Ein Land, viele Mittelzentren
Das Berlin-Institut hat im Auftrag des Thüringer Wirtschaftsministeriums die künftigen Herausforderungen der Mittelzentren analysiert
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Ein Ziel, viele Baustellen
Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit widmet sich verstärkt dem Ziel der Ernährungssicherheit. Das erfordert Fortschritte in ganz unterschiedlichen Bereichen. Welche das sind, zeigt ein Index der Economist Intelligence Unit
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In eigener Sache
Heute erschienen: Beitrag von Reiner Klingholz in der Wochenzeitung „Die Zeit“ / Richtigstellung zur Zukunft der Dörfer / Übersetzung der Studie „Vielfalt statt Gleichwertigkeit“
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Ein Land, viele Mittelzentren
Das Berlin-Institut hat im Auftrag des Thüringer Wirtschaftsministeriums die künftigen Herausforderungen der Mittelzentren analysiert

Einst glich Thüringen einem politischen Flickenteppich. Zahlreiche, meist kleinere Fürstentümer regierten ihre überschaubaren Territorien nebeneinander. Erst die Gründung des Landes Thüringen am 1. Mai 1920 setzte der Kleinstaaterei ein Ende. Noch heute zeigt sich dieses historische Erbe in einem Städtenetz, das in der Bundesrepublik einmalig ist. Nahezu gleichmäßig verteilt sich eine große Anzahl kleinerer und mittelgroßer Städte über das Bundesland.

Viele von ihnen sind heute so genannte Mittelzentren. Seit der Wiedervereinigung findet das Zentrale-Orte-System auch in den neuen Bundesländern Anwendung. Demnach haben Mittelzentren eine wichtige Versorgungsfunktion – nicht nur für die eigene Bevölkerung, sondern auch für die Menschen in ihrem Umland. In Thüringen sollen sie dafür sorgen, dass weiterführende und berufliche Schulen, Krankenhäuser und Fachärzte oder Kultur- und Freizeitangebote auch für Menschen in den entlegenen und dünn besiedelten Regionen wie etwa dem Kyffhäuserkreis oder dem Landkreis Hildburghausen in einem zumutbaren Aufwand erreichbar sein.

Abseits der Städtekette sind die Bevölkerungsverluste am größten

Thüringen gehört wie die anderen Flächenländer im Osten Deutschlands zu den Vorreitern des demografischen Wandels. Von den 2,6 Millionen Einwohnern im Jahr 1990 sind Thüringen knapp 2,2 Millionen geblieben. Bis zum Jahr 2050 dürfte die Bevölkerungszahl weiter zurückgehen, auf dann rund 1,5 Millionen Menschen. Daneben wird die Bevölkerung in den kommenden Jahren deutlich altern.

Stabilisierung der Mitte
Bevölkerungsvorausberechnung in Thüringen von 2009 bis 2030


Bei der demografischen Entwicklung Thüringens ist keine Trendwende in Sicht. Einzig die drei großen Städte Erfurt, Weimar und Jena dürften sich bis 2030 demografisch stabil entwickeln oder leicht an Bevölkerung hinzugewinnen. Abseits dieser Städtekette wird die Bevölkerungszahl voraussichtlich stark zurückgehen. Besonders groß dürfte der Bevölkerungsrückgang im Kyffhäuserkreis, dem Landkreis Greiz und Saalfeld-Rudolstadt sowie in der kreisfreien Stadt Suhl sein. Hier werden voraussichtlich im Jahr 2030 rund ein Drittel weniger Menschen leben als noch 2009. (Datengrundlage: Thüringer Landesamt für Statistik)


Die thüringische Bevölkerung schrumpft und altert regional sehr ungleichmäßig. Denn vor allem junge Menschen streben auf der Suche nach einem Ausbildungs- oder Studienplatz verstärkt in die Großstädte Erfurt und Jena, die damit zu den wenigen Wachstumsinseln des Bundeslandes werden. Die günstige Entwicklung der urbanen Zentren hat allerdings auch eine Kehrseite: Sie verschärft den Bevölkerungsschwund in den meisten ländlichen Gemeinden sowie in vielen Klein- und Mittelstädten.

