Wahlen in der größten Demokratie der Welt
Mit über 814 Millionen Wahlberechtigten veranstaltet Indien derzeit die größte Wahl seiner Geschichte. Eine riesige logistische Herausforderung. Auch, weil dank rasanten Bevölkerungswachstums Erfahrungswerte für eine Abstimmung dieser Größenordnung Mangelware sind
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Moralische Bedenken gegenüber Verhütung unter Afrikanern so verbreitet wie fast nirgendwo sonst
In einer Rede vor Bischöfen aus Tansania hat Papst Franziskus die Mitarbeiter der afrikanischen Kirche gelobt, die sich „emsig dafür einsetzen, Menschen im Bereich sexueller Verantwortung und Enthaltsamkeit aufzuklären“, um HIV und Aids zu verhindern.“ Laut amfAR, einer Stiftung für Aids-Forschung, leben mehr als zwei Drittel der HIV-Infizierten weltweit in Subsahara-Afrika
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Wahlen in der größten Demokratie der Welt
Mit über 814 Millionen Wahlberechtigten veranstaltet Indien derzeit die größte Wahl seiner Geschichte. Eine riesige logistische Herausforderung. Auch, weil dank rasanten Bevölkerungswachstums Erfahrungswerte für eine Abstimmung dieser Größenordnung Mangelware sind

Als Indien 1951 seine ersten demokratischen Wahlen abhielt, waren dazu gerade einmal 173 Millionen Wähler aufgerufen. An der Wahlgesetzgebung hat sich seither wenig geändert. Wohl aber an der Bevölkerungsgröße. Denn die indische Einwohnerschaft ist um das Dreifache gewachsen – von damals 382 Millionen auf heute 1,2 Milliarden Einwohner. Allein bei der jetzigen Wahl sind etwa 100 Millionen Erstwähler dabei. Alle Wahlberechtigten mit Wählerlisten und Stimmzetteln zu versorgen wird damit zur Mammutaufgabe. Die Abstimmung erstreckt sich deshalb über mehrere Wochen und findet zu unterschiedlichen Zeitpunkten in den 28 föderalen Staaten statt. Diese organisatorische Herausforderung wird auch in Zukunft nicht kleiner. Denn Prognosen der Vereinten Nationen zufolge wird die indische Bevölkerung noch bis 2080 weiter wachsen. In etwa zehn Jahren dürfte Indien mehr Einwohner verzeichnen als China.

Indien auf der Überholspur
Bevölkerungsentwicklung in Indien, China, Nigeria und Japan

Heute ist China mit fast 1,4 Milliarden Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der Erde. In etwa zehn Jahren wird Indien China überholen und dann weiter wachsen, während China zu schrumpfen beginnt. Auch in Nigeria wird das Wachstum nicht so schnell enden. Schon heute ist Nigeria mit seinen 180 Millionen Einwohnern etwa so dicht besiedelt wie die Bundesrepublik. Bis 2050 können es bereits über 400 Millionen sein. Im Gegensatz dazu hat in Japan bereits 2010 ein Bevölkerungsrückgang eingesetzt. Bis 2050 wird das Land voraussichtlich um rund 20 Millionen Einwohner schrumpfen. (Datengrundlage: Vereinte Nationen)

Bunt gemischt
Ein politischer Konsens ist in dem Vielvölkerstaat nicht so leicht zu finden. Die amtierende Regierung setzt sich aus insgesamt neun Parteien zusammen und auch die Siegerparteien der laufenden Wahl werden mit den zahlreichen kleineren Partnern koalieren müssen. Denn die indische Parteienlandschaft ist ähnlich bunt gemischt wie die Bevölkerung selbst: Indien ist durch ethnische Vielfalt geprägt. Die Mehrheit der Bevölkerung bilden mit einem Anteil von 72 Prozent die Indoarier. Der Süden des Landes wird von den Draviden (25 Prozent) dominiert. Außerdem leben besonders in den nordöstlichen Teilen des Landes Minderheiten der tibetobirmanischen Munda- und Mon-Khmer-Völker. Neben den verschiedenen ethnischen Gruppierungen sind in Indien eine Vielzahl von Religionen und Glaubensrichtungen vertreten. Laut Zensus 2001 bekennen sich rund 81 Prozent zum Hinduismus, etwa 13 Prozent zum Islam und jeweils 2 Prozent zum Christentum oder Sikhismus. Muslimische Frauen bekommen in Indien heute die meisten Kinder. Deswegen wächst die muslimische Bevölkerungsgruppe im Verhältnis stärker als die anderer Religionen.

