Wie geht es den Alten dieser Welt?
Neuer Index untersucht die Lebensbedingungen älterer Menschen
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Eine Dissertation an der Berliner Humboldt-Universität zeigt, was Menschen an Metropolen mögen oder verachten und auch, ob das überhaupt jemanden interessiert. Die Ergebnisse wurden nun in einer Kurzfassung veröffentlicht.
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Wie geht es den Alten dieser Welt?
Neuer Index untersucht die Lebensbedingungen älterer Menschen

Erstmals zeichnet der internationale Weltalten-Index ein umfangreiches Bild der Lage der Menschen in höherem Lebensalter in den wichtigsten Ländern der Welt. Denn überall führt der Bevölkerungswandel zu einer Zunahme an älteren Menschen. Ihren Lebensbedingungen müssen Politik und Gesellschaft deshalb verstärkt Aufmerksamkeit schenken.

Alterung - ein globaler Trend
Die Alterung der Gesellschaft ist in den Industrieländern bereits in vollem Gange. In Deutschland hat bereits mehr als jeder Vierte ein Alter von über 60 Jahren erreicht. Damit ist die Bundesrepublik momentan nach Japan und Italien das drittälteste Land der Welt und unterscheidet sich stark von den meist noch jungen Entwicklungsländern. Im westafrikanischen Ghana, zum Beispiel, ist nicht einmal jeder Zehnte 60 Jahre oder älter.

Da aber auch in Ghana der Anteil der älteren Menschen wächst, muss das Land schon heute Strategien für deren Versorgung planen. Industrie- wie auch Entwicklungsländer sind damit von der weltweiten Alterung betroffen und auf Daten und Fakten zur Lage der Älteren angewiesen.

Alternde Gesellschaften
Bevölkerungsanteil der Menschen von über 60 Jahren im Jahr 2012 und dessen Projektion für das Jahr 2050.

In den meisten Ländern wird der Bevölkerungsanteil der Menschen im Alter von über 60 Jahren steigen. Während in Deutschland bereits heute eine vergleichsweise alte Bevölkerung lebt, nimmt der Anteil der Älteren in Ländern wie Brasilien und China aufgrund niedriger Nachwuchszahlen umso schneller zu. Auch in heute noch recht jungen Gesellschaften wie Ghana und Pakistan wird sich diese Altersgruppe anteilig bis 2050 etwa verdoppeln. (Datengrundlage: HelpAge)

Ein Index, viele Dimensionen
Aus diesem Grund haben der Weltbevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) und die Organisation HelpAge International gemeinsam den Weltalten-Index entwickelt. Dieser beschreibt die Lebensbedingungen von Menschen von über 60 Jahren in 91 Ländern. Diese werden durch ganz unterschiedliche Faktoren bestimmt. So ist zum Beispiel die finanzielle Absicherung nicht allein entscheidend für eine gute Versorgung im Alter. Deswegen bezieht der Index auch die drei weiteren Bereiche Gesundheit, Bildung/Beschäftigung sowie das soziale Umfeld mit ein. Entscheidungsträgern gewährt der Weltalten-Index damit einen ausgewogenen Einblick in Entwicklungen und Herausforderungen bei der Fürsorge für ältere Menschen.

Bei der Frage, wie gut es sich im Alter leben lässt, schneidet Deutschland hinter Schweden und Norwegen insgesamt sehr gut ab. Von 100 möglichen Punkten erreicht Deutschland 89,3 Punkte. In jedem der vier Bereiche befindet sich das Land unter den Top-10. Das zeigt, dass hierzulande die fortgeschrittene Alterung der Bevölkerung gut bewältigt wird. Besorgniserregend ist im Gegensatz dazu das schlechte Abschneiden Ghanas. Das Land schafft es mit nur 39,2 Punkten gerade einmal auf Rang 69. Eine Warnung für das Land, in dem die demografische Alterung relativ gesehen sehr viel schneller verläuft als in den Industriestaaten. Wenn sich die Versorgung der Älteren in Ghana nicht rasch verbessert, wird die Zahl der von Armut Betroffenen rapide ansteigen.

