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„Gemeinsam nach vorne schauen“

Murat Vural ist geschäftsführender Vorsitzender und Gründungsmitglied des gemeinnützigen Vereins Chancenwerk e.V. Während seiner Zeit als Doktorand gründete Vural 2004 zusammen mit weiteren Studierenden den interkulturellen Bildungs- und Förderverein für Schüler und Studenten IBFS e.V., welcher 2010 schließlich in Chancenwerk e.V. umbenannt wurde. Als herausragender Social Entrepreneur erhielt Murat Vural für sein Engagement bereits zahlreiche Auszeichnungen und Preise. Derzeit schreibt der zweifache Familienvater an seiner Dissertation und arbeitet daran, die Arbeit des Vereins bundesweit zu verankern. Seit Januar 2013 ist Murat Vural außerdem Mitglied im Stiftungsrat des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.


Die Lernkaskade – so nennt Murat Vural das Modell von Chancenwerk, einem im Ruhrpott gegründeten Verein. Beim Chancenwerk erhalten Fünft-, Sechst- und Siebtklässler gegen einen Obolus von zehn Euro im Monat Nachhilfe. Allerdings nicht in einem Nachhilfeinstitut, sondern an der eigenen Schule gemeinsam mit etwa 48 jüngeren Schülern. Ihre Nachhilfelehrer sind 24 ältere Schüler aus höheren Klassen. Die meisten von ihnen wiederum haben selbst in manchen Fächern schlechte Noten. Weil sie die Jüngeren unterrichten, stellt ihnen Chancenwerk Studenten als Nachhilfelehrer zur Seite – bezahlt aus dem Topf der jüngeren Schüler. Das Chancenwerk spannt damit alle Altersgruppen einer Schule ein. Mit ihrem Konzept tritt die Organisation an einzelne Schulen heran – von Realschulen über Gymnasien bis hin zu Berufsschulen. Heute zählt die Organisation 1.700 Teilnehmer. Tendenz: steigend. Die Idee für das Projekt ist nicht zuletzt persönlichen Erfahrungen von Murat Vural geschuldet. Denn auf seinem Bildungsweg bis zur Promotion musste der 1975 im nordrhein-westfälischen Herne geborene Sozialunternehmer einige Steine aus dem Weg räumen.



Was waren die prägendsten Erfahrungen Ihrer Schulzeit?

Als ich 16 Jahre alt war, kam ich von einem türkischen Internat auf eine deutsche Schule. Obwohl ich in Deutschland gelebt hatte, bis ich elf war, konnte ich kein Deutsch mehr.  Ich landete auf der Hauptschule und qualifizierte mich von dort aus für die Oberstufe. Ich wollte das Abitur schaffen. Das tat ich auch. Allerdings mit Schwierigkeiten, die nicht sein müssen. Ich habe auf dem Gymnasium zwei Jahre gebraucht, bis die Lehrer verstanden haben, dass ich mathematische und physikalische Kenntnisse habe, obwohl ich nicht gut Deutsch sprechen konnte. Als das angekommen war, wurde es einfacher, doch die Hürden sind unglaublich hoch in Deutschland. Heute ist es noch schwieriger, glaube ich. Viele Jugendliche erzählen mir in der achten, neunten Klasse, einige die Lehrer würden behaupten, sie könnten es nicht bis zur Universität schaffen.

Warum ist es schwieriger geworden?

Früher gab es weniger Migranten in Deutschland. Die Lehrer hatten mehr Zeit für Einzelfälle. So war das auch bei mir in der deutschen Grundschule. Mein Klassenlehrer Herr Lippe hat damals sehr für mich gekämpft und gesagt, dass ich etwas drauf habe, auch wenn ich nichts sage. Heute gibt es Schulen mit einem Migrantenanteil von 70 Prozent. Ich beobachte, dass die Lehrer dafür nicht gut ausgebildet sind. Manche Lehrer haben ein Problem, manche Eltern wahrscheinlich auch. Sie sind frustriert und fühlen sich ohnmächtig. Wenn Lehrer und Eltern aber frustriert sind, werden die Kinder einfach alleine gelassen. In einer Situation, in der Frustration da ist, darf man von einem frustrierten Menschen nichts erwarten – auch nicht von den Eltern. Man sagt immer, die Eltern müssten etwas tun – sie sollten Deutsch lernen oder aufhören, türkische Fernsehsender anzuschauen: Das stimmt. Wenn wir das hinkriegen könnten, würden wir das Problem vielleicht besser im Griff haben. Aber wir haben Menschen, die nicht in der Lage sind, das umzusetzen, was wir uns theoretisch auf ein Blatt Papier schreiben.
Ganz einfach: Wenn alle Deutsch könnten und alle ihre Kinder in den Kindergarten schicken würden, hätten wir das Problem nicht. Aber das ist nicht so.

