
Kein Ende der Geschichte
Francis Fukuyamas These vom "Ende der Geschichte" hat sich nicht bewahrheitet. Der amerikanische Politikwissenschaftler hatte Anfang der 1990er Jahre vorhergesagt, mit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums würden sich Demokratie und Menschenrechte weltweit durchsetzen und die Staatengemeinschaft friedlicheren, besseren Zeiten entgegengehen (Fukuyama 1992).
Tatsächlich kann von einer friedlichen Welt auch heute nicht die Rede sein. Zwar machen Auseinandersetzungen zwischen souveränen Staaten, die noch die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts bestimmt haben, nicht mehr den Großteil globaler Gewalt aus. Doch an Stelle der klassischen Kriege sind vermehrt Bürgerkriege getreten - oft jahrelang schwelende Konflikte, die zwischen bewaffneten Gruppen, gegen reguläre Streitkräfte oder gegen die Zivilbevölkerung geführt werden.
Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler spricht deshalb von einer "Entstaatlichung" der Kriege: "Für die neuen Kriege ist charakteristisch, das der Staat sein Monopol der Kriegsgewalt verloren hat. Wenn er in ihnen überhaupt noch in Erscheinung tritt, dann nur in einer Reihe mit privaten Kriegsunternehmern, die sich teilweise aus ideologischen Gründen, vor allem aber um des Raubens und Plünderns willen den Kriegführenden zugesellt haben" (Münkler 2002).
Ursachen für Krieg
Kriege und gewaltsame Konflikte werden im deutschen Sprachraum fast immer politisch oder ökonomisch, häufig ethnisch und manchmal ideologisch begründet. Ob auch demografische Faktoren Kriege hervorrufen können, ist hierzulande so gut wie nicht untersucht. Dies ist eine Spätfolge des Nationalsozialismus, dessen Protagonisten von einem "Volk ohne Raum" sprachen und ihre verheerenden Feldzüge mit dem Argument der "Übervölkerung" zu rechtfertigen versuchten. Bevölkerungswissenschaft und -politik sind durch diese Vergangenheit so stark in Verruf geraten, dass eine wissenschaftliche Untersuchung der Beziehung zwischen demografischer Entwicklung und Konflikten lange nahezu unmöglich schien.
Allerdings gibt es Argumente für eine solche Beziehung seit den Ursprüngen der politischen Wissenschaft. Bereits Aristoteles, Thomas Hobbes und Thomas Robert Malthus sprachen von einem Zusammenhang von Bevölkerungswachstum und gewaltsamen Konflikte. Immer taucht dabei die Vermutung auf, eine zu hohe Bevölkerungsdichte und zu schnelles Wachstum der Bevölkerung könne Staaten unregierbar machen und zu Gewalt führen.
In den 1970er Jahren sah der französische Soziologe und Kriegsforscher Gaston Bouthoul in einer besonderen demgrafischen Sturktur - hohe Bevölkerungsdichte und ein großer Anteil junger Menschen - einen Nährboden für Kriege. In "L'infanticide differe" schreibt er, dass in den zurückliegenden zweihundert Jahren die Kampfhandlungen in der Welt im selben Maße zugenommen hätten, wie die Kindersterblichkeit gesunken sei. Starkes Bevölkerungswachstum, die "demografische Inflation", führe zu einer Entwertung menschlichen Lebens und sei ein grundlegendes Element kollektiver Aggressivität.
Erst 1998 startete Hartmut Dießenbacher mit "Kriege der Zukunft" (Dießenbacher 1998) einen Versuch, die Diskussion um demografische Ursachen von Kriegen auch im deutschsprachigen Raum wieder zu beleben. Ausgehend von einer Untersuchung des Genozids in Ruanda, der 1994 in nur hundert Tagen eine Million Opfer forderte, spricht Dießenbacher von einem "demografischen Exponenten", der zur Entstehung von Kriegen beitrage: Die ruandische Bevölkerung hatte sich von 3,6 Millionen im Jahr 1952 auf 7,5 Millionen 1993 mehr als verdoppelt. Mit durchschnittlich 8,3 Lebendgeburten je Frau gehörte Ruanda damals zu den Ländern mit den weltweit höchsten Fertilitätsraten. Trotz ausschließlich agrarischer Wirtschaftsweise lag die Bevölkerungsdichte in Ruanda höher als in einer Industrienation wie Deutschland. Diese "Übervölkerungsstruktur" habe das Morden ausgelöst und sie sei keineswegs eine Besonderheit Ruandas. Den nahezu parallelen Anstieg von Kriegshäufigkeit und Weltbevölkerung seit 1945 begründet Dießenbacher deshalb vor allem mit der Auswirkung von Übervölkerung.
Im Jahr 2003 hat Gunnar Heinsohn diese Argumentation weiter zugespitzt. In "Söhne und Weltmacht" (Heinsohn 2003) schreibt der Bremer Völkermordforscher, nicht Bevölkerungswachstum an sich oder absolute Zahlen von Bevölkerungen oder Bevölkerungsgruppen lösten Kriege aus, sondern der Anteil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen innerhalb einer Gesellschaft. Besonders gefährlich wird es laut Heinsohn, wenn die Altersgruppe der 15 bis 24jährigen einen Anteil von 20 Prozent an der Gesamtbevölkerung übersteigt.
