Die Welt ohne uns

Reise über eine unbevölkerte Erde.
Alan Weisman

 

Stellen Sie sich vor, es fällt auf der ganzen Erde der Strom aus: Keine Tanksäule spuckt mehr Benzin aus, die Espressomaschine verweigert den Kaffee, U-Bahnen und Aufzüge bleiben stecken, die Nacht liegt schwarz über den Städten. Sie sollten ihre Vorräte rationieren, denn wenn die Supermärkte erst geplündert sind, wird es keinen Nachschub mehr geben. Nach ein paar Tagen werden die Ersten verhungern. In wenigen Monaten wäre die Menschheit dezimiert, zumindest jener Teil, der sich als zivilisiert bezeichnet, also komplett von der Technik abhängig ist.

 

Der amerikanische Wissenschaftsjournalist Alan Weisman spinnt diesen Faden noch ein Stück weiter: Was würde aus dem Planeten, wenn alle Menschen von der Bildfläche verschwänden? Wie sähe "die Welt ohne uns" aus, die keiner mehr asphaltiert und betoniert, beackert und bebaut, entwaldet und drainiert? Würde die Natur rasch zur Tagesordnung übergehen und Gras über die kurze Ära das Homo sapiens wachsen lassen? Oder wird sich die Erde an uns erinnern?

 

Weisman gibt darauf keine klare Antwort, sondern präsentiert eine Generalabrechnung mit unseren ökologischen Schandtaten: Seite um Seite macht er deutlich, wie die Nachkommen der haarigen Primaten, die der Klimawandel vor sechs Millionen Jahren aus dem Wald in die Steppe vertrieben hat, diese zweibeinigen Werkzeug- und Feuermacher, die irgendwann Katzenfutter-Temperiergeräte und Laubsauger erfanden, zu einer geophysikalischen Kraft geworden sind. Da wird nicht gekleckert, sondern gleich die Atmosphäre neu erfunden und ein Massaker im Artenzoo angerichtet, als hätte ein Asteroid eingeschlagen.

 

Wenn Weisman erzählt, wie sich die Ozeane in Müllstrudel verwandelt haben, in denen Abermillionen Tonnen nahezu unzerstörbarer Plastikabfälle aus Acryl, Polyethylen oder Polyvinylchlorid umher treiben, kann es einem kalt den Rücken herunter laufen. Aber aus dieser Bedrohlichkeit kann der Autor keine Drohung ableiten: Es wird Probleme geben, aber ausrotten wird uns die ökologische Katastrophe nicht.

 

Und auch der Natur wird sich nicht aus den Angeln heben lassen. Sie hat epochale Kahlschläge erlebt und weggesteckt, lange bevor es Menschen gab. Die Evolution betrachtet Katastrophen geradezu als Einladung zur Kreativität. Stärker als alle Werke des Menschen ist die Natur allemal. Schon, weil Erdbeben oder Tornados die Artefakte der Ingenieure in Sekundenschnelle zerlegen können. Weismann beschäftigt sich allerdings mehr mit den sanften aber steten Kräften von Erosion, Fäulnis und Lebenskraft, die nach unserer Zeit alles, was wir schufen, im ewigen Kreislauf des Universums verschlingen und zu Neuem recyceln werden. Er vertraut dabei dem britischen Chemiker und Evolutionsforscher James Lovelock, dem Erfinder der Gaja-Theorie, die besagt, dass unser Heimatplanet ein sich selbst heilendes System ist, das fatale Entgleisungen gar nicht zulässt. Man kann es auch brutaler formulieren: Der Natur ist es völlig wurscht, ob Menschen existieren. Sie folgt den physikalischen Grundgesetzen des Universums und nicht den Kräften von sieben Milliarden humanoiden Partikeln.

