Länger produktiv im demografischen Wandel
Eine gemeinsame Studie des Berlin-Instituts, der Körber-Stiftung und der Robert Bosch Stiftung beleuchtet, wie sich die Erwerbstätigkeit unter älteren Menschen erhöhen lässt. Sie beinhaltet wichtige Nachrichten zum Thema Arbeitsmarkt für die laufenden Koalitionsverhandlungen.
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Das Engagement verschiebt sich ins höhere Alter
Obwohl sich ältere Menschen immer häufiger für die Gemeinschaft einsetzen, muss sich der Anteil der Engagierten künftig erhöhen. Möglich ist das.
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Länger produktiv im demografischen Wandel
Eine gemeinsame Studie des Berlin-Instituts, der Körber-Stiftung und der Robert Bosch Stiftung beleuchtet, wie sich die Erwerbstätigkeit unter älteren Menschen erhöhen lässt. Sie beinhaltet wichtige Nachrichten zum Thema Arbeitsmarkt für die laufenden Koalitionsverhandlungen.

Der demografische Wandel wird in den kommenden Jahren überproportional die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter betreffen. Dies hat Folgen für unseren Wohlstand und unsere Sozialsysteme. Denn weil die Zahl der Arbeitskräfte schneller zurückgeht als die der Gesamtbevölkerung, würde bei gleicher Leistung der Erwerbstätigen weniger für jeden Einzelnen übrig bleiben – und die Sozialkassen würden stärker belastet.

Richtigerweise verfolgt die deutsche Politik seit geraumer Zeit verschiedene Anpassungsstrategien, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Eine davon besteht darin, ältere Menschen stärker als bislang in das Erwerbsleben einzubinden. Dazu gehören einerseits die Erhöhung des gesetzlichen Renteneintrittsalters und andererseits Anreize für Menschen im höheren Erwerbsalter, die in der Vergangenheit relativ selten eine Beschäftigung gesucht haben. Erste Erfolge dieser Politik haben sich bereits eingestellt. So ist die Erwerbstätigenquote der 55- bis 64-Jährigen zwischen 2002 und 2012 von 38,6 auf 61,5 Prozent gestiegen – vor allem den Frauen sei Dank. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland damit im vorderen Mittelfeld. In anderen Bereichen bleibt Deutschland dagegen weiter zurück. So arbeiten hochqualifizierte Ältere deutlich häufiger als Menschen mit geringer Qualifikation, zudem sind die Chancen auf Wiederbeschäftigung für ältere Arbeitslose eher gering.

Abstand zur Spitzengruppe trotz Aufholjagd

In Deutschland sind knapp 62 Prozent der 55- bis 64-Jährigen beschäftigt. Seit 2002 ist die Erwerbstätigenquote in dieser Altersgruppe deutlich – um rund 59 Prozent – gestiegen. Unter den OECD-Ländern hat lediglich die Slowakei mit 88 Prozent einen stärkeren Zuwachs erfahren, allerdings ausgehend von der niedrigsten Quote im Jahr 2002 (23 Prozent). Deutlich häufiger als in Deutschland gehen Ältere etwa in Island, Schweden und Norwegen einer Beschäftigung nach.

Was kann die Politik beitragen?

Die Erwerbstätigkeit älterer Menschen weiter zu erhöhen, ist zwar eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Eine besonders wichtige Rolle fällt jedoch der Politik zu. Und zwar insbesondere während der laufenden Koalitionsverhandlungen, in denen die Weichen für eine längerfristige Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik gestellt werden. Die Politik kann die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass mehr Ältere dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, und dass die Betriebe die Arbeitskraft der Älteren stärker nachfragen.

Um Ersteres zu erreichen, sollte der Staat vor allem die verbleibenden Anreize zur Frühverrentung tilgen und darüber hinaus an der Rente mit 67 festhalten. Langfristig sollten sich weitere Steigerungen bei der Lebenserwartung 65-Jähriger automatisch in einem höheren Renteneintrittsalter niederschlagen. Um das Verhältnis von Erwerbsleben zu Ruhestand konstant bei 2 zu 1 zu halten, bietet es sich an, von jedem zusätzlich gewonnenen Lebensjahr acht Monate dem Berufsleben zuzuteilen und vier Monate der Ruhestandsphase.