Eine solche Altersverteilung, die Heinsohn als "youth bulge", als Überhang von Jugendlichen, bezeichnet, führe fast zwangsläufig zu Krieg und Gewalt. Den Grund dafür sieht der Sozialforscher in der Struktur traditioneller Gesellschaften, in denen gemeinhin nur die erstgeborenen Söhne etwas erben können. Alle Nachgeborenen, aber auch jene, für die nach einer Realteilung zu wenig zum Überleben übrig bleibe, fänden keinen angemessenen Platz in der Gesellschaft. Die "überzähligen Söhne" seien auf der Suche nach Status zu allem bereit - auch zu Gewalt. Dieses Heer an potentiellen Kriegern, die in Heroismus und Märtyrertum ihre einzige Chance sähen, würde durch die demografische Entwicklung in den kommenden 15 Jahren immer kopfstärker. Es sei kein Zufall, dass diese Zeitspanne unter amerikanischen Strategen als die gefährlichste im Kampf gegen den internationalen Terrorismus gelte. So glaubt der CIA-Direktor George Tennet, dass die Wahrscheinlichkeit für einen jungen Menschen, in den nächsten Jahren Terrorist zu werden, im Mittleren Osten und in Afrika südlich der Sahara am größten ist.
Gibt es einen demografischer Faktor für Kriegsgefahr?
So eindrucksvoll die Thesen von Bouthoul, Dießenbacher und Heinsohn klingen, es fehlt ihnen an empirischer Untermauerung. Alle drei Wissenschaftler gelangen in ihrer Argumentation nicht über die Beschreibung plausibler Beispiele zur demografischen Situation in kriegführenden Staaten hinaus.
Die vorliegende Untersuchung des "Berlin-Institutes für Weltbevölkerung und globale Entwicklung" analysiert deshalb den Zusammenhang zwischen der Altersstruktur von Bevölkerungen und kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen 1950 und 2000. Demografische Grundlagen der Arbeit sind die Daten der World Population Prospects Database der United Nations Population Division . Einbezogen wurden 159 Staaten, in denen im Jahr 2000 sechs Milliarden Menschen, also 99 Prozent der Weltbevölkerung lebten . Daten zu Kriegen sind der Kriegsdatenbank der Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) in Hamburg entnommen.
Abb. 1 zeigt den Zusammenhang zwischen dem Wachstum der Weltbevölkerung und der Entwicklung des Kriegsgeschehens. Eine ähnliche Darstellung hatte bereits Dießenbacher (1998: 93) zur Begründung seines demografischen Exponenten der Kriegsgefahr verwendet. Vom Berlin-Institut wurden in Abb.1 nicht die Anzahl der Kriege, sondern die Anzahl der Länder im Kriegszustand aufgetragen. Kriege zwischen mehreren Länder, gehen also über jedes beteiligte Land mehrfach in die Summe ein. Allerdings finden zwei Drittel aller Kriege innerhalb eines Staatsterritoriums statt, sind also Bürgerkriege.
Die Darstellung zeigt, dass die Zahl der Länder im Kriegszustand zwischen 1950 und 2000 im gleichen Maße wie die Weltbevölkerung gewachsen ist.
Ungewöhnlich ist der 1992 einsetzende deutliche Rückgang der Kriege, für den die AKUF allerdings keine Begründung liefert. Vermutlich schwand mit dem Zusammenbruch des Kommunismus und dem Ende der Stellvertreterkriege vorübergehend die Kriegsgefahr. Seit 1997 ist die Konflikthäufigkeit auf dem Niveau von rund 25 pro Jahr in Kriege verwickelte Länder stehen geblieben.
Nach der Definition der AKUF sind "Kriege" Auseinandersetzungen, an denen in irgend einer Weise reguläre staatliche Streitkräfte beteiligt sind . Bezieht man "bewaffnete Konflikte" in das Kriegsgeschehen ein , zeigt sich seit 1997 wieder ein Anstieg der gewaltsamen Auseinandersetzungen. Der Trend zu mehr Konflikten seit 1950 ist also nicht gebrochen. Indes scheint der Rückgang der formalen Kriege seit 1993, bei gleichzeitigem Anstieg der bewaffneten Konflikte, Münklers These von der "Entstaatlichung" der Kriege zu bestätigen.
Keine überproportionale Zunahme von Konflikten
Ein demografischer Faktor für Kriegsgefahr ist demnach zunächst nicht zu erkennen. Zwar ist die Welt insgesamt, nicht jedoch die Menschheit in den letzten 50 Jahren kriegerischer geworden. Die relative Anzahl der Kriege, bezogen auf eine bestimmte Anzahl Weltbürger weist keinen Trend auf. Die Zahl der Kriege und bewaffneten Konflikte liegt seit Jahrzehnten bei etwa 6 bis 7 Auseinandersetzungen je Milliarde Erdenbürger. Der Zusammenhang von Bevölkerungswachstum und der Häufigkeit von Kriegen ist nicht exponentiell (was die Definition eines "Exponenten" rechtfertigen würde), sondern lediglich linear.
Die regionale Verteilung der Kriege auf dem Globus zeigt jedoch, dass Kriege sehr viel häufiger in Regionen auftreten, in denen die Bevölkerung stark wächst. Seit 1945 verzeichnet die AKUF 238 Kriege und bewaffnete Konflikte in beziehungsweise mit Beteiligung von 110 Ländern . Von diesen Auseinandersetzungen entfallen 69 (29 %) auf Afrika, 63 (26 %) auf Asien sowie 32 (13 % auf Südamerika). Lediglich an 17 Kriegen (7 % des weltweiten Kriegsgeschehens seit 1945) waren so genannte westliche Staaten, also Nationen Europas und Nordamerikas beteiligt. Eine Verbindung zwischen Kriegsgefahr und Bevölkerungsentwicklung könnte demnach zumindest regional existieren.
Teil 2