Im Saldo negativ
Von seiner Staatsgründung im Jahr 1861 bis in die 1970er Jahre dauerte es rund 110 Jahre, bis Italien die erste ausgeglichene Migrationsbilanz seiner Geschichte aufwies. Seit 2008 überwiegen wieder die Abwanderungen.
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Bedeuten mehr Ältere und Hochbetagte auch mehr Krankheit?
Wir leben immer länger. Eine 80-jährige Frau in Deutschland kann heute mit ebenso vielen weiteren Lebensjahren rechnen wie eine 75-Jährige vor 50 Jahren. Rein statistisch hat sie gegenüber den Vorgängergenerationen auch an „gesunden Jahren“ hinzugewonnen: Vieles deutet darauf hin, dass sich die „alterstypischen“ Erkrankungen oder Behinderungen ins höhere Alter verschoben haben. Das gilt allerdings nicht überall in gleichem Ausmaß. Sowohl die durchschnittliche Lebenserwartung als auch der Anteil an der Lebenszeit, der von Krankheit und anderen Beeinträchtigungen geprägt ist, fallen regional unterschiedlich aus.
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Im Saldo negativ
Von seiner Staatsgründung im Jahr 1861 bis in die 1970er Jahre dauerte es rund 110 Jahre, bis Italien die erste ausgeglichene Migrationsbilanz seiner Geschichte aufwies. Seit 2008 überwiegen wieder die Abwanderungen.

Die Weltwirtschaftskrise im Jahr 2008 hat die italienische Volkswirtschaft härter getroffen als andere europäische Länder. Nicht nur brach die Konjunktur mit 5,5 Prozent stärker ein als im EU-weiten Durchschnitt. Darüber hinaus ist es dem Land nicht gelungen, wieder auf die Beine zu kommen – im Gegensatz zu vielen anderen Ländern der Union. Stagnierte die Wirtschaft in den 2010er Jahren zunächst, befindet sie sich seit 2012 wieder auf Schrumpfkurs. Angesichts der Unsicherheit versuchen viele Italiener ihr Glück im Ausland. Seit 2008 wandern mehr italienische Staatsbürger aus als zuwandern.

Wanderungsverluste steigen
Zahl der Anmeldungen und Abmeldungen italienischer Staatsbürger zwischen 2007 und 2013

Zwischen 2007 und 2013 verdoppelte sich die Zahl der Abmeldungen bei den statistischen Meldeämtern, während die der Neu-Anmeldungen weitestgehend konstant blieb. Damit wanderten zunehmend mehr italienische Staatsbürger aus als das Land durch Rückwanderungen hinzugewann. Im Durchschnitt der Jahre 2008 bis 2013 lag der Migrationssaldo bei -23.000. Weil aber viele Auswanderer es versäumen, sich beim Umzug abzumelden, dürfte ihre tatsächliche Anzahl noch höher liegen. (Datengrundlage: Instituto italiano di statistica)

Pro 1.000 italienische Staatsbürger verließ im Jahr 2013 einer das Land – ausländische Zu- und Auswanderer nicht einberechnet. Auch früher schon zog es viele Italiener fort: vor dem Zweiten Weltkrieg vornehmlich in die USA, und ab den 1950ern dann vor allem ins Wirtschaftswunder-Deutschland. Das Gastarbeiterabkommen mit der jungen Bundesrepublik bewegte Anfang der 1960er kaum ausgebildete Arbeitskräfte dazu, ihre italienische Heimat zu verlassen. Bis heute ist Deutschland eines der beliebtesten Zielländer der italienischen Auswanderer.

Die neue Auswandererklasse

Doch anders als früher sind viele Migranten der Krisengeneration der 2000er Jahre sehr gut qualifiziert – im Durchschnitt sogar besser als ihre italienischen Altersgenossen. Damit entgeht Italien großes Potenzial – denn Hochqualifizierte gelten als kreativ und leistungsfähig und damit als wichtige Faktoren für eine Wiederbelebung der Wirtschaft.

Auf lange Sicht verloren?

