Neue Pläne für eine bessere Welt
Im September 2015 verabschiedet die Weltgemeinschaft eine neue globale Entwicklungsagenda. Sie muss die weltweiten demografischen Veränderungen stärker als die Vorgängeragenda berücksichtigen. Das zeigt die neue Studie „Consequential Omissions“ („Folgenreiche Versäumnisse“) einer Autorengruppe aus dem Hause des Berlin-Instituts und des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA).**
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Folgenreiche Versäumnisse: Blick zurück auf die MDGs
Die Bevölkerungsentwicklung hat bei der Formulierung von Entwicklungszielen bisher zu wenig Aufmerksamkeit erhalten. Dies zeigt eine neue Studie aus dem Hause des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.
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Neue Pläne für eine bessere Welt
Im September 2015 verabschiedet die Weltgemeinschaft eine neue globale Entwicklungsagenda. Sie muss die weltweiten demografischen Veränderungen stärker als die Vorgängeragenda berücksichtigen. Das zeigt die neue Studie „Consequential Omissions“ („Folgenreiche Versäumnisse“) einer Autorengruppe aus dem Hause des Berlin-Instituts und des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA).**

Die neuen Sustainable Development Goals (zu Deutsch: Nachhaltige Entwicklungsziele, SDGs) treten an die Stelle der Millennium Development Goals aus dem Jahr 2000 (Jahrtausend-Entwicklungsziele, MDGs). An der Formulierung der SDGs sind über 150 Länder und mehrere hundert Interessengruppen aus den unterschiedlichsten Bereichen beteiligt. Entsprechend heiß verlaufen die Debatten. Nach derzeitigem Stand wird sich die Zahl der Ziele mehr als verdoppeln - von 8 MDGs auf 17 SDGs. Die neue globale Entwicklungsagenda wäre damit deutlich breiter als ihre Vorgängerin und würde Themengebiete von Armut über nachhaltigen Konsum bis hin zum Klimawandel berühren.

Für die Industrienationen und Schwellenländer ist diese Erweiterung folgerichtig, denn für sie stellt das Hauptziel der MDGs, die Bekämpfung von Armut und Hunger, keine größere Herausforderung mehr dar. Dafür sollten sie sich zügig den großen überregionalen Herausforderungen widmen. Die am wenigsten entwickelten Länder dieser Erde können jedoch unmöglich alle bisher diskutierten SDGs erfüllen. Für sie wäre es sinnvoller, sich zunächst auf die grundlegende Versorgung ihrer Einwohner zu konzentrieren. Ihr besonderes Problem ist, dass sie dies für besonders stark wachsende Bevölkerungen tun müssen.

Aus den MDG-Erfahrungen lernen
Das zeigen auch die Erfahrungen mit den MDGs. Ostasien, wo das Bevölkerungswachstum zwischen 2000 und 2015 nur noch langsam verlief, bekämpfte Hunger, Armut und Krankheiten deutlich erfolgreicher als alle anderen Weltregionen und wurde damit zum Musterknaben in Sachen MDGs. Besonders große Probleme mitzuhalten hatten dagegen die Länder Subsahara-Afrikas und damit diejenigen mit den höchsten Zuwachsraten.

Abhängige erschweren Entwicklung

Auf 100 Menschen in Erwerbsalter (15- 64 Jahre) kommen in Subsahara-Afrika beinahe 85 Abhängige außerhalb dieser Altersgruppe. Die meisten von ihnen sind Kinder unter 15 Jahren. Dieses Verhältnis hat stark dazu beigetragen, dass Subsahara-Afrika auf der MDG-Agenda kaum vorangekommen ist. Die ostasiatischen Gesellschaften müssen dagegen wesentlich weniger Abhängige im Kinder- und Rentenalter mit versorgen. Das ermöglichte der Region große Entwicklungserfolge - eine Art demografische Dividende.*


Dazu trug nicht nur die Bevölkerungszunahme als solche bei, sondern auch das Wachstum in bestimmten Altersgruppen. Das bestätigen die Ergebnisse der neuen Studie, die von UNFPA und dem Förderkreis des Berlin-Instituts finanziert wurde. Besonders stark wuchs in Subsahara-Afrika die Gruppe der Kinder. Weil sie kein eigenes Einkommen erzielen und stattdessen mit Gesundheitsdiensten und Schulen versorgt werden müssen, kosten Kinder eine Gesellschaft während ihrer ersten Lebensjahre Geld. Steigt ihre Zahl gegenüber der arbeitenden Bevölkerung (zwischen 15 und 64 Jahren) stetig an, werden die pro Kind zur Verfügung stehenden Mittel für Schulplätze und Arztbesuche immer knapper. Genau dies geschah zwischen 2000 und 2015 in den Ländern Subsahara-Afrikas. Mit diesem Engpass lässt sich ein großer Teil ihres Misserfolgs bei den MDGs erklären.

