
Demografischer Stress als Kriegsursache
Eine kürzlich erschienene Studie von Population Action International - "The Security Demographic" - befasst sich ausführlich mit dem Einfluss der demografischen Entwicklung auf die Kriegsgefahr (Cincotta/ Engelman/ Anastasion 2003). Die Autoren definieren vier demografische Stressfaktoren, die das Auftreten von Gewalt in Gesellschaften begünstigen. Einer davon ist der "youth bulge", der Überhang junger Menschen in der Bevölkerung. Neben dem "youth bulge" beschreiben die Autoren ein schnelles Wachstum der städtischen Bevölkerung, die Knappheit von Ackerland und Wasser und die Auswirkungen der AIDS-Epidemie als Konfliktursachen.
Die Studie liefert erstmals eine statistische Auswertung des Zusammenhangs zwischen Jungendanteil und Bürgerkrieg - allerdings nur für das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Dabei definieren die Autoren den "youth bulge" etwas anders als Heinsohn, nämlich als Anteil der 15 bis 29jährigen an der gesamten Bevölkerung eines Landes über 15 Jahre. Die Studie zeigt, dass in dem untersuchten Jahrzehnt zwischen 1990 und 2000 in Ländern in denen dieser "youth bulge" mehr als 40 Prozent betrug, die Konfliktwahrscheinlichkeit bei 33 Prozent lag. In einem Drittel dieser Länder kam es im betrachteten Zeitraum zu einem Bürgerkrieg. Die Wahrscheinlichkeit eines Bürgerkriegs war damit drei mal höher als in Ländern mit einem Jugendanteil unter 30 Prozent.
Das Berlin-Institut hat nun den Zusammenhang von Jugendanteil und der Häufigkeit von Konflikten für das vergangene halbe Jahrhundert überprüft und dabei Heinsohns "youth bulge" Definition verwendet, wonach 20 Prozent 15 bis 24jährige an der Gesamtbevölkerung eine kritische Grenze darstellen.
Abb.3 bringt die Daten in einen grafischen Zusammenhang. Zu erkennen ist ein sprunghafter Anstieg der "youth-bulge"-Nationen zwischen 1968 und 1983. Binnen 15 Jahren ist die Zahl der angeblich konfliktträchtigen Länder von drei auf 46 hochgeschnellt. Demografisch gesehen ist dies das Echo auf das starke Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern seit den 1950er Jahren. Nach 1983 nahm die Zahl der Länder mit "youth bulge" wieder etwas ab. Erklärbar ist dies durch die in vielen Ländern eingeleiteten staatlichen Familienplanungs-Programme nach 1970. Eine vergleichbar sprunghafte Entwicklung der Kriege wird in der Grafik jedoch nicht sichtbar: Die Kriegshäufigkeit entwickelt sich relativ gleichmäßig.
Einen proportionalen Zusammenhang zwischen der Zahl der "youth bulge"- Nationen und der Entwicklung der Zahl der Kriege gibt es also nicht. Allerdings zeigt die dritte (braune) Linie in der Grafik, dass der Zuwachs bei der Zahl der Kriege nach 1970 fast ausschließlich auf das Konto von "youth-bulge"-Nationen geht. Befand sich 1971 erst ein Land mit einem Jugendanteil von über 20 Prozent im Krieg, so waren es 1992 bereits 17. Insgesamt hatten von den 19 Ländern, deren Jugendanteil während der vergangenen 50 Jahre niemals 18 Prozent überstieg (darunter auch Deutschland) nur zwei einen gewaltsamen Konflikt auszutragen: Ungarn, dessen Bürger 1956 gegen die kommunistischen Machthaber aufbegehrten; sowie Großbritannien, das in langjährige Auseinandersetzungen in Nordirland sowie einen Krieg um die Falklandinseln verwickelt war. Andererseits haben 53 der 70 untersuchten Länder, die in irgendeinem Jahr seit 1950 einen Jugend-Anteil zwischen 19 und 21 Prozent erreichten, mindestens einen Krieg oder gewaltsamen Konflikt erlebt.