Waren Eltern früher stärker engagiert als heute?

Auf jeden Fall. Die Beweggründe, aus denen Migranten hier sind, haben sich geändert. Bei meinen Eltern war das so: Die sind aus Anatolien gekommen und wollten Geld verdienen. Und sie wussten ganz genau, dass sie Geld kriegen, wenn sie fleißig sind. Die haben geschuftet bis zum Gehtnichtmehr. Ich habe meinen Vater kaum gesehen. Nur abends mal vielleicht zehn Minuten. Dann war er müde. Er hat 1.500 Meter unter Tage gearbeitet. Eins hat er mir immer gesagt: „Murat, egal, was du machst, du musst dich bilden. Du darfst nicht so enden wie ich hier. Du musst mehr machen. Du musst die Universität besuchen.“ Er war bereit, alles zu machen, um mich zu unterstützen, und das hat er auch getan. Und meine Mutter hat uns die nötige Liebe geschenkt. Sie selbst waren nur in der Grundschule. Ich finde, die Einstellung war damals anders als heute.

Warum ist dieser Aufstiegsgedanke heute weniger präsent?

Die zweite Generation, die etwa so alt ist wie ich, fühlt sich vernachlässigt und benachteiligt. Manche Eltern dieser Generation halten nicht viel vom System und sagen ihren Kindern: „Das bringt alles nichts. Ich habe mich bemüht und es nicht geschafft.“ Es kann sein, dass diese Eltern deshalb die Perspektive und die Motivation nicht transportieren können. Wenn ich mich selbst angucke, ist mir klar, was man in Deutschland erreichen kann, und ich versuche, das an meinen Sohn weiterzugeben. Ich kenne die Stationen. Integration bedeutet aber auch, dass man sich integrieren darf. Man muss in diese Gesellschaft reinkommen dürfen, damit man lernen kann, was gut oder schlecht ist. Man kann keine Wohnviertel haben, in denen nur Türken, Araber und Russen leben und dann sagen: „Die kennen die hiesigen Werte nicht.“ Die kennen die Werte tatsächlich nicht, weil die nicht reinkommen dürfen und ihnen die Begegnung fehlt. Wir müssen Begegnungen schaffen. Wir von Chancenwerk finden, dass diese Begegnung mehr ist als nur gemeinsames Kaffeetrinken. Wir müssen gemeinsam an etwas arbeiten. Wir gehen an eine Schule und sagen: „Wer mitmachen will, kann mitmachen.“ Die Schule ist meiner Meinung nach eine kleinstmögliche gesellschaftliche Gruppe, in der alle sind. Es ist Wirklichkeit, aber in Klein. Wenn die Kinder das da nicht lernen, kann es nicht besser werden.

Wie kam es zu der Idee von Chancenwerk?

2004 arbeitete ich gerade an meiner Promotion in theoretischer Elektrotechnik. Meine Schwester studierte Sozialpädagogik. Sie besuchte mich und  sagte: „Es kann nicht sein, dass es in der Nachbarschaft nur bei uns funktioniert hat! Irgendetwas müssen wir tun!“ Damit ist sie die Ideengeberin des Projekts. Sie hat mich für das Thema sensibilisiert. Wir haben damals einen interkulturellen Förderverein gegründet. Aber nach kurzer Zeit haben wir festgestellt, dass wir es nicht allein mit einem Migrantenproblem zu tun hatten, sondern dass auch immer mehr deutsche Eltern zu uns kamen. Deshalb haben wir uns geöffnet und gesagt: „Wir machen das hier nicht nur für Migranten, sondern für alle.“ Das war 2005. Seitdem sprechen wir alle an – egal, welche Nationalität. Natürlich sind in den Projekten mehrheitlich Migranten. Das liegt aber daran, dass unsere Projektschulen meistens in Problemvierteln liegen. In denen sind manchmal bis zu 70  Prozent der Schüler Migranten.