Versorgung verschlechtert sich trotz vieler Mittelzentren

Durch den Bevölkerungsrückgang drohen gerade im ländlichen Raum Versorgungslücken. Vielerorts schließen der Bäcker, der Metzger und der letzte Lebensmitteladen aus Mangel an Kundschaft. Die wenigen Kinder vor Ort reichen nicht mehr aus, um die Grundschule zu erhalten. Kurzum: Dienstleistungen und Angebote werden teurer oder verschwinden völlig. Die zentralen Orte gewinnen hier zunehmend an Bedeutung. Sie sollen Angebote bündeln, um auch künftig eine flächendeckende und möglichst gleichwertige Versorgung zu sichern. Thüringen hält deshalb mit dem Landesentwicklungsplan 2025 an einer hohen Zahl von Mittelzentren fest.

Dies bedeutet für die Menschen zwar kurze Wege, eine gute Versorgung ist ihnen damit allerdings nicht garantiert. Denn welche Versorgungeinrichtungen sie in den Städten vorfinden, ist in den Landesentwicklungsprogrammen zwar umschrieben, aber nicht verpflichtend für die Städte. Die Mittelzentren verfügen im Wesentlichen über Einrichtungen, die wirtschaftlich tragfähig sind. Das gilt etwa für Krankenhäuser oder Berufsschulen, für deren Erhalt eine Mindestzahl von Nutzern notwendig ist. Besonders kleinere Städte haben es schwer, ein vielfältiges Angebot zu wahren. Von den 32 thüringischen Mittelzentren wiesen 9 bereits im Jahr 2010 lediglich ein geringes Leistungsspektrum auf. Sie konnten ihre eigentliche Rolle also gar nicht mehr erfüllen.


Landesentwicklungsplan 2025 lässt die Chance für notwendige Anpassungen verstreichen


Langfristig wird eine Reduzierung der Mittelzentren kaum zu vermeiden sein. Denn immer weniger Städte werden künftig die notwendigen 35.000 Menschen im Einzugsbereich erreichen. Leben heute noch in 15 der 32 Mittelzentren Thüringens mehr als 20.000 Menschen, dürfte dies im Jahr 2030 nur noch auf neun von ihnen zutreffen. Dass die Politik an der Zahl der Mittelzentren festhält und Reformen verschiebt, birgt erhebliche Risiken. Denn bis 2025 wird der Anpassungsdruck ungleich größer geworden sein, die finanziellen Handlungsspielräume werden jedoch deutlich kleiner. Konsolidierungsmaßnahen müssten dann umso drastischer ausfallen. Obendrein ist zu befürchten, dass in der Zwischenzeit in einigen Mittelzentren wesentliche Versorgungsleistungen wegbrechen, so wie es schon in der Vergangenheit geschehen ist. Denn wenn zu viele Mittelzentren um immer weniger Nutzer konkurrieren, schwächen sich die Städte in dieser Standortkonkurrenz gegenseitig.

Was Mittelzentren bieten
Abdeckung der Versorgungsfunktionen von Mittel- und Oberzentren in Prozent

Mittelzentren in Sachsen-Anhalt verfügen im Vergleich zu jenen in Thüringen über eine deutlich bessere Ausstattung. Einige Versorgungsfunktionen wie Pflegeeinrichtungen, weiterführende Schulen, Polizeidienststellen, Arbeitsagenturen, Krankenhäuser und Amtsgerichte sind in allen Mittelzentren Sachsen-Anhalts vorhanden. Ein wesentlicher Grund dafür besteht in ihrer geringeren Zahl. Die Städte liegen damit deutlich weiter voneinander entfernt und können mit ihren größeren Einzugsgebieten mehr Versorgungsangebote bündeln. (Datengrundlage: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung)

Darüber hinaus kann das Festhalten an den 32 Mittelzentren zu langfristigen Fehlinvestitionen führen, wie auch die thüringische Expertenkommission „Funktional- und Gebietsreform“ anmerkt. Denn der Landesentwicklungsplan stellt die Weichen für künftige Investitionen. Da er jedoch versäumt, ein langfristig tragfähiges Netz an zentralen Orte vorzugeben, werden die Investitionen in die öffentliche Infrastruktur zu lange auf eine zu hohe Zahl von Mittelzentren ausgerichtet, von denen einige auf absehbare Zeit ihren Status als Mittelzentrum verlieren dürften.

