Ständig in Bewegung
Der anhaltende demografische Wandel führt nicht nur dazu, dass die Bevölkerung in Deutschland bis 2060 voraussichtlich auf etwa 65 bis 70 Millionen Menschen schrumpft, sondern auch dazu, dass sich innerhalb Deutschlands die Disparitäten verschärfen. Die bereits seit einigen Jahren zu beobachtende Land-Flucht wird sich in Zukunft aller Wahrscheinlichkeit nach zuspitzen. Großstädte wie Berlin, Hamburg und München werden weiter wachsen, ländlich geprägte Räume wie Mecklenburg-Vorpommern unweigerlich schrumpfen. Eine Trendwende ist nicht in Sicht.
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Die Neuerfindung von Japan
Japans demografische und wirtschaftliche Entwicklung ist in eine Sackgasse geraten. Der Wirtschaftsjournalist Pilling glaubt an den Befreiungsschlag.
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Ständig in Bewegung
Der anhaltende demografische Wandel führt nicht nur dazu, dass die Bevölkerung in Deutschland bis 2060 voraussichtlich auf etwa 65 bis 70 Millionen Menschen schrumpft, sondern auch dazu, dass sich innerhalb Deutschlands die Disparitäten verschärfen. Die bereits seit einigen Jahren zu beobachtende Land-Flucht wird sich in Zukunft aller Wahrscheinlichkeit nach zuspitzen. Großstädte wie Berlin, Hamburg und München werden weiter wachsen, ländlich geprägte Räume wie Mecklenburg-Vorpommern unweigerlich schrumpfen. Eine Trendwende ist nicht in Sicht.

Der allgemeine Bevölkerungsrückgang führt nicht dazu, dass die Menschen weniger mobil sein wollen. Im Gegenteil: In den prosperierenden Großstädten wird das Verkehrsaufkommen mit Sicherheit zunehmen. Speziell der Pendelverkehr zwischen dem stark wachsenden Umland und den Metropolen dürfte die Verkehrsdichte erhöhen. In den ländlichen Räumen wiederum wird die Nahversorgung schwieriger aufrechtzuerhalten sein. Die Folge: Für Einkäufe oder Arztbesuche müssen Menschen auf dem Land weite Strecken zurücklegen. Nach der Verkehrsverflechtungsprognose 2030 des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur wird der PKW-Bestand in Deutschland ansteigen – insbesondere in Ballungsräumen und deren Speckgürteln. Stimmt die Vorhersage, wird sich die Verkehrsleistung, die wichtigste Kenngröße zur Bestimmung des Verkehrsaufkommens, zwischen 2010 und 2030 von jährlich insgesamt 1.184 Milliarden Personenkilometern auf 1.329 Milliarden erhöhen. Das wäre ein Anstieg um gut zwölf Prozent.

Land-Flucht schreitet weiter voran

Bis zum Jahr 2025 zeichnet sich eine sehr ungleichmäßige Bevölkerungsentwicklung in Deutschland ab. Am stärksten nimmt die Einwohnerzahl in ländlichen Räumen Ostdeutschlands und in altindustriellen Gebieten wie dem Ruhrgebiet oder dem Saarland ab. Gleichzeitig wächst die Bevölkerung in einigen Städten Süd- und Westdeutschlands. Dabei profitieren Umlandregionen wie das Rhein-Main-Gebiet oder der Großraum München besonders stark vom Bevölkerungswachstum.
(Datengrundlage: Statistisches Bundesamt, Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung; Statistisches Landesamt Mecklenburg-Vorpommern)


Eine weitere Herausforderung ist die Altersstruktur der Bevölkerung. Der Anteil der Menschen über 65 Jahre wird im Jahr 2050 rund 33 Prozent betragen. Im Jahr 2008 waren es noch 20 Prozent. Die geburtenstarken Jahrgänge der sogenannten Babyboomer, die nach dem 2. Weltkrieg zur Welt gekommen sind, gehen nämlich demnächst in den Ruhestand und werden voraussichtlich ein höheres Alter erreichen und dabei aktiver und gesünder sein als jede Generation vor ihnen. Mobilität wird wird für sie deshalb ein zentrales Alltagsbedürfnis sein, denn sie ermöglicht den Weg zum Supermarkt, zum Arzt oder ins Kino.