Selten Erfolge auf ganzer Linie
Punktzahl der vier untersuchten Bereiche und Rangfolge im Gesamtvergleich

Der Weltalten-Index besteht aus vier Bereichen, die sich jeweils aus unterschiedlichen Indikatoren zusammensetzen. Die Schwellen- und Entwicklungsländer in Lateinamerika, Afrika und Asien schneiden insgesamt deutlich schlechter ab als Deutschland, das in allen vier Bereichen weit vorne liegt. Andere Länder, wie etwa Brasilien, müssen in einigen Bereichen noch nacharbeiten. Hinsichtlich der Einkommenssicherheit Älterer liegt Brasilien dank großzügiger Rentenzahlungen fast gleichauf mit Deutschland, hinkt aber bei Beschäftigung und Bildung noch hinterher. In anderen Ländern sieht es dagegen insgesamt sehr schlecht aus: Pakistan etwa landet im Index auf dem drittletzten Rang vor Tansania und Afghanistan. Seine wachsende Zahl von über 60-Jährigen unterstützt das Land bisher kaum. (Datengrundlage: Help Age)

Armut im Alter
Am schlechtesten schneidet Ghana in der Kategorie Einkommenssicherung ab. Die Altersarmut etwa liegt dort mit 21,5 Prozent fast doppelt so hoch wie in Deutschland – und das, obwohl es bis dato anteilsmäßig nicht mal ein Viertel so viele Ältere gibt wie hierzulande. Als Teilindikator gibt die Altersarmut entscheidende Hinweise auf die wirtschaftliche Lage der älteren Bevölkerung. Sie beschreibt den Anteil der über 60-Jährigen, dem ein Einkommen von weniger als der Hälfte des nationalen Medianeinkommens zur Verfügung steht. Da es in Ghana keine Grundsicherung gibt, sind vor allem diejenigen von Altersarmut bedroht, die ihren Lebensunterhalt nicht selbst verdienen können – etwa weil sie krank sind oder weil sie familiäre Verpflichtungen übernehmen müssen, zum Beispiel die Versorgung ihrer Enkelkinder. Nach Berechnungen des UNFPA liegt die Altersarmut in Deutschland bei 10,5 Prozent und betrifft vor allem Menschen, deren Altersbezüge sehr gering ausfallen. Gänzlich ohne finanzielle Absicherung im Alter bleibt hierzulande mit einer Abdeckung von weit über 100 Prozent fast niemand. Dieser hohe Anteil ist möglich, weil in Deutschland auch Menschen unterhalb des Renteneintrittsalters von derzeit 65 Jahren bereits Rentenbezüge erhalten, zum Beispiel durch Altersteilzeit oder vorzeitigen Ruhestand.

Im internationalen Vergleich bietet die Bundesrepublik ihrer älteren Bevölkerung damit eine gute Einkommenssicherung und findet sich in diesem Bereich auf Platz neun im Weltalten-Index. In Ghana sieht es ganz anders aus. Das Land landet mit Platz 81 auf den untersten Rängen der Liste. Nur rund jeder Zehnte über 65-Jährige bezieht in Ghana eine Rente. Mit knapp 15 Prozent scheidet nur ein Bruchteil aller 55- bis 64-Jährigen frühzeitig aus dem Berufsleben aus – in Deutschland liegt der Anteil der Nicht-Erwerbstätigen in diesem Alter bei über 40 Prozent. Ghanaer können es sich selbst im hohen Alter nicht leisten, auf ihren Arbeitslohn zu verzichten.

Ähnliche Entwicklungen, unterschiedliche Probleme
Darüber hinaus haben Ghanaer häufig keinen Zugang zu guter medizinischer Versorgung, wie sie in Deutschland standardmäßig erfolgt. Während hierzulande die Herausforderung im Aufbau eines Versorgungssystems für Pflegebedürftige besteht, muss in Ghana die grundlegende Infrastruktur für Gesundheitsleistungen überhaupt erst geschaffen werden.