Von den Erfahrungen anderer profitieren

Dass es in Thüringen bisher weder zu einer Gebietsreform noch zu einer grundlegenden Neuausrichtung der zentralen Orte gekommen ist, hat aber auch Vorteile: Denn weil es beim demografischen Wandel keine Ausnahme bildet, könnte Thüringen bei künftigen Reformen von den Erfahrungen der anderen Bundesländer profitieren. Die meisten Bundesländer in Ost und West sind zumindest regional von einer ähnlichen Entwicklung betroffen und haben teilweise bereits vorgesorgt.

Insbesondere die neuen Bundesländer sind bei der Neuausrichtung zentraler Orte Vorreiter. Die starken Bevölkerungsverluste haben hier früher als in den westlichen Bundesländern zum Handeln gezwungen. Sachsen-Anhalt hat etwa die Zahl der zentralen Orte deutlich nach unten korrigiert. Zudem sollen hier Mittelzentren nach dem aktuellen Landesentwicklungsprogramm mindestens 20.000 Einwohner verzeichnen und insgesamt mehr als 70.000 Menschen in ihrem Einzugsbereich versorgen. Brandenburg verzichtet seit 2007 völlig auf die Ausweisung von Grundzentren. Die Aufgabe der Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs wurde hier den Gemeinden übergeben.


Neuausrichtung der zentralen Orte

Dass für die Reduzierung zentraler Orte und damit auch der Mittelstädte in Thüringen Spielraum vorhanden ist, hat bereits eine Expertise im Auftrag der Thüringischen Staatskanzlei aus dem Jahr 2002 gezeigt. Demnach könnte auch mit einer deutlich geringeren Zahl an Mittelzentren eine gute Versorgung der Bevölkerung erreicht werden.

Generell sollte die Konzentration auf weniger, dafür aber leistungsfähigere Mittelzentren durch zusätzliche Maßnahmen ergänzt werden. Denn für periphere Regionen mit geringer Einwohnerdichte darf der Anpassungsprozess nicht eine reine Streichung von Versorgungsangeboten bedeuten. Für sie gilt es, neue und effizientere Angebotsformen zu entwickeln, also vergleichbare Leistungen in anderer Form anzubieten.

Mobile Angebote als Ergänzung

Weniger Mittelzentren bedeuten für Menschen in einigen peripheren Regionen längere Wege zu den jeweiligen Angeboten. Um die dortige Versorgung auch künftig zu sichern, schlägt beispielsweise der Direktor der Stiftung Bauhaus Philipp Oswald vor, die Daseinsvorsorge in einer regionalen „Cloud“ zu organisieren. Dies würde bedeuten, dass nicht mehr jede Leistung an allen Orten vorgehalten wird, sondern dass den Bewohnern stattdessen ein Zugang zu ihnen garantiert wird. Erreicht werden könnte dies durch neue Mobilitätskonzepte. Bewohner abgelegener Regionen könnten durch einen aufeinander abgestimmten Verkehrsmittelmix aus öffentlichem Nahverkehr, Bürgerbussen oder ehrenamtlich organisierten Fahrdiensten Versorgungsangebote im nächstgrößeren Ort erreichen. Mobile Versorgungsleistungen wie fahrende Schulen und Krankenstationen oder mobile Händler können aber auch direkt zu den Bewohnern kommen und so die Versorgung auch in entlegeneren Regionen sichern.

Das vollständige Publikation erreichen Sie hier.

