„Wenn Nigeria seine Potenziale nutzen würde, könnte und sollte das Land weltweiten Einfluss haben.“
Im Interview mit dem Berlin-Institut spricht der nigerianische Internetaktivist Japheth Omojuwa über kranke Präsidenten, Vetternwirtschaft und über seine Zukunftsvision von einem prosperierenden, international einflussreichen Nigeria.
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Von Freaks und Schurken
In seinem Buch „Land Grabbing. Der globale Kampf um Grund und Boden“ nimmt der britische Wissenschaftsjournalist Fred Pearce seine Leser mit auf eine Reise zu den Schauplätzen illegaler und legaler Landnahmen auf der ganzen Welt.
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In eigener Sache
Gemeinsam mit Perspektive hoch 3 e.V. organisiert das Berlin-Institut ein DemografieLab
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„Wenn Nigeria seine Potenziale nutzen würde, könnte und sollte das Land weltweiten Einfluss haben.“
Im Interview mit dem Berlin-Institut spricht der nigerianische Internetaktivist Japheth Omojuwa über kranke Präsidenten, Vetternwirtschaft und über seine Zukunftsvision von einem prosperierenden, international einflussreichen Nigeria.

Copyright: Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung.

Japheth Omojuwa zählt zu den einflussreichsten politischen Bloggern Nigerias. Mit gerade einmal 29 Jahren gehört er in seiner Heimat schon fast zum alten Eisen. Denn zwei Drittel der Bevölkerung sind unter 25 Jahre alt. Das sind heute bereits rund 120 Millionen Menschen und damit rund so viele, wie Mexiko oder Japan insgesamt zählen. Weil die Bevölkerung weiter wächst, wird laut Prognosen der Vereinten Nationen bis 2035 allein die Zahl der unter 25-jährigen Nigerianer auf rund 190 Millionen anschwellen. Und wer in Nigeria geboren wird, wächst nahezu ohne Perspektiven auf. Heute bereits leben in dem westafrikanischen Land beinahe drei Viertel der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze von 2 US-Dollar am Tag. Besonders von Armut bedroht ist die Jugend. Gerade einmal jeder Dritte zwischen 15 und 24 Jahren hat einen Job. Und das, obwohl das Land über große Einkünfte aus Erdölreserven verfügt und wirtschaftlich florieren könnte. Gewalttätige Konflikte nehmen zu. In den sozialen Medien – unabhängigen, frei zugänglichen Plattformen wie Facebook, Twitter oder auch Blogs wie dem von Japeth Omojuwa – äußern junge Nigerianer dagegen offen Kritik an der Regierungsarbeit und helfen dabei, friedliche Proteste zu organisieren. Omojuwas Artikel und Kommentare haben es bis in die britische BBC oder die Financial Times geschafft. Er zählt zur „Global Shapers Community“, einem Netzwerk des World Economic Forum, das ideenreiche junge Menschen zusammenbringt und unterstützt. Zurzeit ist Omojuwa als Dozent zu Gast an der Freien Universität Berlin.

Wie haben die sozialen Medien Sie persönlich beeinflusst?

Für mich persönlich haben soziale Medien viel verändert. Sie helfen mir, gehört zu werden und mit meinen Kolumnen und Artikeln Menschen in den abgelegensten Orten Nigerias und sogar auf anderen Kontinenten zu erreichen. Nicht nur in Afrika, sondern überall auf der Welt ist es für junge Menschen besser, Zugang zu diesen Plattformen zu haben. Denn sie verhelfen zu Macht und Einfluss. Sie sind nützliche Kräfte für Veränderung. Was soziale medien bewirkt haben, ist sehr beeindruckend. Was Sie noch bewirken könnten, ist sogar noch außergewöhnlicher.

Was ist die Rolle von sozialen Medien in Nigeria?

Der Großteil der nigerianischen Bevölkerung ist sehr jung und interessiert daran, was passiert. Deswegen sind soziale Medien für sie sehr hilfreich. Heute sind bereits zwölf Millionen Nigerianer auf Facebook. Wie nützlich soziale Medien sind, zeigt sich am Beispiel der nigerianischen Wahlen 2011. Dort wurden sie als Werkzeuge verwendet, um die Ergebnisse zurückzuverfolgen. Dadurch entstand mehr Transparenz im Wahlprozess. Ein paar Monate später haben soziale Medien dazu beigetragen, die Occupy-Nigeria-Bewegung aufzubauen und zu organisieren. Sie hat große Aufmerksamkeit in Nigeria erlangt und war sehr einflussreich.