Indiens demografisches Fenster
Anteil an der Bevölkerung nach Altersgruppen in Prozent

2000 lag der Anteil der indischen Bevölkerung unter 15 Jahren bei rund einem Drittel. 2015 wird er auf unter 30 Prozent sinken. Das demografische Fenster, bei dem ein großer Teil der Gesamtbevölkerung im Erwerbsalter ist, hat sich damit bereits geöffnet. Gleichzeitig bleibt die Gruppe der über 65-Jährigen noch lange klein. Erst ab Mitte des Jahrhunderts wird ihr Anteil so groß sein, dass die Gruppe der Menschen im Erwerbsalter anteilig nicht mehr wächst. Das demografische Fenster schließt sich dann wieder.

Insgesamt bekommen die Inderinnen mit durchschnittlich 2,5 Kindern heute deutlich weniger Nachwuchs als noch in den 1950er Jahren (beinahe 6 Kinder). Damit liegen sie nah am Reproduktionsniveau von 2,1, bei dem eine Bevölkerung langfristig stabil bliebe. Mit den sinkenden Fertilitätsraten hat Indien einen sogenannten demografischen Bonus erreicht. Denn im Verhältnis zur Erwerbsbevölkerung sinkt der Anteil der Kinder bereits. Damit ergibt sich für Indien die Chance auf einen Entwicklungsschub, auf die sogenannte demografische Dividende. Sie könnte dazu beitragen, dass sich die Lebensbedingungen der Inder nachhaltig verbessern. Um jedoch von der günstigen Altersstruktur zu profitieren, müssen die Männer und Frauen im erwerbsfähigen Alter auch eine angemessene Beschäftigung finden. Ausreichend Arbeitsplätze und einen guter Bildungsstand der Bevölkerung sind dafür die Voraussetzung.

Heute lebt ein Drittel der Menschen in extremer Armut und muss mit umgerechnet 1,25 US-Dollar am Tag oder weniger auskommen. Zwei Drittel der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze von 2 US-Dollar pro Tag. Für die Inder steht bei der Wahl also vieles auf dem Spiel. Mit einer hohen Wahlbeteiligung ist zu rechnen. Obwohl etwa ein Viertel der Bevölkerung weder lesen noch schreiben kann, gehen in der Regel etwa 60 Prozent an die Urne – nur etwa 10 Prozentpunkte weniger als in Deutschland.

Die künftige Politik wird darüber entscheiden, wie gut Indien von der demografischen Dividende profitieren kann. Länder wie China oder Südkorea haben dies mit großem Erfolg getan. Deren heutiger wirtschaftlicher Erfolg rührt vor allem aus den richtigen Entscheidungen in der Vergangenheit. Investitionen in Gesundheitsversorgung, Familienplanung und Bildung haben dazu beigetragen, dass besonders viele Menschen einer produktiven Arbeit nachgehen können. Ob die neue indische Regierung den richtigen Weg einschlägt und die Wähler zufrieden stellt, wird sich in knapp fünf Jahren zeigen. Dann werden abermals 100 Millionen Inder mehr zur Wahl aufgerufen sein – insgesamt rund 920 Millionen.

Links/Literatur:

Government of India (2011). Census of India 2001.

Central Intelligence Agency (2014). The World Fact Book: India.

Election Commission of India. Statistical Report on the General Elections 1951.

Kröhnert, S., Kreuter, V., Müller, R., Slupina, M., Berger, U., Klingholz, R. (2013). Unter einem Dach. Wie sich die Haushaltsformen weltweit verändern. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung.

Vereinte Nationen (2013). World Population Prospects. The 2012 Revision.