 

Ein Ziel, viele Baustellen
Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit widmet sich verstärkt dem Ziel der Ernährungssicherheit. Das erfordert Fortschritte in ganz unterschiedlichen Bereichen. Welche das sind, zeigt ein Index der Economist Intelligence Unit

Der neue Entwicklungsminister Gerd Müller hat die Ernährungssicherheit zu einem Schwerpunktthema seines Ministeriums gemacht. Das verkündete er in der vergangenen Woche bei seiner Antrittsrede im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Damit widmet die deutsche Entwicklungspolitik einem vielschichtigen Problem besondere Aufmerksamkeit. Denn Ernährungssicherheit setzt sich aus vielen unterschiedlichen Faktoren zusammen. Welche das sind und wie sie sich im Einzelnen auf die Ernährungssituation eines Landes auswirken, bildet die Economist Intelligence Unit (EIU) in ihrem Global Food Security Index (GFSI) ab. Finanziert durch den amerikanischen Chemieriesen DuPont ist der Index im Herbst 2013 erschienen und liefert damit im zweiten Jahr in Folge eine ganze Reihe frei zugänglicher Daten inklusive eines leicht zu bedienenden Auswertungswerkzeugs zum Thema Ernährungssicherheit.

Hunger bleibt bedrohlich und Appetit nimmt zu

Ernährungssicherheit bedeutet, dass alle Menschen zu jeder Zeit Zugang zu ausreichender, sicherer und gesunder Nahrung haben. Auf diese Definition hat sich die Weltgemeinschaft beim Welternährungsgipfel 1996 geeinigt. Doch nach beinahe 20 Jahren ist diese Ziel in vielen Ländern immer noch weit entfernt. Obwohl laut Angaben der Food and Agriculture Organization (FAO) der Vereinten Nationen die Zahl der Unterernährten seit 1992 um insgesamt über 170 Millionen gesunken ist, leiden mit heute (2013) weltweit 842 Millionen Menschen immer noch beinahe jeder Zehnte Hunger.

Die Lage ist also angespannt und mit weiterem Druck in Sachen Lebensmittelversorgung ist zu rechnen. Denn die Weltbevölkerung wird in den kommenden Jahrzehnten weiter wachsen. Laut mittlerer Prognose der Vereinten Nationen steigt die Bevölkerungszahl allein in den heutigen Entwicklungsländern bis ins Jahr 2050 um fast 50 Prozent des heutigen Standes an. Allein die Entwicklungsländer zählen dann insgesamt 6,4 Milliarden Einwohner und damit etwa so viele wie die Welt 2005 noch insgesamt bevölkerten. Sie alle wollen mit Nahrung versorgt werden. In Schwellenländern wiederum führt der sozio-ökonomische Fortschritt ebenfalls zu einer gesteigerten Nahrungsmittelnachfrage. In diesen Ländern wachsen die Einwohnerzahlen zwar kaum noch oder werden wie im Falle Chinas sogar bald sinken. Dafür dürfte mit steigendem Wohlstand die Zahl der wohlhabenderen Mittelschichtsangehörigen anschwellen. Ihr Appetit auf Fleisch sowie bisher unerreichbare Massenwaren aus den Nahrungsmittelfabriken ist groß und heizt die Nachfrage nach Lebensmitteln weiter an. Im Jahr 2050 wird der weltweite Bedarf an Nahrungsmitteln das heutige Niveau um etwa 70 Prozent übersteigen, so prognostiziert es die FAO. Regional fällt die Bedarfssteigerung sehr unterschiedlich aus. In manchen Ländern beträgt sie 100 Prozent, in anderen könnte die Nachfrage sogar sinken. Um die Versorgung ihrer Bevölkerungen zu garantieren, müssen die einzelnen Länder also individuelle Lösungen finden.