Umgekehrt lösen soziale Medien und die Informationen, die Menschen über sie erhalten, auch viel Ärger aus. Deshalb verfolgt die Regierung soziale Medien sehr aufmerksam. Sie diskutiert über sie und sie kontrolliert sie. Und gleichzeitig tut sie so, als würde sie selbst mit der Zeit gehen: Bei Fernsehauftritten des Präsidenten täuschen die Macher vor, dass Fragen live über Twitter eingereicht und beantwortet werden können. Soziale Medien nehmen also in Nigeria bereits eine wichtige Rolle ein und sie können in den kommenden Monaten nur einflussreicher werden.

Gibt es eine Jugendbewegung in Nigeria?

Natürlich gibt es eine Jugendbewegung in Nigeria. Dort gibt es eine junge Bevölkerung, die fordert, dass ihre Interessen vertreten werden und die ihrem Ärger Ausdruck verleiht. Soziale Medien helfen ihnen dabei, sich zu organisieren.

Unsere Jugendbewegung war sehr einflussreich dabei, den aktuellen Präsidenten Goodluck Jonathan im Jahr 2010 an die Macht zu bringen. Wir hatten die „Enough-is-Enough“-Proteste (genug ist genug), um klar zu machen, dass der vorherige Präsident Umaru Musa Yar’Adua nicht gesund genug zum Regieren war und dass wir einen handlungsfähigen Präsidenten benötigen. Die Proteste waren sehr effektiv und einflussreich. Sie haben die Nationalversammlung dazu bewegt, den vorherigen Vizepräsidenten Jonathan ins Präsidentenamt zu heben. Es war im Wesentlichen diese Jugend, die die Occupy-Nigeria-Bewegung organisiert hat. Und diese Jugend stand hinter „Save Bagega“ (Rettet Bagega) – eine Organisation, die im nigerianischen Zamfara State rund 1.500 Kinder vor tödlichen Vergiftungen rettet. Und sie war es, die vor Kurzem den Nationalversammlungsprotest #OurNASS geplant und durchgeführt hat. #OurNASS fordert die Regierung zu Rechenschaft und Transparenz auf.

Es gibt in Nigeria eine junge Bevölkerung, die verlangt, dass das Bildungssystem erneuert und Korruption eingedämmt wird und dass Wachstum auch Arbeitsplätze schafft. Diese junge Bevölkerung ist aufmerksam und wenn sich die Regierung weiter so bewegt wie bisher, nämlich langsam und manchmal rückwärts, könnte das gefährliche Konsequenzen haben. Wenn sich nichts verändert, sehe ich in der nahen Zukunft viele militante und terroristische Gruppierungen in Nigeria entstehen.

Wie kann die Jugendbewegung dazu beitragen, dass das nicht passiert?

Die Menschen sind wütend. Sie sehen, dass Menschen, die früher gegen den Staat gekämpft haben, heute die staatlichen Mittel kontrollieren. Tom Polo, zum Beispiel, war früher ein Warlord im Nigerdelta und hat heute einen Privatjet und dazu die Kontrolle über die Autobahnen des Landes. Die Menschen sehen solche Dinge und sie haben Fragen. Die heutige Jugendbewegung drückt einerseits die Wut junger Menschen aus, andererseits auch ihr Interesse an der Gesellschaft und ihrer persönlichen Entwicklung. Wenn sie aber keine Ergebnisse erzielen, werden Sie zu anderen Mitteln greifen. Und wie das aussieht, möchten Sie sich wirklich nicht vorstellen. Was passieren könnte, ist beängstigend.

Nigeria hat große Probleme, seine Gesellschaft zu vereinen. Das Land ist gespalten entlang einer Nord-Süd-Linie. Die Menschen im Norden sind ärmer und weniger gebildet als im Süden. Benutzen die Menschen auch im Norden soziale Medien?

