Asiens zweiter Sprung nach vorn
Im Auftrag des GfK Vereins hat das Berlin-Institut für Bevölkerung die sozio-ökonomische und demografische Entwicklung Asiens untersucht.
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Die Vermessung der Bildungswelt
Der fünfte Bildungsbericht konstatiert Fortschritte und verweist auf verbliebene Herausforderungen – detailliert widmet er sich der Situation von Menschen mit Behinderung.
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Asiens zweiter Sprung nach vorn
Im Auftrag des GfK Vereins hat das Berlin-Institut für Bevölkerung die sozio-ökonomische und demografische Entwicklung Asiens untersucht.

Von Istanbul ganz im Westen bis nach Tokio im Osten umspannt Asien knapp 9.000 Kilometer. Vom nördlichsten Ende in Kasachstan bis zum südlichsten Punkt in Indonesien sind es über 7.000 Kilometer. Dazwischen liegen 50 Länder, in denen insgesamt mehr als 4,3 Milliarden Menschen wohnen. Das sind beinahe zwei Drittel aller Menschen weltweit. Sie gehören unzähligen Ethnien an, sprechen hunderte verschiedener Sprachen und Dialekte und richten ihren Alltag nach den unterschiedlichsten Wertesystemen und Religionen aus. Trotz dieser Vielfalt sehen Presse, Politik und Wirtschaft Asien häufig als eine Einheit. Besondere Aufmerksamkeit kommt meist nur den Bevölkerungsriesen China mit seinen 1,3 Milliarden und Indien mit 1,2 Milliarden Einwohnern zuteil. Doch über den Entwicklungsweg dieser beiden Länder hinaus erzählt der asiatische Kontinent viele weitere Geschichten. Die meisten von ihnen sind sehr lebendig und hoffnungsvoll.

In seiner Studie „Asiens zweiter Sprung nach vorn“ hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung alle Staaten Asiens einer Analyse unterzogen und hinsichtlich ihrer Potenziale bewertet. Eine Clusteranalyse nach sozio-ökonomischen und demografischen Kriterien sorgte zunächst für die notwenige Vergleichbarkeit der Länder untereinander. Diese teilte die unterschiedlichen Staaten in sechs Gruppen, sogenannte Cluster, ein:

Zu Cluster 1 (Problemländer mit Chancen) zählen die ärmsten Länder Asiens. Obwohl sich viele dieser Länder momentan in einer tiefen Krise befinden, haben sie realistische Entfaltungschancen.

Die Länder in Cluster 2 (Hoffnungsträger in kritischer Lage) sind zwar noch recht arm, befinden sich aber auf Wachstumskurs. Sie haben in den vergangenen Jahren viel erreicht. Doch bislang haben die Einwohner dieser Länder fast immer zu wenig vom Erfolg profitiert – sie werden langsam ungeduldig.

Die Länder in Cluster 3 (Am Scheideweg) sind zielstrebig nach vorn gegangen. Doch könnte der eingeschlagene Weg zu langsam sein. So bieten diese Staaten ihren Einwohnern bis heute zu wenige Chancen – die Folge sind häufig Auswanderungswellen.

Cluster 4 (Neuer Reichtum) birgt Länder, die es in den vergangenen Jahren auf ein recht hohes Entwicklungsniveau geschafft haben. Die Mittelschicht ist groß, gebildet und konsumfreudig.

Japan und Israel, die beiden Vertreter von Cluster 5 (Alte Vorreiter), hatten lange mit europäischen Nationen mehr gemein als mit ihren asiatischen Nachbarn. Doch ihr früher meilenweiter Vorsprung ist geschrumpft. Darüber hinaus sind vor Ort die sozialen, wirtschaftlichen und demografischen Probleme inzwischen oft so groß, dass die Staaten gegenüber vielen asiatischen Ländern bald sogar zurückfallen könnten.