Kein linearer Zusammenhang zwischen hohem Jugendanteil und Kriegen
Das Berlin-Institut hat die Korrelation von Jugendanteil und Kriegsgefahr mit Hilfe einer binären logistischen Regression überprüft. Mit diesem statistischen Verfahren wird die Wahrscheinlichkeit, dass ein bestimmtes Ereignis eintritt, in Abhängigkeit von einer oder mehreren Variablen ermittelt. In unserem Fall das Auftreten von Krieg (für jedes Jahr kodiert mit "eins" oder "null") in Abhängigkeit von der Variable "Jugendanteil" für alle 159 Länder und 51 Jahre (1950 bis 2000). Der Anteil der 15 bis 24jährigen wurde in fünf Kategorien zwischen 11 und 24 Prozent Anteil an der Gesamtbevölkerung unterteilt.

Berechnet man die Wahrscheinlichkeit von Krieg oder gewaltsamen Konfliktes durch Einsetzen in die logistische Regressionsgleichung

so erhält man folgendes Ergebnis (Abb.4:)
Das Ergebnis in Abb.4 gibt das Kriegsrisiko auf Basis des Anteils der vermeintlich kritischen Gruppe der 15 bis 24jährigen wieder. Die Regression belegt einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen dem Jugendanteil eines Landes und dem Auftreten von Krieg.
Demnach erweisen sich Gesellschaften mit weniger als 15 Prozent Anteil an dieser Kohorte als relativ friedlich. Das Kriegsrisiko beträgt dort lediglich fünf Prozent. Das höchste Konfliktrisiko (27 Prozent) besitzen Länder mit 19 bis 21 Prozent "youth bulge". Ist jedoch der Überschuss an jungen Menschen noch größer, sinkt, ganz im Widerspruch zu Heinsohn, die Wahrscheinlichkeit für gewaltsame Auseinandersetzungen massiv. Staaten in denen die 15 bis 24jährigen mehr als 21 Prozent an der Gesamtbevölkerung ausmachen, haben mit 13 Prozent sogar ein geringeres Konfliktrisiko als Staaten die nur einen Jugendanteil von 17 bis 19 Prozent aufweisen.
Das Kriegsrisiko steigt also nicht parallel zum Jugendanteil, sondern sinkt bei einem Anteil von über 21 Prozent 15 bis 24jähriger wieder ab. Die Stärke der Beziehung zwischen Jugendanteil und dem Auftreten von Krieg gibt das Gütemaß Nagelkerkes R-Quadrat mit 0,071 an (bei einem Maximalwert von eins). Dies ist für eine einzige Kovariate nicht wenig, macht jedoch deutlich, wie groß der Einfluss anderer Faktoren auf das Kriegsgeschehen sein muss. Auf keinen Fall lässt sich aus diesen Daten ableiten, dass ein bestimmter Jugendanteil "zwangsläufig" zu Krieg führt.
Andere Faktoren für Krieg
Natürlich besteht beim Abgleichen von Kriegen und "youth bulges" die Gefahr, sich von Scheinkorrelationen täuschen zu lassen. Dies ist zugleich das stärkste Argument gegen die "youth-bulge"-Hypothese. Denn bei den Ländern ohne Krieg handelt es sich im wesentlichen um wirtschaftlich starke Industrienationen, die auf Grund ihres hohen Entwicklungsstandes schon seit Jahrzehnten eine niedrige Fertilität und damit einen geringen "youth bulge" aufweisen. Umgekehrt sind die meisten in Konflikte verwickelten Länder arm und schlecht entwickelt. Denkbar ist also, dass die Kriegsgefahr lediglich mit wirtschaftlicher (Unter)-Entwicklung zusammenhängt, die wiederum mit hohen Geburtenraten einhergeht.
