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von Doug Saunders


Muslime sind Fundamentalisten, der Islam ist keine Religion, sondern eine Ideologie und die westliche Kultur droht, unter der muslimischen „Flut“ unterzugehen. Diese und ähnliche Einstellungen sind bis weit in die politische Mitte der westlichen Länder verbreitet und finden dort bei breiten Bevölkerungsteilen Zuspruch, so der kanadische Autor und Journalist Doug Saunders. Doch seien die Befürchtungen durch keinerlei Zahlen und Fakten zu belegen. Im Gegenteil, in seinem Buch „Mythos Überfremdung“ zeigt Saunders nicht nur, wie haltlos die verallgemeinerte Angst vor Muslimen ist, sondern auch, wie sehr sich die Furcht vor einer islamischen „Flut“ mit Reaktionen auf frühere Einwanderungsbewegungen deckt.

Der Autor beginnt mit einer Bestandsaufnahme und beschreibt zunächst, wie sich die Angst vor einer muslimischen Überfremdung in den vergangenen Jahrzehnten in der westlichen Welt verbreitet hat. Saunders zeichnet dabei nach, wie sich die Furcht vor einem ‚Eurabien‘ – ein Begriff, der die vermeintlichen arabisch-islamischen Ambitionen in Europa beschreibt – in die Mitte der westlichen Gesellschaft schleicht. Extremes Gedankengut, auf das sich Menschen wie der norwegische Attentäter Breivik berufen, finde sich ganz ähnlich bei angesehenen Personen des öffentlichen Lebens wieder - von Vertretern der US-amerikanischen Tea-Party-Bewegung über den Financial Times-Kolumnisten Christopher Caldwell  bis hin zum niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders oder dem deutschen Volkswirt und Sozialdemokraten Thilo Sarrazin.

Eben diese Verschiebung extremen Gedankenguts in die Mitte der Gesellschaft hat Saunders angeregt, die verbreiteten Ängste sachlich und unvoreingenommen auf ihre Substanz zu prüfen. Er greift systematisch verschiedene Behauptungen auf und überprüft ihren Wahrheitsgehalt mit Hilfe verschiedenster aktueller Studien und Befragungen. Dabei handelt er die drei Themenbereiche Bevölkerung, Integration und Extremismus ab. Der erste Bereich spürt der Angst davor nach, dass sich die muslimische Bevölkerung aufgrund von hohen Geburtenraten und starker Einwanderung in absehbarer Zeit zur stärksten Bevölkerungsgruppe im Westen entwickeln könnte. Der zweite Bereich geht der Frage nach, ob muslimische Einwanderer per se unwillig oder unfähig zur Integration seien, und der dritte, ob dem Islam ein Hang zum Terror und Gewalt inne liegt.  Saunders Buch zeichnet sich nicht nur durch die gelungene Zusammenführung aktueller Studienergebnisse zur muslimischen Bevölkerung in westlichen Ländern aus, sondern auch durch den Vergleich mit anderen Bevölkerungs- und Religionsgruppen. Er zeigt etwa,  dass gläubige Muslime den Werten der Verfassung ihrer Aufnahmeländer mehrheitlich loyaler gegenüberstehen als ihrer Religion – und dass diese Loyalität oft deutlicher ausgeprägt ist als bei anderen Glaubensgemeinschaften. Ähnlich verhält es sich mit dem Wunsch nach Einführung religiöser Gesetze in die staatliche Rechtsprechung oder mit der Akzeptanz von Gewalt. So kommen Muslime, die zu Terrorakten bereit sind, selten aus gläubigen Elternhäusern. Meistens haben sie sich erst kurz vor der Radikalisierung dem Islam zugewandt und verwenden Religion als Rechtfertigung für politisches Handeln.

Saunders vergleicht die Einwanderung von Muslimen mit der Einwanderung anderer Glaubensgemeinschaften auch aus einer historischen Perspektive. Er zeigt, dass sich die heutige Angst vor einer muslimischen „Überflutung“ der westlichen Kultur kaum unterscheidet von den Befürchtungen vor einer katholischen oder auch jüdischen „Flut“ im 19. und 20. Jahrhundert. Ausgelöst wurden diese damals durch massive Wanderungen vor allem von katholischen Iren und osteuropäischen Juden. Beide Gruppen stießen in ihren Aufnahmeländern auf große Befremdung und Distanz. Wie heute den Muslimen wurde ihnen vorgeworfen, integrationsunfähig zu sein und eine Gefahr für die westliche Kultur darzustellen – Befürchtungen, die sich nicht bewahrheitet haben. Der Blick auf diese früheren Einwanderergruppen lohnt, um zu verstehen, von welchen Hindernissen, aber auch positiven Weichenstellung ihre Integration bestimmt wurde.

Obwohl es manchmal etwas plakativ erscheinen mag, bleibt Saunders Buch immer sachlich. Auch verharmlost er nicht, dass durch misslungene Integration von (muslimischen) Migranten tatsächlich große gesellschaftliche Spannungen entstehen können – und das oft über Generationen hinweg. Diesem Aspekt wird Saunders im abschließenden Teil des Buchs gerecht. Er beschreibt, wie Migranten der zweiten und dritten Generation durch Vorurteile und soziale Barrieren der Weg zu einer gesellschaftlichen Teilhabe erschwert wird. Dies führe zu einer empfundenen Herabstufung der eigenen Identität. Eine solche Abwertung könne, laut Saunders, viel schwerer wiegen als die reale Ausgrenzung, die die erste Einwanderergeneration erlebt hat. Daraus entsteht Frustration und die birgt sozialen Sprengstoff. Denn viele Migranten könnten sich auf der Suche nach Anerkennung und Erfolg von der Gesellschaft der Aufnahmeländer abkehren. Doch auch bei diesem Problem handelt es sich, laut Saunders, um eine typische Etappe in der Abfolge von Integrationsphasen, die zur sich ständig wandelnden kulturellen Lebenswirklichkeit von modernen Gesellschaften gehören.

„Mythos Überfremdung“ lässt sich als Abrechnung – so auch der Untertitel – mit allen beschreiben, die engstirniges Denken und populäre Meinungen verbreiten, ohne sie zu hinterfragen. Gleichzeitig ist das Buch ein beachtenswertes Plädoyer für eine offene Gesellschaft und mehr Gelassenheit im Umgang mit Migranten und anderen Kulturen.

 

Rezension von Franziska Woellert, Nachdruck unter Quellenangabe (Franziska Woellert/ Berlin-Institut) erlaubt.

 

Doug Saunders: Mythos Überfremdung. Eine Abrechnung. Karl Blessing Verlag, München. 2012. 256 Seiten. 18,99 Euro.

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