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Die demografische Zukunft Russlands und der anderen post-sowjetischen Staaten

 

Von Stephan Sievert, Segei Sacharow, Reiner Klingholz

 

 

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Das Medienecho auf diese Studie finden Sie in der Presseschau

 

Welchen demografischen Veränderungen sind die Regionen Russlands und der anderen ehemaligen Sowjetrepubliken heute und in Zukunft ausgesetzt?

Knapp 20 Jahre sind vergangen, seit der gescheiterte Augustputsch 1991 das endgültige Aus der Sowjetunion besiegelte. Mit dem Zusammenbruch des sowjetischen Systems der regionalen Arbeitsteilung wurden aus ökonomischen Verbündeten über Nacht Wettbewerber: War den zentralasiatischen Staaten zuvor die Produktion von Wasserkraft und Baumwolle zugedacht, der Ukraine die Lieferung einer Vielzahl von Fertiggütern und Moldawien die von Lebensmitteln, mussten die Länder fortan auf eigenen Beinen stehen und eigene Märkte für ihre Produkte suchen. Und auch innerhalb der neuen Staaten und Regionen entbrannte ein Wettbewerb um Kapital, Menschen und Technologien. Wo sich Wirtschafts- und Besiedlungsstruktur ehemals sicherheitspolitischen Aspekten unterordnen mussten, folgen sie nun überwiegend der Logik des Marktes. Vielerorts hat diese die etablierten Strukturen längst ad absurdum geführt: Zahlreiche Industriesiedlungen sind unter hohen Produktionskosten zusammengebrochen, Zentren der Rüstungsindustrie obsolet geworden, und ländliche Räume haben sich durch Abwanderung entleert.

Zwischen den neuen Freiheiten und dem ungewohnten Angebot an Konsumgütern einerseits und der millionenfachen Armut und Arbeitslosigkeit andererseits klaffte allerdings schnell ein riesiges Loch. Nicht nur auf die seelische Gesundheit der Menschen hatte dies verheerende Auswirkungen: Drogen- und Alkoholmissbrauch richteten viele körperlich zugrunde. In Russland sank die Lebenserwartung für Männer mit 57 Jahren auf den niedrigsten Stand der Nachkriegszeit. Wer kaum genug hatte, um das eigene Überleben zu sichern, konnte es sich erst recht nicht leisten, Nachwuchs in die Welt zu setzen. Binnen eines Jahrzehnts sank die durchschnittliche Kinderzahl je Frau in Russland von über zwei auf 1,2. Zu diesem Trend trug ab Mitte der 1990er Jahre auch die neu gewonnene Freiheit bei, die viele Frauen dazu veranlasste, den Kinderwunsch gegenüber jenem nach Selbstverwirklichung zurückzustellen.

Die Bevölkerungszahl Russlands ist seit 1993 von knapp 149 auf 142 Millionen Menschen zurückgegangen. Wären nicht mehrere Millionen ethnische Russen nach dem Ende der Sowjetunion in ihre alte Heimat zurückgekehrt, wäre der Verlust etwa doppelt so hoch ausgefallen. Auch weil das Reservoir der Auslandsrussen langsam aufgebraucht ist, wird sich der Bevölkerungsrückgang in Zukunft beschleunigen. Denn in den nächsten Jahren kommen die ausgedünnten Jahrgänge der 1990er ins Elternalter. Bis 2030 könnte Russland weitere 15 Millionen Menschen verlieren – am stärksten wird der Rückgang unter der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter sein. Für die wirtschaftliche Zukunft des Landes wird es daher immer wichtiger, dass die restliche Bevölkerung über einen guten Bildungs- und Gesundheitsstand verfügt.

Die neue Studie "Die schrumpfende Weltmacht – Die demografische Zukunft Russlands und der anderen post-sowjetischen Staaten" des Berlin-Instituts zeigt eine Weltregion, die von einem demografischen Schrumpfungsprozess im Norden und einem starken Bevölkerungswachstum im Süden gekennzeichnet ist. Migrationsdruck auf der einen Seite trifft auf Arbeitskräfterückgang auf der anderen Seite. Diese Gewichte auszutarieren, ist in der Realität oft komplizierter, als es in der Theorie erscheint.

Anhand einer Clusteranalyse war es möglich, die 141 betrachteten Regionen und Länder auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion nach demografischen Charakteristika in fünf Gruppen mit ähnlichen Herausforderungen einzuteilen.