In beiden Ländern werden die Probleme bei der Fürsorge für Ältere durch die Land-Stadt-Wanderung noch verstärkt. Denn weil es die Jungen in die Städte zieht, bleiben im ländlichen Raum tendenziell die Alten zurück. In Deutschland ist der Bevölkerungsanteil älterer Menschen im ländlichen Raum besonders hoch und dazu dünnt die Bevölkerung dort weiter aus. Der Weltalten-Index zeigt, dass vor allem ärztliche Versorgung, öffentliche Verkehrsmittel und soziale Angebote einen entscheidenden Beitrag zum Wohlergehen der Menschen leisten. Wenn es aber weniger Einwohner gibt, steigen die Kosten für solche Angebote. Die Verstädterung bedeutet damit für die Altenversorgung in Deutschland eine große Herausforderung. Auch in ärmeren Ländern ist das der Fall. Allerdings aus anderen Gründen: In Ghana etwa verstärkt der Weggang junger Menschen den Zerfall der traditionellen innerfamiliären Fürsorgestrukturen. Da die staatlichen sozialen Sicherungssysteme gerade erst in den Kinderschuhen stehen, sind die heute älteren Ghanaer davon besonders betroffen.

Der Weltalten-Index zeigt: Alternde Bevölkerungen stellen alle Länder dieser Welt vor Herausforderungen. Was in den Industrienationen bereits heute sichtbar ist, wird auf die Entwicklungsländer erst noch zukommen. Die reichen Staaten tun sich dabei wesentlich leichter, die gesellschaftlichen Kosten der Alterung zu tragen. Sie sind reich geworden, bevor sie alt wurden. In vielen Entwicklungsländern könnte es umgekehrt laufen.

Literatur

HelpAge und United Nations Development Fund (UNFPA). (2013). Global Age Watch Index 2013: Insight Report. London.

HelpAge (2013). Country Report Cards. http://www.helpage.org/global-agewatch/data/country-population-ageing-data/.

Kuhn, E., Klingholz, R. (2013). Vielfalt statt Gleichwertigkeit. Was Bevölkerungsrückgang für die Versorgung ländlicher Regionen bedeutet. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Berlin.

Sippel, L., Kiziak, T., Woellert, F., Klingholz, R. (2011). Afrikas demografische Herausforderung. Wie eine junge Bevölkerung Entwicklung ermöglichen kann. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Berlin.

Breuhelchen, T. und Röbke, T. (2013). Pflege in Europa. In: Change – Das Magazin der Bertelsmann Stiftung. Ausgabe 3/2013.

 

Kein Raum für Befindlichkeiten
Eine Dissertation an der Berliner Humboldt-Universität zeigt, was Menschen an Metropolen mögen oder verachten und auch, ob das überhaupt jemanden interessiert. Die Ergebnisse wurden nun in einer Kurzfassung veröffentlicht.

Berliner sind unfreundlich, schnodderig und eigentlich immer unzufrieden. Sei es damit, dass sie für ihre kürzlich modernisierten Altbauwohnungen weit mehr auf den Tisch legen müssen als noch vor zwanzig Jahren für ähnlich große, dafür deutlich schäbigere Objekte. Sei es, weil es der S-Bahn nicht immer gelingt, das dicht ausgebaute Schienennetz zuverlässig nach Plan zu bedienen oder aber, weil die begeisterten und fotografierenden Touristengruppen die Bürgersteige und Fahrradwege verstopfen. Die Berliner meckern und motzen viel und gerne – vor allem über Bezirksverwaltung, Senat und den Regierenden Bürgermeister. Dass das nicht ganz zu Unrecht geschieht, hat die Umweltpsychologin Maiken Bieniok in ihrer Dissertation herausgefunden. Denn vielen Stadtplanern scheinen die Bedürfnisse ihrer Bewohner egal zu sein.

In der Metropole lebt sich’s überwiegend gut
Die Ergebnisse von Bienioks Promotionsschrift sind kürzlich unter dem Titel „Das Konzept der idealen Metropole in Theorie und Praxis am Beispiel von Berlin“ erschienen. Darin erklärt und untersucht die Autorin zunächst, was Metropolen überhaupt sind, was Menschen an ihnen mögen und welche ihrer Eigenschaften sie als abstoßend empfinden. In einer komplexen Aneinanderreihung von Umfragen und psychologischen Tests kommt sie dabei zu einem recht einfachen Ergebnis: Die meisten von über 70 typischen Metropoleneigenschaften, etwa große Mobilität, vielfältige Freizeitangebote sowie aufgeschlossene Bewohner oder auch die wichtige Stellung als Dienstleistungs-, Handels- und politisches Zentrum machen Metropolen zu lebenswerten Orten. Denn sie helfen, die persönlichen, körperlichen und sozialen Bedürfnisse ihrer Bewohner zu befriedigen. Andere Eigenschaften wiederum, etwa Chaos, Kriminalität und soziale Konflikte, mindern die Lebensqualität in Metropolen. Das alleine überrascht nicht sonderlich. Weil der wissenschaftliche Weg zu diesem Ergebnis aber so kompliziert war, nimmt dessen Beschreibung im Buch über 100 Seiten ein.

