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Regionale Verteilung der Kriege 1950-2000

Die Abbildungen 6. bis 9. verdeutlichen die regionale Verteilung des Kriegsgeschehens und der höchsten Risikogruppe, in Ländern mit Jugendanteilen zwischen 20 und 21 Prozent, in den vergangenen 50 Jahren. Gleichzeitig zeigen die Grafiken die Entwicklung von "children bulges", in Ländern mit einem Anteil der unter 15jährigen von mehr als 40 Prozent (für Afrika: mehr als 45 Prozent). "Children bulges" gelten laut Heinsohn mit einem Zeitverzug von 15 Jahren als Vorläufer für "youth bulges".
Insgesamt war nur ein Drittel der betrachteten 159 Länder zwischen 1950 und 2000 in keinen kriegerischen Konflikt verwickelt. Von diesen 53 kriegsfreien Ländern befinden sich 26, mehr als zwei Drittel, in Europa. Den geringsten Anteil kriegsfreier Länder (drei von 22) gab es in Asien, gefolgt von Afrika mit nur acht von 41 Ländern. In Südamerika überstand etwa ein Viertel (sechs von 25 Ländern) die vergangenen 50 Jahre friedlich. Im Folgenden wird die Frage untersucht, ob sich die unterschiedliche Verteilung von Kriegen und gewaltsamen Konflikten auf die Kontinente in den vergangenen 50 Jahren mit der Herausbildung von "youth bulges" begründen lässt:

Europa, dass schon langen keine "youth bulges" mehr kennt, war in den vergangenen fünf Jahrzehnten tatsächlich ein recht friedlicher Kontinent. 31 der weltweit 40 Staaten mit dem geringsten Jugendanteil lagen im Jahr 2000 in Europa. Nur ein einziges Land, nämlich Irland, hat hier noch einen wachsenden Jugendanteil zu verzeichnen, gegenwärtig liegt er bei 18 Prozent. Im mittleren Osten (Abb. 6) korreliert jedoch ein Anstieg der Anzahl von Ländern mit hohem Jugendanteil mit der Häufigkeit von Kriegen zwischen 1970 bis 1995.

Abb. 6: Kriege und Altersstruktur im Mittleren Osten (1950 bis 2000)

Abb. 7: Kriege und Altersstruktur in Lateinamerika (1950 bis 2000)

Abb. 8: Kriege und Altersstruktur in Afrika (1950 bis 2000)

Abb. 9: Kriege und Altersstruktur in Asien (1950 bis 2000)

Für die anderen Regionen sind Zusammenhänge zwischen dem kritischen Jugendanteil und dem Kriegsgeschehen jedoch nicht sichtbar. So hatten Afrika und Asien (Abb. 8 und 9) bereits in den 1960er Jahren einen erheblichen Anstieg der Zahl der Kriege zu verzeichnen, lange bevor in diesen Regionen eine starke Zunahme der "youth bulge"-Nationen zu beobachten war. In Asien erreichte das Kriegsgeschehen bereits 1971 einen Höhepunkt, als man dort erst eine einzige "youth bulge"- Nation zählte. Auch in Afrika erreichte die Gewalt schon Ende der 1960er Jahre ein hohes Niveau. Damals allerdings war die Zahl der Länder mit einem Jugendanteil zwischen 20 und 21 Prozent noch sehr gering. Als sie dann in den 1980er Jahren stieg, zog die Zahl der Konflikte keinesfalls nach. In Südamerika wiederum ging ein dramatischer Anstieg der Zahl der "youth bulge"-Nationen in den 70er Jahren (von null auf 16 Länder in nur elf Jahren) mit einem nur relativ geringem Anstieg der Zahl der Länder im Krieg einher (von zwei auf sieben Länder). Bis zum Jahr 1993, als 14 Staaten Südamerikas einen Jugendanteil zwischen 20 und 21 Prozent aufwiesen, ist die Kriegsaktivität dann im wesentlichen stabil geblieben. Eine Prognose des Kriegsgeschehens auf Grund der demografischen Struktur der Länder wäre also nirgendwo möglich gewesen.


Kriegsgefahr im 21. Jahrhundert

Wie wir sehen, ist es unrealistisch, die demografische Struktur eines Landes von anderen Faktoren der gesellschaftlichen Entwicklung isoliert zu betrachten. Starke Bevölkerungsentwicklung ohne wirtschaftlichen Fortschritt, sichtbar etwa in Afghanistan, führt ohne Zweifel zu einem gefährlichen "youth bulge" der Arbeits- und Chancenlosen.

