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Von Frank Nuscheler

 

Weltbevölkerungswachstum


Die Weltbevölkerung hat sich im 20. Jahrhundert nahezu vervierfacht. Zwar hat sich ihre Wachstumsdynamik zu Beginn des 21. Jahrhunderts abgeschwächt, weil gleichzeitig die Fertilitätsrate im vergangenen halben Jahrhundert schneller als je zuvor in der Menschheitsgeschichte gefallen ist: von ungefähr fünf auf 2,6 Kinder pro Frau im globalen Durchschnitt. Aber sie liegt nach vorläufigen Daten des Weltbevölkerungsberichts 2007 in den ärmsten Ländern (LLDC) immer noch bei 4,7, in Ost- und Westafrika bei 5,3 und in Zentralafrika sogar bei 6,1 Kindern, nur im Südlichen Afrika aufgrund der hohen Aids bedingten Mortalität bei nur 2,7. Aufgrund der hohen Geburtenraten in den letzten Jahrzehnten und der demografischen Eigendynamik, die junge Bevölkerungen erzeugen, wird die Weltbevölkerung dennoch in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts nach verschiedenen Prognosen der UN Population Division von derzeit 6,6 auf über neun Milliarden Menschen anwachsen.

 

Daten zum weltweiten Bevölkerungswachstum

Ländergruppen/

Regionen/ Länder

Jährl. Wachstumsrate

Fertilitätsrate

Projektion

2005-2010

1970-1975

2007

2050 in Mio.

Ostasien

0,5

6,6

1,69

1587

- China

0,6

4,9

1,73

1331

- Japan

0,1

2,1

1,36

112

Südostasien

1,2

5,3

2,33

752

- Indonesien

1,1

5,1

2,22

228

- Thailand

0,8

5,0

1,87

75

- Laos

2,2

6,2

4,33

12

Südasien

1,5

5,6

2,92

2495

- Indien

1,4

5,4

2,79

1593

- Pakistan

2,1

6,3

3,77

305

- Bangladesh

1,8

7,0

2,98

243

Afrika

2,1

6,8

4,71

945

Westafrika

2,3

..

5,40

587

- Nigeria

2,1

6,9

5,38

258

- Ghana

1,9

6,6

3,90

41

- Burkina Faso

2,9

7,8

6,38

39

Ostafrika

2,3

..

5,28

301

- Äthiopien

2,3

6,8

5,47

170

- Tansania

1,8

6,8

4,51

67

Südliches Afrika

0,1

..

2,73

56

- Südafrika

0,2

4,8

2,65

49

- Lesotho

-0,3

..

3,30

2

Südamerika

1,3

..

2,38

527

- Brasilien

1,3

4,7

2,25

191

- Chile

1,0

4,6

1,94

17

Arabische Staaten

2,1

6,6

3,40

598

GUS-Staaten

-0,2

2,4

1,33

..

LLDC

2,3

6,6

4,74

1735

Entwicklungsländer

1,3

5,4

2,76

7840

Industrieländer

0,2

2,1

1,58

1236

Welt

1,1

4,5

2,56

9076

Quellen: Weltbevölkerungsbericht 2007;  Human Development Report 2002.

 

Dieses Wachstum der Weltbevölkerung ist vor allem deshalb eine große Herausforderung für die Weltpolitik und internationale Entwicklungspolitik, weil es zu 97 Prozent in den Weltregionen stattfindet, die wir gemeinhin zur Dritten Welt oder zum „Süden“ zählen. Am schnellsten wächst die Bevölkerung trotz des Massensterbens an AIDS im subsaharischen Afrika. Einige ressourcenarme afrikanische Sahel-Länder haben zugleich die höchsten Geburtenraten. Hier verbindet sich hohes Bevölkerungswachstum mit allen negativen Strukturmerkmalen von Unterentwicklung. Weil die Bevölkerung in den beiden Armutsregionen Afrika und Südasien sowie in den bevölkerungsreichen arabischen (und islamischen) Ländern am schnellsten wächst, gibt es kaum eine entwicklungspolitische Diskussion, die nicht beim „Bevölkerungsproblem“ ankommt und bei apokalyptischen Horror- und Katastrophenszenarien endet, die sich um die „Bevölkerungsexplosion“ ranken. Diese macht auch deshalb Angst, weil viele in ihr auch die Hauptursache für den befürchteten „globalen Marsch“ aus den Armutsregionen in die Wohlstandsregionen der „OECD-Welt“ erkennen. Migration funktioniert aber nicht wie ein System kommunizierender Röhren, das einen natürlichen Ausgleich zwischen demografischen Ungleichgewichten schafft.

