Helmut Schmidt und weitere Politiker beim Förderkreistreffen des Berlin-Instituts
Auf Einladung des Berlin-Instituts hat Altbundeskanzler Helmut Schmidt mit weiteren hochrangigen Gästen über die Rolle und Verantwortung Europas vor dem Hintergrund des globalen demografischen Wandels diskutiert
weiterlesen

Von Migranten zu Mitbürgern
Das Berlin-Institut veröffentlicht eine überarbeitete Fassung der Studie „Nach Punkten vorn – Was Deutschland von der Zuwanderungs- und Integrationspolitik Kanadas lernen kann“ auf Englisch
weiterlesen

Helmut Schmidt und weitere Politiker beim Förderkreistreffen des Berlin-Instituts
Auf Einladung des Berlin-Instituts hat Altbundeskanzler Helmut Schmidt mit weiteren hochrangigen Gästen über die Rolle und Verantwortung Europas vor dem Hintergrund des globalen demografischen Wandels diskutiert

Anlass für die Einladung war das Jahrestreffen des Förderkreises am 11. Februar, zu dem das Berlin-Institut stets eine Person des öffentlichen Lebens hinzuzieht, die den Förderkreismitgliedern ihre persönliche Vorstellung zur Gestaltung demografischer Herausforderungen erläutert. Im vergangenen Jahr war das die damalige Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen. Außerdem diskutieren die Mitglieder bei den Förderkreistreffen über die Arbeit und Ziele des Berlin-Instituts und unterstützen die Berliner Denkfabrik so nicht nur finanziell, sondern auch inhaltlich als Thinktank im Thinktank. Die diesjährige Zusammenkunft wurde in Kooperation mit der KfW in deren Niederlassung in Berlin durchgeführt und bildete zugleich den Auftakt für eine Zukunftswerkstatt zum demografischen Wandel. Dort werden künftig Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft aktuelle demografische Wandlungsprozesse diskutieren. Der Abend mit Helmut Schmidt gab dafür vielfältige inhaltliche Impulse.

Nach einem Grußwort von Helmut Gauges, dem Leiter des Bereichs Konzernentwicklung der KfW, informierte der Direktor des Berlin-Instituts, Dr. Reiner Klingholz, zunächst über die wichtigsten globalen demografischen Trends, die Helmut Schmidt weitsichtig kommentierte. Die Bevölkerungsexplosion sei in vollem Gange und konzentriere sich auf Sub-Sahara Afrika, eine Region die schon heute vielfältig mit Europa verbunden sei. Für Schmidt hängt die zukünftige Rolle Europas entscheidend davon ab, wie gut Europa die derzeitige institutionelle Krise überwinde. Schmidt lobte die Reformen der Agenda 2010, die die Weichen für die gegenwärtige wirtschaftliche Stärke Deutschlands gestellt habe. Auch andere EU-Mitgliedstaaten könnten und müssten ähnliche Reformen anpacken. Der deutsche Sozialstaat müsse aber der Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung weiter angepasst werden. Hier mahnte Schmidt insbesondere ein höheres Renteneintrittsalter an.

Die Gewichte verschieben sich


Die globale Bevölkerungsentwicklung verändert die Rolle Europas im Weltgeschehen. Während die Bevölkerungen der früh industrialisierten Länder stark altern, mancherorts bereits schrumpfen und einen Mangel an Fachkräften verzeichnen, profitieren Aufsteigernationen wie China, Brasilien oder Indien von ihrer großen Zahl junger Menschen, die mit immer besseren Qualifikationen auf den Arbeitsmarkt drängen. Verliert Europa dadurch zwangsläufig an politischem und wirtschaftlichem Einfluss? Oder kann sich der Kontinent neu erfinden und als Pionier des demografischen Wandels jene Konzepte für ein Wohlergehen der Gesellschaften im 21. Jahrhundert entwickeln, die auch die Schwellenländer brauchen werden, wenn sie in absehbarer Zukunft selbst die Folgen von Alterung und Einwohnerschwund erfahren werden? Dies war eine der zentralen Fragestellungen im Gespräch mit Helmut Schmidt.


