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Was frühkindliche Sprachförderung leisten kann

Von Tanja Kiziak, Vera Kreuter und Reiner Klingholz

 

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Nach den schlechten Pisa-Ergebnissen wurde in Politik und Öffentlichkeit die Forderung laut, Kinder beim Erwerb der deutschen Sprache von Anfang an besser zu fördern. Dadurch sollen Sprachdefizite von vornherein vermieden werden, die nach der Einschulung schnell zu umfassenden Bildungsdefiziten und damit zu vertanen Lebenschancen werden können – was sich Deutschland, eine schrumpfende Gesellschaft mit Nachwuchsmangel, nicht leisten kann.

Der Bedarf an frühkindlicher Sprachförderung ist hierzulande hoch: Jedes zweite bis dritte Kind mit Migrationshintergrund, aber auch etwa jedes zehnte Kind, das mit Deutsch als Muttersprache aufwächst, weist im Vorschulalter Sprachdefizite auf und dürfte daher ohne zusätzliche Förderung Probleme haben, dem Schulunterricht zu folgen.

 

Die Bevölkerung mit Migrationshintergrund: ungenutzte Potenziale

 

Bereits heute hat ein Drittel der unter Sechsjährigen einen Migrationshintergrund, in einigen Großstädten sogar bis zu zwei Drittel. Für unsere alternde Gesellschaft stellen Migranten ein großes Potenzial dar, denn als Gruppe haben sie drei demografische Eigenschaften, die sie von der alteingesessenen Bevölkerung unterscheiden: Es gibt unter ihnen vergleichsweise wenig Ältere, aber viele Kinder und viele junge Erwerbsfähige. Sie könnten theoretisch dazu beitragen, die demografischen Probleme Deutschlands zumindest teilweise auszugleichen. Aus den Erwerbsfähigen werden allerdings zu häufig keine Erwerbstätigen. Unter anderem mangels Förderung sind Migranten im Schnitt schlechter qualifiziert und häufiger arbeitslos als Einheimische. Ihr Potenzial wird derzeit also nicht voll ausgeschöpft.

 

Nicht nur der Migrantenanteil an der Bevölkerung nimmt zu. In den Ballungszentren steigt auch der Anteil der Eltern mit sehr niedrigem Bildungsstand. Beides sind Risikofaktoren, die sprachliche Defizite begünstigen: Eltern mit niedrigem Bildungsniveau bieten ihren Kindern mitunter nicht die Menge und Art an Sprachimpulsen, die für einen reibungslosen Spracherwerb nötig sind. An sprachlicher Anregung speziell im Deutschen mangelt es hingegen in Familien, in denen die Eltern nicht oder nur schlecht Deutsch sprechen. In diesen Fällen ist es schon allein wegen der emotionalen Bindung besser, wenn das Kind innerhalb der Familie die Herkunftssprache der Eltern erwirbt. Ein fehlerhaftes deutsches Sprachangebot würde ohnehin nicht zu muttersprachlicher Kompetenz führen. Wichtig ist dann aber, dass das Kind frühzeitig und regelmäßig außerhalb der Familie mit dem Deutschen in Kontakt kommt.

Wenn Kinder mehrere Jahre vor der Einschulung eine Kita besuchen, können die ErzieherInnen und anderen Kinder genügend Anregung bieten, um sprachliche Defizite auszugleichen – sofern die Bedingungen günstig sind. Allerdings nutzen gerade Kinder mit Migrationshintergrund und aus sogenannten bildungsfernen Schichten vergleichsweise selten und spät Bildungsangebote außerhalb der Familie. Aufgrund von demografischen und gesellschaftlichen Veränderungen ist auch keineswegs garantiert, dass die Kinder in der Kita das „Sprachbad“ erhalten, das für einen leichten und schnellen Erwerb des Deutschen nötig wäre.

 

Für viele bietet die Kita kein deutsches Sprachbad   

 

Im bundesdeutschen Durchschnitt besucht etwa jedes dritte Kind, das in der Familie kein oder wenig Deutsch spricht, eine Kita, in der mehr als die Hälfte aller Kinder zu Hause ebenfalls kein Deutsch spricht. Problematisch ist diese sprachliche Segregation in der Kita besonders dann, wenn die Kinder großteils die gleiche nichtdeutsche Sprache sprechen. Im schlechtesten Fall lernen die Kinder auch nach mehrjährigem Besuch einer solchen Kita nicht ausreichend Deutsch, weil es für sie im Alltag kaum je notwendig ist, sich auf Deutsch verständigen zu können.

