Auf dem Weg zur demografischen Dividende
Die demografische Entwicklung lässt sich durch Investitionen in Bildung oder Familienplanung beeinflussen. Zu diesem Schluss kommen drei vergleichende Länderanalysen für Pakistan/Bangladesch, Nigeria/Kenia und Äthiopien/Uganda, die das Berlin-Institut in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung durchgeführt hat.
weiterlesen

Soziale (Un)gerechtigkeit hat viele Gesichter
Vergangene Woche hat die Große Koalition ihr 100-tägiges Bestehen gefeiert. Das noch recht junge Bündnis hat in der laufenden Legislaturperiode vieles vor. Dabei will die GroKo vor allem eines sein: gerecht – chancengerecht, bedarfsgerecht, generationengerecht. So sagt es zumindest der Koalitionsvertrag. Dadurch ergeben sich für die neue Bundesregierung viele Baustellen
weiterlesen

Auf dem Weg zur demografischen Dividende
Die demografische Entwicklung lässt sich durch Investitionen in Bildung oder Familienplanung beeinflussen. Zu diesem Schluss kommen drei vergleichende Länderanalysen für Pakistan/Bangladesch, Nigeria/Kenia und Äthiopien/Uganda, die das Berlin-Institut in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung durchgeführt hat.

Das hohe Wirtschaftswachstum von Schwellenländern in Ost- und Südostasien lässt sich zu rund einem Drittel auf die demografische Dividende zurückführen. Diese entsteht, wenn vielen potenziellen Arbeitskräften vergleichsweise wenige zu Versorgende gegenüberstehen, weil einerseits rückläufige Fertilitätsraten zu sinkenden Nachwuchszahlen führen und es andererseits noch relativ wenige ältere Menschen zu versorgen gibt. Die vielen Arbeitskräfte müssen allerdings auch erwerbstätig werden, damit aus der günstigen Altersstruktur ein volkswirtschaftlicher Gewinn folgt.

Von anderen lernen

Die Geschichte der asiatischen Tigerstaaten zeigt, dass sich die demografische Entwicklung durch geeignete Maßnahmen beschleunigen und nachhaltig gestalten lässt. Dazu bedarf es einer sektorenübergreifenden Strategie, die Investitionen in den Kernbereichen Gesundheit, Bildung und Arbeitsmarkt tätigt, sie miteinander verknüpft und zeitlich abstimmt. Das Rezept ist somit im Prinzip klar.

Doch nicht alle Länder widmen sich den einzelnen Bereichen mit der notwendigen Aufmerksamkeit, um den Asiaten auf ihrem demografischen Entwicklungsweg zu folgen. Indem Länder miteinander verglichen werden, die sich in ihren Anstrengungen deutlich voneinander unterscheiden, lässt sich veranschaulichen, inwiefern sich mangelnde Investitionen direkt in der demografischen Entwicklung widerspiegeln.

Pakistan und Bangladesch zeigen: Bildung macht’s

Die beiden Länder Pakistan und Bangladesch verbindet eine gemeinsame Vergangenheit. Lange Zeit waren sie Teile des gleichen Hoheitsgebietes – erst unter britischer, dann unter pakistanischer Führung. Auch gleichen sie sich in vielen sozialen und kulturellen Gegebenheiten. Beide gehören zu den wenig entwickelten Ländern Asiens. Beim Human Development Index wird der Entwicklungsstand der Länder annähernd gleich bewertet: Pakistan liegt in der weltweiten Rangliste auf Platz 145, direkt gefolgt von Bangladesch auf Platz 146. Zudem lebt in beiden Ländern eine muslimische Bevölkerungsmehrheit. Trotz der vielen Gemeinsamkeiten haben Bangladesch und Pakistan in ihrer demografischen Entwicklung äußerst unterschiedliche Wege eingeschlagen. In Bangladesch, das weltweit von allen Flächenstaaten am dichtesten besiedelt ist, wurde das starke Wachstum der Bevölkerung schon in den 1970er Jahren als große Herausforderung erkannt und zu beeinflussen versucht. Erst zwei Jahrzehnte später rückte das Thema auch in Pakistan verstärkt auf die politische Agenda. Mit deutlichen Auswirkungen bis heute: Lebten in Pakistan und Bangladesch Mitte des letzten Jahrhunderts jeweils rund 40 Millionen Menschen, so waren es 2010 in Pakistan fast 174 Millionen Menschen, in Bangladesch „nur“ 149 Millionen. Neben dem Zugang zu Mikrofinanzprogrammen erwiesen sich insbesondere verbesserte Bildungschancen für Frauen als zentrale Stellschraube dafür, dass die Fertilitätsraten in Bangladesch früher und stärker gesunken sind und das Land heute der demografischen Dividende näher ist als Pakistan.