 

Wie die Heilung vom Schädling Mensch vor sich gehen könnte, breitet Weisman wolllüstig am Untergangsszenario einer großen Stadt aus: Er hat als Beispiel New York gewählt, denn dort könnte der Niedergang besonders schnell verlaufen. Keine zwei Tage werden vergehen, dann steht Manhattans Untergrund im Wasser: 50 Millionen Liter Regen- und Leckagewasser muss die Stadtverwaltung täglich aus U-Bahn-Schächten und Katakomben pumpen. Tut sie das nicht mehr, stürzt die unterirdische Welt ein, manche Avenues werden zu reißenden Bächen und im nächsten Winter sprengen die gefrierenden Wassermoleküle die Bürgersteige. Ratten verhungern ohne den Müll der Menschen und werden zu Falkenfutter. Kakerlaken segnen schon am ersten harten Frosttag das Zeitliche, weil sie Jahrhunderte lang beheizte Gebäude für die Tropen hielten, wo sie eigentlich herkommen. Der konzertierte Angriff von Schimmelpilzen, Baumwurzeln und Nagetieren, von Regen, Feuer und Schwerkraft lassen den Moloch binnen Jahrzehnten zerbröseln.

 

Was aber ist die Lehre aus dem Buch? Die Welt ohne uns bleibt Fiktion. Der Autor nennt keinen Grund, warum sie wirklich werden sollte. Er suggeriert nur, dass sie besser ist, wenn er von den wenigen ungestörten Regionen auf Erden schreibt, etwa von der demilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea, in der es von seltenen Vogelarten wimmelt, von der Wiedergeburt des Lebens in der Nach-Menschen-Zeit, von den Ozeanen, die von Fischen überquellen und einem Afrika, das die Elefanten zurückerobern. Will uns Weisman zum kollektiven Selbstmord auffordern, um die bessere Welt wirklich werden zu lassen? Aber warum sollen wir uns ausgerechnet eine heile Welt wünschen, die wir nicht erleben können?

 

Gläubige Menschen muss es traurig stimmen, dass die Welt den Menschen nicht braucht. Naturschützer müssten verzweifeln angesichts der Tatsache, dass sich Natur gar nicht schützen lässt, weil sie autonom ist. Wir können sie bestenfalls pfleglich behandeln, auf dass sie uns ein Minimum an Problemen beschert. Was wir als Naturschutz bezeichnen ist also in Wirklichkeit Selbstschutz. Dies ist die eigentliche, zutiefst moralische Nachricht des Autors. Aber die kommt im kurzen Epilog, fast hilflos daher: Wir sollten uns auf eine globale Ein-Kind-Politik einigen, die Menschenfamilie bis Ende des 21. Jahrhunderts auf 1,6 Milliarden Köpfe schrumpfen lassen und die Ressourcen schonen. Naiver kommt kein Wort zum Sonntag daher.

 

Bei soviel nüchterner Evolutionslehre in den Kapiteln zuvor wäre ein sarkastisches Ende passender gewesen: Etwa der Frage nachzugehen, wer uns einmal beerbt, wenn wir gegangen sind, wer die Rolle des dominanten Überausbeuters nach uns einnimmt.

 

Wie wäre es mit den Pavianen? Anders als unsere evolutionären Cousins, die Schimpansen und Gorillas, sind sie keineswegs von Aussterben bedroht. Sie haben sich in Afrika in allen Biotopen ausgebreitet, besiedeln Städte wie Steppen. Paviane sind rabiat, rücksichtslos und unverschämt, sie klauen und prügeln für ihr Leben gern. Wie kein zweiter Affe haben sie das Zeug zum neuen Homo sapiens. Und auf zwei Beinen laufen können sie schon lange.

 

Rezension von Reiner Klingholz, Nachdruck unter Quellenangabe (Reiner Klingholz / Berlin-Institut) erlaubt.

 

Alan Weisman: Die Welt ohne uns. Reise über eine unbevölkerte Erde. Aus dem Englischen von Hainer Kober.

Piper Verlag,
München 2007,
384 S.,
19,90 Euro.

Diese Besprechung ist in leicht gekürzter Form am 04.10.2007 im Wochenblatt DIE ZEIT erschienen.