Krise an Europas Südgrenze. Welche Faktoren steuern die Migration über das Mittelmeer?
Ein neues Diskussionspapier des Berlin-Instituts analysiert die Wanderungsströme von heute und morgen.
weiterlesen

Vergessene Lebensretter
Mangelnder Zugang zu reproduktiven Gesundheitsdienstleistungen gilt in Fluchtsituationen oft als Luxusproblem – obwohl diese dazu beitragen, Leben zu retten.
weiterlesen

Krise an Europas Südgrenze. Welche Faktoren steuern die Migration über das Mittelmeer?
Ein neues Diskussionspapier des Berlin-Instituts analysiert die Wanderungsströme von heute und morgen.

Fast im Wochentakt erreichen neue Rekordzahlen von Flüchtlingen und Asylbewerbern in Deutschland und der EU die Öffentlichkeit. Mehrere tausend Menschen sind auf ihrer riskanten Passage über das Mittelmeer allein in diesem Jahr zu Tode gekommen. Weltweit waren Ende 2013 rund 52 Millionen Menschen auf der Flucht, mehr als in all den Jahren zuvor nach dem Zweiten Weltkrieg.

Diese Ereignisse lenken den Blick auf die demografische Entwicklung der Staaten südlich und östlich des Mittelmeers, auf Afrika und den Nahen Osten. Denn dort wächst – anders als in Europa – die Zahl der Menschen noch sehr stark. Doch ist dieses Bevölkerungswachstum der Hauptgrund für die steigenden Migrationszahlen? Oder spielen politische Krisen, Jobmangel und Entwicklungsrückstand eine wichtigere Rolle?

Viele junge Menschen – wenige Chancen

Heute leben in den Staaten, die als Quellorte für die Migration über das Mittelmeer in Frage kommen, in Nord-, West-, Zentral- und Ostafrika sowie im Nahen Osten rund 1,3 Milliarden Menschen. Bis 2050 dürfte sich deren Zahl auf 2,7 Milliarden mehr als verdoppeln. Dann werden sechs Länder Afrikas die 100-Millionen-Einwohner-Grenze überschritten haben: Ägypten, Äthiopien, Tansania, Uganda und die Demokratische Republik Kongo. Nigeria dürfte bis zu diesem Zeitpunkt bereits auf 440 Millionen Einwohner kommen.

Mehr als ein Aufholprozess

In direkter Nachbarschaft zu Europa liegen die Weltregionen mit dem stärksten Bevölkerungswachstum. Sie hatten zum Ende der Kolonialzeit nicht einmal halb so viele Einwohner wie Europa, dürften aber bis 2050 mehr als dreieinhalb Mal so viele haben. Aller Voraussicht nach werden die Unterschiede auch danach noch größer werden.

Theoretisch bedeuten viele junge Menschen ein großes wirtschaftliches Potenzial, denn sie alle könnten am wirtschaftlichen Aufstieg ihrer Länder mitarbeiten. Praktisch aber finden in diesen Regionen schon heute vor allem die jungen Menschen kaum eine Beschäftigung. Und jedes Jahr drängen weitere 10 bis 12 Millionen neue Kräfte auf den Arbeitsmarkt. Bis 2050 ist in Afrika und dem Nahen Osten ein Anstieg der Zahl der Personen im Erwerbsalter zwischen 15 und 64 Jahren von heute 770 Millionen auf dann 1,7 Milliarden zu erwarten. Ein besonderes Problem dabei: Finden die jungen Erwachsenen keinen adäquaten Platz in der Gesellschaft, können sie zur Häufung bewaffneter Konflikte beitragen.

Steigende Migrantenzahlen

Schon daran wird deutlich, dass Bevölkerungswachstum in Afrika und dem Nahen Osten nicht der alleinige Grund für einen wachsenden Migrationsdruck auf die EU ist. Derzeit sind es vor allem politische Konflikte und Bürgerkriege, die für steigende Zahlen von Flüchtlingen aus diesen Regionen sorgen. So hat sich die Zahl der nach Deutschland zugewanderten Afrikaner von 2012 auf 2013 um 125 Prozent mehr als verdoppelt. Noch stärker war der Zuwachs aus Syrien. Für 2014 ist abermals eine Verdopplung zu erwarten. Weil nur ein geringer Teil dieser Zuwanderer im Rahmen einer geregelten Migration nach Deutschland und in andere EU-Länder kommt, steigen derzeit auch die Zahlen der irregulären Zuwanderer, der Flüchtlinge und Asylbewerber. Sie dürften bald das Niveau der Zeit nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erreichen, als Hunderttausende von Jugoslawien-Flüchtlingen nach Westen strömten.