Bessere Bildungschancen für Jüngere in beiden Ländern
Einwohnerzahl nach Altersgruppen in Millionen im Jahr 2010

Je jünger die Bevölkerungsgruppe ist, desto höher sind ihre Bildungschancen. Besonders deutlich wird dies bei den Frauen in Bangladesch, wo bereits eine deutliche Mehrheit eine weiterführende Schule besuchen kann. Deutlich geringer fallen hingegen Bildungsfortschritte bei den pakistanischen Frauen aus. Hier bleibt den meisten Frauen der Zugang zur Sekundarschule versperrt. (Datengrundlage: IIASA 2007)

Nicht nur in Bangladesch, sondern weltweit ist überall dort die Fertilität gesunken, wo sich der Bildungsstand der Frauen verbessert hat. Die größten Effekte entstehen, wenn es zunehmend normal wird, dass Mädchen eine weiterführende Schule besuchen. Denn die Sekundarschulbildung trägt zur Gleichstellung der Frauen bei und eröffnet ihnen alternative Lebensbiografien zur reinen Mutterrolle. Sie laufen zudem weniger Gefahr, schon als Teenager schwanger zu werden, finden einfacher Zugang zu Verhütungsmitteln und benutzen diese auch häufiger. Letzteres setzt jedoch auch deren Verfügbarkeit voraus.

Nigeria und Kenia belegen: Zugang zu empfängnisverhütenden Mitteln entscheidend

An Nigeria und Kenia lässt sich der grundsätzliche Kontrast zwischen Ost- und Westafrika darstellen. Während die Fertilitätsraten in Ostafrika langsam zurückgegangen sind, stagnieren sie in Westafrika seit Jahrzehnten auf hohem Niveau. Trotz allem ist die Bevölkerung in beiden Ländern in den letzten Jahren rasant gewachsen. Als Kenia im Jahr 1963 die Unabhängigkeit erlangte, lebten dort weniger als neun Millionen Menschen. Bis 2010 stieg ihre Zahl um mehr als das Vierfache auf über 40 Millionen an. Auch in Nigeria wuchs die Bevölkerung stark. Seitdem sich das Land 1960 von Großbritannien lossagte, verdreieinhalbfachte sich die Bevölkerung – von 46 auf 159 Millionen in 2010. Nigeria ist damit das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Hinter dem enormen Wachstum in beiden Ländern verbergen sich jedoch unterschiedliche Entwicklungen: Während Kenias Wachstumsrate sich, ausgehend von hohem Niveau, deutlich verringert hat, hat sich das Wachstum in Nigeria im Vergleich zu 1960 sogar beschleunigt.

Kenia war das erste Land Subsahara-Afrikas, das eine Strategie zur Senkung des Bevölkerungswachstums entwickelte. Das Land hatte mit über acht Kindern pro Frau lange eine der höchsten Fertilitätsraten der Welt. Anfang der 1980er Jahre wurde daher seitens der kenianischen Regierung versucht, mit Aufklärungskampagnen und einem verbesserten Zugang zu modernen Methoden der Familienplanung das Bevölkerungswachstum zu begrenzen. Die Verhütungsmittel wurden von staatlichen Gesundheitszentren angeboten und vor Ort in den Gemeinden beworben und vermarktet. Ein Großteil des Fertilitätsrückgangs auf unter fünf Kinder pro Frau geht auf diese Programme zurück. In Nigeria ist die Fertilitätsrate in den letzten fünf Jahrzehnten hingegen kaum gesunken – sie ist zwischenzeitlich sogar noch einmal leicht angestiegen und liegt heute bei etwas über 5,5 Kindern pro Frau.