Darüber hinaus handelt es sich bei den Wanderungswilligen vornehmlich um junge Leute mit einem Altersdurchschnitt von knapp 30 Jahren, die in die ohnehin schnell alternde italienische Gesellschaft eine Lücke reißen – weil sie selbst fehlen, aber auch, weil viele von ihnen im Ausland ihre Familien gründen werden. Denn sind sie einmal angekommen, bleiben die Italiener im Schnitt lange an ihrem neuen Wohnort. So weist die italienische Zuwanderergruppe in Deutschland mit 28 Jahren die längste Aufenthaltsdauer unter allen Migrantengruppen auf. Sollten sich die neuen Zuwanderer trotz ihres höheren Bildungsstands als ähnlich sesshaft erweisen, könnten sie ihrem Land über Jahrzehnte hinweg verloren gegangen sein.

Bildung macht mobil
Anteil von Hochschulabsolventen in unterschiedlichen Gruppen

Die Bildungsstruktur italienischer Migranten hat sich seit Beginn der 2000er Jahre verändert. Entsprach der Anteil der Hochschulabsolventen unter den Auswanderern über 25 Jahren zunächst in etwa dem Durchschnitt der Altersgruppe, übertrifft er diesen heute deutlich: Im Jahr 2013 konnte fast ein Drittel der italienischen Migranten einen Universitätsabschluss vorweisen im Vergleich zu knapp über einem Zehntel der gleichaltrigen italienischen Bevölkerung. Dies ist ein Zeichen dafür, dass es ihnen auf dem italienischen Arbeitsmarkt an Perspektiven mangelt. (Datengrundlage: Instituto italiano di statistica)

Auch künftig dürfte – zumindest kurzfristig – die Zahl italienischer Abwanderer weiter steigen. Vor allem unter jungen Leuten. Während die Arbeitslosenquote unter den 25- bis 74-Jährigen im unteren europäischen Mittelfeld liegt, übersteigt die Jugendarbeitslosigkeit den europäischen Gesamtdurchschnitt. Im Jahr 2013 erreichte sie mit 40 Prozent einen besorgniserregenden Höchststand seit Beginn der Krise und lag damit beinahe 16 Prozentpunkte über dem EU-weiten Mittel. Nur in Griechenland, Spanien und Kroatien sah es schlechter aus. Solange sich daran nichts ändert, dürfte der neueste Migrationstrend anhalten.

Das Berlin-Institut dankt Piero Antonio Rumignani für diesen Beitrag.

Weiterführende Informationen zum Thema erhalten Sie auf seinem Blog unter osservatoriodegliitalianiaberlino.com/.

Quellen:

Instituto italiano di statistica

 

Bedeuten mehr Ältere und Hochbetagte auch mehr Krankheit?
Wir leben immer länger. Eine 80-jährige Frau in Deutschland kann heute mit ebenso vielen weiteren Lebensjahren rechnen wie eine 75-Jährige vor 50 Jahren. Rein statistisch hat sie gegenüber den Vorgängergenerationen auch an „gesunden Jahren“ hinzugewonnen: Vieles deutet darauf hin, dass sich die „alterstypischen“ Erkrankungen oder Behinderungen ins höhere Alter verschoben haben. Das gilt allerdings nicht überall in gleichem Ausmaß. Sowohl die durchschnittliche Lebenserwartung als auch der Anteil an der Lebenszeit, der von Krankheit und anderen Beeinträchtigungen geprägt ist, fallen regional unterschiedlich aus.

Das ist die wichtigste Erkenntnis aus dem Band „Health Among the Elderly in Germany“. Herausgegeben hat ihn Gabriele Doblhammer, Professorin für Empirische Sozialforschung und Demographie an der Universität Rostock und Direktorin des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demographischen Wandels. Der Band versammelt Artikel verschiedener Forscherinnen und Forscher, hauptsächlich von der Universität Rostock. Ihre Beiträge entsprechen dem Standard wissenschaftlicher Publikationen und sind daher nicht gerade flüssig lesbar. Wenigstens die Herausgeberin liefert eine einigermaßen griffige Zusammenfassung – zum Glück, denn die Befunde sind von großem Interesse. Angesichts des steigenden Anteils Älterer und Hochbetagter an der Bevölkerung drängen sich dem Gesundheitssystem wichtige Fragen auf: Was bedeutet das längere Leben für die Gesundheit dieser wachsenden Gruppe? Nehmen alterstypische Erkrankungen und Beeinträchtigungen zu? Werden mehr Menschen pflegebedürftig?

