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von Rajiv Biswas

 

Wenn es nach wirtschaftlichen und politischen Analysten geht, liegt das wirtschaftliche und politische Gravitationszentrum dieser Welt künftig in Asien. Die Wirtschaftsberichterstattung prophezeit der vor wenigen Jahrzehnten noch bettelarmen Region einen beispiellosen Entwicklungsschub. Millionen Menschen gelänge demnach schon bald der Schritt aus der Armut in die Mittelschicht und damit könnte auf dem bevölkerungsreichsten Kontinent ein riesiger Absatzmarkt entstehen. Unternehmer reiben sich die Hände nach möglichen Gewinnen in Milliardenhöhe. Und scheinbar ohne mit der Wimper zu zucken pumpen sie ihr Geld in die asiatischen Märkte. Als „Goldrausch“ bezeichnet das Rajiv Biswas im Untertitel seines 2013 erschienen Buches „Future Asia. The New Gold Rush in the East.“ Darin geht er vor allem den Fragen nach, was die Investoren in diesen Rausch versetzt und ob zumindest einzelne Verzweigungen der Goldader Asien stellenweise schon bald wieder versiegen könnten. Der Autor liefert eine gekonnte Übersicht über die wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen östlich von Europa.

Ein Rückblick lohnt

Anstatt wie andere Asienanalysten ein schillerndes Zukunftsszenario zu zeichnen, entscheidet sich Biswas dafür, den Blick zunächst auf die düsteren Jahre der Vergangenheit zu richten – von der Kolonialisierung über den Zweiten Weltkrieg bis hin zum Einzug des Kommunismus. Er schafft damit Verständnis für die jahrzehntelange Stagnation in vielen Ländern Asiens. Vor allem zeigt er die verheerenden Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf die Region. Denn auch in Asien hatte dieser Millionen von Menschenopfern gefordert, und darüber hinaus viele Länder in ein politisches Vakuum gestürzt. Denn nach Kriegsende waren die vormaligen Kolonialmächte Großbritannien, Frankreich und die Niederlande weder weiter als Machthaber akzeptiert, noch hätten sie, selbst geschwächt vom Krieg, diese Rolle erfüllen können. Die nun unabhängigen asiatischen Nationen fanden kaum geeignetes politisches und wirtschaftliches Führungspersonal. Vielerorts ergriffen brutale Diktatoren die Macht.

Seit die asiatischen Gesellschaften in teils schmerzlichen Prozessen begonnen haben, sich nach und nach ihrer Führungsriegen zu entledigen sowie ihre Volkswirtschaften für die Weltmärkte zu öffnen, hat eine zuvor ungeahnte Dynamik eingesetzt. Und der so begonnene wirtschaftliche Aufschwung wird laut Rajiv Biswas in ein goldenes asiatisches Jahrhundert münden. Denn neben dem Schwergewicht China ziehen auch Indien und Indonesien sowie bislang eher schwache asiatische Ökonomien wie Bangladesch, Vietnam, Kambodscha, Laos, Birma, Sri Lanka und die Mongolei das Interesse potenzieller Investoren auf sich.

Goldene Zeiten läuten sich nicht selbst ein

Weil ihre Potenziale und Herausforderungen in ganz unterschiedlichen Bereichen liegen, liefert der Autor fundierte Analysen zu jedem dieser Länder. Das so gezeichnete Urteil fällt überwiegend positiv aus. Einzig für Japan hegt der Autor – zurecht – wenig Hoffnung. Den einstigen Vorreiter bezeichnet er als heutiges Griechenland Asiens. Doch auch die jetzigen Aufsteigerländer behandelt Biswas nicht unkritisch. China etwa stehe vor großen wirtschaftsstrukturellen Veränderungen. Unter anderem müsse sich die Milliardennation auf die Alterung ihrer Bevölkerung vorbereiten – ganz im Gegensatz etwa zu Indonesien. Gelinge es dort wiederum nicht, die noch wachsende junge Bevölkerung im Arbeitsalter mit Jobs zu versorgen, laufe Indonesien Gefahr, seine Chance auf eine regionale Vorreiterrolle zu verspielen. In der Mongolei könnte die schnelle Ausbeutung von Rohstoffen zwar zu hohen Einnahmen führen. Doch ob diese bei der Bevölkerung überhaupt ankommen werden, bezweifelt der Autor. All diese Länderporträts sind in sich einleuchtend. Warum Rajiv Biswas aber gerade diese asiatischen Nationen behandelt und nicht andere wie etwa Thailand oder die Philippinen, erklärt der Autor leider nicht.

Unverklärter Blick in die Zukunft

Der Blick in die Zukunft, den Biswas im Abschlusskapitel wagt, ist zwar nicht schillernd, doch hoffnungsfroh: Er attestiert dem asiatischen Kontinent das Potenzial, zu einem wirtschaftlichen Schwergewicht aufzusteigen. Und mit dem ökonomischen Erfolg werde der Kontinent zwangsläufig auch politischen Einfluss gewinnen. Dies könne allerdings nur gelingen, wenn die Länder ihren Weg in Richtung Wohlstand frei von Konflikten zurückzulegen.

Bisher ist es nicht weit her mit zwischenstaatlicher Kooperation innerhalb der Region. Zwar ist mit dem südostasiatischen Wirtschaftsverband ASEAN zumindest eine einigermaßen funktionstüchtige Organisation geschaffen, in der es den zehn Mitgliedsländern gelingt, sich auf gemeinsame Standards zu einigen. Die beiden Großmächte Indien und China gehören ASEAN allerdings gar nicht an. Zudem sind Unstimmigkeiten um die Souveränität ganzer Staaten und um Grenzverläufe längst nicht abschließend geklärt. Und teils gewalttätige Protestbewegungen wie jüngst in Thailand, in Bangladesch oder in China zeigen, dass der soziale Frieden trotz wirtschaftlichen Aufstiegs auch innerhalb der einzelnen Nationen auf wackeligem Boden steht. Auf zwingendem Erfolgskurs ist Asien also nicht. Um mehr darüber zu erfahren, lohnt sich ein Blick in Biswas Buch.

 

Rezension von Ruth Müller, Nachdruck unter Quellenangabe (Ruth Müller/Berlin-Institut) erlaubt.

 

Rajiv Biswas: Future Asia. The New Gold Rush in the East. Palgrave Macmillan. 2013. 197 Seiten. 34,10 Euro.

 

 

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