Im Spiegelbild der Krisen

Wie stark Krisen in Afrika und dem Nahen Osten den Migrationsdruck auf Europa beeinflussen, ist am Anstieg der Asylverfahren innerhalb nur eines Jahres sichtbar. Asylbewerber zieht es dabei vor allem in Staaten mit guter Wirtschaftslage wie Deutschland und in Länder, in denen sie eine hohe Anerkennungsquote erwarten können – etwa Schweden. Weil für Griechenland
beides nicht zutrifft und weil es dort praktisch keine funktionierenden Asylverfahren gibt, sinken dort die Asylbewerberzahlen, obwohl das Land an der Außengrenze der EU liegt.


Für die Zukunft ist ein weiterer Zuwachs zu erwarten. Das liegt nicht nur an der Bevölkerungsentwicklung, sondern auch an dem hohen Wirtschafts-, Sicherheits- und Entwicklungsgefälle zwischen Europa und den Staaten südlich des Mittelmeers. Rund 60 Prozent aller Afrikaner leben von weniger als zwei US-Dollar am Tag. Selbst die ärmsten EU-Staaten Bulgarien und Rumänien erwirtschaften pro Kopf ein achtmal so hohes Bruttoinlandsprodukt wie etwa Senegal. In Afrika und dem Nahen Osten finden sich zudem die meisten Autokratien, fragilen, gescheiterten und zerfallenden Staaten, in denen sich soziale und politische Unruhen häufen. Und selbst ein wirtschaftlicher Aufschwung könnte den Migrationsdruck weiter erhöhen, denn dieser würde mehr Menschen mit den finanziellen Mitteln ausstatten, die für eine Auswanderung nötig sind.

Außenpolitische Herausforderungen

Aber wie sollten Deutschland und die EU auf diese Entwicklungen reagieren? Viele der ursächlichen Probleme, die zu dem wachsenden Migrationsdruck führen, lassen sich mittelfristig nicht lösen. Deshalb brauchen die EU-Staaten ein strategisches Konzept der Zuwanderungs-, Asyl-und Entwicklungspolitik, das erstens den wachsenden Bedarf der Arbeitsmärkte deckt, zweitens auf Krisen und neue, heute nicht absehbare Entwicklungen möglichst flexibel reagieren kann und drittens die Perspektiven des Nahen Ostens und Afrikas für eine Entwicklung aus eigener Kraft verbessert.

Bei dieser Strategie ist besonders zu beachten:

Die EU braucht eine einheitliche Asylpolitik und einen fairen Schlüssel für die Aufteilung der Asylbewerber auf die Mitgliedsstaaten. Während eines laufenden Asylverfahrens sollte den Bewerbern zudem die Aufnahme einer Arbeit erleichtert werden.

Zur Vermeidung von illegalen Grenzüberschreitungen und Menschenschmuggel sowie zur Rettung von Flüchtlingen in Seenot ist die europäische Grenzschutzagentur Frontex mit den notwendigen Mitteln auszustatten.

Die EU-Staaten müssen sich ihrer entwicklungspolitischen Verantwortung stellen und helfen, die Gesundheits- und Bildungssysteme in den betroffenen Ländern zu verbessern. Sie müssen Handelsschranken abbauen und die freie Entwicklung des Privatsektors befördern. Im Zentrum dieser Bemühungen sollte die Schaffung von Arbeitsplätzen stehen. All diese Interventionen bremsen erwiesenermaßen auch das starke Bevölkerungswachstum, das eines der größten Entwicklungshemmnisse dieser Länder ist.

Das vollständige Diskussionspapier steht Ihnen gratis als Download zur Verfügung unter: Krise an Europas Südgrenze. Welche Faktoren steuern die Migration über das Mittelmeer?

 

Vergessene Lebensretter
Mangelnder Zugang zu reproduktiven Gesundheitsdienstleistungen gilt in Fluchtsituationen oft als Luxusproblem – obwohl diese dazu beitragen, Leben zu retten.