Welche Verhütungsmittel genutzt werden
Anteil der verheirateten Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren

In Kenia haben deutlich mehr Frauen als in Nigeria einen Zugang zu Familienplanung. Nur jede zehnte Frau in Nigeria nutzt eine moderne Verhütungsmethode. In Kenia sind es mit knapp 40 Prozent viermal so viele. Fast die Hälfte von ihnen nutzt dafür Hormonspritzen. Diese sind bei Frauen oftmals beliebt, weil sich ihre Nutzung leicht vor dem Partner verbergen lässt und zudem nur eine Anwendung alle drei Monate nötig ist. (Datengrundlage: Demographic and Health Surveys 2009 und 2010)

Der Vergleich der beiden Länder zeigt zudem: Sind empfängnisverhütende Mittel verfügbar, steigt auch die Akzeptanz, sie anzuwenden, und mit ihr die Nachfrage nach ihnen. Der Wunsch, die Familiengröße zu planen, ist daher in Kenia deutlich weiter verbreitet als in Nigeria. Zudem verfügen Frauen in Kenia auch über mehr Informationen zur Familienplanung: Während über 96 Prozent von ihnen mindestens eine moderne Methode zur Empfängnisverhütung kennen, sind es in Nigeria nur 67 Prozent – in ländlichen Regionen sogar nur 57 Prozent. Der Unterschied zwischen Stadt und Land zeigt sich auch bei den Kinderzahlen selbst.

Äthiopien und Uganda verdeutlichen Stadt-Land-Unterschiede

Als Äthiopien zu Beginn der 1990er Jahre seinen Höhepunkt bei den Fertilitätsraten erreichte, wies das Land das größte Stadt-Land-Gefälle Afrikas auf. Frauen auf dem Land bekamen zu diesem Zeitpunkt über dreieinhalb Kinder mehr als jene in Städten. Dabei hatte der Unterschied noch in den 1970er Jahren gerade einmal ein Kind betragen. Doch mit dem früher einsetzenden Fertilitätsrückgang in den Städten Äthiopiens vergrößerte sich der Abstand.

Inzwischen hat er sich wieder auf knapp drei Kinder verringert, da der ländliche Raum in seiner Fertilitätsentwicklung ein Stück weit zur Stadt aufgeschlossen hat.

Ein Stadt-Land-Unterschied von knapp drei Kindern zeigt sich heute auch in Uganda. Anders als in Äthiopien haben sich die Abstände dort in den letzten zehn Jahren allerdings nicht verringert, sondern vergrößert. Zudem liegen die Fertilitätsraten jeweils deutlich höher als in Äthiopien. Äthiopien hat zuletzt große Anstrengungen bei der Bereitstellung von Familienplanungsmitteln unternommen – und es dabei geschafft, die ländliche Bevölkerung besser als zuvor zu erreichen.

Kleinere Familien in Städten
Fertilitätsrate in Städten und in ländlichen Gebieten in Äthiopien und Uganda

In beiden Ländern bekommen Frauen in Städten weniger Kinder als auf dem Land. Allerdings leben die meisten Äthiopier und Ugander in ländlichen Regionen, sodass sich ihr Reproduktionsverhalten wesentlich stärker auf den landesweiten Fertilitätsdurchschnitt auswirkt. Während in Äthiopien in den letzten 20 Jahren sowohl in den Städten als auch in ländlichen Regionen ein deutlicher Fertilitätsrückgang zu beobachten ist, bekommen in Uganda hauptsächlich die Städterinnen weniger Kinder (Datengrundlage: Demographic and Health Surveys 2012, United Nations 2011, Teller 2011)

Die Gründe für die großen Unterschiede bei den Fertilitätsraten zwischen den urbanen und ländlichen Regionen sind weitgehend die gleichen, die auch zu der verschiedenen demografischen Entwicklung von Ländern führen. In Städten haben Menschen einen besseren Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung. Zudem ist das Leben dort weniger von traditionellen Lebensweisen geprägt, die Gleichstellung der Frau ist weiter vorangeschritten und sie kennen sich besser mit modernen Verhütungsmethoden aus und nutzen sie auch häufiger.