Wir werden also älter und weniger, aber nicht weniger unterwegs sein. Städte, Kommunen und Gemeinden sind daher gezwungen, neue Verkehrskonzepte zu entwickeln.

Unmittelbar, unbürokratisch, ressourcenschonend

Mobilitätskonzepte zur Befriedigung individueller Mobilitätsbedürfnisse haben Hochkonjunktur. Politik, Wirtschaft und Wissenschaft preisen etwa das „Carsharing“ an, bei dem Kunden ohne bürokratischen Hürden Fahrzeuge spontan für Kurzstrecken anmieten oder auch die „Intermodalität“, die eine Nutzung verschiedener Transportmittel wie etwa Bus und Mietfahrrad miteinander verknüpft. Bei allen Angeboten versprechen sich Verkehrsplaner besonders von elektrisch oder teilweise elektrisch angetriebenen Fahrzeugen großes Potenzial. Denn der Umstieg auf Elektromobilität könnte einen Paradigmenwechsel hin zu einer nachhaltigen und dabei hochmobilen Gesellschaft ermöglichen.

Die Bundesregierung hat im Jahr 2009 das Förderprogramm Elektromobilität verabschiedet. Erklärtes Ziel ist die „klimafreundliche und nachhaltige Umgestaltung der Mobilität“, wie das Beratungsgremium Nationale Plattform Elektromobilität ausführt. Dieses hat acht Modellregionen ausgewählt, die sowohl ländliche Räume als auch Ballungsgebiete abdecken. Das Ziel dahinter: Elektrisch betriebene Fahrzeuge wie Elektroautos, Elektrobusse oder elektrisch betriebene Fahrräder, also Pedelecs und E-Bikes, ergänzen die bereits vorhandenen Angebote und realisieren alternative Mobilitätsformen. Je nach Modellregion fallen die Projekte sehr unterschiedlich aus:

Im ländlichen Raum Mecklenburg-Vorpommerns zum Beispiel kombiniert das Modellprojekt „inmod Elektromobilität auf dem Land“ Elektrofahrräder mit öffentlichen Verkehrsmitteln. So können körperlich eingeschränkte Personen den Nahverkehr unkompliziert erreichen oder sie haben mit dem Elektrofahrrad sogar eine gänzliche Alternative zu PKW, Bus oder Bahn.

Intermodalität im ländlichen Raum von Mecklenburg-Vorpommern

Das Modellprojekt inmod zeigt in vier Regionen Mecklenburg-Vorpommerns, wie ländliche Mobilität umweltfreundlich gesichert werden kann: In insgesamt 30 Dörfern und entlang der Hauptlinie des Busverkehrs stehen Elektrofahrräder und entsprechende Ladeinfrastrukturen bereit. So können Personen, die an einem nicht vom Bus angebunden Ort leben mit dem Fahrrad zu den Bushaltestellen gelangen. (Quelle: Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung)

In den städtischen Modellregionen Berlin und München boomt dagegen das Carsharing. Gleichzeitig ermöglichen die Städte öffentliche Leihangebote für Elektro-Fahrräder. Damit rüsten sie sich auch für eine alternde Gesellschaft. Denn bereits ohne Elektroantrieb ist das Fahrrad besonders bei älteren Menschen sehr beliebt. Mit elf Prozent liegt der Radverkehrsanteil unter allen genutzten Verkehrsmitteln in der Altersgruppe zwischen 60 und 74 Jahren über dem gesamtgesellschaftlichen Durchschnitt.