Bereits Ende des Jahres 2013, noch vor den Auseinandersetzungen in der Ukraine und noch vor dem Wiederaufflammen der Konflikte im Irak, erreichte die weltweite Flüchtlingszahl mit über 51 Millionen das höchste Niveau seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Zahl dürfte seither gestiegen sein. Den Flüchtlingen mangelt es häufig am Allernötigsten. Dazu zählen ein Dach über dem Kopf und ausreichend Nahrung und Medizin – aber auch Verhütungsmittel und Hebammen. Letztgenannte Elemente werden oft weit hinten angestellt, wenn es um die Grundversorgung von Flüchtlingen geht. Dabei würden sie helfen, zahllose Todesfälle und Erkrankungen zu vermeiden.

Allein im Jahr 2013 starben weltweit rund 289.000 Frauen im Zuge einer Schwangerschaft. 99 Prozent dieser Todesfälle traten in Entwicklungsländern auf. Wie viele Frauen davon sich in einer Flüchtlingssituation befanden, ist ungewiss. Doch bleibt zu vermuten, dass ihr Risiko, während einer Schwangerschaft oder Geburt zu sterben, noch deutlich höher liegt als in den weniger entwickelten Staaten ohnehin schon. Dort kommen 230 Todesfälle auf 100.000 Geburten. In Deutschland sind es gerade einmal sieben.

Krisen und Konflikte steigern Müttersterblichkeit
Zahl der Sterbefälle unter Müttern pro 100.000 Lebendgeburten

Zwar ist der Bürgerkrieg in Sierra Leone seit 2002 offiziell vorbei, doch die Auswirkungen sind immer noch spürbar. Bis heute verzeichnet das Land die höchste Müttersterberate weltweit. In anderen Konfliktländern, etwa der Zentralafrikanischen Republik, Somalia oder dem Südsudan, sieht es nicht besser aus. Denn Krisensituationen erschweren die ohnehin schon schwierige Versorgungslage mit Verhütungsmitteln und medizinischer Betreuung für schwangere Frauen. (Datengrundlage: Weltbank, World Development Indicators; Zahl Entwicklungsländer: Vereinte Nationen, MDG Report 2014)

Ungewollt schwanger

Das liegt vor allem an der mangelnden medizinischen Versorgung auf der Flucht. Für schwangere Frauen in dieser Situation sind Ärzte oder Hebammen kaum erreichbar. Damit werden nicht nur Geburten zu lebensgefährlichen Unterfangen, sondern auch Abtreibungen. Denn diese nehmen viele Frauen ohne medizinische Betreuung vor. Nach Schätzungen des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) geht die Hälfte aller Todesfälle bei Müttern in Flüchtlingssituationen auf nicht fachgerechte Abtreibungen zurück. Andere Frauen erleiden schwere gesundheitliche Folgen durch Komplikationen bei dem Eingriff. Die meisten der Frauen sind sich dieser Gefahren sogar bewusst, doch aus Mangel an Verhütungsmitteln werden gerade auf der Flucht viele Frauen ungewollt schwanger – und das, obwohl sie das Kinderkriegen gerne auf stabilere Zeiten verschieben würden.

Hinzu kommt, dass vertriebene Mädchen und Frauen häufig Opfer sexueller Gewalt werden. Manchmal setzen Kriegsparteien Vergewaltigungen gar als Mittel der Kriegsführung ein. Schätzungen zufolge wurden etwa während des Krieges in Bosnien und Herzegowina in den 1990er Jahren zwischen 20.000 und 50.000 Frauen vergewaltigt. Auch heute geht die Zahl der jährlichen Opfer von Vergewaltigungen in Konfliktsituationen in die Zehntausende. Eine genaue Zahl gibt es nicht.

Ungeschützt

Neben ungewollten Schwangerschaften und oft schwerwiegenden psychischen Erkrankungen zählt auch die Verbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten zu den Folgen von Vergewaltigungen. Weltweit stecken sich jährlich rund 500 Millionen Menschen mit heilbaren sexuell übertragbaren Krankheiten an, 35 Millionen sind mit HIV infiziert. Nicht nur wegen der grassierenden Gewalt, sondern vor allem aus Mangel an Verhütungsmitteln können sich Flüchtlinge vor diesen Krankheiten kaum aktiv schützen. Deshalb verbreiten sie sich unter Flüchtlingen schneller als im weltweiten Durchschnitt.

