Russland neu gezählt
Das flächenmäßig größte Land der Welt ist auf demografischem Schrumpfkurs. Trotz steigender Kinderzahlen und wachsender Lebenserwartung dürfte Russland mittelfristig stark an Einwohnern verlieren. Das bestätigen die Ergebnisse der jüngsten Volkszählung.
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Russland neu gezählt
Das flächenmäßig größte Land der Welt ist auf demografischem Schrumpfkurs. Trotz steigender Kinderzahlen und wachsender Lebenserwartung dürfte Russland mittelfristig stark an Einwohnern verlieren. Das bestätigen die Ergebnisse der jüngsten Volkszählung.

Mit der Krim-Bevölkerung hat Russland gerade etwa zwei Millionen Einwohner hinzugewonnen. Kurzfristig ist die Bevölkerungszahl damit auf rund 145 Millionen gewachsen. Trotzdem wird Russland künftig wohl eher Einwohner verlieren denn hinzugewinnen. Vor allem die Zahl der Personen im Erwerbsalter droht drastisch zu schrumpfen. Dass es trotz großer Erfolge in den Schlüsselbereichen Nachwuchs und Gesundheit schwierig wird, die Bevölkerung auch nur zu stabilisieren, zeigt das Berlin-Institut in seinem neuen Discussion Paper „Russland neu gezählt. Was die jüngsten Zensusergebnisse über Russlands Bevölkerungsentwicklung verraten“. Dabei bedient sich das Institut erstmals der Ergebnisse der jüngsten russischen Bevölkerungszählung und ordnet auf deren Basis die Folgen der politischen Maßnahmen zur Bewältigung der demografischen Krise seit der Jahrtausendwende ein.

Seit 2007 ist Demografie eines der Schlüsselthemen der russischen Regierung. Damals verabschiedete sie ein Konzept zur Bewältigung der demografischen Probleme bis ins Jahr 2025. Der Plan: Familienfördernde Maßnahmen und verbesserte medizinische Versorgung sollten den Russen den Mut zu Kindern zurückgeben und ihnen ein gesünderes und längeres Leben ermöglichen.

Mangel an Kindern

Tatsächlich ist die jährlich errechnete durchschnittliche Kinderzahl pro Frau zwischen 15 und 49 Jahren, seither kontinuierlich gestiegen – von 1,3 im Jahr 2005 auf beinahe 1,6 im Jahr 2011. Zumindest zum Teil handelt es sich dabei aber um einen statistischen Effekt. Denn um sicher in den Genuss der neuen Maßnahmen wie etwa Gelder fürs zweite Kind zu gelangen, haben viele russische Familien ohnehin geplante Geburten einfach vorgezogen. Gleichzeitig holen viele Frauen das Kinderkriegen heute nach: Während der Phase der politischen und wirtschaftlichen Unsicherheit der 1990er und frühen 2000er Jahre hatten sie ihre Kinderwünsche erst einmal aufgeschoben. Doch auch langfristig könnte sich eine höhere Kinderzahl pro Frau einstellen. Das suggerieren zumindest die Zensusergebnisse. Demnach ist die Zahl der Frauen gesunken, die gar keine Kinder bekommen und auch die Zwei-und-mehr-Kind-Familien sind wieder häufiger geworden. Die Politik scheint also zumindest teilweise Erfolge zu zeigen.

Zweitkind wieder in Mode

Frauen, die sich Anfang der 1990er Jahre mit 35 bis 39 Jahren dem Ende ihrer fertilen Phase näherten, waren selten kinderlos. Und von denjenigen, die Kinder hatten, zog mit 30 Prozent nur eine Minderheit Einzelkinder groß. Der Großteil hatte sich zu zwei Kindern und beinahe jede fünfte Mutter sogar zu noch mehr entschieden. Im Jahr 2002 dagegen hatte mehr als jede zehnte Frau zwischen 35 und 39 Jahren noch überhaupt keinen Nachwuchs. Und nicht nur der Schritt zum Leben mit Kind kostete Überwindung. Auch die Entscheidung zu weiterem Nachwuchs schien den Frauen schwerer zu fallen als ihrer Vorgängergeneration. Beinahe die Hälfte aller Mütter zwischen 35 und 39 Jahren hatte 2002 erst ein Kind zur Welt gebracht. Der russischen Politik ist das ein Dorn im Auge. Sie fördert gezielt den Schritt zum Zweit- und Drittkind. Bisher war diese Strategie durchaus erfolgreich. Die Kinderlosigkeit bei Frauen Ende 30 ist zwischen den letzten beiden Volkszählungen deutlich zurückgegangen und unter den Müttern haben sich mit unter 40 Prozent deutlich weniger Frauen für ein Einzelkind entschieden als zuvor.