Bauen Städte und Gemeinden die Infrastruktur für Elektromobilität weiter aus, profitieren davon nicht nur die Bürger. Die Attraktivität einer Region und damit ihre Zukunftsfähigkeit hängen unmittelbar davon ab, ob sie umweltbewusste und ausreichende Mobilitätsangebote präsentieren können. In Zeiten des Klimawandels und zunehmender Ressourcenknappheit werden nachhaltige Mobilitätskonzepte wie Elektromobilität deshalb mehr denn je gefragt sein.

Weitere Informationen rund um Infrastrukturlösungen im demografischen Wandel finden Sie in unserer Studie Vielfalt statt Gleichwertigkeit. Was Bevölkerungsrückgang für die Versorgung ländlicher Regionen bedeutet.

Quellen
Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2011): Die demografische Lage der Nation. Was freiwilliges Engagement für die Region leistet. Berlin.

Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2013): Vielfalt statt Gleichwertigkeit. Was Bevölkerungsrückgang für die Versorgung ländlicher Regionen bedeutet. Berlin.

Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (2014): Verkehrsverflechtungsprognose 2030. Berlin.

Deutsches Institut für Urbanistik (2011): Die Alterung der Gesellschaft und das Fahrrad. Berlin.

Deutsches Institut für Urbanistik (2013): Nicht weniger unterwegs, sondern intelligenter? Berlin.

Fraunhofer Institut IAO (2012): Strategien von Städten zur Elektromobilität. Städte als Katalysatoren auf dem Weg zur Mobilität der Zukunft. Stuttgart.

Nationale Plattform Elektromobilität (2012): Zweiter Bericht der Nationalen Plattform Elektromobilität. Berlin.

Statistisches Bundesamt (2009): Bevölkerung Deutschlands bis 2060. 12. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung. Wiesbaden.

Statistisches Landesamt Mecklenburg-Vorpommern (2013): Bevölkerungsentwicklung des Landes sowie der kreisfreien Städte und Landkreise (Prognose) nach Altersgruppen. Schwerin.

 

Die Neuerfindung von Japan
Japans demografische und wirtschaftliche Entwicklung ist in eine Sackgasse geraten. Der Wirtschaftsjournalist Pilling glaubt an den Befreiungsschlag.

Japan befindet sich inmitten eines sozio-ökonomischen Großversuchs. Kein Land der Welt hat eine ältere Bevölkerung und die Nachwuchszahlen sind so niedrig, dass die Nation in den kommenden Jahren mehr Einwohner verlieren wird als jede andere Nation. Zusätzlich steckt Japans Wirtschaft seit fast 25 Jahren in einer Dauerkrise. Dummerweise existieren weltweit keine Erfahrungen mit solchen Veränderungen, denn in der Vergangenheit hat stets das Wachstum die Entwicklung der Industrienationen geprägt. Insofern ist der japanische Großversuch ein Lehrbeispiel für viele andere Länder, die einen ähnlichen Weg in die demografische und ökonomische Zukunft nehmen.

Angesichts der heiklen Lage Japans gibt es wenige Kommentatoren, die dem Land eine rosige Zukunft vorhersagen. Der Ostasienkenner David Pilling, lange Jahre Korrespondent der Financial Times in Tokio und bekennender Japan-Fan, ist da eine Ausnahme. Er meint, Japan sei deutlich besser als sein Ruf. In seinem Buch „Japan – eine Wirtschaftsmacht erfindet sich neu“ beschreibt er zwar klar und nüchtern die offensichtlichen Probleme des Landes, von der Abschottungsmentalität, über die Unfähigkeit, Fremde zu integrieren bis hin zu der selbstmörderischen Schuldenpolitik, er zeigt sich aber immer wieder beeindruckt von dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und der Widerstandskraft der Menschen. Und von deren versteckten Qualitäten, die einem Ausländer oft als Marotten vorkommen, aber in Wirklichkeit das Selbstverständnis des Inselvolkes beschreiben: Von der detailverliebten Zubereitung in der japanischen Küche, von der gemeinschaftlichen Morgengymnastik in den Industriebetrieben oder von den Angestellten in weißen Handschuhen, die jeden einfahrenden U-Bahnzug an jeder Haltestelle begrüßen. Ein so eigenwilliges Volk hat immer schon schockierende Ereignisse wie Taifune, Erdbeben, Tsunamis oder technische Katastrophen mit großer Gelassenheit weggesteckt. Deshalb werde es auch die heutigen Krisen meistern, so das Credo des Autors.