Eine höhere Zahl an älteren Arbeitskräften ließe sich auch erreichen, indem flexible Möglichkeiten des Übergangs in den Ruhestand ausgebaut werden. So könnte die Politik mit den richtigen Anreizen dazu beitragen, dass mehr Ältere ihren Wunsch nach einem schrittweisen Austritt aus dem Berufsleben in die Tat umsetzen und dem Arbeitsmarkt als Teilzeitkräfte länger erhalten bleiben. Hierzu sollte sie vor allem das bislang wenig genutzte Instrument der Teilrente attraktiver gestalten. Gerade die starren Hinzuverdienstgrenzen sollten gelockert werden.

Wie aber ließe sich die Nachfrage nach älteren Arbeitskräften steigern? Hierzu bietet es sich einerseits an, mit Info-Kampagnen dem in den meisten Fällen unbegründeten Vorurteil entgegenzuwirken, dass Ältere weniger leistungsfähig sind. Allein mit Aufklärungsarbeit wird sich die gerade unter Älteren verbreitete Langzeitarbeitslosigkeit aber nicht bekämpfen lassen. Hier ist die aktive Arbeitsmarktpolitik gefragt. Sie verfügt in Deutschland über einige vielversprechende Instrumente, um Arbeitslosen den Wiedereinstieg ins Berufsleben zu erleichtern. So können befristete Lohnsubventionen den Wiedereinstieg ins Berufsleben fördern, indem sie es Arbeitgebern ermöglichen, bei vergleichsweise geringem Risiko neue Arbeitskräfte einzustellen. Auch Weiterbildungsmaßnahmen können Erfolg zeigen, wenn sie berufs- und praxisnah gestaltet werden.

Weiterbildung sollte nach Möglichkeit allerdings nicht erst geschehen, wenn Personen arbeitslos geworden sind. Vielmehr müssen Beschäftigte sich im Sinne des lebenslangen Lernens kontinuierlich fort- und weiterbilden. Dies kann der Staat über finanzielle Anreize unterstützen, die speziell jene Gruppen ansprechen, die bislang selten an Weiterbildung teilnehmen. Hierzu zählen vor allem Geringqualifizierte und Beschäftigte in Kleinunternehmen.

Um die Chancen Älterer auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern, sollte der Staat einerseits die Wiedereingliederung Arbeitsloser erleichtern, andererseits aber auch den Präventionsgedanken in Unternehmen stärken, damit die Beschäftigten so lange wie möglich leistungsfähig bleiben. Parallel dazu sollte er durch Aufklärung die auch nach Inkrafttreten des Anti-Diskriminierungsgesetzes noch existierende Altersdiskriminierung bekämpfen. In vielen der genannten Bereiche ist die deutsche Politik bereits tätig, die Effektivität vieler Maßnahmen krankt jedoch an dem geringen Bekanntheitsgrad.

 

Das Engagement verschiebt sich ins höhere Alter
Obwohl sich ältere Menschen immer häufiger für die Gemeinschaft einsetzen, muss sich der Anteil der Engagierten künftig erhöhen. Möglich ist das.

Über ehrenamtliches, bürgerschaftliches oder freiwilliges Engagement wird heute aus verschiedenen Gründen diskutiert. Einerseits sind Staat und Kommunen bei der Betreuung älterer Menschen, der Unterstützung Jugendlicher mit schwierigem sozialen Hintergrund oder auch dem Einsatz für das kulturelle Leben immer stärker auf die Unterstützung der Bürger angewiesen. Andererseits stellt sich gerade in einer alternden Gesellschaft die Frage, wie Lebenssinn und soziale Bindungen auch dann erhalten werden können, wenn einst zentrale Inhalte wie die berufliche Karriere oder das Erziehen von Kindern ihre Bedeutung verlieren. Dies gilt insbesondere für die wachsende Gruppe von Personen, die in keiner festen Partnerschaft leben.