Trotzdem werden die niedrigen Geburtenzahlen der 1990er und 2000er Jahre langfristige Folgen haben: Denn viele aufeinanderfolgende Geburtenjahrgänge sind äußerst schwach besetzt und sie werden entsprechend zu ausgedünnten Jahrgängen potenzieller Eltern heranwachsen. Das führt zum sogenannten demografischen Echo: Selbst wenn die Zahl der Kinder pro Frau steigt, bringen die schmalen Elternjahrgänge schmale Nachwuchsjahrgänge hervor. Sie werden es daher kaum schaffen, die Todesfälle in den älteren, stärker besetzten Generationen durch ihren Nachwuchs auszugleichen.

Schlechte Gesundheit

Verfrühte Todesfälle gibt es in Russland bis heute viel zu häufig. Mit einer Lebenserwartung von gerade einmal 64 Jahren werden russische Männer nicht einmal so alt wie ihre Geschlechtsgenossen in Bangladesch (69 Jahre) oder Pakistan (65 Jahre). Beinahe jeder zehnte russische Mann stirbt im Alter zwischen 16 und 59 Jahren, also bevor er das russische Rentenalter erreicht hat. Bei Frauen sieht es etwas besser aus. Sie sterben mit 75 Jahren wesentlich später als russische Männer, gehen aber fünf Jahre früher als sie, nämlich bereits mit 55, in Rente.

Um das zu ändern, haben die Russen begonnen, ihr Gesundheitssystem zu modernisieren – technologisch, organisatorisch und finanziell. Auch in diesem Bereich scheinen sich die politischen Initiativen zu lohnen: Die Russen sterben nicht mehr so häufig vor ihrer Zeit und die mittlere Lebenserwartung ist angestiegen. Dieser Positivtrend hält bereits seit 2004 an und zeigt sich über alle Altersgruppen hinweg.

Das liegt aber nicht alleine an den Modernisierungsmaßnahmen. Denn wegen sinkender Arbeitslosenquoten und höherer Einkommen hat sich das Lebensniveau vieler Russen verbessert. Damit können sie sich nicht nur den Zugang zum Gesundheitssystem leisten, sondern sind auch weniger Lebensrisiken ausgesetzt. Denn vor allem die Perspektivlosigkeit der Nachwendejahre hatte viele in die Alkohol- und Drogensucht getrieben.

Bei allen Erfolgen verliert Russland aber nach wie vor zu viele seiner Einwohner in jungem Alter. Um das zu verhindern, müssten die medizinische Versorgung weiter verbessert und ein gesunder Lebenswandel zur Normalität werden. Dies wäre nicht nur aus Sicht der Betroffenen nötig, sondern auch, um die Arbeitskräfte so lange wie möglich zu sichern.

Zuwanderer gesucht

Um die Folgen niedriger Fertilitätsraten und hoher Sterblichkeit abzufedern, bleibt Russland nur die Zuwanderung. Kaum ein Thema wird in Russland so heiß diskutiert wie Migration. Denn vor allem in den Großstädten Moskau und Sankt Petersburg hat die Zahl der Migranten in den vergangenen beiden Jahrzehnten stark zugenommen. Wie viele es sind, weiß leider auch nach der jüngsten Bevölkerungszählung niemand so genau, denn unter den Migranten sind viele nicht offiziell gemeldet beziehungsweise von den Zählen nicht anzutreffen. Politisch wäre eine dauerhafte Leitlinie der Zuwanderungspolitik dringend notwendig. Doch die hat die politische Führung seit dem Kollaps der Sowjetunion bislang nicht gefunden – auch, weil Einwanderung bei großen Teilen der Bevölkerung auf Ablehnung stößt.

