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von Eberhard Sandschneider

 

Hat Europa, hat der Westen angesichts der bildungshungrigen und aufstrebenden Nationen der Welt noch eine Chance? Der Politologe Eberhard Sandschneider hat da seine Zweifel.

Die globalen Gleichgewichte verschieben sich. Wer heute im Kreis jener Staaten sitzt, die sich bei ihrer Gründung als  acht "größte" Industrienationen bezeichnet haben, sollte sich nicht allzu viel auf diesen Status einbilden. Im Gremium der „G-8“ finden sich mit Italien und Frankreich Länder, die auf der Weltbühne der aufstrebenden Staaten kaum noch wahrgenommen werden. Das G-8-Mitglied Deutschland ist zwar das größte Industrieland Europas und war lange Zeit "Exportweltmeister". Aber auch das ist vorbei. Diesen Titel trägt mittlerweile und vermutlich auf absehbare Zeit das Schwellenland China.  
Das ist kein Zufall, meint der Berliner Politologe Eberhard Sandschneider, denn die Zukunft gehört nicht Deutschland, nicht dem Westen und schon lange nicht dem Alten Europa, sondern den neuen Wilden der globalisierten Welt, den Tigern und Löwen in Asien, Lateinamerika und Afrika, die auch als „dynamisches Dutzend“ bezeichnet werden: China, Brasilien, Indien, Russland, Indonesien, Mexiko, Südafrika, Argentinien, Südkorea, Nigeria, Vietnam und Türkei. Sie sind die großen Aufsteiger der letzten Jahre. Für Europa bleibt entsprechend nur der Abstieg - schon angesichts der zunehmenden demografischen Verwerfungen zwischen der Alten und der Neuen Welt. Wenn die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 auf knapp neuneinhalb Milliarden angewachsen ist, werden die Europäer nur noch 7,6 Prozent aller Erdenbewohner stellen - und damit einen entsprechend kleinen Teil aller Produzenten und Konsumenten. 1950 waren es noch 21,8 Prozent.
Das ist wirtschaftlich und politisch gesehen keine gute Aussicht, und sie wird nicht besser bei der Lektüre, denn der Autor untermauert seine Argumentation Seite um Seite mit Belegen für die europäische Unfähigkeit zu Reformen. Er spricht den Europäern sogar die Fähigkeit ab auch nur zu erkennen, dass ihre Zeit abgelaufen ist, dass sich der Rest der Welt auch ohne den Westen prächtig entwickeln kann: "Europa ist überdehnt, ohne klare Entscheidungsstrukturen und unfähig, in wesentlichen Fragen globaler Politik politischen Konsens und Handlungsfähigkeit herzustellen."
Sandschneider verwendet den größten Teil seines Buches darauf, zu erklären, wie sich die Träume des Westens nach 1989 zerschlagen haben. Denn anders als viele damals nach dem Zusammenbruch der Systemalternative geglaubt haben, kam es nicht zu einem Ende der Konflikte und zum friedvollen Siegeszug der westlichen Marktwirtschaft und der Demokratien. Vielmehr sei die internationale Gemeinschaft immer schwächer geworden, was sich unter anderem am Scheitern der Klimaverhandlungen zeige. Die Kombination Marktwirtschaft und Demokratie sei durch die Finanzkrise weltweit in Frage gestellt, der viel gepriesene Markt habe aus Finanzderivaten "ökonomische Massenvernichtungswaffen" gemacht. Der westliche Kapitalismus unter Führung der USA habe sich beim Kampf gegen den Terror überall auf der Welt Feinde gemacht, und statt Demokratien breiteten sich zerstrittene Autokratien aus. Gleichzeitig entwickle sich das chinesische Modell des staatsgelenkten Kapitalismus, das sich einen Dreck um Demokratie schert, umso schneller und erfolgreicher. Tatsächlich hat China wie kein zweites Land der Welt einem Großteil seiner Bürger einen Massenwohlstand beschert, wie er zuvor undenkbar war. Dass der Westen angesichts dieser Entwicklungen noch immer glaubt, das bessere Modell zu besitzen, gehört nach Sandschneider zu den großen Lebenslügen unserer Gesellschaften.
Der Autor und China-Experte macht keinen Hehl aus seiner Bewunderung für das chinesische Modell, auch wenn etwa "die Menschenrechtsfrage auf einem anderen Blatt" stehe. Dabei schwingt die Befürchtung mit, dass die Demokratie womöglich gar keine Zukunft hat. Zumindest sollten die Europäer nicht erwarten, dass der Rest der Welt darauf wartet, dem europäischen Modell hinterherzulaufen. Überall auf der Welt bringen Aufsteigerländer Alternativen und eigene Erfolgsmodelle ins Spiel.
Trotz dieser vernichtenden Kritik  an seiner eigenen geistigen Heimat stellt uns Sandschneider, und das überrascht dann wirklich, einen "erfolgreichen" Abstieg in Aussicht. Er warnt davor, in Trübsal zu verfallen, denn in Europa lasse es sich nach wie vor sicherer, gerechter und besser leben als in jeder anderen Großregion der Welt. "Unsere Fähigkeit, die Welt von morgen erfolgreich zu gestalten, hängt ganz entscheidend davon ab, wie wir heute beginnen, über diese Welt nachzudenken." Wir sollten "heute Macht abgeben, um morgen zu gewinnen", heißt es im Untertitel des Buches. "Gelungene Abstiege schaffen Stabilität und sichern Frieden und Zusammenarbeit". Das bleibt allerdings vage und stellt den Herausforderungen, die Sandschneider so eingängig beschreibt, kaum etwas entgegen.
Am Ende bleibt denn vor allem der schöne Vergleich vom Truthahn im Gedächtnis hängen, der monatelang gemästet und gepflegt wird und zwangsläufig an seine goldene Zukunft glaubt, ohne zu erkennen, dass sein ganzes Dasein nur auf das Erntedankfest zuläuft. Immer wieder sieht Sandschneider Europa in der "Truthahn-Falle". Am Ende schreibt er dann, dass natürlich auch das momentan so erfolgsverwöhnte China denken könnte, es gebe ein Leben ohne Erntedankfest. Womit die Zukunft offener ist als auf über 180 Seiten beschrieben wird.

 

Rezension von Reiner Klingholz, Nachdruck unter Quellenangabe (Reiner Klingholz/ Berlin-Institut) erlaubt.

 

Eberhard Sandschneider: Der erfolgreiche Abstieg Europas. Heute Macht abgeben um morgen zu gewinnen. 2011 Hanser Verlag München. 19,90 Euro

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