Die fünf Cluster auf einen Blick

Cluster 1 umfasst eine kleine Gruppe von Regionen, die es in der Vergangenheit geschafft hat, ihre Bevölkerung trotz sehr niedriger Kinderzahlen durch Zuwanderung einigermaßen stabil zu halten oder sogar zu vermehren. Zu ihnen zählen die Hauptstädte Moskau, Kiew, Minsk sowie die Ostseemetropole St. Petersburg und der ukrainische Schwarzmeerhafen Sewastopol. Städte wie Jekaterinburg, Nischni Nowgorod oder Nowosibirsk erleben eine ähnliche Entwicklung, nicht jedoch die gesamten Regionen, in denen sie liegen. Denn die dortigen ländlichen Gebiete, Dörfer und Kleinstädte bieten gerade für junge, gebildete Menschen immer weniger Beschäftigungsmöglichkeiten. Neben unabhängigen Städten finden sich in dieser Gruppe mit dem Moskauer und St. Petersburger Umland, der beliebten Schwarzmeerregion Krasnodar, der Republik Tatarstan an der Wolga sowie dem kleinen Gebiet Belgorod an der ukrainischen Grenze ausschließlich russische Regionen in dieser Gruppe. Sie haben sich aufgrund ihrer Wirtschaftskraft und regionaler Besonderheiten wie einer attraktiven geografischen Lage (Krasnodar) oder einer aktiven Migrationspolitik (Belgorod) zu Zuwanderungsmagneten entwickelt.

Dennoch stehen auch diese vermeintlichen "Gewinnerregionen" vor enormen Herausforderungen: Jung und Alt, Einheimisch und Zugewandert, Reich und Arm sind nur einige der Gegensätze, die es zu hier entschärfen gilt. 18,7 Prozent der Einwohner sind 60 Jahre oder älter. Zwar drücken die Zuwanderer den Altersschnitt und sorgen dafür, dass sich der Arbeitskräfterückgang hier langsamer vollzieht als anderswo, doch stoßen die Migranten zunehmend auf den – teils gewalttätigen – Widerstand der einheimischen Bevölkerung. Weitere Probleme sind die wirtschaftliche Ungleichheit, die gerade in Moskau extreme Dimensionen angenommen hat, und der knappe Wohnraum in den Metropolen.

Überwiegend geringe Bevölkerungsverluste werden auch die Regionen der Gruppe 2 bis 2030 hinnehmen müssen, wenn auch aus ganz anderen Gründen als die wirtschaftsstarken Gebiete der Gruppe 1. Denn anders als Letztgenannte verlieren sie fast durch die Bank Einwohner durch Abwanderung. Dagegen bekommen Frauen im Laufe ihres Lebens hier durchschnittlich 1,64 Kinder und damit knapp 0,3 mehr als in Gruppe 1. Ein Grund hierfür ist, dass zu dieser Gruppe viele eher ländliche Gegenden zählen, in denen traditionellere Lebensstile vorherrschen. Dies gilt sowohl für die Regionen des Nord- und Südkaukasus als auch für die westlichen Gebiete der Ukraine und von Belarus. Das eigentliche Merkmal dieser Regionen ist allerdings die hohe Lebenserwartung von durchschnittlich 72,2 Jahren. Sie lässt sich neben den klimatischen Bedingungen auch auf die Bedeutung der Religion und die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung zurückführen. Sowohl im Nordkaukasus als auch in den westlichen Gebieten der Ukraine leben weniger Russen als im landesweiten Durchschnitt. Durch Alkoholmissbrauch bedingte, vermeidbare Todesfälle sind eher selten. Die geringe Industriedichte und damit eine geringere Umweltbelastung begünstigen ein längeres Leben ebenso wie der niedrige Verstädterungsgrad, der Probleme wie Drogenmissbrauch und HIV begrenzt.