Stadtplanung ist kein Wunschkonzert
Auf den verbleibenden 20 Seiten wird es dafür umso spannender. Denn hier zeigt Bieniok, dass es für Städteplaner oft überhaupt keine Rolle spielt, welche Metropoleneigenschaften die Einwohner als wichtig und gut bewerten. Das trifft zumindest für Deutschlands größte Stadt Berlin zu. Dort hat die Wissenschaftlerin sowohl mit den Hauptstädtern als auch mit Experten aus Stadtplanung und -entwicklung gezielte Untersuchungen vorgenommen. Sie zeigt: Berliner Städteplaner schenken den Bedürfnissen ihrer Bevölkerung häufig nicht genügend Beachtung – und das, obwohl sie die Wünsche ihrer Bewohner kennen und diese sogar als wichtig für eine positive Stadtentwicklung erachten. Tonangebend für ihr Handeln seien dagegen wirtschaftliche oder theoretische Erwägungen. Die Wünsche der Bürger sind also im politischen Alltag weitestgehend egal.

Doch obwohl dieses Ergebnis interessant ist, hat es – entgegen den Aussagen der Autorin – beinahe keine Relevanz für die politische Praxis. Das liegt vor allem daran, dass die von ihr benannten Metropoleneigenschaften, die Bewohner zufrieden stimmen, sehr schwammig sind. So zählen laut Bieniok etwa „internationaler Einfluss“ oder auch „freundliche Menschen“ dazu. Ob und wie Stadtplanung darauf überhaupt Einfluss nehmen kann, thematisiert die Autorin nicht. Andere Eigenschaften wie etwa „viele Treffpunkte von Straßen“ oder „bekannte Grünanlagen“ sind zwar Ergebnis einer aktiven Stadtplanung, jedoch leiten sich aus ihnen keine logischen Handlungsempfehlungen ab. Damit bleibt das Werk für die aktive Politikgestaltung in Berlin und in anderen Metropolen eher unbrauchbar. Die Autorin verfehlt damit ihr selbsternanntes Ziel, einem „Unzufriedenheitspotenzial in der Stadtplanung und –entwicklung vorzubeugen“.

Majken Bieniok: Das Konzept der idealen Metropole in Theorie und Praxis am Beispiel von Berlin. Peter Lang Internationaler Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main. 2012. 209 Seiten. 44,80 Euro.

Rezension von Ruth Müller, Nachdruck unter Quellenangabe (Ruth Müller/ Berlin-Institut) erlaubt.

 

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Stellenausschreibung

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Die aktuellen Diskussionen um Alterung, Schrumpfung, Nachhaltigkeit und Einwanderung berühren zahlreiche Aspekte unseres Lebens. Fakt ist, die Zusammensetzung unserer Gesellschaft nach Alter, Herkunft und räumlicher Verteilung ändert sich tiefgreifend. Schon heute zeichnen sich Herausforderungen, aber auch Gestaltungsmöglichkeiten des Wandels ab. Für die Zukunft unseres Zusammenlebens sind praktikable Vorschläge und Strategien gefragt.

Im DemografieLab zum Thema „Die Dritte Generation Ostdeutschland und der demografische Wandel“ geben Wissenschaftler und Praktiker anschauliche Einblicke in ihre Forschungen, ihre Perspektiven und Erfahrungen zur spezifischen Situation in Ostdeutschland.

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Termin: Dienstag 10.12.2013, 19:00 Uhr
Ort: .CHB Collegium Hungaricum Berlin, Dorotheenstraße 12, Berlin-Mitte, Perspektive S und U-Bhf. Friedrichstr.

Um Anmeldung wird gebeten unter: mail@perspektivehochdrei.de



Ausgabe 163, 04.12.2013

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