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von Günter Stock, Hans Bertram, Alexia Fürnkranz-Prskawetz, Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli, Ursula M. Staudinger (Hg.)

Eine Zukunft mit Kindern gibt es nur, wenn für das Wohlergehen von Eltern und Kindern gesorgt ist. So lautet die zentrale Botschaft einer Studie, die der Frage nachgegangen ist, warum in Deutschland, Österreich und der Schweiz immer weniger Kinder zur Welt kommen, und was Politik und Gesellschaft tun können, um dies zu ändern.
Angeschoben hat das Forschungsprojekt die interdisziplinäre Arbeitsgruppe "Zukunft mit Kindern – Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung". Getragen haben es mit finanzieller Unterstützung der Jacobs Foundation die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina und ihr Berlin-Brandenburgisches Pendant. 34 Autorinnen und Autoren wirkten an dem Bericht mit. Zusätzlich wurden 43 Experten einbezogen. Und fünf Koordinatoren sorgten dafür, dass die Unterarbeitsgruppen ihre Ergebnisse schließlich in gemeinsamen Kernaussagen zusammenführten. Ohne sie hätte, wie die Herausgeber schreiben, "dieser Prozess mit Sicherheit viel länger gedauert".
Das Ergebnis dieser geballten Anstrengung beeindruckt mit seiner Informationsfülle und der Schärfe seiner Analysen. Zum Einstieg räumt das Buch mit einigen Mythen und Legenden auf, etwa dass die niedrigen Geburtenraten eine Folge der Erwerbstätigkeit von Frauen seien. Tatsächlich arbeiten heute gerade in jenen Industrieländern, in denen viele Kinder geboren werden – wie etwa Schweden oder Frankreich –, auch besonders viele Frauen.
Es folgen eine umfassende Darstellung des Geburtenverhaltens und der Bevölkerungsdiskussion von vorindustrieller Zeit bis heute, detaillierte Ausführungen zu den unterschiedlichen Sichtweisen auf die Fertilität sowie zu Demografie, Datenerhebung und -interpretation. Ob und wie Familienpolitik die Entscheidung für Nachwuchs beeinflusst, wird aus sämtlichen soziologischen, psychologischen und ökonomischen Blickwinkeln beleuchtet. Und schließlich kommen auch die medizinischen und biologischen Aspekte erschöpfend zur Sprache. Perfekt. Doch welcher politische Entscheidungsträger liest solch ein 475-seitiges Werk?
Damit das Buch nicht nur die akademische Debatte befruchtet, sondern auch von praktischem Nutzen ist, haben die Autoren eine Kurzversion von 76 Seiten beigefügt und auf dem eigens eingerichteten Internetportal diverse Infoblätter von etwa vier Seiten sowie kurze Filmchen mit den Autoren zur Verfügung gestellt. Dies ist gut, denn die Empfehlungen sind äußerst bedenkenswert. Kurz und knapp: Familienpolitik sollte erstens mehr Optionen bei der Gestaltung von Arbeitszeiten, Erwerbsphasen und Karriere ermöglichen. Zweitens sollte sie staatliche Geldleistungen transparent und zuverlässig gestalten und in Richtung einer Kindergrundsicherung weiterentwickeln. Und drittens sollte sie Familien "über den gesamten Lebenslauf in verlässlicher Weise unterschiedliche Dienstleistungsangebote zur Betreuung und Förderung ihrer Kinder bieten". Besonders interessant ist dabei der Vorschlag, ein der Geschlechtergleichstellungspolitik vergleichbares "Familien-Mainstreaming" einzuführen. Das heißt, dass alles, was die Politik plant, daraufhin überprüft werden soll, ob es dem Wohlergehen von Kindern und ihren Eltern dient.
Des Weiteren fordern die Wissenschaftler dazu auf, die Menschen besser über die Entwicklung der Fruchtbarkeit im Verlauf ihres Lebens und deren Gefährdung aufzuklären. Sie zeigen, wo verstärkte Forschung nötig ist und wie die Datenerhebung verbessert werden kann.
Ob all dies den lange erwarteten Trendwechsel bei den Geburtenzahlen herbeiführen wird, bleibt abzuwarten. Eine zeitgemäße und nützliche Hilfestellung für familienpolitische Maßnahmen ist es allemal.

 

Rezension von Sabine Sütterlin, Nachdruck unter Quellenangabe (Sabine Sütterlin/ Berlin-Institut) erlaubt.


Günter Stock, Hans Bertram, Alexia Fürnkranz-Prskawetz, Wolfgang Holzgreve, Martin Kohli, Ursula M. Staudinger (Hg.): Zukunft mit Kindern. Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 2012.

 

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