Schmidt betonte, auch China werde deutlich an Bevölkerung verlieren und in noch stärkerem Ausmaß als Deutschland mit der Überalterung seiner Gesellschaft zu kämpfen haben. Kurzfristig stelle in diesem Zusammenhang jedoch die Verstädterung ein erhebliches Problem dar, die nicht nur in chinesischen Megacities, sondern überall auf der Welt wie in Rio de Janeiro, Mexico City, Lagos, Mumbai oder Kairo neue Probleme der Regierbarkeit schaffe.

Kontrovers wurde Schmidts These diskutiert, die sprachliche Vielfalt Europas könne zukünftig zu einem Handicap werden. Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Dr. Andreas Schockenhoff, widersprach, indem er den Pluralismus als identitätsstiftendes Wesensmerkmal Europas darstellte, der die EU auch global integrations- und zukunftsfähig mache. Die stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis90/Die Grünen, Kerstin Andreae, betonte, dass diese Vielfalt gerade auch (wirtschaftliche) Chancen mit sich bringe.

Jens Bullerjahn, stellvertretender Ministerpräsident und Finanzminister des Landes Sachsen-Anhalt, wies darauf hin, dass der demografische Wandel in Sachsen-Anhalt nicht aufzuhalten sei. Allein seit 1990 sei die Bevölkerung Sachsen-Anhalts von drei auf zwei Millionen Einwohner gesunken. Der Grundsatz der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse sei nirgends in Deutschland ganz einlösbar, dennoch gehe es den Menschen auf dem Land heute so gut wie noch nie in der deutschen Geschichte. Vor diesem Hintergrund einer verstreuten und alternden Gesellschaft spielten die Themen Mobilität und Bildung eine entscheidende Rolle.

Der Wandel und seine Folgen

Bei der lebendigen Podiumsdiskussion in der Berliner Niederlassung der KfW haben die Podiumsteilnehmer gezeigt, wie vielfältig die Herausforderungen durch die Bevölkerungsveränderungen hierzulande, in Europa und weltweit sind. (Copyright: RAUM11)

Dr. Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der KfW, verdeutlichte, welche dämpfenden Impulse von der demografischen Entwicklung in Deutschland auf das Wirtschaftswachstum ausgehen könnten. Immerhin würde die Zahl der Erwerbstätigen bis 2030 jährlich um 270.000 abnehmen, oder „jährlich einmal VW“, wie es Zeuner ausdrückte. Um den Wohlstand in Deutschland dennoch zu halten, müssten staatliche und private Investitionen steigen, und ein ganzes Bündel von Maßnahmen ergriffen werden. In den Schwellenländern und besonders in Afrika seien Produktivitätsfortschritte zu verzeichnen, die entscheidend mit der technologischen Entwicklung in diesen Ländern zusammenhingen. Die neuen Mittelschichten dort seien mit ihrer beträchtlichen Kaufkraft Treiber von Innovation in ihren Staaten. Zeuner stellte die zentrale Bedeutung des Privatsektors für Entwicklung heraus.

Kerstin Andreae machte deutlich, dass die globale Bevölkerungsentwicklung eng mit dem Ressourcenverbrauch und dem Klimawandel zusammenhänge. Die demografische Entwicklung sei nicht umzukehren, aber die technologische Entwicklung spiele eine wichtige Rolle, um den Energieverbrauch nachhaltiger zu gestalten und von der demografischen Entwicklung zu entkoppeln. Sie betonte in der Demografiefrage die Wichtigkeit von Zukunftsinvestitionen, vor allem in Bildung. Auf dem Podium bestand denn auch weitgehend Einigkeit, dass verstärkte gemeinsame Bildungsanstrengungen in Nord und Süd erforderlich seien, da Bildung nicht nur Grundlage der wirtschaftlichen Innovationsfähigkeit in den Staaten sei, sondern auch die wichtigste Voraussetzung für das Abbremsen eines galoppierenden Bevölkerungswachstums.

