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Zwischen Stabilität und demografischem Niedergang

 

Von Steffen Kröhnert, Eva Kuhn, Margret Karsch, Reiner Klingholz, Wulf Bennert

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Allgemeine Bevölkerungsverluste

Seit fast 40 Jahren liegen die Geburtenraten in Deutschland deutlich unter dem bestandserhaltenden Niveau, und mittlerweile kann auch die Zuwanderung den Rückgang der Einwohnerzahlen nicht mehr aufhalten. Das Statistische Bundesamt erwartet darum, dass in Deutschland 2050 mindestens zwölf Millionen Menschen weniger leben als heute. Gleichzeitig schafft der wirtschaftliche Strukturwandel zwar neue Arbeitsplätze – aber sie entstehen vor allem in den Metropolregionen, zu denen auch das ländliche Umland der Großstädte gehört. In ländlich-peripheren Gebieten geht dagegen Beschäftigung verloren. Besonders junge Menschen, und damit potenzielle Eltern, folgen dem Ruf der Zentren.

 

Entlegene ländliche Gebiete trocknen demografisch aus

Beide Prozesse sorgen dafür, dass der entlegene ländliche Raum überproportional von Alterung und Abwanderung betroffen ist. Und anders als früher wird die Landflucht nicht mehr durch hohe Kinderzahlen ausgeglichen. Der Überschuss der Sterbefälle über die Geburten ist umso größer, je abgelegener eine Gemeinde ist.

Zwei Drittel aller ländlichen Gemeinden Deutschlands haben zwischen 2003 und 2008 mehr als ein Prozent ihrer Bevölkerung eingebüßt. Besonders dramatisch ist die Entwicklung in Ostdeutschland, wo 64 Prozent der ländlichen Gemeinden sogar mehr als fünf Prozent ihrer Bevölkerung verloren haben. Im Westen Deutschlands sind vor allem Gemeinden im westlichen Rheinland-Pfalz, in Südostniedersachsen, in Nordhessen und im nördlichen Bayern betroffen. Der Bevölkerungsschwund wird sich in den kommenden Jahren durch die demografische Entwicklung deutlich beschleunigen. Dadurch sind mittelfristig zahlreiche Dörfer  in ihrer Existenz gefährdet.

 

Sinkende Einnahmen – steigende Kosten

Durch die demografische Entwicklung gehen für immer mehr Orte im ländlichen Raum die Einnahmen aus Steuern, Abgaben und Ausgleichzahlungen zurück. Weil die Kommunen die Kosten für viele infrastrukturelle Dienstleistungen wie Wasser, Abwasser oder Müllentsorgung auf die Einwohner umlegen, wird für diese das Leben teurer. Zusätzlich erleben die Menschen in Fortzugsregionen eine massive Entwertung ihrer Immobilien.

Eine exemplarische Untersuchung der Infrastruktur einer Gemeinde im hessischen Vogelsbergkreis zeigt, dass vor allem das Erfüllen immer höherer technischer und Umwelt-Standards die Kosten in die Höhe treibt. So stieg das Gebührenaufkommen für Abwasserentsorgung zwischen den Jahren 2000 und 2010 um fast die Hälfte, für Trinkwasser um mehr als ein Drittel – und das obwohl die Einwohner- und Nutzerzahl in diesem Zeitraum um acht Prozent gesunken ist. Schriebe man diese Entwicklung fort, so müssten sich die Gebühreneinnahmen bis 2030 noch einmal verdoppeln. Selbst bei gleichbleibenden Ausgaben der Gemeinde für Trinkwasser und Abwasser würden aufgrund des Rückgangs der Einwohnerzahl die Pro-Kopf-Kosten um rund ein Fünftel steigen.

 

Eine zentrale Lage ist für die Entwicklung vieler Gemeinden entscheidend

In Westdeutschland können sich bisher vor allem Klein- und Mittelstädte sowie ländliche Gemeinden, die nicht weiter als 20 Minuten Fahrzeit von Oberzentren entfernt liegen, demografisch stabilisieren. Je größer hingegen die Entfernung zu Großstädten mit Schulen, Krankenhäusern oder Einkaufsmöglichkeiten ist, desto stärker fällt tendenziell der Bevölkerungsrückgang aus. Ländliche Gemeinden, die weiter als 40 Minuten Fahrzeit vom nächsten Oberzentrum entfernt liegen, verloren zwischen 2003 und 2008 im Mittel knapp zwei Prozent ihrer Einwohner.