Meiner Meinung nach ist das Nord-Süd-Problem vor allem eine Erfindung der Medien. Ich habe eine riesige Leserschaft im Norden Nigerias. In einigen Fällen haben sie andere Probleme. Aber es gibt bestimmte Themen, die alle Nigerianer miteinander verbinden: Die Tatsache, dass vier von fünf Absolventen keine Arbeit haben, betrifft jeden Nigerianer. Genauso wie die Tatsache, dass sieben von zehn Nigerianern arm sind oder dass die Regierung korrupt, ineffektiv und ineffizient ist. Nigeria ist Nigeria und die Probleme, die die einen betreffen, betreffen alle. Wenn die Führung sich weigert, diese Probleme als gesamtnigerianische Probleme zu behandeln, werden diese sich ausbreiten. Junge Menschen aus dem Norden verstehen das. Wir haben die gleichen Ziele und dieselben Fragen.

Was genau fordern die Jugendlichen in Afrika?

Die Menschen nutzen soziale Medien für einen bestimmten Zweck. Sie fordern Zugang zu guten Schulen, zur Wasserversorgung, guten Straßen und Zugverbindungen sowie sicheren Flugzeugen. Außerdem fordern sie Jobs, die so gut bezahlt sind, dass sie all diese Einrichtungen auch nutzen können.

Wenn man sich den Lebensverlauf von Nigerianern anschaut, sieht man in jeder Phase Probleme: Bis zu ihrem fünften Lebensjahr sterben 74 von 1.000 Kindern. Wenn man überlebt und in die Schule kommt, dann sind dort vielleicht keine Bücher oder die Schule schließt irgendwann. Und selbst wenn man eine anständige Schulbildung bekommt, gibt es dann Probleme mit dem Studienplatz. Denn vielleicht einer von zehn erhält einen Studienplatz. Und selbst wenn man es an die Universität schafft, begreift man hinterher, dass von den 100 Leuten, die im Jahr zuvor ihren Abschluss vollendet haben, 80 keine Arbeit haben. Selbst wenn man trotzdem eines Tages einen Arbeitsplatz findet, reicht der Lohn nicht aus. Es liegt in der Verantwortung des Staates, sicherzustellen, dass das System gut bezahlte Arbeitsplätze schafft. Ich glaube nicht, dass die Menschen zu viel verlangen, wenn sie solche Dinge fordern.

Das Problem der Beschäftigung wächst, weil immer mehr junge Menschen auf den Arbeitsmarkt streben. Gibt es dafür überhaupt eine Lösung?

40 Prozent von Nigerias BIP werden durch Landwirtschaft erwirtschaftet. 30 Prozent kommen aus dem Dienstleistungssektor. Die Öl- und Gasindustrie erwirtschaftet gerade einmal 14 Prozent. Zwar schafft die Landwirtschaft wenige Exporteinkünfte, aber sie beschäftigt die Mehrheit der Nigerianer auf die eine oder andere Art und Weise. Im Gegensatz dazu schafft der Rohstoffsektor keine Arbeitsplätze, sondern nur Geld. Dieses Geld könnte genutzt werden, um in solche Wirtschaftsbereiche zu investieren, die Arbeitsplätze schaffen. Wir müssen einen Weg finden, um sicherzustellen, dass die Infrastruktur funktioniert. Wir müssen einen Weg finden, das Bankensystem zu erneuern. Wenn die Menschen nicht sparen können, haben die Banken kein Geld, um es an Unternehmer zu verleihen.

Die Regierung muss sich diesen einfachen ökonomischen Realitäten stellen. 400 Milliarden Dollar aus Ölverkäufen sind für die nigerianische Bevölkerung weniger gewinnbringend als 200 Milliarden aus Landwirtschaft oder Industrie. Denn diese 200 Milliarden Dollar würden in die Taschen der Menschen wandern. Das würde dazu führen, dass sie mehr konsumieren und sparen. Beides würde die Wirtschaft ankurbeln. Aber das leichtverdiente Geld aus den Rohstoffverkäufen macht die Regierung faul und unfähig, zu denken.

Vielen Nigerianern fehlt es an Schulbildung. Ist nicht ein großer Teil der Probleme im Land ein Resultat von einem Mangel an fähigen Leuten?