Wohlstand steigert Chancen auf gesundes Alter

Für die nach Regionen aufgeschlüsselte Analyse konnten die Wissenschaftler auf umfangreiche Daten einer gesetzlichen Krankenversicherung zurückgreifen. Als „Vorreiter“ haben sie jene Regionen oder Bevölkerungsgruppen identifiziert, in denen Menschen sowohl bei der Lebensspanne als auch bei den „gesunden Jahren“ Höchstwerte erreichen und somit gewissermaßen zeigen, was mithilfe von Prävention und unter optimalen Lebensbedingungen möglich wäre. Eine Analyse bestätigt einen signifikanten Zusammenhang zwischen Gesundheit und bestimmten soziökonomischen Merkmalen. Ältere Bewohner städtischer, dicht besiedelter Gebiete mit hohen Pro-Kopf-Haushaltseinkommen, niedriger Langzeitarbeitslosigkeit und geringer vorzeitiger Sterblichkeit bleiben länger frei von Einschränkungen bei der alltäglichen Lebensführung, kommen also länger ohne Leistungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung aus. Eine andere Arbeit in dem Band zeigt, dass weniger Gebildete ein deutlich höheres Risiko haben, langzeitpflegebedürftig zu werden.

Die verwendeten Krankenversicherungsdaten geben darüber hinaus Aufschluss über die Zahl gesicherter Demenzdiagnosen nach Alter und Wohnort. Das ist wertvoll, denn die bislang existierenden Daten zur Häufigkeit von Demenz beruhen auf Mittelwerten aus verschiedenen, methodisch unterschiedlich erhobenen Studien und sind damit nicht nur wenig verlässlich, sondern darüber hinaus für altersspezifische Analysen unbrauchbar. Diese sind jedoch wichtig, denn die Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer oder einer anderen Form von Demenz zu erkranken, steigt mit zunehmendem Alter. Weil der demografische Wandel immer mehr Menschen immer länger leben lässt, wird sich also auch die Zahl der von Demenzbetroffenen erhöhen. Demenz führt in den meisten Fällen zu eingeschränkter Alltagskompetenz und Langzeitpflegebedürftigkeit – bei manchen früher, bei manchen später.

Demenz tritt dort gehäuft auf, wo auch Bluthochdruck und hohe Cholesterinspiegel häufig sind

Der Band gibt Aufschluss darüber, wo in Deutschland die Herausforderungen durch Demenzerkrankungen besonders hoch sind. In den Städten Stuttgart, Frankfurt und Mainz, im Raum Köln-Bonn sowie in Schleswig-Holstein und Niedersachsen leben vergleichsweise wenige Menschen mit Demenz. In Bayern, dem Saarland und dem Ruhrgebiet tritt dagegen der allmähliche Verlust von Gedächtnis, Denk- und Lernfähigkeit am häufigsten auf. Diese räumliche Verteilung der Demenzhäufigkeit in Deutschland deckt sich weitgehend mit jener des Auftretens von Diabetes, Bluthochdruck und hohem Cholesterinspiegel – den drei größten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Diese Übereinstimmung verwundert kaum, denn neben dem fortschreitenden Alter spielen ebendiese Risikofaktoren auch bei der Entstehung der gefäßbedingten Demenzen eine Rolle. Bluthochdruck und hohe Cholesterinwerte erhöhen das Risiko von Schlaganfällen, die zu Ausfälle von Gehirnfunktionen führen und Demenz auslösen können. Es ist nicht ganz klar, ob dies auch für die Alzheimer-Demenz gilt, aber häufig liegen Mischformen vor. Daher ist der Zustand von Herz und Gefäßen in jedem Fall von Bedeutung.

