Afrika am Scheideweg
Die demografische Entwicklung kann für die armen Länder südlich der Sahara Fluch oder Segen sein. Wie es weitergeht, entscheiden die verantwortlichen Politiker.
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Hoffnungsschimmer in Äthiopien
Eines der ärmsten Länder Afrikas liegt gut auf Kurs. Hintergrund sind Regierungsprogramme für Familienplanung, Gesundheit und Bildung. Doch erst wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, hat das Land eine Chance, aus seiner jungen Bevölkerung volkswirtschaftliches Kapital zu schlagen.
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Afrika am Scheideweg
Die demografische Entwicklung kann für die armen Länder südlich der Sahara Fluch oder Segen sein. Wie es weitergeht, entscheiden die verantwortlichen Politiker.

Seit dem Jahr 1970 hat sich die Weltbevölkerung fast verdoppelt – von knapp 3,7 Milliarden auf nunmehr über 7 Milliarden Menschen. Bis 2050 dürften es nach Projektionen der Vereinten Nationen mindestens 9 Milliarden sein. Erst danach wäre eine Umkehr des Wachstums überhaupt denkbar. Der größte Teil des Bevölkerungswachstums findet in den Entwicklungsländern statt. Vor allem in den Ländern südlich der Sahara wird sich die Einwohnerschaft bis zur Mitte des Jahrhunderts verdoppeln, in einigen sogar verdreifachen. Die hohen Bevölkerungszahlen stellen für diese Region eine enorme Herausforderung dar, denn immer mehr Menschen konkurrieren um knappe Ressourcen wie Ackerland, Nahrung, Wasser, aber auch um Bildung, Gesundheitsversorgung und vor allem um Arbeitsplätze.

Aufstieg möglich?

Dennoch sehen viele Experten gerade in der demografischen Entwicklung der Region eine enorme Chance, denn durch sie kann ein sogenannter demografische Bonus entstehen. Dieser bildet sich heraus, wenn die Geburtenraten sinken und die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter schneller wächst als die Gesamtbevölkerung. Viele Erwerbsfähige stehen dann relativ wenigen jungen oder alten abhängigen Menschen gegenüber. Der demografische Bonus hat in den 1980er Jahren zusammen mit Verbesserungen in den Bereichen Bildung und Arbeitsmarkt zum enormen Wirtschaftswachstum der asiatischen Tigerstaaten geführt. Diese Entwicklungsphase steht theoretisch auch den Ländern Subsahara-Afrikas offen. Manche Beobachter sehen ihn schon in vollem Gange: So wuchs das Bruttoinlandsprodukt der Region 2013 um 5 Prozent, global dagegen nur um 3 Prozent. Für 2014 und 2015 ist sogar ein Wachstum von rund 6 Prozent prognostiziert. Die Zahl der Konsumenten wächst und der Kontinent scheint sich auf ein längerfristiges Wirtschaftswachstum einzustellen.

Auf den Spuren der Tiger?

Noch Mitte des 20. Jahrhunderts ähnelte die demografische wie auch die wirtschaftliche Situation der meisten Länder südlich der Sahara derjenigen in Südkorea. Doch durch massive Investitionen in das Gesundheitssystem und Bildung sowie durch Familienplanungsprogramme sind die Fertilitätsraten in dem ostasiatischen Land rasant gesunken. Dadurch entstand eine günstige Altersstruktur mit vielen erwerbsfähigen Menschen und wenigen Jungen oder Alten. Diese verhalf Südkorea zu seinem enormen wirtschaftlichen Aufschwung. In Subsahara-Afrika dagegen hat der demografische Wandel hin zu einer deutlich steigenden Lebenserwartung und niedrigen Fertilitätsraten noch gar nicht richtig eingesetzt.
(Datengrundlage: United Nations Population Division)


Zu früh gefreut?

Doch trotz der vielen positiven Meldungen aus der Region zeigen demografische Untersuchungen, dass nur wenige der 41 Staaten südlich der Sahara tatsächlich in der Lage sind, in naher Zukunft einen demografischen Bonus zu erreichen. Das liegt zum einen daran, dass in diesen Ländern noch immer sehr viele Kinder geboren werden. Die durchschnittliche Fertilitätsrate liegt in Subsahara-Afrika bei rund 5 Geburten pro Frau, in Ländern wie Somalia, Mali oder Niger sogar bei etwa 7. In der Folge ist fast die Hälfte der Bevölkerung unter 15 Jahre alt. Auf eine Person im erwerbsfähigen Alter kommt damit nahezu eine Person, die versorgt werden muss. Im kinderarmen Europa liegt das Verhältnis etwa bei 2:1.

