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Wie sich mit Stipendienprogrammen Begabte finden und fördern lassen

Von Tanja Kiziak, Vera Kreuter und Reiner Klingholz

 

 

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Mehr Chancen für Schüler
Wie sich mit Stipendienprogrammen Begabte finden und fördern lassen


Deutschlands Schulsystem schafft es bislang nicht, herkunftsbedingte Benachteiligungen von Schülern auszugleichen, die aus sogenannten „bildungsfernen“ Elternhäusern stammen. So liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind von Eltern mit Hochschulabschluss und hoher beruflicher Position nach der Grundschule auf das Gymnasium wechselt, fünfmal so hoch wie bei einem Kind von Eltern ohne beruflichen Abschluss und etwa einem Job als Hilfsarbeiter. Selbst wenn diese beiden Kinder die gleiche Leistung zeigen, unterscheiden sich die Wahrscheinlichkeiten noch um das Zwei- bis Dreifache.

Dieses Problem ist seit einem Jahrzehnt auch im öffentlichen Bewusstsein angekommen – und es gewinnt mit dem demografischen Wandel zusätzlich an Brisanz. Denn es ist nicht nur ungerecht, dass die betroffenen Kinder ihre Begabung wegen des geringen Einkommens und der fehlenden Bildung ihrer Eltern nicht entfalten können, sondern auch – aus ökonomischer Sicht – Verschwendung. Denn bei einem knapper werdenden Arbeitskräfteangebot im nächsten Jahrzehnt droht auch ein flächendeckender Fachkräftemangel und letztlich ein gesellschaftlicher Wohlstandsverlust, wenn weiterhin das Potenzial zehntausender Schüler pro Jahrgang nicht voll genutzt wird. Das neue Discussion Paper des Berlin-Instituts zeigt, wie die Förderung durch Stipendienprogramme dazu beitragen kann, benachteiligten Schülern den Weg zu mehr Erfolg auf dem Bildungsweg und höherer Qualifikation zu erleichtern – vor allem den besonders begabten.

Bereits heute haben einige Branchen in einzelnen Regionen Schwierigkeiten, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden – und im nächsten Jahrzehnt führen zwei Entwicklungen dazu, dass ein flächendeckender Mangel entstehen könnte. Erstens werden durch die Verrentung der starken Babyboomer-Generation viele Nachwuchskräfte benötigt, während es gleichzeitig wegen der anhaltend niedrigen Geburtenzahlen immer weniger Menschen im Erwerbsalter gibt. Auch die Abschlussjahrgänge werden etwa ab 2015 kleiner.

Zweitens dürfte der Trend weiter anhalten, dass für immer mehr Tätigkeiten ein Abitur erforderlich ist – und häufig sogar ein Hochschulabschluss. In der Vergangenheit hatten auch Schulabgänger ohne Abschluss oder mit Hauptschulabschluss gute Chancen auf einen Ausbildungsplatz in Handwerk oder Produktion. Heute stellen viele Ausbildungsbetriebe bevorzugt Abiturienten ein, weil der Umgang mit Wissen und damit die schulische Vorbildung eine größere Bedeutung gewonnen hat. Es zeichnet sich also auf allen Qualifikationsstufen ein Arbeitskräftemangel ab. Die Lücke wird aber bei den hoch Qualifizierten besonders groß ausfallen und stellt eine besondere Herausforderung dar, weil ihre Schließung längerfristige Strategien verlangt.

Die unentdeckten Potenziale, die es auszuschöpfen gilt, finden sich häufig bei Kindern aus „bildungsfernen Schichten“. Sie erhalten von ihren Eltern oft kaum Förderung, weil diese selbst einen geringen Bildungsstand haben und deshalb mit dem Bildungssystem und seinen Optionen und Anforderungen wenig vertraut sind. Das wirkt sich auf die Leistung dieser Kinder aus. Aber selbst bei gleicher Leistung trauen sie sich weniger zu und wissen weniger über Möglichkeiten, die sich ihnen durch höhere Bildung eröffnen. Daher streben sie seltener das Abitur und eine akademische Ausbildung an.