Heute arbeiten Sie an sehr vielen unterschiedlichen Schultypen in verschiedenen Regionen. Wie haben Sie das geschafft?

2005 haben wir eine große Auszeichnung erhalten – wir wurden Bundessieger bei Start Social unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Darüber entstand der Kontakt zu Ashoka – einem Netzwerk, das soziale Unternehmer fördert. Für das Chancenwerk war Ashoka sehr wichtig. Sie unterstützten mich drei Jahre lang, damit ich mich allein auf das Chancenwerk konzentrieren konnte. Außerdem gaben sie mir Unternehmensberater an die Hand. Ich war damals der Meinung, dass wir mit Chancenwerk 100.000 Menschen erreichen müssen. Die Berater aber haben mir gezeigt, dass man mit einer gesunden Organisationsentwicklung nicht in dieser Geschwindigkeit vorgehen kann. Das war sehr gut. Wir haben uns also zunächst auf Ruhrgebiet und Köln und Umgebung konzentriert. Ich habe Geschäftspläne gemacht und 2010 haben wir die ersten bezahlten Mitarbeiter eingestellt. Wir konnten Unternehmer und Stiftungen für das Chancenwerk in Städten wie Köln, Duisburg und München gewinnen. In unserer Arbeit konzentrieren wir uns auf Deutschland.

Was ist Ihr Ziel und wann, würden Sie sagen, haben Sie es erreicht?

Wir haben angefangen mit dem Anspruch, Jugendliche zu aktivieren. Wir wollten, dass ihnen klar wird, dass sie für ihre Zukunft etwas tun müssen. Deswegen heißen wir Chancenwerk – sie müssen in den Werken etwas für ihre Chancen tun. Ein Jugendlicher muss verstehen, dass es sich lohnt, an seinen Chancen zu arbeiten. Schüler, die schlecht sind, hören in der Pubertät oft auf, mit dem Gedanken zu spielen, später einen guten Beruf zu ergreifen oder zu studieren. Wir wollen sie dazu bewegen, am Ball zu bleiben, indem wir sie kontinuierlich überzeugen. Sie kommen zweimal pro Woche zu uns - über ein ganzes Jahr hinweg. Und die Wahrscheinlichkeit, dass wir sie in ihrer schwierigen Situation überzeugen, steigt dadurch, dass ältere Schüler oder Studenten mithelfen. Darüber hinaus möchte ich es Schülern ermöglichen, auch ohne Geld mitzumachen. Die Bertelsmann Stiftung sagt, dass 1,5 Milliarden Euro für Nachhilfe ausgegeben werden. Diejenigen, die kein Geld haben, werden das nicht ausgeben können. Aber alleine, dass so viel Geld fließt, bedeutet, dass es ein Defizit gibt. Ich will es mit diesem Projekt schaffen, dass ein Schüler, der kein Geld hat, die Nachhilfe und Prüfungsvorbereitung bekommt, die er braucht. Er muss nicht bezahlen – sondern nur etwas tun.

Gehen Sie da nach Gehaltsnachweis?

Das machen wir nicht. Wir bieten die Teilnahme allen an, egal, ob sie sich Nachhilfe leisten könnten, oder nicht. Ich will nicht in die Schulen gehen und eine Selektion machen. Wir müssen für Kinder einen Raum in der Schule schaffen, in dem sie Spaß an der ganzen Sache haben und auch daran, gemeinsam nach vorne zu schauen.

Wie messen Sie denn Ihre Erfolge?

Zurzeit planen wir eine Evaluierung des Projekts in Kooperation mit der Universität Duisburg-Essen. Für die Bewertung wollen wir Parameter einbeziehen, die über Noten hinausgehen. Denn wir wollen vor allem vermitteln, dass es wichtig ist, dass Schüler sich anstrengen. Wenn es dann trotzdem nur eine Vier in Mathe wird, ist es auch okay. Wir wollen untersuchen, ob wir darin erfolgreich sind.

Ist es möglich, das Projekt an jeder Schule umzusetzen?