In Ostdeutschland, wo die Einwohnerzahl insgesamt stark rückläufig ist, schrumpfen die meisten Kommunen selbst dann, wenn sie nahe an einem Oberzentrum liegen. Am stärksten leiden aber auch hier die abgelegensten Gemeinden. So büßten ländliche Gemeinden in mehr als 60 Minuten Fahrzeit zu einem Oberzentrum zwischen 2003 und 2008 durchschnittlich fast sieben Prozent ihrer Bevölkerung ein.

 

Unterschiedliche Bedingungen in den untersuchten Landkreisen in Hessen und Thüringen

Sowohl der hessische Vogelsbergkreis als auch der thüringische Kreis Greiz gehören zu den demografisch am stärksten schrumpfenden Kreisen West- respektive Ostdeutschlands. Bei einer detaillierten Analyse der jeweils rund 200 Ortsteile und Dörfer dieser beiden Kreise treten dennoch deutliche Unterschiede in der Entwicklung zutage.

Im Vogelsbergkreis hat im betrachteten Zeitraum mehr als ein Viertel aller Dörfer mit weniger als 500 Einwohnern zwischen 10 und 22 Prozent der Bevölkerung verloren. Dabei schrumpfen im Vogelsbergkreis kleinere Dörfer tendenziell stärker als größere und solche in größerer Entfernung zu städtischen Zentren und zu Infrastruktureinrichtungen stärker als Dörfer in deren Nähe. Lediglich zehn Dörfer konnten ihre Einwohnerzahl stabil halten oder sogar wachsen.

Im Kreis Greiz erlitt fast ein Drittel der Dörfer dieser Größe Einwohnerverluste zwischen 10 und 30 Prozent. Auf der anderen Seite blieben jedoch knapp 20 Prozent der kleinen Dörfer stabil oder gewannen sogar Bevölkerung hinzu. Während sich im Vogelsbergkreis ein natürlicher Konzentrationsprozess der Bevölkerung auf größere und zentraler gelegene Orte abzeichnet, verläuft die Dorfentwicklung im Kreis Greiz weitgehend unregelmäßig.

 

Eine Vielzahl von Faktoren begünstigen Stabilität und Niedergang

Die geografische und landschaftliche Lage der Orte, die Siedlungsstruktur sowie die Möglichkeit, wichtige Infrastrukturen wie Schulen, Ämter oder städtische Zentren in kurzer Fahrzeit zu erreichen, wirken sich auf die Bevölkerungsentwicklung aus. Aber auch die Frage, wie aktiv sich die Bürger um ihre eigenen Belange kümmern, hat einen Einfluss auf die demografische Stabilität. Daneben spielen weitere Faktoren eine Rolle – etwa die Besitzverhältnisse von Immobilien, frühere Investitionsentscheidungen oder die Lokalpolitik.

Generell lässt sich sagen, dass kleine Dörfer stärker in ihrer Zukunftsfähigkeit gefährdet sind als größere Orte. Bevölkerungsverluste der Vergangenheit und ein geringer Anteil junger Menschen wirken sich ebenfalls negativ auf die Stabilität aus, ebenso sichtbarer Leerstand von Wohngebäuden und eine große Entfernung zu Oberzentren. Umgekehrt trägt eine, gemessen an der Vereinsdichte, aktive Bürgerschaft zur Stabilität bei.

 

Wachstum oder Schrumpfung sind nicht nur eine Frage von Stadt oder Dorf. In der Nähe zu wichtigen Großstädten entwickeln sich sowohl Städte als auch ländliche Gemeinden demografisch am günstigsten. Je entlegener sie sind, umso stärker sind tendenziell die Einwohnerverluste. In ländlichen Gemeinden ist dieser Effekt am deutlichsten zu erkennen.

 

Einige Dörfer sind in ihrem Bestand gefährdet

Bei einer Risikoanalyse auf Basis der oben erwähnten Faktoren für die Dörfer der untersuchten Landkreise zeigt sich, dass Orte im hessischen Vogelsbergkreis eher Stabilität erwarten können als Orte im thüringischen Kreis Greiz. Dörfer im Vogelsbergkreis sind häufig größer als in Greiz, der Anteil junger Menschen liegt höher, und und das Ausmaß des bürgerschaftlichen Engagements ist größer.

Im Vogelsbergkreis fällt ein Sechstel der Dörfer mit weniger als 500 Einwohnern in einen als besonders kritisch einzustufenden Risikobereich. Von ihnen haben fünf Dörfer zwischen 2004 und 2010 mehr als 15 Prozent ihrer Bewohner verloren.

In Greiz wird die Entwicklung in einem Fünftel aller kleinen Dörfer als besonders kritisch eingestuft. Unter ihnen sind 17 Dörfer mit mehr als 15 Prozent Einwohnerverlust zwischen 2004 und 2009 – darunter fünf Siedlungen mit weniger als 20 Einwohnern.