Nicht nur die heutigen Industrieländer haben das Verelendungsgesetz von Malthus widerlegt. Noch beweiskräftiger ist die in wenigen Jahrzehnten gewonnene Erfahrung einiger entwicklungs- und bevölkerungspolitischer Erfolgsländer, dass es möglich ist, durch Entwicklung das Bevölkerungswachstum deutlich zu verringern und den von Malthus suggerierten Teufelskreis vom hohen Bevölkerungswachstum und Armut zu durchbrechen. Dies sind nicht nur die ost- und südostasiatischen „Tigerstaaten“, sondern beispielsweise auch die „Zuckerinsel“ Mauritius, die in einem raschen sozio-ökonomischen Strukturwandel und durch gezielte Investitionen in das Bildungs- und Gesundheitswesen das jährliche Bevölkerungswachstum von vier Prozent auf 0,8  Prozent drückte. Im armen südindischen Bundesstaat Kerala hat eine hohe Alphabetisierung von Frauen zumindest dazu beigetragen, dass die Fertilitätsrate trotz großer Armut deutlich unter den nationalen Durchschnitt gedrückt werden konnte. Einen ähnlichen Beleg für die bevölkerungspolitische Wirksamkeit einer aktiven Sozialpolitik liefert Thailand mit einem jährlichen Bevölkerungswachstum von nur noch 0,7 Prozent (2007). Solche fertilitätssenkenden Wirkungen können aber nur erzielt werden, wenn gleichzeitig hinreichend Informationen, Möglichkeiten und Mittel zur Geburtenkontrolle angeboten werden. In der fernöstlichen Wachstumsregion (mit islamischen Bevölkerungsmehrheiten in Malaysia und Indonesien) wird das durchschnittliche jährliche Bevölkerungswachstum in den nächsten 15 Jahren nach UN-Prognosen sogar auf 0,8 Prozent sinken.  

Das Wachstum der Weltbevölkerung ist regional sehr ungleich verteilt, weil sich die „Entwicklungswelten“ des Südens nach ihrem Entwicklungsniveau und ihren Wertsystemen vielfach unterscheiden. Zwischen Lateinamerika und Afrika gibt es weit größere sozio-ökonomische und kulturelle Unterschiede als zwischen Nord- und Südamerika. Die Tabellen belegen, dass das Bevölkerungswachstum dort am höchsten ist, wo die Statistiken die größte Armut, vor allem die größten Defizite im Bildungs- und Gesundheitswesen ausweisen, und dort sinkt, wo die Alphabetisierungsraten unter Frauen stiegen und die Säuglingssterblichkeit gesenkt wurde.

Die Erfahrung der alten Industrieländer und neuen Schwellenländer zeigt einen kausalen Zusammenhang zwischen demographischer und sozio-ökonomischer Entwicklung. Ihre Erfolgsgeschichte lehrt allerdings auch, dass nur ein umfassender sozialer und kultureller Wandel, der von innen kommen muss und von außen allenfalls unterstützt werden kann, das generative Verhalten von Individuen und Gesellschaften verändern kann. Solange viele Kinder als Himmelsgeschenk oder in Machokulturen als Nachweis der Männlichkeit gelten, können auch Schiffsladungen von Kondomen und Pillen wenig ausrichten.

Bei dem Prinzip „Hoffnung“ (Klaus Leisinger), dass Entwicklung den Teufelskreis von Armut und hohem Bevölkerungswachstum durchbrechen könne, muss allerdings auch berücksichtigt werden, dass gerade die ärmsten Entwicklungsländer mit weit größeren Struktur- und Entwicklungsproblemen konfrontiert sind als es die heutigen Industrieländer bei ihrem Wandel von Agrar- zu Industriegesellschaften waren:

·        Das Bevölkerungswachstum in Europa und Japan überstieg im 19. Jahrhundert selten die Ein-Prozent-Marke, während es im Durchschnitt der Entwicklungsländer im Zeitraum 1975-99 bei 1,9 Prozent, in den ärmsten Ländern sogar bei 2,6 Prozent lag.

·        Europa gab einen erheblichen Teil des Bevölkerungszuwachses durch Auswanderung in seine Kolonien und in die amerikanische „Neue Welt“ ab, während heute die Ventile für die Migration aus Regionen mit hohem Bevölkerungswachstum zunehmend verstopft werden.

·        In großen Teilen der Dritten Welt ist das Pro-Kopf-Einkommen niedriger und das Human- und Sachkapital weniger entwickelt als in Europa, Nordamerika und Japan in Zeiten des höchsten Bevölkerungswachstums. Folglich tun sie sich auch schwerer, das Bevölkerungswachstum produktiv aufzufangen.  

Es zeigt sich, dass es auch bei der Nutzung von Verhütungsmitteln große regionale Unterschiede gibt, die – wie in islamischen Ländern – religiös bedingt sein können, aber in den ärmsten Ländern auch auf Unwissen und auf dem begrenzten Zugang zu Gesundheits- und Familienplanungszentren beruhen.

 

Daten zum Bildungs- und Gesundheitswesen und zur Benutzung von modernen Kontrazeptiva 

Ländergruppen/

Regionen/ Länder

Analphabetenrate

Säuglingssterblichkeita

Benutzung von

Kontrazeptivab

Männer

Frauen

1970

2007

 

Ostasien

9

22

84

29

81

- China

5

13

85

31

83

Südostasien

..

..