Nicht nur die üblichen Verdächtigen

Unter den 107 untersuchten Ländern können die USA am besten für die Versorgung ihrer rund 325 Millionen Einwohner garantieren. Für die etwa 70 Millionen Einwohner der Demokratischen Republik Kongo (DRK) sieht es dagegen düster aus. Sie sind laut Index am schlechtesten versorgt. Neben diesen üblichen Verdächtigen finden sich im Mittelfeld des Index Überraschungen. Bulgarien, seit 2007 Mitglied der EU, schafft es gerade einmal auf Platz 50 und wird damit von drei der vier sogenannten BRIC-Staaten (Brasilien, Russland und China) übertrumpft. Von diesen liegt nur Indien mit Platz 70 in der unteren Hälfte der Rangfolge. (Datengrundlage: Economist Intelligence Unit)


Facetten der Ernährungssicherheit

Der Global Food Security Index der Economist Intelligence Unit setzt an dieser Stelle an. Mit über 27 Einzelindikatoren zeichnet der Index ein facettenreiches Bild der Nahrungsmittelversorgung in 107 Ländern. Den Grad der Ernährungssicherheit jedes Landes ordnet der Index zunächst auf einer Gesamtskala ein. Dabei kommt er zu den erwartbaren Ergebnissen: Am oberen Ende der Skala finden sich die reichen Industrienationen mit den USA auf Platz 1, dicht gefolgt von Norwegen und Frankreich. Am unteren Ende finden sich mit der Demokratischen Republik Kongo (Platz 107), dem Tschad (106) und Togo (105) ausnahmslos Länder Subsahara-Afrikas. Über diese recht grobe und wenig überraschende Lagebeschreibung hinaus hilft der GFSI, diejenigen Bereiche zu identifizieren, welche die Ernährungssicherheit in den einzelnen Ländern heute gefährden sowie diejenigen, die zu ihrer Stabilität beitragen. Denn das Abschneiden in der Gesamtbewertung ist abhängig von der Leistung in drei unterschiedlichen Dimensionen der Ernährungssicherheit. Diese unterteilt die EIU in Verfügbarkeit, Bezahlbarkeit sowie Qualität und Sicherheit.

Die Dimension Verfügbarkeit misst den Zugang zu Nahrungsmitteln aus gleich mehreren Perspektiven: Beispielsweise, ob und wie ein Land seinen Nahrungsmittelbedarf decken kann – sowohl über eigene Produktion als auch durch Nahrungsmittelhilfen. Zudem erlaubt diese Dimension GFSI einen Blick in die Zukunft, indem sie beschreibt, ob sich Länder dafür einsetzen, die Nahrungsmittelproduktion mithilfe landwirtschaftlicher Forschung zu steigern. Auch die Infrastruktur eines Landes hat einen Einfluss auf die Verfügbarkeit. Denn ob Nahrungsmittel zum Verbraucher gelangen können, ist eng verknüpft mit Lagerungsmöglichkeiten, der Straßenqualität sowie dem Zugang zu Häfen und damit zum weltweiten Handel. Weil Lebensmittelmärkte nur dann funktionieren, wenn verlässliche Rahmenbedingungen bestehen, berücksichtigt die EIU zudem den Grad der politischen Stabilität und der Korruption.

In der Dimension der Bezahlbarkeit zeigt der GFSI, ob die Einwohner der untersuchten Länder überhaupt das Geld haben, Nahrungsmittel zu erwerben. Dies geschieht zum einen über gängige Wohlstandsindikatoren wie das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, den Anteil der Armen in der Bevölkerung und dem durchschnittlichen Anteil an Nahrungsmittelausgaben an den Gesamtausgaben der Privathaushalte. Zum anderen richtet die EIU ihr Augenmerk auf die Verletzbarkeit von Ländern in Krisenzeiten – etwa bei Preisschocks oder Versorgungsengpässen. Niedrige Nahrungsmittelzölle, staatliche Programme zur Versorgungssicherung oder auch die Unterstützung von landwirtschaftlichen Betrieben durch Kredite wirken sich positiv auf die Bewertung der Bezahlbarkeit aus.