Wessen Kinder kein Abitur machen

Der Anteil der Schüler, die nach der Grundschule das Gymnasium besuchen, unterscheidet sich stark zwischen den sozialen Schichten und je nach ethnischer Herkunft. Kinder aus Familien mit hohem sozioökonomischem Status gehen fast fünfmal so häufig aufs Gymnasium wie Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen; Schüler mit Migrationshintergrund sind auch bei gleichem Status der Eltern weniger erfolgreich im deutschen Bildungssystem.

 

Hier setzen von Stiftungen getragene Stipendienprogramme an. Sie bieten meist finanzielle Förderung, beispielsweise bekommen die Stipendiaten Geld für einen Computer, Bücher oder andere bildungsbezogene Ausgaben. Diese Unterstützung ist wichtig für die Schüler – die entscheidenden Hürden für benachteiligte Schüler liegen aber häufig nicht in der fehlenden materiellen Ausstattung. Im Zentrum steht daher bei den meisten Stipendien die ideelle Förderung. Sie besteht etwa aus Kursen oder Workshops, in denen die Teilnehmer Schlüsselkompetenzen wie Zeitmanagement und Arbeitstechniken erwerben können und Orientierung in Bildungsfragen erhalten. Zusätzlich beraten und betreuen die Programmmitarbeiter oder Mentoren die Schüler persönlich. Einige Programme beziehen explizit auch die Eltern in Informations- und Rahmenveranstaltungen ein.

 

Wie die soziale Herkunft den Bildungsweg beeinflusst

Die Entscheidung für oder gegen einen längeren Schulbesuch beziehungsweise höheren Abschluss wird auf mehreren Wegen von der sozialen Herkunft beeinflusst. Nicht zuletzt wegen ihrer mangelnden Ausstattung mit Ressourcen wie Büchern oder einem PC fällt die Schulleistung bei benachteiligten Kindern im Allgemeinen schlechter aus. Lehrer empfehlen diesen Kindern daher seltener den Besuch eines Gymnasiums; die Kinder schätzen ihre Erfolgsaussichten aber selbst auch schlechter ein. Die Herkunft beeinflusst darüber hinaus, wie stark die Kosten eines längeren Bildungsweges ins Gewicht fallen und wie hoch die möglichen Erträge eingestuft werden. Somit hängt selbst bei gleicher Leistung die Entscheidung für oder gegen den Besuch eines Gymnasiums von der sozialen Herkunft ab. Finanzielle Förderung kann dazu beitragen, die Kosten eines längeren Bildungswegs abzufedern; eine Berufsorientierung kann über die Erträge eines höheren Abschlusses informieren; zusätzliche Bildungsangebote und individuelle Betreuung und Beratung können die Schulleistung verbessern und die subjektive Erfolgswahrscheinlichkeit erhöhen.

 

So erfahren die geförderten Schüler mehr über die vielfältigen Möglichkeiten, den eigenen schulischen und beruflichen Werdegang zu gestalten, und erhalten auf ihrem Weg zum Abitur und Studium individuelle Unterstützung. Die Stipendien eröffnen für viele von ihnen große Chancen – bezogen auf das geschätzte Ausmaß des verschwendeten Potenzials begabter Schüler ist das derzeitige Angebot an Stipendien jedoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Denn bislang erreichen die Stipendienprogramme nur teilweise die anvisierte Zielgruppe, und die meisten sind auf bestimmte Regionen oder Bundesländer beschränkt. Das Discussion Paper stellt Möglichkeiten vor, die individuelle Förderung für Schüler in einem bundesweiten Programm auszuweiten und dabei Akteure aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft einzubinden.

 

Das Discussion Paper „Mehr Chancen für Schüler“ wurde gefördert von der Robert Bosch Stiftung.

 

Hier finden Sie das vollständige Discussion Paper als (PDF).

 

Für Fragen und Interviews stehen Ihnen Dr. Tanja Kiziak unter 0 30 - 31 01 74 50 und Vera Kreuter unter 0 30 - 31 10 26 98 zur Verfügung.

 

Die im Discussion Paper enthaltenen Grafiken erhalten Sie vom Berlin-Institut auf Anfrage unter Telefon: 0 30 - 22 32 48 45 oder E-Mail: info(at)berlin-institut.org.

The Growth Trilemma

Das Discussion Paper "Das Trilemma des Wachstums" ist nun auch auf Englisch erschienen.

Demografiestrategie der Bundesregierung:

Kommentar von Reiner Klingholz in der FAZ


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