Facebook
Twitter

Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Von Klaus J. Bade, Pieter C. Emmer, Leo Lucassen, Jochen Oltmer (Hg.)

 

Das Thema "Migration" birgt auf politischer Ebene noch immer gewaltigen Sprengstoff. Dabei war und ist der Mensch ein Homo migrans, wie die Herausgeber der mehr als tausendseitigen „Enzyklopädie Migration in Europa“ deutlich machen. Wanderungsbewegungen prägen die Geschichte Europas. Zuwanderung, mehr oder weniger gelungene Integration und interkulturelle Begegnungen bilden den Normalfall.

 

Die Menschen sind immer und überall gewandert, aus Not und aus Neugier, sie wurden vertrieben und angelockt: Deutsche nach Russland, Portugiesen nach Frankreich, Tschechen nach Österreich oder Iren und Italiener in fast jeden Winkel der Welt. Die heutigen Auseinandersetzungen mit Selbst- und Fremdbildern deuten also kaum auf eine besondere Krisensituation hin. Sie sind eher Zeichen einer individuellen und sozialen Identitätsfindung.

 

Die Enzyklopädie verwendet den Begriff „Migration“ in einer neutralen, offenen Weise, indem sie ihn als kulturellen Prozess definiert, der sich als Wanderung in und zwischen geografischen Räumen vollzieht. Es geht um die Überschreitung von Grenzen zu neuen Erfahrungen, die – wie beim Umzug vom Land in die Stadt – nicht zwingend mit dem Überschreiten nationaler Grenzen verbunden sein müssen. Die Autoren liefern dazu zahllose Beispiele. Interessanterweise wird dabei deutlich, dass Migranten stets beliebt sind, solange man sie brauchen kann – als Arbeiter in Kohlegruben oder Saisonkräfte in der Landwirtschaft, als italienische Baumeister oder irische Krankenschwestern. Doch Migranten verlieren rasch an Attraktivität, wenn sich die wirtschaftlichen Bedingungen ändern. Toleranz schlägt dann schnell in Argwohn, Diskriminierung, Hass und Verfolgung um. Dass unter diesen Bedingungen die Integration immer wieder zu kurz kommt, kann kaum verwundern.

 

Das Buch ist – typisch für Migrationsforscher – sehr historisch aufgebaut. Der Untersuchungszeitraum reicht vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Zunächst geht es um einzelne Länder, dann folgen Beiträge zu speziellen Gruppen von Migranten – etwa zu britischen Kriegsbräuten in Norwegen, chinesischen Restaurantbetreibern in den Niederlanden oder irischen Weinbrandhändlern in der Charente im 18. Jahrhundert. Insbesondere diese kurz gehaltenen Artikel zeigen die Vielfalt des europäischen Wanderungsgeschehens.

 

Die Beispiele erscheinen zuweilen etwas bizarr, zeigen aber, welche Bedürfnisse in den Ursprungs-, wie auch in den Zielregionen der Migranten zu diesen sonderbaren Wanderungsmustern führen. Freilich kommt bei soviel Detailverliebtheit die aktuelle Lage zu kurz. Die Auseinandersetzung mit der Gegenwart, ihren Problemen und den künftigen Entwicklungen unterbleibt fast völlig. Gerade nach den kenntnisreichen Darstellungen der Geschichte wäre wenigstens eine Einschätzung von den Länderexperten wünschenswert gewesen. Offenbar mischen sich die Migrationsexperten aus der Wissenschaft nur ungern in den aktuellen Diskurs zur Zuwanderungsdebatte ein. Schade eigentlich, denn so werden sie der Brisanz des Themas nicht gerecht

 

Nichtsdestotrotz stellt die „Enzyklopädie Migration“ ein Standardwerk für alle dar, die sich für die Geschichte des Wanderungsgeschehen in Europa interessieren. Mit mehr als 1.100 Seiten und gut zwei Kilo gewichtiger Information bildet der Band einen Meilenstein der Forschung.

 

Rezension von Margret Karsch, Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

 

Klaus J. Bade, Pieter C. Emmer, Leo Lucassen, Jochen Oltmer (Hg.): Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. F. Schöningh/W. Fink, Paderborn/München/Wien/Zürich 2007. 1156 S., 78 Euro.

Streitgespräch zur städtischen Nachhaltigkeit

Berlin-Institut und Wüstenrot Stiftung laden ein zu einer Diskussion am 04. September in Berlin

Europe's Demographic Future

Studie zur demografischen Zukunft von Europa ist auf Englisch erschienen

A Long Lifespan, but Not for All

Studie zur Lebenserwartung nun auch in englischer Sprache veröffentlicht

Education first!

Englische Übersetzung des Buchs "Wer überlebt?" von Reiner Klingholz und Wolfgang Lutz erhältlich

Ungenutzte Potenziale
Zur Lage der Integration in Deutschland

Hatice Gündogdu /Ulrike Zenk: Kampf der Kulturen?
Zwei Frauen gestalten Integration

 

 

Christine Färber et al.: Migration, Geschlecht und Arbeit
Probleme und Potentiale von Migrantinnen auf dem Arbeitsmarkt

 

Sigrid Metz-Göckel et al.: Migration and mobility in an enlarged Europe. A gender perspective

 

Stiftungsreport 2008/09. Wie Vielfalt zusammenhält
Herausgegeben vom Bundesverband Deutscher Stiftungen


Le monde diplomatique: Immer der Arbeit nach
Migration im Zeitalter der Globalisierung