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Erobern religiöse Menschen mit vielen Nachkommen die Welt?

 

Von Steffen Kröhnert und Reiner Klingholz

 

Zum Discussion Paper (PDF)

Das Medienecho auf dieses Discussion Paper finden Sie in der Presseschau

 

Glaube, Macht und Kinder

Erobern Religiöse mit ihren hohen Kinderzahlen die Welt?

 

Mindestens ein halbes Jahrhundert lang war die Religion in Europa auf dem Rückzug. Glaubten um das Jahr 1950 in vielen Ländern Europas noch rund 80 Prozent aller Menschen an Gott, so ging dieser Wert bis etwa 1990 überall deutlich zurück. Doch vor dem Hintergrund der niedrigen Geburtenraten in nahezu allen hoch entwickelten Industrieländern vermuten nun einige Wissenschaftler, der Anteil religiöser Menschen an der Bevölkerung nehme wieder zu. Nicht wegen einer Renaissance der Religiosität aus innerem Antrieb, sondern weil Gläubige deutlich mehr Kinder haben als Atheisten. Das Diskussionspapier „Glaube, Macht und Kinder“ des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung beleuchtet dieses Thema.

Bei aller Verschiedenheit ihrer Religionen eint es gläubige Katholiken, Protestanten, Juden oder Moslems, dass sie mehr Kinder als ihre nichtgläubigen Mitmenschen haben. Traditionell propagieren alle großen monotheistischen Religionen patriarchalische Familienwerte. Frauen haben danach die vorrangige Verpflichtung, Kinder zu bekommen und diese zu erziehen, Männer sind angehalten, Frau und Kinder zu schützen und materiell zu versorgen. Fortpflanzungsfeindliches Verhalten wie Scheidung, Abtreibung oder Homosexualität sind in allen großen Religionen geächtet. Historisch haben sich Glaubensgemeinschaften mit solchen Familienwerten durchgesetzt, weil die Weitergabe einer Religion an möglichst zahlreiche Nachkommen eine effektivere Form ihres Verbreitens ist als die mühsame Missionierung Andersgläubiger. Tatsächlich nimmt auch heute weltweit die Zahl religiöser Menschen zu. Das liegt unter anderem daran, dass vor allem islamische Länder, in denen Religion eine große Bedeutung hat, ein starkes Bevölkerungswachstum aufweisen.

Doch mit Blick auf wenig entwickelte Länder erweist sich der Zusammenhang zwischen wachsendem Wohlstand und sinkender Kinderzahl als stärker als jener zwischen starker Religiosität und hoher Kinderzahl. Je geringer Wohlstand und soziale Sicherheit sind, desto unentbehrlicher erscheint den Menschen offenbar der Glaube an eine höhere Macht – folglich glauben viele Menschen in den armen Ländern an Gott. Doch weil sich immer mehr Länder wirtschaftlich entwickeln, sinken dort überall die Kinderzahlen, auch in stark religiösen Gesellschaften. So liegen in klassisch islamischen Staaten wie Algerien, Marokko und der Türkei die durchschnittlichen Fertilitätsraten nur noch bei wenig über zwei Kindern je Frau und im Iran sogar darunter – und das, obwohl etwa in der Türkei 75 Prozent der Befragten angeben, dass Religion in ihrem Leben sehr wichtig sei. In Deutschland sagen das nur elf Prozent. Die Bevölkerungen der meisten islamisch geprägten Staaten wachsen nicht mehr, weil die Familien so kinderreich sind, sondern weil die Altersstruktur in diesen Ländern noch immer eine große Zahl junger Menschen aufweist, die erst ins Elternalter eintreten. Insgesamt wird das Bevölkerungswachstum in diesen Ländern aber auf absehbare Zeit zum Erliegen kommen.

In den zehn Ländern mit den größten muslimischen Bevölkerungen leben etwa zwei Drittel aller 1,57 Milliarden Muslime weltweit. Dort beträgt die durchschnittliche Bevölkerungswachstumsrate gegenwärtig 1,68 Prozent pro Jahr. Gegenüber einem Wachstum der gesamten Weltbevölkerung von jährlich 1,2 Prozent ist dies ein signifikanter, aber kein dramatischer Überschuss. Verglichen mit Europa, wo das Wachstum zum Stillstand gekommen ist, und auch den USA, wo es 0,6 Prozent beträgt, ist der Vorsprung sehr deutlich. Dennoch ist anzunehmen, dass die Bevölkerung in nahezu allen islamischen Staaten – und damit die Zahl der Religiösen – künftig immer weniger wachsen wird.

In den entwickelten Ländern der westlichen Welt könnte hingegen die Religiosität der Bevölkerung auf demografischem Wege zunehmen. Wie Untersuchungen zeigen, liegen die Kinderzahlen von Menschen, die sich als religiös bezeichnen, deutlich über jenen von nichtreligiösen Menschen. Geht man davon aus, dass eine klare Mehrheit von Menschen die Religiosität ihrer Eltern beibehält, so könnte dies bei den derzeit sehr geringen Fertilitätsraten in westlichen Ländern dazu beitragen, dass der Trend zur Säkularisierung endet, beziehungsweise in das Gegenteil umschlägt. Auch die höhere Religiosität von Zuwanderern und deren Nachkommen könnte zu dieser Entwicklung beitragen. Der Trend scheint dies zu bestätigen: In zahlreichen europäischen Ländern hat der Anteil von Menschen, die an Gott oder an ein Leben nach dem Tod glauben, seit den 1990er Jahren nicht mehr weiter abgenommen oder ist sogar gestiegen.

Große Unterschiede der Religiosität

a) europäische Länder: Der Grad der Religiosität ist selbst in europäischen Ländern mit gleicher Religion höchst unterschiedlich. Während in den katholischen Ländern Italien ein Drittel und in Polen fast die Hälfte der Befragten Religion für sehr wichtig in ihrem Leben halten, tun das in Frankreich nur 13 Prozent. b) außereuropäische Länder: Deutlich höher als in Europa ist die Religiosität in den meisten außereuropäischen Ländern. An der Spitze liegen muslimische Staaten. In der Türkei ist für 75 Prozent der Bevölkerung, in Jordanien, Mali, Ägypten, Indonesien und Irak sogar für mehr als 90 Prozent Religion sehr wichtig. China und Japan weichen stark von diesem Muster ab.

Mehr Wohlstand, weniger Kinder

Alle großen islamischen Länder haben sich in den vergangenen 20 Jahren in der Grafik von links oben nach rechts unten bewegt: Mit steigender Wirtschaftskraft ist die Fertilität zurückgegangen. Dies geschah trotz ungebrochener Bedeutung des Islam. Weniger eine Säkularisierung als Wohlstandswachstum und steigender Bildungsstand, insbesondere von Frauen, scheinen die Ursachen dieser Entwicklung zu sein.

Das gesamte Discussion Paper finden Sie hier als PDF.

 

Für Fragen und Interviews stehen Ihnen Dr. Reiner Klingholz unter 0 30 – 31 01 75 60 und Steffen Kröhnert unter 0 30 – 22 32 48 44 zur Verfügung.

 

Das Diskussionspapier wurde gefördert von der Robert Bosch Stiftung.