Wir haben das Humankapital, das wir benötigen. Auch wenn wir viele Menschen ohne angemessenen Bildungsstand haben, gibt es in Nigeria genügend Menschen, die gut genug ausgebildet sind, um das System zu stabilisieren. Das Problem ist die Vetternwirtschaft, und dass man erst die richtigen Leute kennen muss, um einen guten Job zu bekommen. Wenn wir sicherstellen, dass in Afrika und in Nigeria fähige Leute etwas erreichen können, dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis diese Länder große Schritte nach vorne machen.

Kein Zweifel: Die Beschäftigungsfähigkeit der Menschen ist ein Problem. In Nigeria gibt es nicht genügend Menschen, die in der Lage sind, auch höher qualifizierte Arbeiten zu verrichten. Und damit meine ich nicht nur Tätigkeiten, die Wissen über Hochtechnologien erfordern, sondern auch Aufgaben etwa im Straßenbau. In Nigeria ist es schwierig, Leute zu finden, die über die Fähigkeiten verfügen, diese relativ einfachen Arbeiten zu verrichten. Also muss das Bildungssystem verbessert werden. Nichtsdestotrotz gibt es in Nigeria bereits viele Menschen, die dabei helfen können, das Land nach vorne zu bringen.

Was ist Ihre Vision für Nigeria in 20 Jahren?

Es wird wichtig sein, dass Nigeria Nigeria bleibt. Ein Krieg würde das Land in 500 unterschiedliche, sehr, sehr kleine Länder spalten. Nigeria 2033 sollte ein Land sein, in dem Menschen für harte und gescheite Arbeit belohnt werden und in dem es ein Gesetz gibt, das die Menschen leitet und in dem Kriminelle ins Gefängnis gehen: In meiner Vision wird Nigeria ein Land sein mit einer funktionierenden, nicht mit einer großen und dummen Regierung. Nigeria 2033 ist ein Land, in dem der private Sektor die Wirtschaft antreibt. Die Menschen können träumen und sehen ihre Träume in Erfüllung gehen, indem sie einfach den Regeln und Prinzipien guter Unternehmensführung und klugen Wirtschaftens folgen. Nigeria 2033 wird eine riesige Rolle spielen – nicht nur in Afrika, sondern auf der ganzen Welt. Wenn Nigeria seine Potenziale nutzen würde, könnte und sollte das Land weltweiten Einfluss haben.

Könnte Ihre Vision Wirklichkeit werden?

Wir verfügen über das notwendige Humanpotenzial. Auch geografisch sind wir in einer guten Position, weil wir nicht von anderen Ländern umschlossen sind und Zugang zum Meer und internationalen Häfen haben. Darüber hinaus gibt es bei uns riesige Rohstoffvorkommen, deren Erlöse benötigt werden, um eine intakte Infrastruktur aufzubauen. Natürlich wird es schwierig – vor allem mit einer wachsenden Bevölkerung, die Arbeit benötigt. Aber es gibt gute Beispiele wie China: Seine Bevölkerung hat es dem Land ermöglicht, zur Werkbank der Welt zu werden. Früher war die Situation in Ländern wie China und Südkorea eine Katastrophe. Aber sie haben sich erfolgreich aufgerappelt. Trotzdem kann ich nicht sagen, dass die Wahrscheinlichkeit für eine Erfüllung meiner Vision für Nigeria hoch ist. Das wäre eine zu große Erwartung und ich möchte nicht verletzt werden, wenn es nicht klappt.

Vielen Dank für das Gespräch.


Das Interview führte Ruth Müller. Übersetzung: Theresa Damm und Ruth Müller.

Nachdruck unter Quellenangabe (Ruth Müller/ Berlin-Institut) erlaubt.

 

Von Freaks und Schurken
In seinem Buch „Land Grabbing. Der globale Kampf um Grund und Boden“ nimmt der britische Wissenschaftsjournalist Fred Pearce seine Leser mit auf eine Reise zu den Schauplätzen illegaler und legaler Landnahmen auf der ganzen Welt.