Eine detailliertere Darstellung der Ländervergleiche finden Sie in den Factsheets zu Pakistan/Bangladesch, Kenia/Nigeria und Äthiopien/Uganda.

Umfangreiche Informationen rund um die demografische Dividende erhalten Sie in unserem Themenspecial.

Literatur

Bloom, David E.; Canning, David (2006): Booms, Busts and Echoes: How the Biggest Demographic Upheaval in History is Affecting Global Development. In: Finance and Development, Vol. 43(3), S. 8-13.

Charles Teller, Assefa Hailemariam, Tesfayi Gebreselassie (2011): The Nature, Pace and Determinants of the Incipient Fertility Transition in Ethiopia, 1984-2007: Can the 4.0 TFR Target for 2015 be Met? In: Charles Teller, Assefa Hailemariam (Hrsg): The Demographic Transition and Development in Africa. Springer.

John Cleland et al. (2006): Family Planning: The Unfinished Agenda. The Lancet Sexual and Reproductive Health Series.

National Population Commission, ICF Macro (2009): Nigeria Demographic and Health Survey 2008. Abuja.; Kenya National Bureau of Statistics (2010): Demographic and Health Survey 2008-09. Nairobi.

Samir KC et al. (2010): Projection of population by Level of Educational attainment, age and sex for 120 countries for 2005-2050. In: Demographic Research Vol. 22/15, S.383-472.

Uganda Bureau of Statistics; ICF International (2012): Uganda Demographic and Health Survey 2011. Kampala, Calverton; Central Statistical Agency; ICF International (2012): Ethiopia Demographic and Health Survey. Addis Ababa, Calverton.

United Nations Development Programme (2011): Human Development Report 2011. New York.

United Nations, Population Division, Department of Economic and Social Affairs (2011): World Population Prospect: The 2010 Revision.

Wolfgang Lutz et al. (2007): Reconstruction of population by age, sex and level of educational attainment of 120 countries for 1970-2000. In: Vienna Yearbook of Population Research 2007, S.193-235.

 

Soziale (Un)gerechtigkeit hat viele Gesichter
Vergangene Woche hat die Große Koalition ihr 100-tägiges Bestehen gefeiert. Das noch recht junge Bündnis hat in der laufenden Legislaturperiode vieles vor. Dabei will die GroKo vor allem eines sein: gerecht – chancengerecht, bedarfsgerecht, generationengerecht. So sagt es zumindest der Koalitionsvertrag. Dadurch ergeben sich für die neue Bundesregierung viele Baustellen

Zwischen der Lebensrealität von Viel- und Wenigverdienern, Jungen und Alten, Männern und Frauen, Ost- und Westdeutschen, Nord- und Süddeutschen, Eltern und Kinderlosen, Einheimischen und Zuwanderern oder auch fest Angestellten und Leiharbeitern liegen hierzulande oft Welten. Soziale Gerechtigkeit als politische Zielsetzung spielt für jede Bundesregierung seit 1949 eine entscheidende Rolle – nicht zuletzt durch das Sozialstaatsprinzip und das Benachteiligungsverbot im Grundgesetz. Wann jedoch soziale Gerechtigkeit in einer Gesellschaft erreicht ist, ist nicht klar definiert und liegt größtenteils im Auge des Betrachters. Als Messlatte wird häufig die Verteilung von Rechten, Möglichkeiten und Ressourcen in der Gesellschaft herangezogen. Eine starke Ungleichheit wird dabei als Hinweis auf fehlende soziale Gerechtigkeit angesehen.

