„Wir brauchen eine höhere Geschlechtergerechtigkeit im Arbeitsmarkt genauso wie innerhalb von Haushalten und Familien“
Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), erklärt im Interview mit dem Berlin-Institut, warum junge Frauen heute zwar sowohl Karriere als auch Kinder wollen, jedoch beides selten verwirklichen können. Und sie sagt, wie es besser gehen könnte.
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Sieben Gründe für eine andere Familienpolitik
Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat mit der „Anleitung zum Wenigersein“ bereits 2013 einen Vorschlag für eine Demografiestrategie konzipiert. Neben Themen wie Fachkräftemangel, dem Umbau der Sozialsysteme und dem Bevölkerungsrückgang im ländlichen Raum widmet sich das Berlin-Institut darin intensiv dem Thema Familie.
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„Wir brauchen eine höhere Geschlechtergerechtigkeit im Arbeitsmarkt genauso wie innerhalb von Haushalten und Familien“
Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), erklärt im Interview mit dem Berlin-Institut, warum junge Frauen heute zwar sowohl Karriere als auch Kinder wollen, jedoch beides selten verwirklichen können. Und sie sagt, wie es besser gehen könnte.

Copyright: David Ausserhofer

Frau Allmendinger, die von Ihnen geleitete und zusammen mit der Zeitschrift BRIGITTE durchgeführte Studie von 2008, „Frauen auf dem Sprung“, hat seinerzeit für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Damals hieß es, dass junge Frauen die Gesellschaft wachrütteln würden mit ihrem gleichzeitigen Wunsch nach vollwertiger Erwerbstätigkeit und Familie. Konnten Sie in ihrer im September 2013 vorgelegten Neuauflage der Befragung diese Einschätzung bestätigen?

An der Einstellung junger Frauen hat sich nichts geändert: Sie wollen Kinder und Karriere. Eine einfache Erwerbstätigkeit ist ihnen zu wenig. Sie lehnen die sogenannten „Mommy Tracks" ab. Das sind Karrierewege, die es Müttern zwar ermöglichen, Job und Familie zu vereinbaren, sie beruflich aber dauerhaft in eine Sackgasse unterhalb ihres Qualifikationsniveaus führen. Über die Jahre hat sich allerdings Frustration aufgebaut. Die Frauen berichten, dass sie von Männern überholt werden, schlechtere Chancen bekommen und viel kleinere Karriereschritte machen. Das finden sie ungerecht und fordern heute viel nachdrücklicher als noch 2008 eine Quote sowie weitere Instrumente der Familien-, Tarif-, Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik.

Was sind die wesentlichen Unterschiede zwischen den Lebensentwürfen junger Frauen von heute und der Generation ihrer Mütter?

Die Müttergeneration im Westen Deutschlands hat die eigene Erwerbstätigkeit oft lange unterbrochen. Auch die kurze Teilzeit war populär. Der Mann wurde als Familienernährer gesehen, Frauen fühlten sich noch mitversichert. Heute sind die 20-bis 30-jährigen Frauen im Schnitt besser als ihre Mütter ausgebildet. Sie wollen in ihrer Erwerbsarbeit auch Erfüllung finden und denken in größeren Zeiträumen. Was muss ich heute tun, um übermorgen gut abgesichert zu sein und auf ein gutes Leben zurückzublicken? Sie wissen, dass sie sich im Fall einer Scheidung rasch selbst versorgen müssen, und dass Teilzeitjobs keine eigene Rente sichern. Die außerhäusliche Erziehung von Kindern ist heute selbstverständlicher. Das Wort Rabenmutter hört man deutlich seltener als noch zu meinen Zeiten. Junge Frauen sind dabei, ihre Ansprüche klar zu formulieren: Weder Mütter mit niedrigen Arbeitszeiten noch Väter mit überlangen Arbeitszeiten sind dabei ein Vorbild. Darauf hat sich unsere Arbeitswelt bislang noch nicht eingestellt.

Kritiker der ersten BRIGITTE-Studie haben damals prophezeit, dass sich junge Frauen im Laufe ihres Lebens „retraditionalisieren“, sich also mit fortschreitendem Alter wieder stärker auf ihre Mutter- und Hausfrauenrolle zurückziehen würden. Hat sich das bestätigt?

Nein. Aber sie schütteln ihre Hausfrauentätigkeiten auch nicht ab. Ihr Anteil an unbezahlter Arbeit ist noch immer weit höher als der von Männern. Frauen aus Ostdeutschland akzeptieren das eher als westdeutsche Frauen. Sie sind es gewohnt, zwei Schichten zu fahren und scheinen das von sich selbst auch zu erwarten. Die westdeutschen Frauen positionieren sich klarer und drängen eher auf eine faire Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit.