97

41

51

- Indonesien

6

13

104

35

57

- Thailand

5

9

74

17

70

Südasien

35

59

130

62

42

- Indien

27

52

130

60

43

- Pakistan

37

64

118

71

20

Westafrika

..

..

..

109

8

- Nigeria

30

48c

120

109

8

- Niger

57

85

197

146

4

- Ghana

34

50

111

56

19

Ostafrika

..

..

..

87

18

- Kenia

22

30

96

64

32

- Tansania

22

38

129

104

20

Zentralafrika

..

..

..

110

6

- DR Kongo

19

46

147

113

4

- Angola

17

46

179

131

5

Lateinamerika

..

..

86

23

65

- Brasilien

12

11

95

24

70

- Mexiko

8

10

79

17

60

Arabische Staaten

20

41

126

50

36

LLDC

..

..

150

92

..

Industrieländer

..

..

40

7

57

a auf Tsd. Lebendgeburten; b moderne Methoden; c 1998

Quellen:Weltbevölkerungsbericht 2007;  Human Development Report 2002.

Viele Studien haben nachgewiesen, dass mit steigendem Bildungsgrad der Frauen die Zahl der Kinder und die hohe Zahl ungewollter Schwangerschaften, auf die etwas ein Viertel des Bevölkerungswachstums zurückgeführt wird, deutlich sinken. Investitionen in das Bildungswesen, vor allem in die Ausbildung von Mädchen, und in das Gesundheitswesen sind also nicht nur elementare Gebote der Menschenrechte, sondern zahlen sich auch bevölkerungspolitisch aus. Ein Experte des World Population Council bot deshalb eine einfache Lösungsformel für ein kompliziertes Problem an: „Schickt jedes Mädchen acht Jahre in die Schule, verbietet ihre frühe Eheschließung und schafft soziale Sicherheit, dann ist alles paletti.“

Die entwicklungs- und bevölkerungspolitischen Erfolgsgeschichten sprechen gegen das Schwelgen in defätistischen Horror- und Katastrophenszenarien und verleihen den Handlungsempfehlungen der Kairoer Weltbevölkerungskonferenz Überzeugungskraft:

·        die Bekämpfung der Massenarmut durch höhere Investitionen in die sozialen Grunddienste;

·        die Verbesserung der Bildungschancen, vor allem für Mädchen und Frauen, und den flächendeckenden Ausbau von Basisgesundheitsdiensten und Beratungszentren für die Familienplanung;

·        den Ausbau sozialer Sicherungssysteme, die den Zwang vermindern, möglichst viele Kinder zur Alterssicherung in die Welt zu setzen;

·        verstärkte Programme zur Frauenförderung, weil die Chancengleichheit für Frauen eine prinzipielle Voraussetzung für den Erfolg bevölkerungspolitischer Zielsetzungen bildet;

·        schließlich höhere finanzielle Aufwendungen für bi- und multilaterale Programme zur Familienplanung.

Die Hoffnungen auf den Erfolg all dieser Handlungsempfehlungen, die Entwicklungs- und Bevölkerungsexperten gemeinsam erarbeiteten, schwanden allerdings schnell, weil viele Industrieländer, allen voran die USA, nicht nur ihre finanziellen Leistungen an multilaterale Programme zur Familienplanung kürzen, sondern auch ihre Mittel für die Armutsbekämpfung nicht so steigerten, wie sie wiederholt auf internationalen Konferenzen versprachen. Deshalb droht auch das zentrale Milleniumsentwicklungsziel zu scheitern, bis zum Jahr 2015 die Zahl der absolut Armen zu halbieren. Ob die Weltbevölkerung in der Mitte des 21. Jahrhunderts die neun Milliarden nicht weit überschreiten wird, hängt also nicht allein von der demografischen Eigendynamik, sondern auch vom politischen Willen der politischen Klassen im Norden und Süden ab, mehr in die soziale Entwicklung zu investieren.

 

Literatur

 

Brown, Lester R./Gary Gardner/Brian Halweil: Wie viel ist zu viel? 19 Dimensionen der Bevölkerungsentwicklung, Stuttgart 2000.

DGVN (Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen): Bevölkerung und Entwicklung. Informationsdienst (lfd.).

DSW (Deutsche Stiftung Weltbevölkerung)/Population Reference Bureau: World Population Data Sheet, Hannover/Washington, D.C.

DSW-Newsletter (www.dsw-online.de)

Haupt, Arthur/Thomas T. Kane/DSW (Hrsg.): Handbuch Weltbevölkerung. Begriffe, Fakten, Konzepte, Stuttgart 1999.

Leisinger, Klaus M.: Hoffnung als Prinzip. Bevölkerungswachstum: Einblicke und Ausblicke, Basel/Boston/Berlin 1993.

Leisinger, Klaus M.: Die sechste Milliarde. Weltbevölkerung und nachhaltige Entwicklung, München 1999.

UNFPA (UN Bevölkerungsfonds): Weltbevölkerungsberichte, New York/Bonn/Stuttgart, jährlich.

UN Population Division: World Population Prospects. The 2006 Revision, New York 2007.

 

Stand: März 2008

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