Die soziale Lage in Deutschland

Insgesamt steht die Bundesrepublik gut da. Das zeigt zumindest ein Vergleich mit den anderen EU-Staaten. So sind die Einkommen hierzulande gleichmäßiger verteilt als im Schnitt der EU27: Die reichsten 20 Prozent der Bevölkerung verdienen in Deutschland rund viermal so viel wie die ärmsten 20 Prozent. Im EU27-Durchschnitt verdienen sie das Fünffache. Allerdings sind die Vermögen in Deutschland sehr ungleich verteilt. Das ermittelte kürzlich eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Demnach besitzen die reichsten zehn Prozent der deutschen Bevölkerung über 17 Jahre mindestens 217.000 Euro, während 50 Prozent der Bevölkerung über 17.000 Euro nicht hinaus kommen. Das Gefälle zwischen Reichen und weniger Reichen ist damit zwar groß – jedoch auf einem insgesamt hohen Wohlstandsniveau. 25 Prozent der Bevölkerung hingegen verfügen über keinerlei Vermögen oder haben sogar Schulden. Ein großer Teil von ihnen ist von Armut bedroht.

Als armutsgefährdet gelten Personen, denen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in der Bevölkerung zur Verfügung stehen. Beinahe ein Viertel der Menschen in Deutschland ist davon betroffen. Um materiellen Verzicht abzumildern und gesellschaftliche Teilhabe zu erleichtern, werden deshalb viele von ihnen durch den Sozialstaat unterstützt. Dadurch sinkt die Armutsgefährdungsquote von 24 Prozent auf 16 Prozent. Über die Armutsgefährdung hinaus sind in Deutschland viele von sogenannter sozialer Ausgrenzung betroffen. Das heißt, dass sie entweder große materielle Entbehrungen erleiden oder in Haushalten mit geringer Erwerbsbeteiligung leben. In Deutschland sind 5 Prozent von erheblicher materieller Entbehrung betroffen und knapp unter 10 Prozent leben in Haushalten mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung. Insgesamt liegt der Anteil der von Armut, sozialer Ausgrenzung oder beidem betroffenen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung in Deutschland deutlich unter dem EU-Durchschnitt von knapp 25 Prozent.

Sozialleistungen senken Armut
Armutsgefährdungsquote vor und nach Sozialleistungen, nach Alter in Prozent. Sozialleistungen beinhalten hier alle Transferleistungen außer Renten und Pensionen.

Gäbe es die Sozialleistungen nicht, läge die Armutsquote in Deutschland um fast zehn Prozentpunkte höher als es tatsächlich der Fall ist. Von den staatlichen Transfers profitieren verschiedene Altersgruppen unterschiedlich stark: Während die Sozialleistungen die Armutsgefährdung Älterer um gerade einmal einen Prozentpunkt verringern, senken sie das Risiko bei Kindern um über die Hälfte von 31 auf 15 Prozent. (Datenquelle: Statistisches Bundesamt)

Obwohl Deutschland verhältnismäßig gut abschneidet, ist die Entwicklung der vergangenen Jahre zumindest besorgniserregend. Denn die Zahl derer, die trotz Erwerbstätigkeit von Armut gefährdet sind, steigt – von 7 Prozent im Jahr 2008 auf beinahe 8 Prozent 2012. Das hängt unter anderem mit der Veränderung der Arbeitsverhältnisse zusammen. Atypische Beschäftigungsverhältnisse wie befristete Stellen, geringfügige Beschäftigung, Teilzeit unter 20 Wochenstunden und Leiharbeit nehmen gegenüber den traditionellen Festanstellungen zu. Außerdem ist der Anteil der Sozialversicherungspflichtigen an allen Erwerbstätigen seit 1992 von 77 Prozent bis 2012 auf rund 70 Prozent gesunken.

Das regionale Gefälle

Innerhalb Deutschlands ist der Wohlstand derweil regional unterschiedlich verteilt. Denn beinahe 25 Jahre nach der Wende bleibt das Wohlstandsgefälle zwischen Ost- und Westdeutschland bestehen. Das Armutsrisiko im Osten übersteigt das westliche Niveau noch beinahe um die Hälfte, so eine Studie der Bertelsmann Stiftung von 2011. Laut Erhebungen des Statistischen Bundesamts waren 2012 etwa 20 Prozent der Ostdeutschen von Armut bedroht. In Westdeutschland waren es nur 14 Prozent. Darüber hinaus zeichnet sich ein Wohlstandsgefälle zwischen dem Norden und dem Süden Deutschlands ab. Rund jeder Zehnte in den südlichen Ländern Baden-Württemberg, Bayern und Hessen gilt als armutsgefährdet. In Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin ist mehr als jeder Fünfte betroffen.