In der Bewertung der neuen Ergebnisse machen Sie deutlich, dass allein die Berufstätigkeit Frauen heute kaum noch Probleme bereitet. Viele von ihnen arbeiten mittlerweile ganz selbstverständlich weiter, selbst wenn sie Kindern bekommen. Aber berufliche Karriere und Kinder schließen einander noch immer aus. Wie kommt das?

Die Betriebe bieten zu wenige Möglichkeiten, auch mit einer 32-Stunden-Woche Karriere zu machen, also in langer Teilzeit. Es gilt noch immer: Wer viele Überstunden schiebt, flaggt eine hohe Arbeitsmoral und Einsatzbereitschaft und qualifiziert sich damit zu Höherem. Das aber wollen und können junge Mütter in diesem Lebensstadium nicht. Sie werden daher oft übersehen und übergangen. Für Frauen ist das enttäuschend und für Betriebe ein Verlust, da sie viel Potential ungenutzt lassen. Wir brauchen eine neue Zeitpolitik.

Wie gehen Männer an das Spannungsfeld Familie und Beruf heran? Nehmen sie es überhaupt als solches wahr?

Männer sehen, dass sich ihre Einkommen und ihre Karriere schneller als die von Frauen entwickeln. Diese offen vorgetragene Wahrnehmung hat mich überrascht. Des Weiteren äußern viele Männer den Wunsch, weniger lange zu arbeiten. Ihre Wunscharbeitszeit liegt bei etwa 35 Stunden in der Woche. Das ist kaum höher als die Wunscharbeitszeit von Frauen, die 32 Stunden beträgt. Viele junge Väter würden zudem gerne etwas mehr Elternmonate nehmen, sehen sich aber betrieblichen Nachteilen und Stigmatisierungen ausgesetzt.

Frauen und auch Männer wollen weiterhin Kinder, aber immer weniger bekommen wirklich welche. Wo sehen Sie hauptsächlich das Problem?

Ja, weit über 90 Prozent der jungen Menschen wünschen sich Kinder. Allerdings wähnen sie sich in einem kinderfeindlichen Land. Dies zeigen sie, indem sie anderen unterstellen, keine Kinder zu wollen. Bei Männern ist das besonders ausgeprägt. Man selbst will zwar Kinder, die meisten anderen Männer aber nicht. Sich gegen die wahrgenommene Mehrheit zu stellen, fällt offensichtlich schwer.
Auch die Arbeitswelt wird nicht als ermutigend wahrgenommen. Kinder zu haben heißt, auf die Karriere verzichten zu müssen – sagen zumindest die von uns Befragten. Vieles scheint ihnen auch zu unsicher: „Finde ich wirklich eine gute Kinderbetreuung für mein Kind? Was mache ich bei unregelmäßigen Arbeitszeiten? Wie überbrücke ich die langen Schulferien? Was, wenn ich keine Ganztagsschule finde?“ Wir brauchen eine höhere Verlässlichkeit.

Sie sprechen sich für eine 32-Stunden-Woche für alle aus. Worin sehen Sie die Vorteile für Eltern, Nicht-Eltern, Wirtschaft und Gesellschaft?

Alle Analysen zeigen, dass die geringeren Arbeitszeiten von Frauen die Hauptursache für ihr geringeres Einkommen sowie für ihre schlechtere Einkommens- und Karriereentwicklung sind. Darauf kann man reagieren, indem man die Erwerbstätigkeit in Vollzeit für alle fordert: Die traditionelle Arbeitsteilung bestand darin, dass Männer 100 Prozent der bezahlten Erwerbsarbeit verrichten und Frauen 100 Prozent der unbezahlten Familienarbeit. Dieses Modell würden wir dann durch eine Verdopplung der Erwerbsarbeit ersetzen. Wer aber erledigt in diesem Fall die ganzen anderen Aufgaben? Was hält einen Haushalt noch zusammen, wenn man kaum noch Zeit miteinander und füreinander hat? Ich spreche mich deshalb für eine Umverteilung der bezahlten Erwerbstätigkeit aus: Männer wären dann etwas kürzer, Frauen etwas länger als heute erwerbstätig. Damit geht der Wirtschaft kein Arbeitsvolumen verloren. Die Produktivität dürfte sich allerdings erhöhen. Familien können mehr Zeit miteinander verbringen, und anfallende Aufgaben in Kindererziehung oder Pflege können gerechter verteilt werden. 32 Stunden in der Woche sind dabei ein Richtwert, den ich als Schnitt über das gesamte Erwerbsleben vorschlage. Phasen mit deutlich längerer und Phasen mit kürzerer Erwerbstätigkeit müssen möglich sein.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Franziska Woellert

Nachdruck unter Quellenangabe (Franziska Woellert/ Berlin-Institut) erlaubt.