Dabei legen die demografischen Perspektiven einen Zuwanderungsanstieg nahe. Damit der Verlust der Erwerbsbevölkerung auf ein Minimum beschränkt und ab 2024 sogar wieder Gewinne geschrieben werden könnten, müsste laut russischer Statistikbehörde Rosstat der Migrationssaldo bis 2030 kontinuierlich auf 530.000 wachsen. Doch im Durchschnitt der Jahre 2007 bis 2011 kamen im Saldo gerade einmal 240.000 Menschen pro Jahr.

Kaum noch Arbeitskräfte


In Russland schwindet die Erwerbsbevölkerung. Selbst wenn das Land es schaffen würde, die Zahl der Zuwanderer bis 2026 im Saldo auf über eine halbe Million pro Jahr zu steigern (hohe Variante), hielten die Verluste bis Mitte der 2020er Jahre an und würden sie sich dann im Vergleich zu 2014 auf insgesamt über 700.000 belaufen. Bliebe die Zuwanderung auf dem Niveau von 2011 (mittlere Variante) oder ginge sie gar zurück (niedrige Variante), fielen die Verluste noch höher aus. Alle Prognosen nehmen aber an, dass Russland weiterhin große Erfolge bei der Erhöhung von Nachwuchszahlen und Lebenserwartung erzielt. Bleiben diese aber aus, wird die Erwerbsbevölkerung noch stärker schrumpfen.

2012 hat die russische Regierung ein neues migrationspolitisches Konzept verabschiedet, das bis 2025 die Prinzipien der Zuwanderungspolitik regeln soll. Das Konzept erklärt Russland erstmalig offiziell zum Einwanderungsland und zielt darauf ab, die Nachfrage nach Arbeitskräften vor allem durch qualifizierte Zuwanderer zu decken. Dafür wären wohl große Anstrengungen notwendig, denn die meisten heutigen Migranten sind ungelernt.

Schlechte Aussichten

Die demografische Entwicklung wird somit auch wirtschaftliche Folgen nach sich ziehen. In einer Umfrage der Unternehmensberatung Ernst & Young geben zwei Drittel von über 200 internationalen Entscheidungsträgern an, dass Russland nur dann zu einem attraktiveren Investitionsstandort werden kann, wenn sich die demografische Lage bessert und keine Engpässe in der Versorgung mit Fachkräften entstehen. Dazu aber reichen die Fortschritte der vergangenen Jahre kaum aus. Weil viele Russen bald aus dem Erwerbsalter heraus- und ins Rentenalter hineinwachsen, und die Nachwuchsjahrgänge der 1990er Jahre nur schwach besetzt sind, wird die Bevölkerung im Erwerbsalter künftig weiter schrumpfen. Das gilt auch für ein Russland mit einer Krim-Bevölkerung.

Das vollständige Discussion Paper „Russland neu gezählt. Was die jüngsten Zensusergebnisse über Russlands Bevölkerungsentwicklung verraten“ steht Ihnen gratis als Download zur Verfügung.

Quellen:
Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2011): Die schrumpfende Weltmacht. Die demografische Zukunft Russlands und der anderen post-sowjetischen Staaten. Berlin.

Ernst & Young (2013): Ernst & Young's attractiveness survey Russia 2013. Shaping Russia's future.

Federalnaja sluschba gossudarstwennoi statistiki (2012): Demografitscheski jeschegodnik Rossii. 2012 god. Moskau.

Migration Policy Centre (2013): MPC Migration Profile Russia.

OECD (2012): Russian Federation 2012. OECD Reviews of Health Systems. Paris.

President Rossisskoi Federazii (13.06.2012): President utwerdil Konzepziju gossudarstwennoi migrazionnoi politiki Rossiskoi Federazii na period do 2025 goda.

Weltbank (2013): World DataBank. World Development Indicators.



Ausgabe 174, 24.06.2014

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