Andreas Schockenhoff betonte, dass die Staaten Afrikas nicht mehr eindimensional als Zielländer von Entwicklungszusammenarbeit zu betrachten seien. Die Europäer müssten vielmehr eine umfassende außen- und sicherheitspolitische Strategie entwickeln, die dem ganzen Spektrum der schon heute herrschenden Verzahnung mit Afrika in der Ressourcen-, der Umwelt-, Energie-, Migrations- oder Sicherheitsfrage gerecht werde. Eine positive Entwicklung in dieser Weltregion zu befördern liege im eigenen Interesse Europas, denn afrikanische Probleme strahlten auch in die EU aus, umgekehrt lägen aber für beide Weltregionen auch Chancen in dieser Verbindung.

Abschließend plädierte Schmidt dafür, auf europäischer Ebene schnell die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit in den Krisenstaaten wie Spanien und Griechenland anzugehen, sich den Themen Bankenunion und gemeinsame Bankenaufsicht zu widmen und auch für eine gemeinsame, qualifikationsorientierte Einwanderungspolitik einzutreten.

Viele der diskutierten Aspekte finden sich auch in Publikationen des Berlin-Instituts. Drei Beispiele: Für ein höheres Renteneintrittsalter spricht sich die Studie „Produktiv im Alter“ aus. Den Zusammenhang zwischen Bevölkerungsentwicklung, Ressourcenverbrauch und Klimawandel erklärt das Discussion Paper „Das Trilemma des Wachstums.“ Und die Studie „Vielfalt statt Gleichwertigkeit“ plädiert dafür, nach einem neuen Umgang mit den regionalen Unterschieden Deutschlands zu suchen. Noch mehr Themen offenbart ein Blick auf unsere Publikationsliste.


Der Artikel basiert auf dem Bericht der KfW vom 13.02.2014.

 

Von Migranten zu Mitbürgern
Das Berlin-Institut veröffentlicht eine überarbeitete Fassung der Studie „Nach Punkten vorn – Was Deutschland von der Zuwanderungs- und Integrationspolitik Kanadas lernen kann“ auf Englisch

Zuwanderung braucht eine Willkommenskultur. Ob diese in Deutschland existiert und wenn ja, in welchem Ausmaß, darüber herrscht Uneinigkeit. Zweifellos ist der Nährboden für eine Willkommenskultur in den vergangenen Monaten nicht besser geworden. Zunächst erinnerte der Deutsche Städtetag mit seinem Hilferuf an die Bundespolitik daran, dass Zuwanderung in unser Land nicht überall gleichermaßen reibungslos verläuft. Und dann bestärken unsere Schweizer Nachbarn mit ihrem Votum für eine stärkere Begrenzung der Zuwanderung all jene, die auch hierzulande Neuankömmlingen eher skeptisch gegenüber stehen.

Dabei hat sich im Kern an der Situation in Deutschland nichts geändert. Um unsere alternde und schrumpfende Bevölkerung aufzufrischen und den Arbeitskräftebedarf langfristig abzusichern, brauchen wir weiterhin Zuwanderung – und zwar über Jahrzehnte hinweg mindestens auf dem aktuellen Niveau von etwa 350.000 Menschen pro Jahr. Derzeit kommen die meisten Zuwanderer aus dem gemeinsamen europäischen Wirtschaftsraum. Es wäre jedoch kurzsichtig, zu glauben, dass dieser uns langfristig so viele Zuwanderer bieten kann, wie wir benötigen. Denn fast alle europäischen Länder leiden unter ähnlichen demografischen Problemen wie Deutschland und können daher keinesfalls massenhaft Menschen „abgeben“. Hinzu kommt, dass die europäischen Binnenwanderungen zu einem großen Teil konjunkturell bedingt sind. Bei veränderter Wirtschaftslage können sich die Wanderungsströme schnell umkehren – die Beispiele Irland und Spanien haben dies in den letzten 20 Jahren mehrfach gezeigt. Wir müssen uns daher stärker anstrengen, auch Menschen aus Drittstaaten außerhalb der EU den Umzug nach Deutschland schmackhaft zu machen.