In den letzten zehn Jahren hat vor allem das Engagement älterer Menschen zugenommen. Zwischen 1999 und 2009 stieg die Engagementquote der 65- bis 69-Jährigen von 29 auf 37 Prozent an, jene der über 70-Jährigen von 20 auf 25 Prozent. Zwar hat der überwiegende Teil der im Alter Engagierten seine freiwillige Tätigkeit schon vor Renteneintritt ausgeübt, doch nimmt inzwischen auch die Zahl derer zu, die sich im höheren Alter erstmals für die Allgemeinheit engagieren.

Das Engagement Älterer steigt besonders stark

Im Zeitraum zwischen 1999 und 2009 sind die Engagementquoten bei Menschen ab 65 Jahren deutlich gestiegen. Dies deutet auf eine immer bessere Gesundheit der Senioren hin sowie auf eine hohe Motivation, auch nach Ende der Erwerbstätigkeit etwas für die Gesellschaft zu leisten. Leichte Rückgänge des Engagements gab es hingegen bei den Personen unter 60 Jahren.

Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sind diese Steigerungen bedeutsam. Denn die Älteren sind die einzige Bevölkerungsgruppe in Deutschland, die künftig zahlenmäßig noch wachsen wird. Die bislang am stärksten engagierte Altersgruppe der 35- bis 49-Jährigen dürfte dagegen bis 2030 um mehr als ein Fünftel schrumpfen. Bei gleich bleibenden Engagementquoten in allen Altersgruppen könnte die Zahl der Engagierten im gleichen Zeitraum daher allein aus demografischen Gründen um knapp 1,5 Millionen Menschen sinken.

Der demografische Wandel bedroht das Engagement

Bei gleich bleibenden Engagementquoten dürfte sich die Zahl der Engagierten in Deutschland bis 2030 deutlich verringern – um knapp 1,5 Millionen Personen oder 5,7 Prozent. Schuld daran sind der Nachwuchsmangel und die demografische Alterung. Dies dürfte die besonders stark engagierte Altersgruppe der 35- bis 49-Jährigen um mehr als ein Fünftel schrumpfen lassen. Diese Verluste lassen sich auch dann nicht kompensieren, wenn die Engagementzahlen unter Älteren weiter steigen. Es bleibt also ein wichtiges gesellschaftliches Ziel, den Anteil engagierter Bürger in allen Altersgruppen zu erhöhen.

Wie also kann die Zahl der Engagierten in allen Altersgruppen, vor allem aber unter den Älteren, weiter erhöht werden? Ein gutes Zeichen ist, dass die Gruppe derjenigen, die noch nicht engagiert sind, sich dies aber grundsätzlich vorstellen können, immer größer wird. Ihr Anteil an allen Personen über 14 Jahren ist von 26 Prozent im Jahr 1999 auf 37 Prozent im Jahr 2009 gestiegen. Zudem sind viele Ältere bereit, ihr Engagement zeitlich auszudehnen. Viele Menschen setzen diese Pläne allerdings nicht in die Tat um, weil sie sich nicht ausreichend informiert fühlen, wie und wo genau sie sich engagieren können. Zudem wollen sie keine langfristigen Verpflichtungen eingehen und die Aufgaben nach ihren Vorstellungen gestalten. Gerade Ältere haben oft hohe Erwartungen an ihr Engagement.

Auf diese Bedingungen müssen Politik, Vereine und andere Organisationen eingehen. Sie müssen den Engagierten Freiräume lassen und zudem potenziell Engagierte gezielt ansprechen und „abholen“. Idealerweise sollte dies bereits vor Renteneintritt geschehen. So könnte ein fließender Übergang vom Erwerbsleben in die Freiwilligenarbeit gewährleistet werden.



Ausgabe 161, 28.10.2013

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