Was aber ist der Grund dafür, dass gerade die Länder mit extrem hohen Jugendanteil einem geringen Kriegsrisiko unterliegen? Die Antwort ist einfach: Stark wachsende Bevölkerungen, mit einer jährlichen Wachstumsrate von wenigstens drei Prozent, können keinen "youth bulge" von mehr als 20 Prozent erreichen. Wenn eine Kohorte in das Alter zwischen 15 und 24 Jahren eintritt, ist bei solch dynamischem Wachstum die nachfolgende Kindergeneration bereits so groß, dass der "youth bulge" nicht über ein Fünftel der Gesamtbevölkerung anwachsen kann. "Youth bulges" über 21 Prozent können also nur in Ländern mit zuvor hohen Geburtenraten entstehen, in denen die Kinderzahlen binnen kurzer Zeit deutlich gesunken sind. Oder in Ländern, in denen die Sterblichkeit im Erwachsenenalter (und/oder im Kindesalter) unvermittelt ansteigt. Länder, in denen dies geschehen ist, verzeichnen tatsächlich relativ wenig Kriege: Von 20 Staaten, die im Jahr 2000 einen Jugendanteil von mehr als 21 Prozent hatten, kam es im entsprechenden Jahr nur in dreien zu gewaltsamen Auseinandersetzungen (Algerien, Ruanda und Elfenbeinküste). Alle drei sind Länder, deren Jugendanteile noch nahe an der unteren Intervallgrenze liegen . Im gleichen Jahr hatten acht Länder einen Jugendanteil von mehr als 22 Prozent (und waren in diesem Jahr frei von Kriegen und gewaltsamen Konflikten): Kenia, Lesotho, Simbabwe, Botswana, Haiti, Syrien, Libyen, und der Iran.
Was sind die Ursachen für diesen extremen Jugendanteil? In Botswana, Simbabwe und Lesotho verursacht die hohe Sterblichkeit durch AIDS im Erwachsenenalter die Entstehung von "youth bulges". In Botswana beispielsweise galt Ende 2002 ein Fünftel der Bevölkerung als HIV positiv. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist durch AIDS von einst 74 auf nur noch 39 Jahre gesunken. Dass derart durch AIDS geschwächte Völker kaum Kriege führen können, ist leicht nachzuvollziehen.
Syrien, Libyen und der Iran sind jedoch Länder, in denen binnen kurzer Zeit die Kinderzahlen deutlich gesunken sind, was zu einem Abflauen der Wachstumsrate geführt hat. Diese sank im Iran von jährlich 4,1 Prozent zwischen 1980 und 1985 auf nur noch 1,3 Prozent zwischen 1995 und 2000 (in Libyen von 4,4 auf 2 Prozent; in Syrien von 3,7 auf 2,5 Prozent). Gleichzeitig hat Syrien zwischen 1970 und 1980 sein Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt fast versechsfacht. In Libyen verdreifachte und im Iran versiebenfachte sich dieser Wert im selben Zeitraum. Das gleiche Phänomen ist in den "Tigerstaaten" Südostasiens zu beobachten. In der Folge des Geburtenrückgangs entstanden dort erhebliche "youth bulges" - gefolgt von einer dynamischen Wirtschaftsentwicklung und dem Einstieg in ungewöhnlich friedliche Zeiten.
Somit lässt sich zusammenfassen, dass gerade die gewaltigsten "youth bulges" selten Kriege nach sich ziehen, weil die Bedingungen, die sie verursachen, keinen Anlass zum Kriege führen bieten (Abb.5).
In Botswana und Libyen gibt es mehr als 22 Prozent 15 bis 24jährige. Ursache für diesen enormen "youth-bulge" ist im Fall von Botswana eine hohe Sterblichkeit durch AIDS. In Libyen hat sich die Fertilitätsrate in den vergangenen 15 Jahren deutlich reduziert, von mehr als sieben Kinder je Frau Anfang der 1980er Jahre auf heute nur noch etwa drei Kinder je Frau. Im Jemen liegt der Jugendanteil der Bevölkerung im Jahr 2000 jedoch unter 20 Prozent. Grund dafür ist eine Fertilitätsrate der jemenitischen Frauen, die seit 50 Jahren bei konstant über sieben Kindern liegt. Nach der "youth-bulge"-Hypothese müsste Libyen das mit Abstand gefährlichste der drei Länder sein. De facto dürfte es aber aufgrund einer unzureichenden wirtschaftlichen Entwicklung und schlechter Bildungsstandards der Jemen sein.
Teil 3