Schwindende Arbeitskräfte


Wie viele Menschen in den nächsten Jahrzehnten dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, wird maßgeblich von der Entwicklung der Erwerbsquoten und von der Zuwanderung abhängen. Sollte die Erwerbsquote auf dem gegenwärtigen Niveau verharren und Deutschland in den kommenden Jahren keine Wanderungsgewinne verzeichnen, läge das Arbeitskräfteangebot im Jahr 2050 bei unter 27 Millionen Menschen. Steigende Erwerbsquoten und eine durchschnittliche Nettozuwanderung von 200.000 Menschen pro Jahr könnten den Rückgang jedoch auf 35,2 Millionen Erwerbspersonen abschwächen. (Abbildung aus englischsprachiger Studie „Leading on Points“)


Wie dies gelingen könnte, und wie wir diesen Menschen die Chance einer erfolgreichen Integration eröffnen können, hat das Berlin-Institut 2012 in der Studie „Nach Punkten vorn – Was Deutschland von der Zuwanderungs- und Integrationspolitik Kanadas lernen kann“ untersucht. Nun gibt das Institut eine englische Version der Studie mit aktualisierten Daten heraus. Diese bestätigt die Ergebnisse der ersten Auflage: Zuwanderer in Kanada zeigen bessere Integrationserfolge als in Deutschland. Zu einem großen Teil lässt sich dies damit erklären, dass Kanada im Schnitt höher qualifizierte Menschen anzieht als Deutschland. Doch auch bei gleicher Qualifikation sind die Erwerbschancen von Zuwanderern dort höher als hierzulande.

Kanada vorn


Kanada schneidet in fast allen Bereichen der Zuwanderungspolitik besser ab als Deutschland. Es registriert nicht nur höhere absolute Zuwanderungszahlen, sondern schafft es auch, höher gebildete Personen anzuziehen. Zudem verzeichnet Kanada geringere Integrationsprobleme bei der ersten und der zweiten Generation. (Abbildung aus englischsprachiger Studie „Leading on Points“)


Gerade die kanadische Integrationspolitik ist der deutschen um Längen voraus und bietet viel Nachahmenswertes. So stellt Kanada Zuwanderern schon in deren Heimatland ein umfassendes Angebot an Integrationshilfen bereit – etwa Sprachkurse und persönliche Beratungen. Zudem bezieht Kanada die einheimischen Arbeitgeber über Mentorenprogramme stärker in den Integrationsprozess ein. Auch gibt es in Kanada eine Vielzahl sogenannter Bridging Programs, die es Neuankömmlingen erlauben, Kenntnislücken in ihrem Berufsfeld zu schließen, um so auch nach dem Umzug ihrer Profession nachgehen zu können. Und schließlich gehört es zum Selbstverständnis kanadischer Integrationspolitik, dass der Prozess des Ankommens erst dann als erfolgreich abgeschlossen gilt, wenn die kanadische Staatsbürgerschaft erworben ist. Darauf zielen letztlich alle Maßnahmen ab. Vielleicht ist es gerade diese Zielsetzung, die Kanada – zusammen mit dem Bekenntnis zum Multikulturalismus – seine Integrationserfolge beschert.

Die englische Studie "Leading on Points" erreichen Sie unter http://www.berlin-institut.org/en/publications/studies/leading-on-points.html.



Ausgabe 167, 24.02.2014

Der Newsletter DEMOS Informiert, über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

Der Abdruck von Grafiken und Artikeln ist honorarfrei. Um die Übersendung eines Belegexemplares wird gebeten.

Wenn Sie den Newsletter DEMOS nicht mehr erhalten wollen, können Sie sich hier abmelden.

  
 
 
 

Dieser Newsletter wird herausgegeben vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung
Schillerstr. 59
10267 Berlin

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an:
Dr. Reiner Klingholz
reiner.klingholz@berlin-institut.org
Telefon: 030-22324845