Geschlechtergerecht?

Individuelle Merkmale spielen hinsichtlich der Einkommens- und Aufstiegschancen eine große Rolle – vor allem das Geschlecht. Laut Statistischem Bundesamt liegt der sogenannte Gender Pay Gap, der Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen, im Jahr 2012 bei 22 Prozent – in den neuen Bundesländern bei 8, in den alten sogar bei 24 Prozent. Allerdings arbeiten Frauen häufig in Teilzeit und seltener in hochbezahlten Berufen. Das verfälscht den Durchschnitt. Weniger stark sind die Unterschiede zwischen Frauen und Männern mit gleichem Bildungsabschluss oder aus ähnlichen Berufsgruppen. Der um diese Faktoren bereinigte Gender Pay Gap lag bundesweit zuletzt (2010) bei sieben Prozent und damit deutlich niedriger als der Gesamtdurchschnitt. Seit 2006 hat sich der bereinigte Gender Pay Gap sogar um einen Prozentpunkt verringert. Die Löhne von Frauen und Männern gleichen sich also langsam an.

In jedem Alter gut versorgt?

Auf besondere Weise von Armut betroffen sind Ältere und Kinder. Denn sie können ihren Lebensunterhalt nicht selbst verdienen. Die Armutsrisikoquote von über 65-Jährigen lag 2012 bei 15 Prozent und damit leicht unter dem gesamtgesellschaftlichen Durchschnitt. Darüber hinaus sind heute mit gerade einmal drei Prozent noch deutlich weniger Ältere auf staatliche Grundsicherung angewiesen als der bundesdeutsche Durchschnitt von knapp 9 Prozent. Damit Altersarmut aber auch in Zukunft nicht zu einem gesellschaftlichen Problem wird, muss die Politik die Entwicklung der bedürftigen Älteren im Auge behalten. Im Zuge des demografischen Wandels steigt die Zahl der Rentner gegenüber den Erwerbsfähigen. Somit ändert sich das Verhältnis zwischen Leistungsempfängern und Beitragszahlern. Kamen in den 1970er Jahren noch etwa drei Erwerbsfähige für einen Rentner auf, war das Verhältnis 2008 bereits auf unter zwei Beitragszahler je Leistungsempfänger gesunken. Mit dem Renteneinstieg der Baby-Boomer wird sich die Situation voraussichtlich noch weiter verschärfen.

Bildungszugang
Bildungsausgaben pro Schüler/Studierenden im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt pro Kopf 2010; Indikator zum Bildungszugang 2011

In ihrem Bildungszugangsindikator misst die Bertelsmann Stiftung, wie stark der Bildungserfolg eines Kindes von dessen sozioökonomischen Hintergrund bestimmt wird. Darüber hinaus berücksichtigt sie bildungspolitische Ansätze zur Verbesserung des Bildungssystems und der Zugangschancen. Länder, die im Verhältnis zu ihren finanziellen Möglichkeiten am meisten in Bildung investieren, schneiden nicht zwingend auch beim Bildungszugang am besten ab: Finnland wendet im Verhältnis zur Wirtschaftskraft und der Zahl der Schüler und Studierenden genauso viel für Bildung auf wie die Bundesrepublik, erzielt aber hinter Island das OECD-weit beste Ergebnis beim Bildungszugang. Deutschland schneidet dagegen eher schlecht ab. (Datenquelle: Bertelsmann Stiftung und Eurostat)

Wie die Ältesten in der Gesellschaft sind auch die Jüngsten von Armut besonders betroffen. 2012 war immerhin fast jeder fünfte unter 18-Jährige von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen. Mehr als jeder zehnte war armutsgefährdet. Beinahe genauso viele lebten in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung und jeder zwanzigste erlitt erhebliche materielle Entbehrungen. Kinderarmut kann weitreichende Folgen haben. In der Studie der Bertelsmann Stiftung lag Deutschland mit 5,6 Punkten beim Bildungszugang unter dem Durchschnitt der 31 untersuchten Länder. Zu groß ist hierzulande der Einfluss des sozioökonomischen Hintergrunds auf die schulischen Leistungen und damit auch die Aufstiegschancen der Kinder.

