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Was die neue Familienpolitik Deutschlands von anderen europäischen Ländern gelernt hat

 

Von Steffen Kröhnert, Reiner Klingholz

 


Zur Studie (PDF, 267 KB)

 

Das Medienecho auf diese Studie finden Sie in der Presseschau

 

Warum die Kinderzahlen in den Ländern Westeuropas so unterschiedlich hoch sind

Im Jahr 2005 hat das Berlin-Institut die Untersuchung „Emanzipation oder Kindergeld? Der europäische Vergleich lehrt, was man für höhere Geburtenraten tun kann“ veröffentlich. Darin wurden die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die unterschiedlichen Kinderzahlen in westeuropäischen Nationen anhand einer Reihe sozioökonomischer Indikatoren verglichen. Dabei wurde deutlich, dass die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung, die früher zu immer weniger Kindern geführt hat, diesen Effekt heute nicht mehr hat. Mittlerweile werden in jenen Ländern mehr Kinder geboren, die in Bezug auf Wohlstand und auf die Gleichbehandlung der Geschlechter die modernsten Gesellschaftssysteme aufweisen.

Das Berlin-Institut hatte deshalb vorgeschlagen, das Problem nachwuchsarmer Länder aus einem neuen Blickwinkel zu diskutieren. Um Menschen in modernen Industriegesellschaften zu höheren Kinderzahlen zu motivieren, sei weniger die Höhe von Kindergeld und sonstigen Transferleistungen entscheidend. Ausschlaggebend sei vielmehr die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Gesellschaft.

Seit 2005 haben viele Länder, aufgeschreckt durch anhaltende niedrige Geburtenziffern, versucht ihre Familienpolitik zu modernisieren. Das Ziel ist, Familie und Beruf für Frauen und Männer besser vereinbar zu machen. Und Familien zu entlasten – zum einen, indem mehr Betreuungseinrichtungen für die Kleinen bereitgestellt werden, und zum anderen durch finanzielle Unterstützung.

Auch wenn sich ein Zusammenhang zwischen neuer Politik und der Nachwuchszahl nicht unmittelbar belegen lässt: In einigen Ländern, darunter Deutschland, steigen die Kinderzahlen je Frau wieder an. Das Berlin-Institut hat deshalb die Untersuchung von 2005 mit neuem Datenmaterial wiederholt, um herauszufinden, ob die damals formulierten Erkenntnisse neu zu formulieren sind. Die Zusammenhänge zeigen sich aber eher noch klarer.

Nach wie vor bestätigt sich, dass die wohlhabenderen Staaten Westeuropas wie Island (2,05 Kinder je Frau) oder Norwegen (1,90) höhere Kinderzahlen haben als ärmere wie Griechenland (1,39) oder Portugal (1,35). Noch deutlicher wird der Zusammenhang zwischen modernen Gesellschaftsstrukturen und Kinderzahl bei der Frauenerwerbstätigkeit: Denn es werden dort mehr Kinder geboren, wo mehr Frauen im Beruf stehen. Eine hohe Fertilität korreliert zudem mit dem Vorhandensein guter Betreuungseinrichtungen und mit dem Anteil von Frauen mit hohen Bildungsabschlüssen in Naturwissenschaft und Technik.

Die Differenz zahlreicher ökonomischer Indikatoren für Männer und Frauen in einer Gesellschaft sagt etwas darüber aus, wie gleichberechtigt beide Geschlechter am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Dies gilt etwa für die Differenz zwischen Männer- und Frauenerwerbslosigkeit und -erwerbstätigenquote. So liegt die Arbeitslosigkeit von Frauen im Alter von 25 bis 49 Jahren in den kinderarmen Ländern Spanien und Griechenland etwa doppelt so hoch wie die von Männern. In den vergleichsweise kinderreichen Nationen Frankreich sind die Unterschiede wesentlich geringer, in Norwegen und Island sind sogar Männer häufiger ohne Job.

Am deutlichsten wird der Zusammenhang zwischen Emanzipation und Kinderzahlen bei der Zahl der nicht-ehelichen Geburten. In allen westeuropäischen Ländern, die eine Gesamtfertilitätsrate von mehr als 1,7 Kindern je Frau aufweisen, wird ein größerer Anteil aller Kinder außerhalb von Ehen geboren als in Deutschland. Länder wie Italien und Griechenland, in denen uneheliche Lebensgemeinschaften und uneheliche Kinder noch immer stigmatisiert sind und dementsprechend selten vorkommen, haben die geringsten Geburtenraten Westeuropas.

Das Festhalten an traditionellen Familienstrukturen schafft somit keinerlei demografischen Vorteil: Bei den geburtenfreudigen Schweden, Norwegern und Franzosen kommt hingegen etwa die Hälfte aller Kinder außerehelich zur Welt – in Island, dem Staat mit der europaweit höchsten Kinderzahl je Frau sind es sogar über 65 Prozent.

Der Grund für diesen zunächst verblüffenden Zusammenhang ist sicher nicht, dass instabile Beziehungen das Kinderkriegen begünstigen. Die Scheidungshäufigkeit ist vielmehr ein Indikator für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Wo Frauen die Möglichkeit haben, finanziell unabhängig von ihrem männlichen Partner zu existieren, steigt die Bedeutung der emotionalen gegenüber der juristisch fixierten und ökonomisch notwendigen Bindung. Dies trägt, gemeinsam mit der gesellschaftlichen Akzeptanz von Ehescheidungen, offenbar dazu bei, dass auch die Wahrscheinlichkeit, sich nach einer Eheschließung wieder zu trennen, steigt.

 

Die gesamte Studie finden Sie hier (PDF).

 

You can read the English abstract here. You find the complete English version here (PDF).

 

Für Fragen und Interviews stehen Ihnen Steffen Kröhnert unter 0 30-22 32 48 44 und Dr. Reiner Klingholz unter 0 30-31 01 75 60 zur Verfügung.

 

Die Studie wurde gefördert von der Robert Bosch Stiftung.

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