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von Joachim Weimann, Andreas Knabe und Ronnie Schöb

Dass Geld allein nicht glücklich macht, wird hierzulande kaum ein Mensch bestreiten. Doch trägt es überhaupt etwas zu unserem Lebensglück bei? Diese Frage hat sich in der Vergangenheit als kontrovers erwiesen. Seit den 1970er Jahren setzt sich auch die Ökonomie mit ihr auseinander, was sie ihrer noch immer jungen Teildisziplin, der Glücksforschung, zu verdanken hat. Deren Fundament liegt gewissermaßen in der von dem amerikanischen Ökonomen Richard Easterlin gemachten Beobachtung, dass innerhalb eines Landes zwar reiche Menschen glücklicher sind als arme, die Gesellschaft als Ganzes durch ein höheres Nationaleinkommen aber nicht glücklicher wird. In anderen Worten: Das Streben nach materiellem Wohlstand führt nicht dazu, dass es der Gesellschaft besser geht.
In ihrem Buch „Geld macht doch glücklich“ versuchen die Autoren Joachim Weimann, Andreas Knabe und Ronnie Schöb – allesamt Professoren der Volkswirtschaftslehre – das sogenannte Easterlin-Paradox zu entkräften. Um dabei auch Leser ohne Vorkenntnisse anzusprechen, fassen die Autoren zunächst die zentralen Ergebnisse der Glücksforschung zusammen. Sie liefern dabei ein extrem differenziertes Bild, das, in anschaulicher Sprache geschrieben, selbst Glücksforschern einige Neuigkeiten bieten dürfte – etwa zum Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und der Lebenszufriedenheit.
Im zweiten Teil des Buches setzen sich die Autoren kritisch mit der Glücksforschung auseinander und führen gleich mehrere Gründe an, die das Easterlin-Paradox überzeugend erklären. Der Faktenberg ist beeindruckend, und allein deswegen ist der Leser am Ende des Buches durchaus überzeugt von der These der Autoren. Ein zentrales Argument ist das sogenannte Weber-Fechner-Gesetz, nach dem Menschen eine immer größere Menge eines bestimmten Reizes benötigen, um diesen wahrzunehmen. Eine Lautstärkeänderung von 30 auf 40 Dezibel wird danach stärker wahrgenommen als eine von 90 auf 100 Dezibel. Um den gleichen gefühlten Reiz zu erzeugen, müsste die Lautstärke im zweiten Fall ebenfalls um ein Drittel erhöht werden – also auf 120 Dezibel. Nicht anders verhält es sich mit Geld: Je mehr wir haben, desto mehr brauchen wir für den gleichen Zuwachs an Zufriedenheit. Hinzu kommt, dass die Skala, die zur Messung der der Lebenszufriedenheit genutzt wird, nach oben hin begrenzt ist – der Wert 10 bildet per Definition die Obergrenze. Dadurch werden Werte am oberen Ende der Skala „gequetscht“, so dass sich ab einem bestimmten Punkt nur noch sehr geringe Zuwächse an Zufriedenheit einstellen.
Der Reichtum an verschiedenen Blickwinkeln ist einerseits eine große Stärke des Buches, andererseits aber auch eine Schwäche. Denn einige Argumente wirken etwas konstruiert. So identifizieren die Autoren die gestiegene Lebenserwartung als hinreichenden Grund, um sagen zu können, dass eine größere Wirtschaftskraft (der Auslöser für die höhere Lebenserwartung) die Menschen glücklicher macht. Die Logik ist einfach: Wer länger lebt, wird in seinem Leben insgesamt mehr Glück erfahren. Mathematisch ist diese Schlussfolgerung über jeden Zweifel erhaben, und dennoch mutet es etwas merkwürdig an, dass eine Person, die alt wird, aber zeitlebens unter Depressionen leidet, unter Umständen glücklicher sein soll, als eine lebensfrohere Person, die vergleichsweise früh stirbt.
Auf die sich aufdrängenden philosophischen Fragen verzichten die Autoren. Und so ist es auch wenig verwunderlich, dass sie sich klar dazu bekennen, das Glück wie gehabt zu messen, also indem man Menschen befragt, wie zufrieden sie auf einer Skala von 0 bis 10 mit ihrem Leben im Allgemeinen sind. Sie stellen sich damit gegen neuere, stärker experimentell orientierte Methoden der Glücksmessung wie etwa die sogenannte Day Reconstruction Method. Hierbei führen die Befragten eine Art Tagebuch, in dem sie notieren, was sie am vergangenen Tag wie oft getan haben und wie sie sich dabei jeweils gefühlt haben. Anders als die Angabe der allgemeinen Lebenszufriedenheit, die sich immer an einem vermeintlichen Ideal orientiert und daher nicht unabhängig von Erwartungen und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sein kann, hätte sie das Potenzial, das „pure“ oder „ursprüngliche“ Glück zu messen (interessanterweise steigt die Lebenszufriedenheit hierbei ab einem bestimmten Einkommen nach aktuellem Wissensstand tatsächlich nicht weiter an).
Ein klarer Kritikpunkt an dem Buch ist, dass sich die Autoren an einigen Stellen nicht sicher zu sein scheinen, ob sie nur das erwähnte Paradox widerlegen, oder die Glücksforschung in ihrer Gänze diskreditieren wollen. So kritisieren sie die Subjektivität der erhobenen Daten als unzuverlässig und nicht geeignet für Vergleiche zwischen verschiedenen Menschen und zu verschiedenen Zeitpunkten, ziehen aber gleichzeitig immer wieder Ergebnisse eben jener Glücksforschung heran, um ihre Aussagen zu untermauern – etwa wenn sie argumentieren, dass ein besserer Datensatz als das von Easterlin benutzte World Values Survey andere Ergebnisse liefert.
Am Ende des Buches ist der Leser somit zwar voll neuer Erkenntnisse und Inspirationen (auch der Anhang ist extrem lesenswert!), bleibt aber gleichzeitig etwas ratlos darüber zurück, ob nun der Forscher irrt (Easterlin) oder die gesamte Forschung, wie es der Titel impliziert.

 

Rezension von Stephan Sievert, Nachdruck unter Quellenangabe (Stephan Sievert/ Berlin-Institut) erlaubt.



Joachim Weimann, Andreas Knabe, Ronnie Schöb: Geld macht doch glücklich. Wo die ökonomische Glücksforschung irrt. Stuttgart: Schäffer-Poeschel Verlag. 214 Seiten. 29,95 Euro.

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