Doch selbst wenn es den afrikanischen Ländern langfristig gelänge, den demografischen Bonus zu erreichen, wäre ein wirtschaftlicher Aufschwung wie in Singapur, Südkorea oder China nicht programmiert. Denn um die günstige Altersstruktur auch wirklich zu nutzen, also den Bonus in eine so genannte demografische Dividende zu verwandeln, müssten möglichst viele Menschen eine Ausbildung und einen Job erhalten. Erst dann ist ein volkswirtschaftlicher Gewinn möglich. Zwar wächst das Bildungsniveau in der Bevölkerung Subsahara-Afrikas kontinuierlich, doch nur die wenigsten finden eine angemessene Beschäftigung. Zwischen 2010 und 2020 wird die Zahl der potenziellen Arbeitskräfte der Region um 120 Millionen Menschen anwachsen. 2050 wird rund eine Milliarde Menschen im erwerbsfähigen Alter südlich der Sahara leben - mehr als in Indien oder China. Doch schon heute können die Arbeitsmärkte die wachsende Schar an Arbeitskräften nicht aufnehmen. Das trifft vor allem junge Menschen. Nur 25 Prozent der Männer und 10 Prozent der Frauen verfügen vor ihrem 30sten Lebensjahr über einen Job im formalen Sektor. Der Rest muss sich meist lebenslang mit Gelegenheitsjobs in den Städten oder in der Landwirtschaft zufrieden geben. Wenn es bei diesen Zahlen bleibt und gleichzeitig die Bevölkerung zunimmt, wächst die Zahl junger Afrikaner ohne Perspektiven Jahr für Jahr bedrohlich an. Damit steigt das Risiko sozialer Unruhen oder sogar von Kriegen und Konflikten. Die demografische Entwicklung könnte damit zu einem Fluch für die Region werden. Jüngste Ereignisse in Mali, der Zentralafrikanischen Republik und Nigeria weisen in diese Richtung.

Chancen ergreifen

Damit Afrika eine echte Chance auf eine demografische Dividende bekommt, müssen die Fertilitätsraten dringend weiter sinken. Dazu müssten die Staaten nicht nur ihre Gesundheitsversorgung verbessern, sondern auch Schulen bauen und Lehrer ausbilden, um vor allem Mädchen und Frauen einen Schulbesuch zu ermöglichen. Sobald Frauen eine Sekundarbildung erreichen, haben sie andere Möglichkeiten ihr Leben zu gestalten und entscheiden sich im Mittel für deutlich weniger Kinder. Genauso wichtig wie die Bildung sind dann aber die Arbeitsplätze, denn nur so erhalten junge Menschen eine Perspektive und eine Chance zur Teilhabe an der Gesellschaft. Sollten die Länder südlich der Sahara derartige Maßnahmen erfolgreich umsetzen, könnten sie tatsächlich den asiatischen Tigerstaaten nachfolgen und die demografische Entwicklung damit zum Segen werden.

Quellen:

United Nations Population Division: World Population Prospects: The 2012 Revision.

AfDB, OECD, UNDP (2014): African Economic Outlook 2014.

McKinsey & Company (2012): Africa at work: Job creation and inclusive growth.

African Development Bank: African Economic Outlook 2012. Special Theme: Promoting Youth Employment.

 

Hoffnungsschimmer in Äthiopien
Eines der ärmsten Länder Afrikas liegt gut auf Kurs. Hintergrund sind Regierungsprogramme für Familienplanung, Gesundheit und Bildung. Doch erst wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, hat das Land eine Chance, aus seiner jungen Bevölkerung volkswirtschaftliches Kapital zu schlagen.

Die Entwicklungschancen vieler Länder südlich der Sahara sind heute so gut wie niemals zuvor. Das zeigen Länder wie Äthiopien, das hierzulande eher wegen immer wiederkehrender Hungerkatastrophen und kriegerischer Auseinandersetzungen in den Schlagzeilen war. Doch in den vergangenen Jahren hat sich die Lage dort deutlich verbessert. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist zwischen 2004 und 2013 pro Jahr durchschnittlich um elf Prozent gestiegen. Das Pro-Kopf-Einkommen hat sich im gleichen Zeitraum etwa verdreifacht. Damit liegt es zwar bei gerade einmal bei 470 US-Dollar im Jahr und damit weit unterhalb des Durchschnitts der Region von 1.630 US-Dollar. Doch die äthiopischen Fortschritte sind beachtlich und es besteht Grund zur Hoffnung auf eine weitere Verbesserung der Lage. Darauf weisen zumindest die demografischen Indikatoren hin.