Wir sind nach Freising geholt worden – in eine Schule, die nicht in einem Problemviertel liegt. Ich war sehr überrascht und stolz darauf. Das Ziel war dort, zwischenmenschliche Aspekte zu fördern. Einige  sind   sozial benachteiligt – nicht des Geldes wegen. Die Schüler sehen in dem Projekt, dass sie in der Gruppe etwas für die Gemeinschaft tun können. Daran erkennt man: Chancenwerk ist ein Bildungsprojekt und ein gesellschaftliches Projekt, in dem man Kindern und Jugendlichen etwas vorleben kann. Wir sagen: „Es geht mehr. Selbstwirksamkeit, Gemeinschaftsgefühl, Teamgefühl – wir machen jetzt etwas für die Schüler.“ Das sind die ersten Säulen fürs Leben. Wenn sie später im Beruf sind, schauen sie vielleicht nicht mehr nur geradeaus, sondern versuchen, sich zu engagieren. Die Schulen lernen durch das Chancenwerk, ihre Ressourcen anders zu betrachten. Der typische Schulleiter sagt: „Der Elftklässler kann kein Mathe. Der Fünftklässler kann auch kein Mathe. Wir haben kein Geld. Wir können nichts machen.“  Ich sage: „Der Elftklässler kann genug Mathe, um dem Fünftklässler zu helfen.“ Es ist ein Perspektivwechsel. Es ist zwar nicht immer einfach, mit den Elftklässlern zu arbeiten. Aber wir wollen die aktivieren, die wir sonst auf der Strecke lassen. Sonst konzentrieren wir uns nur auf die Elite, die schon aktiv ist. Und wir verlieren viele, viele, die aktiv sein können.

Wie finanziert sich das Chancenwerk?

Wir sind zu 80 Prozent von Spenden abhängig und zu 20 Prozent generieren wir eigene Mittel. Wir werden es vermutlich niemals schaffen, mehr als die Hälfte unserer Gelder selbst zu erwirtschaften. Chancenwerk wird mehr oder weniger ein spendenabhängiges Projekt bleiben. Ich möchte das Geld auch gar nicht komplett selbst einholen. Wir arbeiten sehr stark mit Unternehmen zusammen. Mein Ziel ist es, deren Netzwerke zu nutzen, sie zum Einsteigen zu bewegen und die Gesellschaft für das Projekt zu sensibilisieren. Weil das auch deren gesellschaftliche Aufgabe ist. Zum Beispiel haben wir Spendendosen an den Kassen von deutschlandweit tätigen Ketten. Außerdem arbeiten wir an Hilfsmitteln, die es den Schulen erleichtern sollen, Fundraising zu betreiben.
Wie soll es mit Chancenwerk weiter gehen?
Anfang 2010 war der Kölner Regionalleiter der Einzige bei Chancenwerk, der zu 100 Prozent mit dem Projekt beschäftigt war. Jetzt haben wir Teams, zum Beispiel in Bremen, Gummersbach, Bochum, Duisburg, Hamburg, Köln und München. Wir sind jetzt reif genug, um zu expandieren und an weiteren Schulen zu beginnen. Jede Schule und jede Region ist anders. In Universitätsstädten ist es zum Beispiel unproblematisch, Studenten zu finden. Woanders ist das schwieriger. Wir verändern unser Konzept dort deshalb bewusst. Wo keine Studenten sind, setzen wir zum Beispiel sehr gute Schüler ein. Die wiederum bekommen von uns kostenlos Fortbildungen an der Chancenwerk-Akademie. Dadurch betrachten wir selbst die Schulen anders: Wir sehen nicht nur die ganz schlechten Schüler, sondern auch die sehr guten. Die helfen den nicht so guten. Aber dafür müssen sie auch etwas bekommen. Bei uns sind das verschiedene Fortbildungen, zum Beispiel zu Rollenverständnis, Team- und Vermittlungskompetenz. Konzepte wie dieses testen wir. Wir haben kein Franchise-, sondern ein Filialenmodell. Ich will erst sicher gehen, dass es an den Schulen funktioniert und dass es gut ist.

 

Das Interview führten Dr. Reiner Klingholz und Ruth Müller am 20.03.2013.

Nachdruck unter Quellenangabe (Klingholz, Müller / Berlin-Institut) erlaubt.

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