden Binnenwanderung auf Wanderungen in die Bundeshauptstadt Wien und von dort in die benachbarten Bundesländer. In Deutschland ist dieses Muster weniger deutlich ausgeprägt, weil keine Dominanz einer großen Stadt vorliegt, sondern eine Reihe von wichtigen Stadtregionen vorhanden ist. Aber auch dort nehmen die Wanderung in die großen Städte und jene aus den Städten in das Umland einen wichtigen Stellenwert ein.
Die Binnenwanderung in die Kernstädte und in das Stadtumland verändert die Bevölkerungszahl und die Altersstruktur in der Herkunfts- und Zielregion. Weil Binnenwanderung hauptsächlich junge Menschen erfasst, die zum Zwecke der Ausbildung oder der ersten Berufstätigkeit in die Städte ziehen oder nach der Geburt der Kinder die Stadt wieder verlassen, gehen den Herkunftsregionen immer auch potentielle Mütter und Väter und natürlich auch Konsumenten und Arbeitskräfte verloren. Umgekehrt erfahren die Altersstrukturen der Zielregion eine dauernde „Verjüngung“. Binnenwanderung führt damit nicht nur zu einer unterschiedlichen Einwohnerzahl, sondern auch zu einer unterschiedlichen Altersstruktur mit zahlreichen Folgeeffekten (Verlust oder Zuwachs an Konsumenten, Arbeitskräften, Schülern, Pensionisten).

Fazit
Binnenwanderung ist im Vergleich zur Außenwanderung eine noch immer quantitativ bedeutende Form der Wanderung. Trotz der sich abzeichnenden Substitution von Binnenwanderung durch Pendelwanderung ist das Wanderungsvolumen der Binnenwanderung in europäischen Staaten mehr als doppelt so groß wie das der Außenwanderung. Binnenwanderung führt dabei nicht nur zur Verlagerung der Bevölkerung innerhalb des staatlichen Territoriums, sondern verändert auch die Altersstruktur nachhaltig. Die regional- und sozialpolitischen Anforderungsprofile in den typischen Abwanderungsgebieten sind grundsätzlich unterschiedlich zu jenen in den Zuwanderungsgebieten. Gilt es auf der einen Seite Abwanderung zu stoppen und soziale Infrastruktur auch bei unterkritischen Größen aufrecht zu erhalten, so müssen auf der anderen Seite die Folgen des altersspezifischen Wachstums durch den Ausbau der sozialen Infrastruktur geregelt werden.
Literatur / Links
Bähr, Jürgen (1997): Bevölkerungsgeographie. Verteilung und Dynamik der Bevölkerung in globaler, nationaler und regionaler Sicht. Stuttgart.
Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim (1995): Wanderungen. In: ARL (Hrsg.): Handwörterbuch der Raumordnung. Hannover, S. 1069–1076.
Leser, Hartmut (1997): Wörterbuch der Allgemeinen Geographie. Braunschweig.
Statistik Austria (Hrsg.) (2007): Wanderungsstatistik 2006. Wien
Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2000): Bevölkerung – Wanderungen (Binnenwanderungen). Wiesbaden.
Zelinsky, Wilburn (1971): The hypothesis of the mobility transition. Geographical Review 61, S. 219–249.
Stand: Oktober 2007