Kaschierte Missstände

Botswana belegt in der Dimension Versorgung Platz 24 von 107 Ländern. Dabei ist Hunger in dem südafrikanischen Land ein großes Problem. Wenn es darum geht, seine Bevölkerung mit genügend Kalorien zu versorgen, belegt Botswana mit Platz 93 einen der schlechtesten Ränge. Weil aber das Land in anderen Bereichen der Versorgungsdimension teilweise sehr gut abschneidet, täuscht die Gesamtbewertung in diesem Bereich über die notleidende Bevölkerung hinweg.
(Datengrundlage: Economist Intelligence Unit)


Die letzte Dimension der Qualität und Sicherheit zeigt, ob die vorhandenen Nahrungsmittel für eine ausgewogene Ernährung mit den notwendigen Nährstoffen und Vitaminen sorgen und ob Qualitätsstandards bestehen, die Verunreinigungen durch Gifte und Abfälle verhindern.

Der Teufel steckt im Detail

In jeder Dimension können die Länder insgesamt bis zu 100 Punkte erzielen. Die Betrachtung der verschiedenen Bereiche erlaubt einen genauen Einblick in die Ernährungssituation der jeweiligen Länder. Jedoch bleiben die vorgenommenen Einordnungen nicht ohne Widersprüche. So landet etwa das afrikanische Botswana in der so wichtigen Verfügbarkeitsdimension auf Platz 24. Ein fragwürdiges Ergebnis für ein Land, dessen Lage die Welthungerhilfe in ihrem Welthungerindex erst kürzlich als ernst eingestuft hat. Gemessen an den verfügbaren Kalorien pro Kopf kann Botswana seinen Nahrungsmittelbedarf kaum decken. Weil das Land aber sehr viel in Forschung investiert und über eine gute Infrastruktur und stabile politische Lage verfügt, schafft es das südafrikanische Land in der Versorgungsdimension ins beste Viertel unter allen untersuchten Staaten. Und weil im Gesamtindex die Dimension der Verfügbarkeit mit besonders starker Gewichtung einfließt, erreicht Botswana denn auch Platz 42 im weltweiten Vergleich der Ernährungssicherheit.

Hilfreiches Werkzeug

Wie in jedem Index kann die Zusammenfassung von vielen Einzelindikatoren im GFSI also zu Fehleinschätzungen führen. Dennoch bietet die EIU ihren Nutzern die Möglichkeit, alle Indikatoren nachzuvollziehen, indem sie sämtliche eingeflossenen Daten offen legt. Dies geschieht in Form einer Tabellenkalkulation, die so programmiert ist, dass die Nutzer die Daten selbst neu kombinieren und eigene Analysen und Einordnungen über die Vorschläge der EIU hinaus vornehmen können.

Bleibt es bei den Plänen des Chemieunternehmens DuPont, das für die Idee und die Finanzierung des Index zuständig ist, laut EIU-Angaben aber keinerlei Einfluss auf den Inhalt nimmt, wird der Global Food Security Index jährlich fortgeschrieben. Langfristig ermöglicht das Zeitvergleiche, die helfen, sinnvolle Investitionsbereiche zu identifizieren. Der Index bietet so ein wichtiges Werkzeug für alle an der Ernährungssicherheit beteiligten Akteure – von internationalen und nationalen Entwicklungspolitikern über landwirtschaftliche Großkonzerne bis hin zu Kleinbauern und zivilgesellschaftlichen Organisationen.

Literatur/Links:

Deutscher Bundestag: Neuer Minister dringt auf Nachhaltigkeit. Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. In: heute im Bundestag, Nr. 040 (29.01.2014).

Food and Agriculture Organization of the United Nations (2011): The State of the World's Land and Water Resources for Food and Agriculture. Managing Systems at Risk. Summary Report. Rom.

Food and Agriculture Organization of the United Nations (2013): The State of Food Insecurity in the World 2013. The Multiple Dimensions of Food Security. Rom.

The Economist Intelligence Unit (2013): The Global Food Security Index.

United Nations Population Division (2012): World Population Prospects: The 2012 Revision.