Von Kaliningrad über weite Teile von Belarus und der Ukraine, Zentral- und Nordwestrussland bis hinter den Ural, in die sibirische Region Krasnojarsk, zieht sich ein Gürtel niedriger Fertilität, in dem die gesellschaftliche Alterung bereits weit fortgeschritten ist. In der Gruppe 3 ist etwa ein Fünftel der Bevölkerung 60 Jahre oder älter. Im Schnitt dürften die Regionen bis 2030 im zweistelligen Prozentbereich schrumpfen. Zuwanderung und Abwanderung halten sich hier vielerorts in etwa die Waage. Nur vereinzelte "Leuchttürme" verzeichnen nennenswerte Wanderungsüberschüsse. Zu ihnen zählen die zentralrussischen Gebiete Kaluga und Jaroslawl, die an der Wolga gelegenen Gebiete Samara und Astrachan, Russlands westlicher Vorposten Kaliningrad, der ukrainische Schwarzmeerhafen Odessa sowie die sibirischen Wissenschaftszentren Nowosibirsk und Tomsk.

Ähnlich große Bevölkerungseinbußen werden die Regionen der Gruppe 4 hinnehmen müssen, zu denen insbesondere nördliche und östliche Randgebiete Russlands zählen. Ihr Hauptmerkmal sind hohe Wanderungsverluste. Darüber hinaus sind sie durch eine sehr geringe Lebenserwartung, leicht überdurchschnittliche Kinderzahlen und folglich eine junge Bevölkerungsstruktur geprägt. Diese Gruppe zeigt deutlich, dass eine flächendeckende Besiedlung des russischen Territoriums unter marktwirtschaftlichen Bedingungen nicht zu verwirklichen ist. Der Autonome Kreis der Tschuktschen hat seit dem letzten Sowjetzensus 1989 mehr als zwei Drittel seiner Einwohner verloren, das Gebiet Magadan über die Hälfte. Die zukünftige Schrumpfung dieser Regionen wird sich zu einem immer größeren Teil mit Sterbeüberschüssen erklären lassen, da viele wanderungswillige junge Menschen die Regionen bereits verlassen haben.

Auch die Mehrheit der Regionen der Gruppe 5 hat mit Abwanderung zu kämpfen. Entleeren werden sie sich dadurch aber keinesfalls. Denn Frauen bekommen hier im Schnitt 2,78 Kinder – so viele wie in Nordafrika. Das sind deutlich mehr, als für eine stabile Bevölkerungsentwicklung nötig wären. Die hohen Kinderzahlen schlagen sich in einer extrem jungen Bevölkerungsstruktur und einem teilweise hohen Bevölkerungswachstum nieder. Damit unterscheiden sich diese Regionen deutlich von allen anderen Clustern. Der Hauptgrund für die hohen Kinderzahlen ist der niedrige Entwicklungsstand dieser Regionen, zu denen weite Teile Zentralasiens sowie die russischen Republiken Tschetschenien, Tuwa und Altai zählen. Soziale Sicherungssysteme sind bislang kaum ausgebaut, weshalb die Familien weiterhin die Rolle der Sozialversicherung übernehmen. Doch die vielen Kinder haben vor Ort kaum Aussicht auf Beschäftigung. In Scharen wandern die jungen Menschen daher ab. Beliebtestes Ziel ist Moskau, von wo sie einen Großteil ihres Lohnes zurück in die Heimat schicken, um ihre Familien zu unterstützen.

Allerdings fallen auch hier die Kinderzahlen, wodurch die Regionen in Zukunft von einer wachsenden Erwerbsbevölkerung bei gleichzeitig weniger wirtschaftlich Abhängigen – Kinder und Alte – profitieren könnten. Um diese "demografische Dividende" auszunutzen, bedarf es allerdings enormer Investitionen in Arbeitsplätze. Ob dies möglich sein wird, erscheint ob der politischen Instabilität und Korruption fraglich.

 


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Für Fragen und Interviews stehen Ihnen zur Verfügung:
• Stephan Sievert, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Berlin-Instituts,
Telefon: 0 30 – 31 10 26 98, E-Mail: sievert(at)berlin-institut.org

• Dr. Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts,
Telefon: 0 30 - 31 01 75 60, E-Mail: klingholz(at)berlin-institut.org

• Sergei Sacharow von der Hochschule für Ökonomie in Moskau,
E-Mail: szakharov(at)hse.ru



Unter Telefon: 0 30 - 22 32 48 45 oder E-Mail: info(at)berlin-institut.org können Sie gedruckte Exemplare bestellen (Schutzgebühr 6,40 Euro, inklusive Versand Inland, bei Versand ins Ausland berechnen wir 10 Euro).


Das Projekt wurde gefördert von der Robert Bosch Stiftung, der ERSTE Stiftung und dem GfK Verein.

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