Tatsächlich sind die Probleme Japans immens: Die Einwohnerschaft könnte sich nach den Angaben des japanischen Nationalen Instituts für Bevölkerung und soziale Sicherheitsforschung bis ins Jahr 2100 um zwei Drittel reduzieren. Die Alterung der Gesellschaft schreitet rapide voran und bis 2050 dürfte ein Viertel der Bewohner über 75 Jahre alt sein. Die Wirtschaft wächst seit einem Viertel Jahrhundert praktisch nicht mehr. Die Steuereinnahmen des Staates haben sich seither halbiert und der Wohlstand lässt sich nur durch eine immense Staatsverschuldung aufrechterhalten.

David Pilling erzählt Aufstieg und Fall Japans und hat das Buch mit vielen Anekdoten und unzähligen Gesprächen geschmückt, die ein guter Journalist nun einmal beruflich aufsaugt und auch wieder loswerden will. Als Wirtschaftsjournalist gelingt es ihm hervorragend, die ökonomische Lage bildhaft zu vermitteln. Wenn er etwa beschreibt, wie er in seiner angemieteten Wohnung in Tokio 10.000 vergessene Yen im Eisfach des Kühlschrankes entdeckt und erklärt, dass diese „Anlageform“ einträglicher sei als die Anlage in japanischen Aktien oder auf dem Sparkonto. Denn dort hätte es zum Teil massiv an Wert verloren, während es im Gefrierfach wegen der Deflation immerhin um zwölf Prozent an Wert gewonnen hat.

Die Schilderungen ermöglichen dem Leser einen guten Einblick in die japanische Mentalität, in den wirtschaftlichen Alltag und die Zukunftsoptionen des Landes. Aber ob der positive Ausblick, der im Titel des Buches anklingt, gerechtfertigt ist, wird auch nach der Lektüre nicht ganz klar. Der Brechstangen-Reformpolitik des heutigen Präsidenten Shinz? Abe jedenfalls traut Pilling auch nicht so recht über den Weg. Denn ob dessen Mischung aus hochaggressiver Geldpolitik, schuldenfinanzierten Konjunkturpaketen und halbherzigen Strukturreformen mehr Erfolg haben wird als die seiner erfolglosen Vorgänger, steht in den Sternen.

David Pilling zitiert stattdessen japanische Experten wie den Literaturprofessor Norihiro Kato, der glaubt, dass Japan einen ganz anderen Weg gehen wird: Schließlich scheint es den Japanern trotz langjähriger Wirtschaftskrise gar nicht so schlecht zu gehen: Sie leben länger als sonstwo auf Erden, haben ein günstiges Gesundheitssystem, arbeiten viel länger als sie müssten, liefern nach wie vor technische Spitzenprodukte, kennen kaum Kriminalität und halten als Gesellschaft enorm zusammen. Pilling vermutet, dass sich Leute wie Kato längst damit abgefunden haben, dass das Wachstum auf einem endlichen Planeten auch mal ein Ende hat. Dass die Japaner problemlos auch mit weniger leben können und sich deshalb vor einem vermeintlichen Abstieg gar nicht fürchten. Das jedenfalls wäre eine interessante Variante vom Ende des Wachstums.

Rezension von Reiner Klingholz, Nachdruck unter Quellenangabe (Reiner Klingholz / Berlin-Institut) erlaubt.

Japan. Eine Wirtschaftsmacht erfindet sich neu. Hanser. München 2013. 408 Seiten. 24,90 Euro.



Ausgabe 176, 06.08.2014

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