 

Sieben Gründe für eine andere Familienpolitik
Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat mit der „Anleitung zum Wenigersein“ bereits 2013 einen Vorschlag für eine Demografiestrategie konzipiert. Neben Themen wie Fachkräftemangel, dem Umbau der Sozialsysteme und dem Bevölkerungsrückgang im ländlichen Raum widmet sich das Berlin-Institut darin intensiv dem Thema Familie.

Familien erfüllen Aufgaben, die für unsere Gesellschaft unverzichtbar sind, die jedoch der Staat weder übernehmen kann noch soll: In Familien stehen Menschen direkt füreinander ein und sorgen füreinander. Sie kümmern sich um den Nachwuchs und bereiten auf das Erwachsenenleben vor. Gleichzeitig übernehmen sie Verantwortung für ältere Familienmitglieder, die auf Unterstützung angewiesen sind. Familien bieten Schutz und Geborgenheit. Sie spiegeln im Kleinen wider, wie die Gesellschaft im Großen funktioniert. Aber Familien haben sich aber im Lauf der Zeit verändert, und darauf muss sich die Familienpolitik einstellen.

1) Kinder sind keine Selbstverständlichkeit mehr
Während 1996 Familien noch 35 Prozent aller Lebensformen ausmachten, waren es 2012 nur noch 28 Prozent. Das hat auch damit zu tun, dass es immer weniger Nachwuchs gibt: Seit Jahrzehnten bekommt eine Frau hierzulande im Durchschnitt 1,4 Kinder – zu wenig, um eine stabile Bevölkerung zu garantieren. Wurden im Jahr 1964 in Deutschland noch über 1,3 Millionen Geburten registriert, waren es 2012 nur noch 674.000.

2) Familien werden vielfältiger
Die Familien, in denen Kinder aufwachsen, verändern sich zudem. Noch besteht die Mehrzahl der Familien aus einem verheirateten Elternpaar und seinen Kindern. Doch immer mehr Kinder leben bei Alleinerziehenden, unverheirateten Eltern oder gleichgeschlechtlichen Paaren. So lebten 2012 in 23 Prozent der Familien Kinder nur mit einem Elternteil zusammen. Das liegt unter anderem an der hohen Scheidungsrate: 39 Prozent aller Ehen werden wieder geschieden, von knapp der Hälfte der Scheidungen sind minderjährige Kinder betroffen. Da viele Alleinerziehende wieder neue Partnerschaften eingehen, entstehen immer mehr Patchwork-Familien, in denen Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, ohne direkt miteinander verwandt zu sein. Umgekehrt leben bereits 55 Prozent der Ehepaare in einem Haushalt, in dem es keine Kinder (mehr) gibt. Ehe und Familie sind also nicht deckungsgleich.

3) Die traditionelle Rollenverteilung innerhalb der Familie hat sich überholt
Was noch um 1960 – zumindest im Westen Deutschlands - selbstverständlich war, verliert immer mehr an Bedeutung: Die Alleinverdiener-Ehe, in der der Mann für den Unterhalt und die Frau für die Kinder und eventuell auch für die alten (Schwieger-) Eltern sorgt. Heute haben junge Frauen oft bessere berufliche Qualifikationen als gleichaltrige Männer und wollen diese auch auf dem Arbeitsmarkt einsetzen. Sie erwarten eine neue Aufgabenverteilung, die es ihnen ermöglicht, sich um eine Familie zu kümmern und vollwertig berufstätig zu sein. Diesen Wunsch teilen sie mit vielen Männern: Mehr als die Hälfte aller Elternpaare wünscht sich eine gleichmäßige Aufteilung der Erwerbs- und Hausarbeit. Da dies vielfach immer noch nicht möglich ist, entscheiden sich immer mehr Frauen und Paare gegen Kinder.