 

Moralische Bedenken gegenüber Verhütung unter Afrikanern so verbreitet wie fast nirgendwo sonst
In einer Rede vor Bischöfen aus Tansania hat Papst Franziskus die Mitarbeiter der afrikanischen Kirche gelobt, die sich „emsig dafür einsetzen, Menschen im Bereich sexueller Verantwortung und Enthaltsamkeit aufzuklären“, um HIV und Aids zu verhindern.“ Laut amfAR, einer Stiftung für Aids-Forschung, leben mehr als zwei Drittel der HIV-Infizierten weltweit in Subsahara-Afrika

Franziskus bezog sich in seiner Rede nicht explizit auf die Nutzung von Kondomen – entgegen seinem Vorgänger Papst Benedikt XVI. Dieser hatte einmal geäußert, Kondome würden die sexuelle Freizügigkeit fördern und so das Problem von HIV und Aids „verstärken“. Die Lehre der römisch-katholischen Kirche lehnt die Nutzung moderner Verhütungsmittel aus moralischen Gründen ab.

Nach den Ergebnissen einer kürzlich erhobenen Umfrage des Pew Research Centers in 40 Ländern fallen einige afrikanische Nationen durch ihre konservative Haltung zur Nutzung von Verhütungsmitteln auf. Nigeria, Ghana, Uganda, Kenia und der Senegal zählen darin zu den neun Ländern mit der stärksten Ablehnung von Verhütungsmitteln aus moralischen Gründen.

In Nigeria und Ghana gab jeweils knapp über die Hälfte der Bevölkerung an, Verhütung sei moralisch nicht akzeptabel (54 und 52 Prozent). Unter allen 40 Untersuchungsländern verzeichnet nur Pakistan mit 65 Prozent eine größere Ablehnung.

Kaum akzeptiert
Anteil derer, die Verhütung als moralisch verwerflich ansehen, in Prozent

Länder, in denen die Ansicht, die Nutzung von Verhütungsmittel sei moralisch verwerflich, am stärksten verbreitet ist (Datengrundlage: Pew Research Center, Global Attitudes Survey, Frühjahr 2013)

In anderen Ländern Subsahara-Afrikas sind die moralischen Bedenken zwar geringer, jedoch mit 38 Prozent in Uganda, 33 Prozent in Kenia und 28 Prozent im Senegal immer noch bedeutend. Zum Vergleich: In den USA liegt der Anteil bei 7 Prozent.

In Südafrika, wo mehr Personen an HIV/Aids leiden als anderswo, sind die moralischen Vorbehalte gegenüber Verhütung geringer als sonst in der Region. In der Umfrage äußerten gerade einmal 15 Prozent der Südafrikaner, Verhütung sei moralisch nicht akzeptabel, während zwei Drittel (68 Prozent) das Gegenteil angaben. Laut einer im Jahr 2012 veröffentlichten Studie der britischen Royal Society trug die erhöhte Nutzung von Kondomen als „wichtigster Faktor“ zur Verlangsamung der Verbreitung von HIV bei.

Autor: Michael Lipka / Übersetzung: Ruth Müller

Links/Literatur:

Associated Press (07.04.2014): Pope Presses Anti-AIDS Chastity Strategy in Africa.

amfAR (2014): Statistics. Worldwide.

BBC (18.03.2014): Pope Benedict Says ‘Condoms Can Increase the Problems of Aids’.

Vatikan: Catechism of the Catholic Church.

Der Beitrag erschien am 16. April 2014 im Newsletter Facttank des amerikanischen Pew Research Centers und wurde dem Berlin-Institut freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Die englische Originalversion erreichen Sie hier.

Das Pew Research Center eine unabhängige Denkfabrik, die die Öffentlichkeit über Themen, Einstellungen und Trends in den USA und der Welt informiert. Pew führt Meinungsumfragen, demografische Analysen, Inhaltsanalysen der Medienberichterstattung und andere Sozialerhebungen durch. Das Pew Research Center nimmt keine politischen Positionen ein. Online erreichen sie Pew unter www.pewresearch.org.



Ausgabe 170, 24.04.2014

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