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Interview mit Suat Bakir, Geschäftsführer der Türkisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer, Köln

Copyright: Suat Bakir

Suat Bakir (geboren 1962 in Izmir/Türkei) lebt seit 1970 in Berlin. Der Diplom-Volkswirt war neun Jahre bei der Berliner Volksbank beschäftigt, leitete von 1999 bis 2007 die Oyak Anker Bank in Berlin und arbeitete im Consulting. Seit 2009 ist er Geschäftsführer der Türkisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer.

 

Das im Oktober 1961 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei geschlossene Anwerbeabkommen veranlasste viele Türken – und einige Türkinnen –, eine Arbeit in Deutschland aufzunehmen. In den Jahren 2008 und 2009 haben mehr Menschen mit türkischem Migrationshintergrund Deutschland verlassen als gekommen sind. Ist Deutschland für Zuwanderer aus der Türkei nicht mehr attraktiv?

 

So pauschal würde ich das nicht sagen, aber es ist sicherlich für viele nicht mehr so attraktiv wie früher. Das Anwerbeabkommen mit der Türkei vor fünfzig Jahren lief bis 1973, danach stoppte die Bundesrepublik die Zuwanderung. Seitdem ist die Zahl derer, die vor allem zum Arbeiten in die Bundesrepublik gekommen sind, extrem gesunken. Aber Familienangehörige sind weiterhin nachgezogen, und auch Studierende und Unternehmer sind immer noch nach Deutschland gekommen, allerdings nur wenige.

 

Wie sieht es heute aus?

 

In Deutschland leben gegenwärtig etwa 3,1 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln. 2009 sind 40.000 Türken in ihre alte Heimat zurückgekehrt – das entspricht einer Kleinstadt. 30.000 sind nach Deutschland gekommen, also sind im Saldo nur 10.000 gegangen. Das ist nicht viel – Deutschland hat etwa 80 Millionen Einwohner, die Türkei rund 74 Millionen.

 

Wie erklären Sie es sich, dass die Abwanderung in den letzten Jahren zugenommen hat?

 

Menschen verlassen ihre Heimat nicht, wenn es ihnen gut geht – abgesehen von abenteuerlustigen Ausnahmen. Aber die Türkei hat einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Und auch in Deutschland hat sich etwas verändert: Schon im Herbst 2009 herrschte kein angenehmes Klima für Menschen türkischer Abstammung, nachdem Sarrazin im Interview mit der Zeitschrift „Lettre“ Zuwanderer diskreditiert hatte. 2010 kam die Vorabveröffentlichung seines Buchs hinzu, und die Medien haben seinen rassistischen Äußerungen viel Platz eingeräumt.

 

Die ausbleibende Zuwanderung beziehungsweise sogar Abwanderung ist also nicht nur eine Folge der wirtschaftlichen Entwicklungen in der Türkei und in Deutschland, sondern auch des Klimas?

 

Ja. Ich bin im Wedding aufgewachsen, lebe seit meiner Kindheit in Berlin – und habe mich noch nie so weit weg gefühlt von der deutschen Gesellschaft wie jetzt. Es hat mich schockiert, dass ein ehemaliger Finanzsenator Berlins, also ein Mann in einer repräsentativen Funktion, gegen Migranten hetzt – und Menschen aus der Mitte der Gesellschaft ihm zuhören oder gar zustimmen.

 

Deutschlands Bevölkerung altert und schrumpft. Es braucht also qualifizierte Zuwanderer, um den Mangel an Fachkräften zu beheben. Abgesehen von einem vielleicht mangelnden zuwandererfreundlichen Klima – locken denn wenigstens die übrigen Rahmenbedingungen Arbeitssuchende und Unternehmer?

 

Investoren interessieren sich nicht für Debatten, für sie ist beispielsweise die Regelung für Visa in Deutschland ein viel größeres Hindernis: Hierzulande muss sich ein Unternehmer persönlich anstellen für ein Visum, das dann zwei oder drei Wochen gilt. In Italien dagegen erhält er es sofort und mit Kusshand. Stellen Sie sich vor: Da will jemand in Deutschland ein Geschäft betreiben, Arbeitsplätze und Steueraufkommen schaffen, dennoch muss er sich genauso anstellen wie alle anderen. Da müsste man eine bessere Lösung finden. Jemand, der beispielsweise 50 Leute beschäftigt oder 500, sollte anders behandelt werden als ein Tourist. Schließlich gibt ein Unternehmer hier viel mehr Geld aus – und fliegt mit Sicherheit zurück in die Türkei.

 

Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da mit seinen Zuwanderungsregelungen?

 

Aus Sicht der türkischen Visum-Antragsteller ganz schlecht: Mehr als zwölf Prozent der Anträge von türkischen Staatsbürgern und -bürgerinnen werden abgelehnt, in anderen Ländern liegt die Ablehnungsquote bei 1,2 Prozent. Hier könnte Deutschland anfangen, indem es die Regelungen für Visa für Unternehmer verbessert – und dann muss es auch die Zuwanderung anpacken.