 

Daher werden große Hoffnungen in spezielle Sprachförderprogramme und -kurse gesetzt. Inzwischen existiert eine Vielzahl an Ansätzen, die sich grob in zwei Gruppen einteilen lassen: Erstens lassen sich zahlreiche Weiterbildungsangebote und Materialsammlungen für das pädagogische Personal finden, die darauf abzielen, Kinder im Gruppenalltag der Kita sprachlich zu fördern. Zweitens gibt es verschiedene Konzepte, die eine Förderung der Kinder in gesonderten Kleingruppen vorsehen. Diese Sprachkurse führen externe Sprachförderkräfte durch oder normales Kita-Personal, das entsprechend geschult wird.


Ernüchternde Ergebnisse zeigen Verbesserungspotenzial


Bislang wurden erst drei der Programme, die auf gesonderte Sprachkurse setzen, in Studien mit hohem wissenschaftlichem Standard evaluiert – die Ergebnisse waren enttäuschend. Meist entwickelten sich die Kinder, die eine Förderung erhielten, sprachlich nicht besser oder schneller als diejenigen in der Kontrollgruppe. Daraus zu schließen, dass Sprachförderung in der Kita grundsätzlich nutzlos ist, wäre allerdings voreilig: Zum einen stecken die Evaluationsverfahren selbst noch in den Kinderschuhen, sodass sie mitunter mehr Fragen aufwerfen als sie beantworten können. Zum anderen lassen sich die mangelnden Erfolge dadurch erklären, dass die Umsetzung in den Kitas bei den evaluierten Programmen – teils aufgrund politischer Vorgaben – nicht optimal verlaufen ist: Die Kinder wurden erst ab dem Vorschulalter und damit aus Sicht des Spracherwerbs zu spät gefördert, die Kurse waren nicht ausreichend mit dem Kita-Alltag verzahnt und die KursleiterInnen hätten mehr fachliche Unterstützung und Begleitung gebraucht.

Das Discussion Paper nennt eine Reihe von Ansatzpunkten, die sich in Wissenschaft und Fachpraxis als wichtig und erfolgversprechend für frühkindliche Sprachförderung in der Kita herauskristallisiert haben. Dazu gehören unter anderem der systematische Einbezug der Erstsprache des Kindes, die kontinuierliche Schärfung des Sprachbewusstseins der Erzieher und Erzieherinnen sowie die individuelle Förderung der Kinder entsprechend ihres Sprachentwicklungsstandes. Und nicht zuletzt: dem Spracherwerb Zeit zu geben.

Auch strukturelle Veränderungen in der frühkindlichen Betreuung wären aus Sicht des Spracherwerbs sinnvoll. Sie  dürften politisch allerdings nur schwer durchsetzbar sein. So wären eine Kindergartenpflicht ab dem dritten Lebensjahr sowie ein kostenfreies erstes Kindergartenjahr für dreijährige Kinder hilfreich, damit die Sprachförderung in der Kita möglichst viele Kinder möglichst früh erreicht. Die Festlegung von Herkunftsquoten könnte die sprachliche Durchmischung in den Kita-Gruppen erhöhen. Doch auch Vernetzungsprojekte, etwa zwischen verschiedenen Kitas oder zwischen Kita und Seniorenheim, sowie das zivilgesellschaftliche Engagement von Lesepaten können dazu beitragen, die Isolation in den Kitas zu überwinden, in denen Kinder mit nichtdeutscher Erstsprache die Mehrheit stellen.

Alle Studien weisen darauf hin, dass sich gerade sehr frühe Investitionen in Bildung auszahlen. Bei Sprachförderung ist dies im besonderen Maß der Fall, denn Kleinkinder sind von Natur aus die besten Sprachlerner, die es gibt.

 



Das Discussion Paper ist mit Unterstützung der Siemens Stiftung entstanden.

 

Hier finden Sie das vollständige Discussion Paper als PDF.

Für Fragen und Interviews stehen Ihnen zur Verfügung:
Dr. Tanja Kiziak, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Berlin-Instituts, Tel. 030 - 31 01 74 50
Vera Kreuter, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Berlin-Instituts, Tel. 030 - 31 01 68 35

Julia Rüter, Pressesprecherin/Kommunikationsleitung Siemens Stiftung, Tel. 089 - 54 04 87-110
Ursula Gentili, Projektleitung Frühkindliche Sprachförderung, Siemens Stiftung, Tel. 089 - 54 04 87-309


Die im Discussion Paper enthaltenen Grafiken erhalten Sie vom Berlin-Institut auf Anfrage unter Telefon: 030 - 22 32 48 45 oder E-Mail: info(at)berlin-institut.org.