Der Schlaganfall ist generell eine der Hauptursachen für Beeinträchtigungen, die zu Pflegebedürftigkeit führen. Zwar haben sich die Überlebenschancen nach einem Gefäßverschluss, der Lähmungen, Sprachstörungen oder andere Ausfällen von Gehirnfunktionen zur Folge hat, deutlich erhöht: In der bundesdeutschen Todesursachenstatistik sind Schlaganfälle vom vierten Platz im Jahre 1998 bis 2013 auf den achten gerutscht. Aber bei den Patienten, die überlebt haben, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie aufgrund der Schädigung des Gehirns pflegebedürftig bleiben. Nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Internisten ist das jeder zweite.

Auch die Rostocker Wissenschaftler widmen sich dem Schlaganfall und seinen Folgen. Laut ihren Erkenntnissen sind die Chancen auf eine vollständige oder zumindest teilweise Erholung umso größer, je besser die medizinische Versorgung in der Folge ist. Im Vergleich zwischen zehn Staaten Nord-, West- und Südeuropas schneidet dabei Schweden weitaus am besten ab, gefolgt von Belgien, Frankreich und Deutschland, das etwa dasselbe Niveau wie Österreich und die Schweiz erreicht. In Italien liegt hingegen die Wahrscheinlichkeit, nach einem Schlaganfall in der alltäglichen Lebensführung stark eingeschränkt zu sein, fast doppelt so hoch wie in den westeuropäischen Ländern.

Demenzpatienten von Neurologen seltener pflegebedürftig

90 Prozent aller Menschen mit Demenz benötigen am Ende ihres Lebens Pflege – und zwar längere Zeit als Menschen mit körperlichen Erkrankungen oder Behinderungen. Eine Gruppe von Wissenschaftlern hat untersucht, ob Erkrankte, die Antidementiva einnehmen – Medikamente, die den Abbau der geistigen Funktionen nicht verhindern, sondern lediglich etwas verzögern – eher Pflegeleistungen in Anspruch nehmen als andere. Wider Erwarten verzeichnen ausgerechnet die mit Medikamenten behandelten Patienten ein höheres Risiko, pflegebedürftig zu werden. Dies könnte daher rühren, dass Antidementiva erst in fortgeschrittenem Stadium verabreicht werden. Darüber hinaus ist die Fachkenntnis des behandelnden Arztes von großer Bedeutung. So zeigt sich, dass Demenzpatienten, die einen Neurologen konsultieren, seltener pflegebedürftig werden als solche in der Behandlung von Allgemeinmedizinern – und das, obwohl Fachärzte häufiger Antidementiva verschreiben als Hausärzte. Womöglich wissen Hausärzte oft weniger über die vorhandenen Behandlungsmöglichkeiten.

Die in diesem Band versammelten Ergebnisse zeigen deutlich, dass die Gesundheitspolitik sich insbesondere um die Bewohner ländlicher Gebiete kümmern muss, denn Spezialisten sind dort rar gesät. Außerdem müssen weniger gut gestellte Bevölkerungsgruppen sowie Migranten stärker in den Fokus rücken. Nur so können im demografischen Wandel mehr Menschen als bisher von der Tendenz zur Verschiebung alterstypischer Erkrankungen ins höhere Alter profitieren.

Rezension von Sabine Sütterlin, Nachdruck unter Quellenangabe (Sabine Sütterlin / Berlin-Institut) erlaubt.

Gabriele Doblhammer (Hrsg.) (2014): Health Among the Elderly in Germany. New Evidence on Disease. Disability and Care Need. Series on Population Studies, Beiträge zur Bevölkerungswissenschaft, herausgegeben vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, Band 46. Opladen/Berlin/Toronto: Barbara Budrich Publishers. 214 Seiten. 35 Euro.

Quellen:

Gesundheitsberichterstattung des Bundes (2015): Sterbefälle (absolut, Sterbeziffer, Ränge, Anteile) für die 10/20/50/100 häufigsten Todesursachen (ab 1998). www.gbe-bund.de.



Ausgabe 183, 17.02.2015

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