4) Der Arbeitsmarkt braucht die Mütter – und Mütter brauchen berufliche Chancen
In kaum einem anderen europäischen Land sind Mütter weniger ins Berufsleben eingebunden als in Deutschland, und zwar selbst dann, wenn die Kinder schon fast flügge sind. Über zwei Drittel der Mütter mit einem Kind unter drei Jahre sind nicht erwerbstätig, 22 Prozent sind in Teilzeit und nur 10 Prozent in Vollzeit beschäftigt. Bei Müttern, deren jüngstes Kind zwischen 15 und 18 Jahre alt ist, sieht es nur auf den ersten Blick besser aus. Hier sind zwar nur 27 Prozent nicht erwerbstätig, aber die große Mehrheit arbeitet mit 45 Prozent in Teilzeit und nur 28 Prozent in Vollzeit. Bei den Vätern hingegen hat das Alter des Kindes kaum einen Einfluss auf ihre Erwerbstätigkeit. Sie arbeiten durch alle Kinderaltersstufen hinweg zu etwa 80 Prozent voll und nur zu 5 Prozent in Teilzeit. Dem Arbeitsmarkt gehen durch die geringe Erwerbsbeteiligung der Mütter wichtige Fachkräfte verloren. Zudem führt dieses Lebensmodel zu einer langfristigen Benachteiligung der Frauen. Ihre Karriereaussichten verschlechtern sich, ihr Verdienst sinkt und die Rentenansprüche fallen geringer aus. Solange die Ehe hält, können sich diese Nachteile innerhalb der Partnerschaft ausgleichen. Nach einer Scheidung jedoch sind beide Partner heute wieder auf sich alleine angewiesen.

5) Familien tragen die Kosten der Kinderlosen
Die Kosten für die Kindererziehung tragen hauptsächlich die Eltern. Das sind zum einen die durchschnittlichen monatlichen Ausgaben pro Kind, die das Statistische Bundesamt mit 550 Euro beziffert – und darin sind die Kosten für Betreuung, Versicherung oder Studium noch nicht einmal enthalten. Zum anderen fallen für Eltern indirekte Kosten an: Sie können weniger erwerbstätig sein, haben also ein niedrigeres Einkommen und erwerben weniger Rentenansprüche. Zwar unterstützt der Staat Eltern finanziell, aber unterm Strich gewinnt er mehr, als er ausgibt. Das ifo Institut hat berechnet, dass die über den Lebensverlauf erbrachten Steuer- und Sozialbeiträge die familien- und bildungspolitischen Ausgaben um etwa 77.000 Euro pro Kind übersteigen. Da auf Grundlage des Generationenvertrags die Erwerbstätigen die Renten und Pensionen aller Bezugsberechtigten unterstützen, egal ob diese selbst Kinder großgezogen haben oder nicht, findet im deutschen Steuer- und Sozialsystem de facto eine Umverteilung von Familien zu Kinderlosen statt.

6) Zu wenige Investitionen in Infrastruktur
Über zwei Drittel der familienbezogenen Ausgaben vergibt der Staat in Form von Steuervorteilen oder direkten Geldleistungen. Andere Länder wie Schweden oder Dänemark, die als Vorbilder für eine erfolgreiche Familienpolitik gelten, haben hier eine deutlich niedrigere Quote. Sie investieren hingegen weitaus mehr in Kinderbetreuung und Bildungsangebote. Davon profitieren letztendlich alle: Die Kinder durch eine hochwertige Betreuung und die Eltern, indem ihr Alltag wirksam entlastet wird. Auch die Gesellschaft profitiert, weil sie in ihre zukünftigen Leistungsträger investiert.

7) Heutige Familienpolitik verfängt sich in Widersprüchen
Die Familienpolitik versucht einen merkwürdigen Spagat. Statt klare Linien vorzugeben, wie der Staat Familie konkret fördert, verheddert sie sich in einer Vielzahl unterschiedlicher und zum Teil widersprüchlicher und veralteter Instrumente. Während praktisch alle familienpolitischen Experten die fehlende Rahmensetzung und Übersichtlichkeit der aktuellen Familienpolitik kritisieren, ergab eine hausinterne Evaluierung des zuständigen Ministeriums das Gegenteil: Alle 156 Einzelmaßnahmen seien berechtigt und sollen bleiben. Widersprüche zwischen Maßnahmen werden als „Wahlfreiheit“ verkauft – wie jene zwischen Betreuungsgeld und Kita-Ausbau.