 

Hat die von der Europäischen Union 2009 eingeführte Blue Card, welche die Bedingungen für die Einreise und den Aufenthalt von Drittstaatsangehörigen zur Ausübung einer hoch qualifizierten Beschäftigung hierzulande etwas verändert?

 

Kaum, anscheinend ist Deutschland noch nicht attraktiv genug. Eine bestimmte Einkommensgröße ist ja Voraussetzung – jemand in diesen Einkommensklassen findet in Großbritannien oder den USA bessere Jobs, diese Bildungsklasse spielt dann eher nicht mit.

 

Gibt es bei der Anerkennung der Abschlüsse Fortschritte? Bislang bemühen sich wegen des komplizierten Verfahrens nur wenige Ausländer darum.

 

Das ist ein langwieriger Prozess. Es geht ja nicht nur um Universitätsabschlüsse, sondern auch um Handwerker und Freiberufliche, da sitzen zu viele Spieler mit am Tisch: Bund, Länder, die Industrie- und Handelskammern oder die Handwerkskammer – alle sind regional organisiert. Die Standesorganisationen müssen sich alle abstimmen. Bislang besteht kein Rechtsanspruch auf Prüfung, und die rechtliche Regelung ist nicht einheitlich in Deutschland, also in Hamburg anders als in Berlin. Die Antragsteller sollten wissen, woran sie sind, und die Prüfung müsste in einer bestimmten Zeit erfolgen, also etwa innerhalb von drei Monaten.

 

Ein solcher Gesetzesentwurf ist ja inzwischen verabschiedet worden, das sogenannte Anerkennungsgesetz soll noch 2011 in Kraft treten.

 

Aber die Umstellung verlangt noch einiges an Arbeit. Zudem müssen auch die Informationen über die Bedingungen der Anerkennung verbreitet werden, für Fragen soll etwa eine bundesweite Hotline eingerichtet werden. Es wird noch dauern, bis sich da etwas ändert.

 

Die Zahl der Selbstständigen mit türkischem Migrationshintergrund steigt – gilt das nur für bestimmte Branchen?

 

Das gilt für immer mehr Branchen, wir stehen vor einem Generationenwechsel. Die Kinder gehen in neue Branchen, auch die Töchter, und es gibt beispielsweise viele Handwerker. Deshalb sind auch die Kammern sehr engagiert, die Nachwuchs suchen.

 

Kann Deutschlands Politik darauf setzen, die Ausbildung des hierzulande lebenden Nachwuchses zu verbessern, um den demografischen Wandel besser zu bewältigen?

 

Bildung alleine reicht nicht. Natürlich könnte man Bildungsstand verbessern, das sollte man auch. Aber bei allen wird das nicht gelingen. Dennoch: Was wir jetzt nicht investieren, zahlen wir später.

 

Auffällig ist ja, dass Jungen schlechtere Schulabschlüsse machen als Mädchen, insbesondere die Kinder türkischer Zuwanderer. Studien kommen oft zu dem Schluss, dass dies eine Frage des Männlichkeitsbildes sei, weil die Jungen unangepasster seien. Sehen Sie das auch so?

 

Ja, aber die männlichen und weiblichen Rollenbilder sind kein Problem von Ethnien, sondern von bestimmten Schichten. Das ist ein soziales Problem, eine Bildungsfrage. Der Vorwurf der türkischen Machokultur ist übertrieben. In meiner Grundschulklasse im Wedding war ich der einzige Türke, aber Andreas, Wolfgang und Thomas haben die Mädchen und die Lehrerin genauso behandelt – alle Jungs waren Machos.

 

Welche politischen Maßnahmen würden Sie sich wünschen, um die Integration zu fördern?

 

Die Politik kann helfen, die Unkenntnis auf beiden Seiten zu mindern. Türken und Deutsche wissen recht wenig übereinander. Die Politik kann vermitteln, das hat Bundespräsident Christian Wulff gezeigt. Er hat gesagt: „Ich bin der Bundespräsident aller“, auch von den Türkischstämmigen. Das war ein wichtiges, klares Signal – das von der Bundeskanzlerin nicht gekommen ist. Das würde ich mir auch von Angela Merkel wünschen.

 

Würden Sie etwa auch einen verpflichtenden Sprachtest – und ggf. Förderkurs – für alle, die es nötig haben, begrüßen?

 

Ja – wenn es für alle ist, habe ich nichts dagegen. Sprache ist auch wichtig, um Konflikte vermeiden oder ausräumen zu können. Das gilt für Deutsche aus sozial schwachen Familien genauso wie für Türkischstämmige. Wenn wir in Deutschland keine Ghettos wollen und keine „Chinatowns“, dann müssen wir auch etwas dafür tun. Weder beim Empfang des neuen Bundespräsidenten noch bei der Feier zu 20 Jahren Wiedervereinigung waren Migranten sichtbar oder wurden explizit angesprochen.

 

Ein Signal von oben allein reicht allerdings nicht, damit Integration gelingt.

 

Nein, aber es kann eine Initialzündung sein. Es kann helfen, Ängste zu nehmen – und zwar auf beiden Seiten.

 

Das Interview führte Margret Karsch.

Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

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