Welthungerhilfe/Concern Worldwide/Institue of Development Studies (2013): Welthunger-Index 2013. Bonn, Washington (DC), Dublin.

 

In eigener Sache
Heute erschienen: Beitrag von Reiner Klingholz in der Wochenzeitung „Die Zeit“ / Richtigstellung zur Zukunft der Dörfer / Übersetzung der Studie „Vielfalt statt Gleichwertigkeit“

Heute erschienen: Beitrag von Reiner Klingholz in der Wochenzeitung „Die Zeit“
In der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“ erklärt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, warum es in 200 Jahren weniger als vier Milliarden Einwohner geben könnte – und damit nur noch knapp halb so viele wie heute.

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Richtigstellung zur Zukunft der Dörfer
In den Medien kursierten in den vergangenen Wochen angebliche Vorschläge des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, die den Abriss von Dörfern empfehlen. Diese Meldungen entsprechen nicht der Wahrheit. In einem Vortrag vor der Enquete-Kommission "Älter werden in Mecklenburg-Vorpommern" am 24. Januar 2014 hat Institutsdirektor Reiner Klingholz vielmehr folgenden Sachverhalt erläutert:

1. Es ist bekannt, dass in Mecklenburg-Vorpommern insbesondere kleinere, weit von Zentren entfernte Orte deutlich an Bevölkerung verloren haben. Die dort lebenden Menschen sind zusehends schlechter versorgt. Denn Versorgungsleistungen wie Ämter, Schulen, Geschäfte oder Ärzte konzentrieren sich immer mehr in den lokalen Zentren. Gerade für ältere Menschen werden die längeren Wege zur Belastung.

2. Während in der Vergangenheit überwiegend jüngere Personen aus diesen Gebieten abgewandert sind, hat in einer von der Enquete-Kommission in Auftrag gegebenen Umfrage rund ein Drittel der über 60-Jährigen geäußert, sie könnten sich einen Umzug in das nächste Zentrum innerhalb der Region vorstellen. Die Menschen wünschen sich nach eigenen Aussagen bessere Versorgungsleistungen, kürzere Wege zum Arzt oder zum Einkaufen sowie barrierefreien Wohnraum, den sie in den Dörfern kaum finden.

3. Die größeren und kleineren Zentren hätten durch den Zuzug von Personen aus dem Umland bessere Aussichten, sich zu stabilisieren und könnten auf dieser Basis langfristig eine gute Versorgung garantieren.

4. Viele Ältere, die eigentlich gerne innerhalb ihrer Region aus kleinen, schlecht versorgten Orten in zentralere, besser versorgte Orte umziehen würden, können das nicht, weil ihre Häuser durch den Verfall der Immobilienpreise deutlich entwertet wurden.

5. Deshalb plädieren wir für einen Fonds, der diese Personen unterstützt, wenn sie aus eigenen Stücken ihr Haus aufgeben wollen. Die Verwaltung würde damit auf einen Trend reagieren, der ohnehin seinen Lauf nimmt. Vor allem aber würde sie die Lebenslage der Betroffenen verbessern.

6. Natürlich wird es auch künftig viele ländliche Dörfer in Mecklenburg-Vorpommern geben, in denen die Menschen gerne leben. Gerade Orte mit Menschen, die sich für ihre Dorfgemeinschaft engagieren, werden attraktiv bleiben und neue Bewohner hinzugewinnen können.

Weiterführende Informationen erhalten Sie in unseren Publikationen „Vielfalt statt Gleichwertigkeit“ sowie „Die Zukunft der Dörfer“.

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Übersetzung der Studie „Vielfalt statt Gleichwertigkeit“
Unter dem Titel „Allowing Diversity“ ist die in Zusammenarbeit mit dem Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam veröffentlichte Studie „Vielfalt statt Gleichwertigkeit“ in englischer Sprache erschienen. Die Studie zeigt Wege, wie die ökonomischen und ökologischen Herausforderungen in den demografischen Schrumpfregionen des ländlichen Raums in Deutschland zu überwinden wären.



Ausgabe 166, 06.02.2014

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