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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Drei Herausforderungen für Afrika – und viel Potenzial

Drei Herausforderungen für Afrika – und viel Potenzial

Beachtliche Entwicklungsfortschritte der letzten Jahre haben in vielen Ländern südlich der Sahara die Hoffnung auf eine afrikanische Erfolgsgeschichte keimen lassen. Gleichzeitig steht die Region noch immer vor enormen Herausforderungen. Wie sich durch einen integrativen Lösungsansatz die Entwicklung beschleunigen ließe, zeigt ein neues Discussion Paper des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.

Probleme eines Chancenkontinents

Während in anderen Teilen der Welt das Bevölkerungswachstum deutlich abnimmt oder sogar in ein Schrumpfen übergeht, wächst die Einwohnerzahl in Afrika südlich der Sahara unvermindert weiter. Bis 2050 dürfte sich die Zahl der Menschen von heute knapp einer Milliarde auf dann zwei Milliarden verdoppelt haben. Doch schon heute sind viele Länder damit überfordert, ihre Bevölkerung zu versorgen. Fast die Hälfte der Menschen lebt von weniger als 1,9 US-Dollar pro Tag. Hunger und Mangelernährung sind weit verbreitet. Einen fest entlohnten Job haben nur 20 Prozent der arbeitsfähigen Männer und Frauen. Allein zwischen 2010 und 2020 werden rund 120 Millionen junge Menschen zusätzlich auf den ohnehin überfüllten Arbeitsmarkt drängen. Bleiben sie ohne Chancen auf ein besseres Leben, drohen nicht nur aus Frustration geborene gewalttätige Konflikte, sondern auch ein weiterhin ungebremstes Bevölkerungswachstum. Denn die Erfahrung zeigt, dass sich Menschen erst dann für weniger Kinder entscheiden, wenn sie die Chance erhalten, ihr Leben mit Hilfe von Bildung und Einkommen individuell zu entfalten.

Mehr Menschen, weniger Einkommen pro Kopf

Ein Vergleich der Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und des Pro-Kopf-Einkommens zeigt deutlich die Herausforderungen, die durch das Bevölkerungswachstum in Afrika entstehen: Zwar steigt das BIP seit Anfang der 1960er Jahre kontinuierlich – doch das Pro-Kopf-Einkommen sank in den 1980er und 1990er Jahren wegen der steigenden Bevölkerungszahlen. Erst seit der Jahrtausendwende ist das Wirtschaftswachstum in Subsahara-Afrika stark genug, um sich auch positiv auf das tatsächliche Einkommen der Menschen auszuwirken.

 

Für einen Großteil der Probleme findet sich die Ursache im ländlichen Raum: Zwei Drittel der Bevölkerung Subsahara-Afrikas leben auf dem Land, die meisten von ihnen als Kleinbauern und Tagelöhner. Hier liegen die durchschnittlichen Kinderzahlen je Frau um ein vielfaches höher als in den Städten, doch Lebensperspektiven für die vielen jungen Menschen gibt es kaum. Die Landwirtschaft ist im Vergleich zu anderen Weltregionen unproduktiv, eine Wertschöpfung in Form von weiter verarbeiteten Agrarprodukten findet kaum statt. Als Folge müssen die afrikanischen Länder Lebensmittel teuer importieren. Es fehlt allerorts an Betrieben, die aus Feldfrüchten markttaugliche Lebensmittel herstellen. Vor allem mangelt es an einer modernen Energieversorgung, um Maschinen zum Trocknen oder Kühlen sowie Computer und Telefone betreiben zu können. Nur jeder siebte Bewohner der ländlichen Gebiete südlich der Sahara verfügt über einen Stromanschluss. Energiearmut ist hier gleichbedeutend mit Armut.

 

Potenziale für eine beschleunigte Entwicklung

Von seinen natürlichen Voraussetzungen her könnte Afrika jedoch problemlos autark in seiner Nahrungs- und Energieversorgung werden. Der Kontinent verfügt über mehr als ein Viertel der weltweit landwirtschaftlich nutzbaren Fläche. Zahlreiche Studien zeigen, dass sich durch die Einführung moderner Anbaumethoden die Produktivität der Landwirtschaft deutlich steigern ließe. Schon ein einfaches Bewässerungssystem kann die Erträge von Kleinbauern um bis zu 50 Prozent erhöhen. Zudem ist die Region reichlich mit der ganzen Fülle der erneuerbaren Energien gesegnet. Diese haben den entscheidenden Vorteil, dass sie sich rasch als dezentrale Lösungen nutzen lassen. Die Länder müssen also nicht darauf warten, bis teure Großkraftwerke gebaut werden, von denen sich dann über aufwändige Netze der Strom über das ganze Land verteilen lässt. Die technischen Möglichkeiten für eine regenerative, dezentrale Energieversorgung sind schon weit entwickelt, so dass Afrika über einen Leapfrogging-Effekt die fossile Ära ohne große Problem überspringen könnte.

Mit einem solchen Überspringen technologischer Entwicklungsstufen hat sich in den Entwicklungsländern schon in Windeseile das mobile Telefonieren ausgebreitet, mit allen Vorteilen vom Internetzugang bis zur Möglichkeit, Bankgeschäfte dort zu verrichten, wo es keine Banken gibt. Nie wäre es gelungen, die Menschen über den ganzen Kontinent an klassische leitungsgebundene Telefonnetze anzuschließen. Eine ähnliche Chance bieten nun die regenerativen Energiequellen. Gerade bei der Verarbeitung von Agrargütern zu Lebensmitteln würde eine Stromversorgung Wunder wirken, denn 80 Prozent des Energieverbrauchs in der Nahrungsmittelproduktion fallen nach der Ernte an. Mit den weiterverarbeiteten Produkten hätte die Landbevölkerung zum ersten Mal die Möglichkeit, ein Vielfaches von dem zu verdienen, was der reine Anbau von Feldfrüchten einbringt.

 

Wie sich die Entwicklung Afrikas beschleunigen ließe

Zu wenige Arbeitsplätze für die rasant wachsende Bevölkerung, die fehlende Weiterverarbeitung von Agrarprodukten sowie die mangelnde Energieversorgung bilden drei der größten Herausforderungen Subsahara-Afrikas. Der Aufbau einer regenerativen, dezentralen Energieversorgung zusammen mit der Förderung einer weiterverarbeitenden Produktion im Nahrungsmittelbereich könnte jedoch Einkommenszuwächse und neue Jobs im ländlichen Raum ermöglichen. Dies würde wiederum erfahrungsgemäß zu sinkenden Fertilitätsraten führen, womit die Chance auf eine beschleunigte wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung steigt.

 

Das Discussion Paper des Berlin-Instituts „Jobs für Afrika“ erläutert anhand vieler praxisbezogener Beispiele, wie sich durch eine Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität, einer dezentralen und regenerativen Energieversorgung im ländlichen Raum und dem Aufbau einer Veredelungsindustrie für Nahrungsmittel gleich mehrere Probleme des afrikanischen Kontinents an der Wurzel anpacken ließen.


Für Interviewanfragen stehen Ihnen zur Verfügung:

Franziska Woellert, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, woellert[at]berlin-institut.org, Tel. 030-31 01 74 50

Dr. Reiner Klingholz, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, klingholz[at]berlin-institut.org, Tel. 030-31 01 75 60

Die Studie steht Ihnen gratis als Download zur Verfügung unter:
http://www.berlin-institut.org/publikationen/discussion-papers/Jobs_fuer_Afrika.html