Auch im Sondercluster (Bevölkerungsriesen) finden sich nur zwei Vertreter: Indien und China stehen schon allein aufgrund ihrer Bevölkerungsgröße vor besonderen Herausforderungen. Diese gestalten sich ganz unterschiedlich. Die Differenzen rühren auch daher, dass Indien die größte Demokratie der Welt ist, während China mit seinem kapitalistischen Sozialismus einen weltweit bislang beispiellosen Modellversuch wagt.

Sortierte Vielfalt

Auf den ersten Blick verzeichnen die vielen Länder Asiens kaum Gemeinsamkeiten. Doch manche sind einander ähnlicher als andere. Die Clusteranalyse zeigt, welche das sind und fasst sie in Gruppen zusammen. Nach dem Sondercluster der Bevölkerungsriesen China und Indien verzeichnet Cluster 2 mit rund 720 Millionen Menschen die zweitgrößte Einwohnerschaft. Ihre Lebensbedingungen könnten sich schon bald verbessern. Denn Cluster 2 versammelt die asiatischen Hoffnungsträger. Für die 485 Millionen Menschen im drittgrößten Cluster 1 ist die Lage derweil schwierig. Viele ihrer Heimatländer stecken in der Krise.

So in recht einheitliche Gruppen sortiert, belegen die einzelnen Staaten innerhalb ihrer Cluster bestimmte Ränge. Die Rangvergabe richtet sich nach Erfolg und Misserfolg hinsichtlich insgesamt 18 Indikatoren aus den vier Bereichen Bevölkerungspotenzial (etwa gemessen durch Einwohnerzahl oder Verstädterungsgrad), Lebensbedingungen (zum Beispiel Säuglingssterblichkeit oder Bildungsmöglichkeiten), Wirtschaft (etwa die Einbindung in globale Märkte oder Pro-Kopf-Einkommen), Politik (wie etwa Rechtssicherheit oder auch politische Stabilität) und Umwelt (Engagement und Erfolg beim Schutz des Ökosystems).

Eine Reise über den Kontinent
Den sechs jeweils Erstplatzierten in den einzelnen Clustern Laos, der Türkei, Malaysia, Singapur, Japan und China, widmet die Studie jeweils ein Kapitel. Darüber hinaus wirft der Band einen detaillierten Blick in 14 weitere Länder Asiens. Mit ihren zwanzig Länderkapiteln liefert die Studie damit ein umfangreiches Bild der Lage in Asien und eröffnet neue Blickwinkel – etwa auf das vermeintliche Krisenland Bangladesch, das hierzulande überwiegend durch menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie für Schlagzeilen sorgt. Dabei hat das Land binnen weniger Jahrzehnte einen beeindruckenden Wandel von einer streng konservativen hin zu einer Gesellschaft zurückgelegt hat, in der Mädchen ganz selbstverständlich zur Schule und Frauen zur Arbeit gehen.

Mehr Inder leisten sich mehr

In Indien wächst nicht nur die Bevölkerung, sondern es steigen zugleich auch die Einkommen. Darum könnte in den kommenden Jahren die Zahl derer, die ein Einkommen auf mittlerem Niveau erzielen, vier Mal so groß sein wie heute. Das würde den indischen Markt komplett verändern. Denn erst die Mittelschicht konsumiert über den täglichen Bedarf hinaus. Sie leisten sich nicht nur das Notwendigste an Nahrung und ein warmes Dach über dem Kopf, sondern sie dekorieren auch ihre Wohnungen, surfen am eigenen Computer im Internet oder treffen sich mit Freunden in Cafés.

Darüber hinaus schaut „Asiens zweiter Sprung nach vorn“ kritisch auf den großen Hoffnungsträger Türkei und zeigt, dass der jüngste Aufschwung schon bald ein Ende nehmen könnte. Denn die Niedriglohnjobs wandern langsam in den asiatischen Osten ab, ohne dass es dem Land in den Jahren zuvor gelungen wäre, den Nachwuchs mit den notwendigen Kenntnissen für Wirtschaftsbereiche mit höherer Wertschöpfung auszustatten.