Weniger Familien, mehr Singles
Anteil der Lebensformen an allen Haushalten 1996 und 2012 in Prozent

Der Anteil der Familien – also der Lebensformen mit mindestens einem Kind im Haushalt – ist rückläufig. Immer mehr Menschen in Deutschland leben in Singlehaushalten, weil sie (gerade) keinen Partner haben oder mit ihrem Partner nicht zusammenleben möchten. 44 Prozent der Lebensformen bestanden im Jahr 2011 nur aus einer Person gegenüber 38 Prozent im Jahr 1996. Aber auch der Anteil der Paare, die ohne Kinder zusammenleben, steigt kontinuierlich an. (Datengrundlage: Statistisches Bundesamt)

Wie Familienpolitik aussehen sollte: drei Bausteine

Zu den Aufgaben der Familienpolitik gehört es, es Menschen mit Kinderwünschen zu erleichtern, diese umzusetzen. Sie sollte Familien unterstützen, den Alltagsstress abzubauen und generell dahin wirken, die Ungerechtigkeiten zwischen Eltern und Kinderlosen in der Gesellschaft auszugleichen. Damit dies gelingt und finanzierbar ist, sollte die Zahl von Instrumenten auf ein überschaubares Maß gekürzt werden. Vor allem ist darauf zu achten, dass sich diese in ihrer Wirkung nicht widersprechen.

1) Familien durch ein Fürsorgesplitting fördern:
Das bestehende Ehegattensplitting ist nicht zeitgemäß. Es erreicht viele Familien überhaupt nicht und unterstützt vielfach Ehepaare, die gar keine Kinder haben. Zudem fördert es das Modell der Alleinverdienerehe, was im Widerspruch zu den Bemühungen steht, Frauen gleiche Erwerbschancen zu bieten. Moderne Familienpolitik darf aber keine einseitige Abhängigkeit zwischen Ehepartnern fördern. Notwendig wäre eine steuerliche Entlastung für alle Erwerbsfähigen, die – unabhängig von der Art ihres Zusammenlebens – Verantwortung für andere übernehmen. Also ein Fürsorgesplitting für Menschen mit Kindern und zu pflegenden Angehörigen. Kindergeld, Kinderfreibetrag und Elterngeld als direkte finanzielle Unterstützung für Familien sollten beibehalten werden.

2) Familien den Alltag erleichtern:
Viele Eltern leiden unter dem Alltagstress. Sie brauchen Unterstützung, ihre vielfältigen Aufgaben gut organisiert zu bekommen. Mit dem Kita-Ausbau ist die Familienpolitik auf einem guten Weg – aber eine Garantie auf einen Halbtagsplatz im Kindergarten am anderen Ende der Stadt reicht nicht aus. Was Familien brauchen, sind bezahlbare Betreuungsangebote, die den gängigen Arbeitszeiten angepasst sind, mit möglichst kurzen Wegstrecken und qualitativ so hochwertig, dass Eltern ihre Kinder auch mit einem guten Gefühl abgeben können. Dazu braucht es mehr und besser qualifizierte Erzieher und Lehrer, und zwar Frauen und Männer, die auch entsprechend entlohnt werden müssen. Wünschenswert wäre eine verstärkte Kooperation zwischen Arbeitgebern und Betreuungseinrichtungen, zum Beispiel betriebseigene Kindergärten. Damit Eltern Familie und Beruf auch nach dem Kindergartenalter vereinbaren können, sind Ganztagsschulen notwendig, in der Lehr- mit Betreuungsangeboten kombiniert werden.

3) Zeit für Familie und Beruf:
Familienfreundliche Arbeitszeiten werden viel gefordert, aber zu selten umgesetzt. Noch immer gilt es schnell als Manko eines Arbeitnehmers, wenn er familienbedingt zeitweise beruflich kürzer tritt. Wir brauchen neue Modelle, um Eltern und auch Menschen mit zu pflegenden Angehörigen die nötige zeitliche Flexibilität im Lebenslauf zu verschaffen. Die Ideen reichen von Lebensarbeitszeitkonten bis hin zu einer staatlich mitfinanzierten 32-Stunden-Vollzeitwoche für Erwerbstätige mit Familie.

 

In eigener Sache
Videos und Onlinedebatte zum „DemografieLab“

Gemeinsam mit Perspektive hoch 3 e.V. hat das Berlin-Institut im Dezember 2013 ein DemografieLab veranstaltet. Die Vorträge haben bisher wenig beachtete Aspekte der Demografiedebatte beleuchtet und so neue Denkanstöße geliefert. Videoaufzeichnungen der Vorträge finden Sie in Kürze auf der Website des Berlin-Instituts. Dort bietet sich Ihnen zwischen dem 27. und dem 31. Januar außerdem die Möglichkeit, über die DemografieLab-Vorträge bei einer Onlinedebatte mit zu diskutieren. Wir freuen uns über Ihre Beiträge in Form von Fragen und Kommentaren.



Ausgabe 165, 14.01.2014

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