In Zeiten von Nahrungsmittelknappheit und Rohstoffmangel ist Boden zum wertvollen Gut geworden, um das Staaten, Großkonzerne, Organisationen wie auch Privatpersonen buhlen. Für seine Recherchen fuhr Autor Fred Pearce mit dem Jeep durch die Serengeti-Wüste, begab sich mitten in den dicht bewachsenen paraguayischen Urwald und flanierte über das Chicagoer Börsenparkett. Er erzählt Geschichten von Krieg und Vertreibung, von schmutzigen Machenschaften oder auch von weltfremden Ökofreaks.

Landnahme nicht gleich Landnahme

Auf etwa 400 Seiten zeigt Pearce, wie unterschiedlich sich Land Grabbing gestaltet. Da wären zum einen die altbekannten Geschichten vom ungleichen Kampf zwischen Mächtigen und Mittellosen. Diese handeln von Regierungen, für die Landverkäufe oft leicht und schnell verdientes Geld bedeuten. Die betroffenen Bewohner wiederum sehen von diesen Gewinnen meistens nichts. Anstatt für die Landnahme entschädigt zu werden, müssen sie mit den Folgen leben, die oft gravierend sind. Denn um das Land gewinnträchtig nutzen zu können, greifen die Investoren oft schonungslos in die Natur ein und scheren sich nur wenig um das Schicksal der unfreiwillig mit eingekauften Bewohner ihres neuen Areals.

Pearces Werk würde sich aber nicht von anderen Büchern und Medienberichten zu Land Grabbing unterscheiden, würde er nicht auch weitgehend unbekannte, teils paradoxe Geschichten auftun. So etwa die von einer Nichtregierungsorganisation (NGO), die eine riesige Fläche afrikanischen Lands eingekauft hat, um die dortige empfindliche Natur zu erhalten. Was begrüßenswert erscheint, erweist sich für die Angehörigen der ansässigen indigenen Bevölkerung als Katastrophe. Denn weil die angestammten Bewohner Wildtiere jagen, bedeuten sie in den Augen der NGO-Aktivisten eine Bedrohung für die Natur. Aus diesem Grund haben die fremden Umweltschützer den Einheimischen kurzerhand den Zutritt zum Schutzgebiet verboten und sie damit ihrer Heimat beraubt. Dass diese aber seit Jahrtausenden das Gebiet besiedeln, ohne das Ökosystem aus dem Gleichgewicht zu bringen, hat bei dieser Entscheidung keine Rolle gespielt.

Während manche NGOs bei Landnahmen über das Ziel hinausschießen, verfolgen andere Fälle von Landnahmen nicht einmal einen tieferen Sinn. So spürt Pearce etwa superreiche Privatpersonen auf, die im südamerikanischen Patagonien ganze Vulkane inklusive Umlands aufgekauft haben, um sie als Urlaubsdomizil für das persönliche Abenteuer zu nutzen.

Nicht wertungsfrei, trotzdem nicht oberlehrerhaft

Mit seinen vielfältigen Berichten zeichnet der Autor ein umfassendes und ausgewogenes Bild von Land Grabbing in Ländern so unterschiedlich wie Australien, Liberia, die Ukraine oder Indonesien. Auch wenn der Autor einräumt, dass nicht jede Landnahme negativ zu bewerten sei, lässt sich das Thema kaum wertneutral behandeln. Denn die negativen Beispiele von Land Grabbing überwiegen die positiven bei weitem. Landnahmen, das wird im Buch deutlich, verursachen fast immer große Schäden für Mensch und Natur. Die Schuld daran tragen meist einzelne, die die Versorgungsnöte der Menschheit in ein lukratives Geschäftsmodell verwandeln. Trotz dieses übergeordneten Leitmotivs bei Landnahmen zeigt Pearce, dass jeder Fall von Land Grabbing ein Einzelfall mit einer ihm eigenen Geschichte ist. Wohl auch deshalb verzichtet der Autor darauf, einen allgemeingültigen Lösungsansatz zu entwickeln, der die Welt dauerhaft vor Landnahmen retten könnte. Dem Buch verhilft das zu hoher Glaubwürdigkeit.