Ökonomische Entwicklung hingegen bewirkt immer einen Rückgang der Kinderzahlen. Die daraus entstehende Altersstruktur, mit vielen jungen Menschen im Erwerbsalter, die nur für relativ wenige Alte und Kinder aufkommen müssen, kann im günstigsten Fall eine "demografische Dividende" abwerfen. Ein Beispiel dafür bieten die "Tigerstaaten" Südostasiens. Dort hat der Geburtenrückgang Staat und Familien entlastet, was zu steigenden Investitionen führte. Ein Mehr an Produktivität hat dann mehr Jobs und wachsende Einkommen beschert, die durch Konsum wiederum der Wirtschaft zugute kamen. In diesen Ländern waren die vielen jungen Arbeitskräfte des "youth bulge" in der ersten Phase der Wirtschaftsentwicklung geradezu notwendig und keinesfalls kriegstreibend.

Wie aber sieht die Welt von heute aus, wenn man die Jugendanteile der Länder als demografische Stressfaktoren betrachtet? Abb.10 zeigt die statistische Wahrscheinlichkeit, in Kriege verwickelt zu werden, aufgeschlüsselt nach dem Anteil der 15 bis 24jährigen im Jahr 2000.

Abb. 10: Statistische Wahrscheinlichkeit von Krieg oder gewaltsamen Konflikt nach dem Anteil der 15 bis 24jährigen im Jahr 2000

Von Deutschland, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das aggressivste Land der Welt, wäre heute aus demografischen Gründen kein Krieg mehr zu erwarten. Mit 11,1 Prozent der 15 bis 24jährigen hatte es im Jahr 2000 den weltweit zweitniedrigsten Jugendanteil (nur noch unterboten von der Schweiz). Auch die meisten Länder Asiens sind demografisch auf einem guten Weg. Dort sinkt die Zahl der Länder mit mehr als 40 Prozent unter 15jähriger allerdings schon seit 1966, während dies in Lateinamerika und dem Mittleren Osten erst zehn Jahre später der Fall war. In Asien konnten viele Länder von der "demografischen Dividende" profitieren. In den meisten dieser Staaten ist das Bruttosozialprodukt pro Kopf bei sinkenden Kinderzahlen deshalb deutlich gestiegen.

Im Mittleren Osten und in Lateinamerika weisen heute einige Länder einen, statistisch gesehen, "nicht aggressiven" "youth bulge" von mehr als 21 Prozent auf (Libyen, Syrien, Iran, Marokko, Algerien im Mittleren Osten. Surinam, El Salvador, Nicaragua, Haiti, Grenada in Lateinamerika). In diesen Länder wird die weitere Entwicklung davon abhängen, ob sie politisch und ökonomisch klug regiert werden und ihre Altersstruktur in eine demografische Dividende umsetzten können.

Die schwierigste Entwicklung zeichnet sich in den kommenden Jahren in Afrika ab. Im Jahr 1993 hatten dort noch 23 Länder einen Anteil von mehr als 45 Prozent unter 15jähriger Kinder. Das starke Bevölkerungswachstum verhindert dort nicht nur wirtschaftliche Entwicklung, es wird in den nächsten Jahren auch "youth bulges" erzeugen, die gefährlich werden könnten.

Fazit

Der Jugendanteil einer Gesellschaft ist ein demografischer Stressfaktor, der zum Ausbruch von Gewalt beitragen kann, wenn der Staat seinen Menschen keine wirtschaftlichen Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Statistisch lässt sich eine solcher Zusammenhang zwar nachweisen, unklar bleibt jedoch, ob ein "youth bulge" lediglich Ausdruck des gesellschaftlichen Entwicklungsstandes ist, welcher Kriege begünstigt.

Betrachtet man Kriege und demografische Entwicklung im Verlauf der letzten 50 Jahre, so zeigt sich, dass es nicht möglich ist, ein Frühwarnsystem für Kriege allein auf demografische Indikatoren zu stützen. Ganz offensichtlich liegen Konflikten eine ganze Reihe komplex vernetzter Ursachen zu Grunde. Bei der systematischen Erforschung von Kriegsursachen müssen deshalb neben der demografischen Zusammensetzung weitere sozioökonomische, bevölkerungsgeografische, ethnische und religiöse Indikatoren mit einbezogen werden.

Quellen

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Die Studie analysiert den Zusammenhang zwischen der Altersstruktur von Bevölkerungen und kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen 1950 und 2000.

Einbezogen wurden 159 Staaten, in denen im Jahr 2000 sechs Milliarden Menschen, also 99 Prozent der Weltbevölkerung lebten.