Gleichzeitig zeigt die Studie auf, dass die Einwohner Südkoreas und Singapurs, also der Schauplätze des asiatischen Wirtschaftswunders, langsam in die Jahre kommen. Sie müssen sich darauf vorbereiten, eine wachsende Zahl der Älteren in der Gesellschaft zu versorgen. Denn bald werden sie vor ähnlichen Problemen stehen wie Japan schon heute, wo sich eine wirtschaftliche und demografische Krise bereits abzeichnet. Dort hat sich bereits das Bevölkerungswachstum in einen Schrumpfprozess verwandelt und der Wirtschaft könnte bald das gleiche wiederfahren.

Einen besonderen Blick wirft „Asiens zweiter Sprung nach vorn“ auf die bevölkerungsreichsten asiatischen Länder. Während China die besten Tage seines großen Aufschwungs bereits erlebt hat, vollziehen derzeit Millionen von Indern den Übergang aus der Armut in die Mittelschicht. Damit dürfte dort schon bald einer der größten Absatzmärkte weltweit entstehen und Indien könnte der lang ersehnte Sprung nach vorn gelingen – so, wie vielen anderen Ländern auf dem vielfältigen asiatischen Kontinent.

„Asiens zweiter Sprung nach vorn. Die sozio-ökonomische und demografische Entwicklung des bevölkerungsreichsten Kontinents“ ist im Auftrag des GfK Vereins entstanden und nur für dessen Mitglieder erhältlich. Der GfK Verein ist eine Non-Profit-Organisation zur Förderung der Marketingforschung.

Weitere Informationen erhalten Sie bei Ronald Frank: ronald.frank@gfk-verein.org

 

Die Vermessung der Bildungswelt
Der fünfte Bildungsbericht konstatiert Fortschritte und verweist auf verbliebene Herausforderungen – detailliert widmet er sich der Situation von Menschen mit Behinderung.

Bildung ist die Grundlage des friedlichen Zusammenlebens. Sie verleiht dem Einzelnen das Rüstzeug, sein Leben in Eigenregie zu gestalten. Doch Bildung ist auch aus volkswirtschaftlicher Perspektive wichtig – vor allem in Zeiten von Fachkräftemangel und einer alternden Bevölkerung. Denn wo anteilig weniger Menschen zur Verfügung stehen, um den Wohlstand des Landes zu erwirtschaften, kommt den Fähigkeiten und Kenntnissen jedes Einzelnen eine noch größere Bedeutung zu. Und diese Fähigkeiten sind das Resultat von Bildung – im frühen Kindesalter, in Schulen, in Hochschulen oder auch in Weiterbildungsprogrammen.

Die Bildungsberichte der pragmatisch betitelten Autorengruppe Bildungsberichterstattung zeichnen seit 2006 alle zwei Jahre ein detailliertes Bild der Lernlandschaft in Deutschland. Dafür stützen sie sich auf eine Vielzahl von Indikatoren. Im Grunde genommen lohnt sich eine Rezension des fünften Bildungsberichts nur bedingt, da er sich, abgesehen vom Spezialthema „Menschen mit Behinderung“, kaum von seinen Vorgängern unterscheidet. Er umfasst wie alle Bildungsberichte 342 Seiten, ist wie seine Vorgänger in einem blau-grauen Farbschema gehalten, besitzt die gleiche inhaltliche Gliederung und lässt sich ähnlich mühsam lesen.

Warum sich eine Rezension des Berichts trotzdem lohnt, zeigt die Höhe der präsentierten Kennzahlen. Denn hinter scheinbar altbekannten Trends, etwa der wachsenden Zahl von Kleinkindern in Tagesbetreuung und Frühförderung oder dem steigenden Anteil der Akademiker an der Gesamtbevölkerung, verbergen sich einige neuartige Details: So beginnen in Deutschland erstmals mehr Menschen ein Studium als eine duale Berufsausbildung. Doch sind die Unterschiede zwischen akademischer und berufspraktischer Bildung heute ohnehin häufig fließend. Richtigerweise erklären die Autoren denn auch die Schnittstelle von Berufsausbildung und Hochschulbildung zu einem Haupthandlungsfeld und fordern eine transparentere Bewertung von Erfolg und Misserfolg der diversen Zwischenformen, die akademische Elemente mit Firmenpraxis verbinden.