Kleinbauern alleine werden es nicht richten

Ganz ohne gutgemeinte Empfehlungen kommt Pearce trotzdem nicht aus. In seinem Schlusskapitel stellt er dar, welche Schritte notwendig wären, um Nahrungsmittelengpässe in Afrika zu umgehen. Wenn es nach Pearce ginge, müssten dazu vor allem bäuerliche Familienbetriebe stärkere Beachtung in der Entwicklungspolitik finden. Richtig unterstützt könnten diese viel zur Nahrungsproduktion beitragen. Leider, so sagt er, würden jedoch weltweit angesehene entwicklungspolitische Berater wie Paul Collier genau das Falsche fordern, wenn sie sich für den Aufbau landwirtschaftlicher Großunternehmen und weiterverarbeitender Industrien einsetzen. Diese Fortschrittsfanatiker, wie Pearce sie nennt, würden dabei das große Potenzial von Kleinbauern gänzlich ignorieren und deren Existenz sogar bedrohen.

Pearce hat recht, wenn er sagt, dass Kleinbauern bereits mit einfachen Hilfsmitteln ihr heutiges Produktionsniveau steigern und so einen erhöhten Beitrag zur Nahrungsversorgung leisten könnten. Damit könnte sich auch der Lebensstandard vieler bäuerlicher Familien erhöhen. Doch das allein wird Afrika langfristig nicht reichen. Denn in den kommenden Jahren wird die Zahl der Erwerbsfähigen auf dem Kontinent unvermeidlich wachsen. Für diese Millionen von Menschen werden kleinbäuerliche Strukturen nicht genügend Jobs, geschweige denn ausreichend Gehälter bieten können. Anders aber sieht es mit der Nahrungsmittelindustrie aus. Gelänge es den Ländern Afrikas, Produktionsketten aufzubauen, in denen die Rohstoffe afrikanischer Klein- und Großbauern zu Lebensmitteln verarbeitet und weiterverkauft würden, entstünden attraktive und bezahlte Arbeitsplätze. Der Ausbau der Nahrungsmittelindustrie hat also nichts mit Fortschrittsfanatismus zu tun, sondern ist im Gegenteil eine große Chance für einen Entwicklungsschub in vielen afrikanischen Ländern.

Für den Aufbau einer Agroindustrie werden die Staaten auf das Know How und das notwendige Kleingeld von erfahrenen Großunternehmern aus dem Ausland zurückgreifen müssen. Um von ihnen nicht ausgebeutet zu werden und stattdessen langfristig von ihnen zu profitieren, müssen die dortigen Entscheider wachsam sein. Wie schwierig das ist, zeigt Fred Pearce in seinem Buch.


Rezension von Ruth Müller, Nachdruck unter Quellenangabe (Ruth Müller/ Berlin-Institut) erlaubt.

Fred Pearce: Land Grabbing. Der globale Kampf um Grund und Boden. Verlag Antje Kunstmann, 2012. 397 Seiten. 22,95 Euro.

 

In eigener Sache
Gemeinsam mit Perspektive hoch 3 e.V. organisiert das Berlin-Institut ein DemografieLab

Die aktuellen Diskussionen um Alterung, Schrumpfung, Nachhaltigkeit und Einwanderung berühren zahlreiche Aspekte unseres Lebens. Fakt ist, die Zusammensetzung unserer Gesellschaft nach Alter, Herkunft und räumlicher Verteilung ändert sich tiefgreifend. Schon heute zeichnen sich Herausforderungen, aber auch Gestaltungsmöglichkeiten des Wandels ab. Für die Zukunft unseres Zusammenlebens sind praktikable Vorschläge und Strategien gefragt.

Im DemografieLab zum Thema „Die Dritte Generation Ostdeutschland und der demografische Wandel“ geben Wissenschaftler und Praktiker anschauliche Einblicke in ihre Forschungen, ihre Perspektiven und Erfahrungen zur spezifischen Situation in Ostdeutschland.

Weitere Informationen zum Veranstaltungsformat und zum Programm finden Sie hier.

Termin: Dienstag 10.12.2013, 19:00 Uhr
Ort: .CHB Collegium Hungaricum Berlin, Dorotheenstraße 12, Berlin-Mitte, Perspektive S und U-Bhf. Friedrichstr.

Um Anmeldung wird gebeten unter: mail@perspektivehochdrei.de



Ausgabe 162, 18.11.2013

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