Auf der Flucht

Von den 51,2 Millionen Menschen, die Ende 2013 auf der Flucht waren, hat nur ein knappes Drittel die eigene Landesgrenze überschritten. Die meisten Flüchtlinge bleiben in ihrem Heimatland. Mit 6,5 Millionen zählt Syrien derzeit die meisten Binnenvertriebenen weltweit. Dort ist vielerorts die medizinische Versorgung zusammengebrochen. Gemeinsam mit Afghanistan stellt Syrien auch die höchste Zahl an ins Ausland geflohenen Flüchtlingen. 86 Prozent der der rund 17 Millionen Auslandsflüchtlinge weltweit suchen Zuflucht in benachbarten Entwicklungsländern. Diese sind allerdings mit der Versorgung der eigenen Bevölkerung bereits komplett überlastet. (Datengrundlage: UNHCR, Global Trends 2013)

Da die meisten Flüchtlinge Hals über Kopf aufbrechen und oft wochenlang unterwegs sind, lässt sich eine gänzlich durchgehende Versorgung mit reproduktiven Gesundheitsleistungen kaum garantieren – mit allen negativen Folgen.

Am Zielort der Flucht allerdings wäre dies möglich. Doch die Mehrheit der Aufnahmeländer ist bereits mit der Versorgung der eigenen Bevölkerung überfordert. Denn die meisten von ihnen gelten selbst als Entwicklungsländer. Bei der Versorgung von Flüchtlingen sind sie aber nicht gänzlich auf sich alleine gestellt. Gemeinsam mit Nichtregierungsorganisationen unterstützen die Vereinten Nationen sie dabei, die Flüchtlingscamps mit dem Notwendigsten auszustatten und damit auch das weltweit gültige Menschenrecht auf reproduktive Gesundheit zu garantieren. Dazu müssen die Flüchtlingslager Familienplanungsmittel, eine angemessene medizinische Versorgung von Müttern und Neugeborenen sowie Möglichkeiten zur Behandlung sexuell übertragbarer Krankheiten bereitstellen. Hinzu kommen Maßnahmen gegen sexuelle Gewalt sowie die medizinische und psychologische Unterstützung der Opfer.

Unsichere Versorgung

In lange bestehenden Camps gelingt dies überwiegend gut. Problematischer allerdings gestaltet sich die Lage in neu entstandenen Unterkünften. Denn zu Beginn mangelt es dort häufig nicht nur an geschultem Personal, sondern auch an den notwendigen Medikamenten, Verhütungsmitteln sowie an einer funktionierenden Infrastruktur, um diese zu lagern und zu verteilen. Das könnte zu einem großen Problem werden. Denn angesichts wachsender Flüchtlingsströme dürfte die Zahl der neu errichteten Lager ohne gesicherte Versorgung steigen. Damit wächst auch die Zahl derjenigen, die Gefahr laufen, zu Opfern vermeidbarer Krankheiten, nicht sachmäßig durchgeführter Abtreibungen und Komplikationen vor und während der Geburt zu werden.

Quellen:

UNHCR (2013): Global Trends 2013.

WHO (2014): Maternal mortality.

World Bank (2014): World Development Indicators.

Guttmacher Institute (2014): Forcibly displaced populations’ sexual and reproductive health must not be overlooked.

Guttmacher Policy Review (2009): The reproductive health needs of refugees and displaced people: An opening for renewed U.S. leadership.

Inter-agency working group on reproductive health in crises (2010): Inter-agency field manual on reproductive health in humanitarian settings.

WHO (2014): Preventing unsafe abortion.

WHO (2013). STI Factsheet (2013).

UNAIDS (2014): Fact Sheet.



Ausgabe 178, 14.10.2014

Der Newsletter DEMOS Informiert, über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

Der Abdruck von Grafiken und Artikeln ist honorarfrei. Um die Übersendung eines Belegexemplares wird gebeten.

Wenn Sie den Newsletter DEMOS nicht mehr erhalten wollen, können Sie sich hier abmelden.

  
 
 
 

Dieser Newsletter wird herausgegeben vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung
Schillerstr. 59
10267 Berlin

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an:
Dr. Reiner Klingholz
reiner.klingholz@berlin-institut.org
Telefon: 030-22324845