Im Vogelsbergkreis erhalten immerhin rund 30 Prozent der Dörfer, in den bis 500 Einwohner wohnen, eine günstige Einschätzung ihrer Zukunftsfähigkeit. Die Einwohnerverluste dieser Orte lagen zwischen 2004 und 2010 im niedrigen einstelligen Bereich, der Anteil unter 18-Jähriger an der Bevölkerung liegt häufig höher als 20 Prozent. Im Landkreis Greiz werden nur ein Zehntel der kleinen Dörfer als vorerst zukunftsfähig eingestuft. Dies sind mehrheitlich Dörfer mit mehr als 400 Einwohnern, deren Einwohnerverluste gering ausgefallen sind.

 

Was zu tun ist

Die demografischen Veränderungen im demografisch schrumpfenden ländlichen Raum sind kaum aufzuhalten, geschweige denn umzukehren. Deshalb müssen sich die betroffenen Kommunen so gut es geht an den Wandel anpassen. Folgende Punkte sind dabei zu berücksichtigen:

  • Die zunehmende Ungleichheit der regionalen Lebensbedingungen sollte politisch akzeptiert werden.
  • Gesetzliche Vorgaben zu Standards der Infrastruktur sind zu überprüfen und an die schwindende Einwohnerzahl anzupassen, um ländliche Gemeinden von unnötigen Vorschriften und Kosten zu entlasten.
  • Kleine Orte sollten zu Großgemeinden zusammengeschlossen werden, die mit mehr Handlungsspielraum ausgestattet sind. Ortsübergreifend gewählte Bürgervertreter sollten entscheiden, wo welche Infrastruktur vorgehalten, wo nicht mehr investiert wird und wo Baugenehmigungen erteilt werden.
  • Für Planungsentscheidungen, die über den Rahmen von Gemeinden hinausgehen, sollten Regionalkontingente eingerichtet werden. Diese finanziellen Mittel würden den Regionen ohne detaillierte Zweckbindung zustehen. Über deren Verwendung sollte ein Beirat aus gewählten Vertretern der Gemeinden entscheiden, nachdem er sich zuvor auf ein realistisches Gesamtkonzept zur Entwicklung der Region geeinigt hat.
  • Für Orte, in denen nur noch wenige, ältere Bewohner zurückbleiben, sollten rechtzeitig Programme entwickelt werden, die umzugswillige Menschen finanziell dabei unterstützen, ihren Wohnsitz in stadtnähere und/oder infrastrukturell besser versorgte Orte zu verlegen.
  • Es sollte ein Fonds gegründet werden, der den Rückbau von Dörfern und den Abriss von Schrottimmobilien finanziert. So können Ortsbilder attraktiv bleiben und nicht mehr benötigte Flächen an die Natur zurückgegeben werden.
  • Die Nutzung regenerativer Energien bietet für den ländlichen Raum eine neue Möglichkeit der Wertschöpfung. Das Land sollte die Chance nutzen, Modelle für eine nachhaltige Energieversorgung zu erarbeiten und gleichzeitig neue Arbeitsplätze und Einkommensmöglichkeiten zu schaffen.
  • Und nicht zuletzt müssen die Bürger offen über die voraussichtliche Entwicklung ihrer Dörfer informiert werden, damit sie rechtzeitig wichtige Entscheidungen zu ihrer eigenen Lebensplanung treffen können.

 

Die Studie „Die Zukunft der Dörfer“ entstand unter Mitwirkung und durch finanzielle Förderung der Stiftung Schloss Ettersburg.

 

Für Fragen und Interviews stehen Ihnen zur Verfügung:

Dr. Steffen Kröhnert, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Berlin-Instituts, Telefon: 0 30 - 22 32 48 44, E-Mail: kroehnert(at)berlin-institut.org

Dr. Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts, Telefon: 0 30 - 31 01 75 60, E-Mail: klingholz(at)berlin-institut.org

Die in der Studie enthaltenen Grafiken erhalten Sie vom Berlin-Institut auf Anfrage unter Telefon: 0 30 - 22 32 48 45 oder E-Mail: info(at)berlin-institut.org. Dort können Sie auch gedruckte Exemplare bestellen (Schutzgebühr 6 Euro, inklusive Versand innerhalb Deutschlands).

Die demografische Lage der Nation - was freiwilliges Engagement für die Regionen leistet

Land mit Aussicht - Was sich von dem wirtschaftlichen und demografischen Erfolg des Oldenburger Münsterlandes lernen lässt



mit Prof. Dr. Klaus Brake, TU Berlin

"Die Lebensbedingungen sind nicht gleichwertig"


mit Dr. Reiner Klingholz, 08.12.2011

"Dörfer ohne Zukunft?"