Bemerkenswert ist auch der Anstieg der Weiterbildung unter Erwachsenen. Erstmals seit 1997 ist die Teilnahmequote angestiegen, und zwar deutlich: von 42 auf 49 Prozent. Zu verdanken ist dies den Betrieben, die ihren Angestellten immer häufiger Weiterbildungen ermöglichen und so dazu beitragen, dass das von EU, OECD und anderen schon lange propagierte Ideal des lebenslangen Lernens sich auch in Deutschland mit Leben füllt.

Über neue Bildungstrends hinaus stellt der Bericht eindrücklich das Zusammenspiel von gesellschaftlichen Umwälzungen und Bildungssystem dar und zeigt, dass sich dieses nicht immer einfach gestaltet. So führt die anhaltende Landflucht gerade in Ostdeutschland zu immer größer werdenden Versorgungsengpässen auf dem Land. Der durchschnittliche Einzugsbereich von Grundschulen ist dort inzwischen fast doppelt so groß wie in Westdeutschland. Seit 1998 ist die Zahl der allgemeinbildenden Schulen um 19 Prozent zurückgegangen – und das, obwohl vielerorts private Träger eingesprungen sind. Deutschlandweit gibt es inzwischen 3.500 freie Schulen – etwa 1.300 mehr als noch 1998. Private Hochschulen, berufliche Schulen und Kindertageseinrichtungen verzeichnen ähnliche Zuwächse. Getragen werden diese Einrichtungen häufig von kirchlichen Akteuren wie Caritas oder Diakonie. Das daraus resultierende Konfliktpotenzial, etwa bei der Vereinbarkeit von kirchlichem und staatlichem Arbeitsrecht, thematisiert der Bildungsbericht leider nicht.

Überhaupt bleiben die Schlussfolgerungen, die am Ende eines jeden Kapitels unter der Überschrift „Perspektiven“ stehen, sehr allgemein. Statt konkrete Akteure zu benennen, appelliert der Bericht häufig mit Phrasen wie „ist zu klären“ oder „wird zu diskutieren sein“ an jeden und niemanden. Ob das den Autoren allerdings zum Vorwurf gemacht werden kann, ist dennoch fraglich. Denn die deutsche Bildungslandschaft ist so heterogen und komplex, dass ein Bericht – zumal wenn er vorrangig Zahlen präsentiert – kaum tief in jedes Thema einsteigen kann.

Insgesamt wird der fünfte Bildungsbericht seinem Anspruch als zentrales Nachschlagewerk für Bildungsindikatoren mehr als gerecht – schon allein, weil der Datenanhang ein Drittel aller Seiten verschlingt. Im Vergleich zu seinen Vorgängern betritt der aktuelle Band darüber hinaus Neuland. Denn erstmals präsentiert er kognitive Kompetenzen von Kindern vor Schuleintritt sowie von Erwachsenen. Er folgt damit dem Zeitgeist, der „direkte“ Bildungsmaße mehr und mehr als Zusatzinformation zu Abschlüssen und anderen formalen Zertifikaten ansieht.

Rezension von Stephan Sievert, Nachdruck unter Quellenangabe (Stephan Sievert/ Berlin-Institut) erlaubt.

Autorengruppe Bildungsberichterstattung. Bildung in Deutschland 2014. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zur Bildung von Menschen mit Behinderungen. W. Bertelsmann Verlag. Bielefeld 2014. 342 Seiten. 49,90 Euro.

Dieser Newsletter ist im Rahmen des BMBF-geförderten Projektes "Geschlechterunterschiede bei Bildungsverhalten und Bildungserfolg" entstanden.

 

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Ausgabe 180, 17.11.2014

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