Denn gleichzeitig mit der wirtschaftlichen Trendwende scheint Äthiopien seine demografische Transformation eingeleitet zu haben: Noch Mitte der 1990er Jahre lag die Fertilitätsrate des Landes bei über 7 Kindern pro Frau; heute bekommen Äthiopierinnen im Durchschnitt etwa 5 Kinder. Gleichzeitig stieg die Lebenserwartung. Noch in den 1990ern konnte ein Mann nur mit 48 Lebensjahren rechnen und eine Frau mit 51. Im Jahr 2012 lag die Lebenserwartung bei Männern bereits bei 61 und bei Frauen bei 65 Jahren. Gemeinsam könnten diese Trends dazu führen, dass sich langfristig ein demografischer Bonus herausbildet.

Positive Effekte auf die Altersstruktur zeigen sich bereits heute. Im Jahr 2000 kamen auf 100 erwerbsfähige Personen 99 Personen außerhalb des Erwerbsalters, letztere waren vor allem Kinder. Schon 2013 lag dieses Verhältnis nur noch bei 100 zu 86 und nach Projektionen der Vereinten Nationen könnte es bis 2030 bereits auf 100 zu 62 fallen. Bei weiter steigender Wirtschaftskraft stünden also vor allem für die Kinder zunehmend mehr finanzielle Mittel zur Verfügung, die idealerweise im Gesundheits- und Bildungsbereich zu investieren wären.

Dem Bonus nahe

Vor allem, weil die Äthiopierinnen heute weniger Kinder bekommen als ihre Mütter, sinkt die Abhängigkeitsrate kontinuierlich. Damit könnte das Land schon ab 2025 einen demografischen Bonus erreichen. Dieser tritt ein, wenn das Verhältnis von Abhängigen zur Erwerbsbevölkerung bei etwa 66 zu 100 steht. Allerdings gehen diese Berechnungen davon aus, dass die Fertilitätsrate im gleichen Zeitraum auf etwa drei Kinder pro Frau fällt. Um diesen Wert zu erreichen, muss Äthiopien seine Anstrengungen in den Bereichen Gesundheit, Familienplanung und Bildung weiter ausdehnen.
(Datengrundlage: United Nations Population Division)


Doch der demografische Übergang ist kein Selbstläufer. Bisher hat Äthiopien ihn lediglich angestoßen – vor allem durch die Einführung einer expliziten Bevölkerungspolitik im Jahr 1993. Das damals entwickelte politische Programm gab nicht nur eine strategische Richtung vor, sondern war von Anfang an als sektorenübergreifender Ansatz geplant. Mit Erfolg hat die Regierung nicht nur das Gesundheitssystem verbessert, Krankenschwestern und Hebammen ausgebildet, sondern auch die Gleichstellung von Frauen und Männern gefördert – insbesondere den Schulbesuch von Mädchen in den ländlichen Gebieten. All diese Investitionen wirken sich erwiesenermaßen auf einen Rückgang der Kinderzahlen und positiv auf die wirtschaftliche Entwicklung aus. Um wirklich von dem demografischen Bonus zu profitieren, muss die Politik an erfolgreichen Strategien festhalten und weitere notwendige Schritte einleiten. Besonders wichtig sind dabei eine weiterführende Bildung sowie Wirtschaftsreformen, damit Jobs im Mittelstand entstehen können.

Stagniert das Land hingegen auch nur für einige Jahre, könnte die demografische Lage trotz aller Fortschritte zu großen Problemen führen. Denn noch wächst die Bevölkerung und wird sich selbst bei optimistischer Vorausberechnung bis 2050 mehr als verdoppeln. Heute stellt Äthiopien mit 94 Millionen Menschen die zweitgrößte Bevölkerung des Kontinents nach Nigeria (173 Millionen). Gelingt es, den vielen jungen Menschen einen Platz in der Gesellschaft zu geben, wäre der Weg frei für Äthiopien als neuer afrikanischer Aufsteiger.

Quellen:

UN Population Division: World Population Prospects: The 2012 Revision.



Ausgabe 175, 07.07.2014

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