Gleiche Chancen für Migranten?

Bildung ist das Fundament für eine gut bezahlte Erwerbstätigkeit. Doch Migranten und deren Kinder haben häufig mit Armutsgefährdung, mangelndem Bildungserfolg und somit mit fehlenden Aufstiegschancen zu kämpfen. Sie haben seltener eine Ausbildung oder Abitur, so dass sie stärker gefährdet sind in die Armut zu rutschen. Die übergreifende Armutsgefährdungsrate von Menschen mit Migrationshintergrund – also von Menschen, die selbst oder deren Eltern oder Großeltern nicht über die deutsche Staatsangehörigkeit verfügen, lag 2011 mit fast 27 Prozent mehr als doppelt so hoch wie die von Menschen ohne Migrationshintergrund (12 Prozent). Zugewanderte sind seltener erwerbstätig als Einheimische – und das unabhängig vom Bildungsniveau. Sprachbarrieren und Probleme bei der Anerkennung von Abschlüssen und Qualifizierungen erschweren ihnen häufig den Ein- oder Aufstieg am Arbeitsmarkt. Von den zwischen 2005 und 2009 Eingewanderten im Alter zwischen 25 und 54 Jahren waren gerade einmal 57 Prozent erwerbstätig – im Vergleich zu 83 Prozent bei den Einheimischen. Sie verdienen häufig weniger als ihre einheimischen Kollegen. So lag der durchschnittliche Nettostundenlohn 2009 bei 11,38 Euro für Einheimische, für Zuwanderer jedoch nur bei 10,37 Euro.


Literatur

Bertelsmann Stiftung (2011). Soziale Gerechtigkeit in der OECD – Wo steht Deutschland?

Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2011). Aufbruch in die altersgerechte Arbeitswelt.

Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2013). Lebenslagen in Deutschland. Der Vierte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung.

Bundeszentrale für Politische Bildung (2013). Armutsgefährdungsquoten von Migranten.

Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) (2014). Vermögensverteilung. Wochenbericht 9 2014.

Fuhr, G. (2012). Armutsgefährdung von Menschen mit Migrationshintergrund. Ergebnisse des Mikrozensus 2010. Statistisches Bundesamt.

Sievert, S., Slupina, M., Klingholz, R. (2012). Nach Punkten vorn. Was Deutschland von der Zuwanderungs- und Integrationspolitik Kanadas lernen kann. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung.

Statistisches Bundesamt (2013). Pressemitteilung Nr. 431 vom 17.12.2013: 19,6 % der Bevölkerung Deutschlands von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen.

Statistisches Bundesamt (2013). Pressemitteilung Nr. 108 vom 19.03.2013: Verdienstunterschiede von Frauen und Männern bleiben weiter bestehen.

Statistisches Bundesamt (n.d.). Fast jede sechste Person war 2011 armutsgefährdet.

Wahl, S., Gödderz, K. (2014). Das Wohlstandsquintett 2014. Zur Messung des Wohlstands in Deutschland und anderen früh industrialisierten Ländern. Denkwerk Zukunft – Stiftung kulturelle Erneuerung.



Ausgabe 169, 04.04.2014

Der Newsletter DEMOS Informiert, über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

Der Abdruck von Grafiken und Artikeln ist honorarfrei. Um die Übersendung eines Belegexemplares wird gebeten.

Wenn Sie den Newsletter DEMOS nicht mehr erhalten wollen, können Sie sich hier abmelden.

  
 
 
 

Dieser Newsletter wird herausgegeben vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung
Schillerstr. 59
10267 Berlin

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an:
Dr. Reiner Klingholz
reiner.klingholz@berlin-institut.org
Telefon: 030-22324845