Es muss den am wenigsten entwickelten Ländern deshalb schnellstmöglich gelingen, den Anteil der Kinder an der Gesamtbevölkerung nicht noch weiter steigen zu lassen, sondern zu senken. Das ist nur möglich, wenn pro Frau weniger Kinder zur Welt kommen. Wie dies zu erreichen wäre, ist hinlänglich bekannt: Sobald Kinder besser medizinisch versorgt werden und mehr von ihnen die ersten Jahre überleben, sobald Frauen besser gebildet sind und eine bezahlte Beschäftigung finden, sobald Mittel zur Verhütung verfügbar sind, beginnen die Menschen aus eigenem Antrieb ihre Familiengrößen zu planen. All diese Maßnahmen finden sich in den bisher gültigen MDGs. Die ärmsten Entwicklungsländer sollten sich deshalb weiter darum bemühen, zunächst die alte Agenda zu erfüllen.

Mehr Städter, mehr Städte

Anders als häufig angenommen, wird nur ein kleiner Teil der künftigen Städter in Groß- und Megastädten von fünf bis über zehn Millionen Einwohnern leben. Die meisten von ihnen werden in kleineren Städten leben. Viele davon sind heute noch kleine Dörfer und werden erst in den kommenden Jahren zu städtischen Ballungszentren heranwachsen. Das bietet die Chance für gezielte Planung. Neu entstehende Straßen, Abwassersysteme und Stromnetze können den absehbaren Bedürfnissen gezielt angepasst werden und damit für die Städter von morgen gute Lebensverhältnisse schaffen - die wichtigste Voraussetzung für Entwicklung.


Wo Unterstützung nötig ist
Dabei werden sie Unterstützung benötigen – finanzielle wie auch technische. Zu Wachstum und sozialer Entwicklung kann vor allem die gezielte Planung von Städten beitragen, wo schon heute ein Großteil des Bevölkerungswachstums stattfindet. Zwischen 2015 und 2030 – also über den Zeitraum der neuen SDG-Agenda – dürfte die weltweite Zahl der Städter um 1,1 Milliarden steigen. Dieses Wachstum findet fast ausschließlich in den Entwicklungsländern statt. Bestehende Städte werden wachsen, aber gleichzeitig Hunderte neuer Städte hinzukommen. Diese können noch gestaltet und den Ansprüchen einer modernen Gesellschaft von Anfang an angepasst werden. Damit könnten Städte der Zukunft zu Entwicklungslokomotiven werden, vor allem, wenn sie die Bevölkerung mit ausreichend Arbeitsplätzen versorgen können. Verpassen sie diese Chance aber, drohen sie, zu Ballungszentrum der Armut zu verkommen.


*Mehr über die demografische Dividende erfahren Sie in unserem Themenspecial:
"demografische Dividende"

 

Folgenreiche Versäumnisse: Blick zurück auf die MDGs
Die Bevölkerungsentwicklung hat bei der Formulierung von Entwicklungszielen bisher zu wenig Aufmerksamkeit erhalten. Dies zeigt eine neue Studie aus dem Hause des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.

Nach fünfzehnjähriger Laufzeit kommt die globale Entwicklungsagenda in diesem Jahr zu einem Ende. Zur Jahrtausendwende sollten die so genannten Millennium Development Goals (MDGs) den über 180 Ländern der Staatengemeinschaft klare Richtlinien zur Verbesserung der Lebenslage ihrer Bevölkerungen geben. Der vom Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) geförderte Bericht „Consequential omissions“, („Folgenreiche Versäumnisse“)** zieht jetzt Bilanz und zeigt: Ob und was genau die Entwicklungsziele tatsächlich bewirkt haben, lässt sich schwer bemessen. Als Grund dafür benennt das Autorenteam von Berlin-Institut und UNFPA die Tatsache, dass bei der Formulierung der Entwicklungsagenda im Jahr 2000 die Entscheidungsträger das anhaltend starke Bevölkerungswachstum in den ärmsten Ländern nicht berücksichtigt haben. Denn dieses hat viele Entwicklungserfolge wieder zunichte gemacht. Diesen Fehler sollten sich bei der Formulierung der globalen Nachfolgeziele, der bis ins Jahr 2030 gültigen Sustainable-Development-Agenda, nicht wiederholen.

Die acht MDGs lassen sich in drei Typen unterteilen: in relative Ziele (etwa: die Müttersterblichkeitsrate um drei Viertel zu reduzieren), in absolute Ziele (100 Millionen Slumbewohnern angemessene Lebensbedingungen zu ermöglichen) und in universelle Ziele (allen Kindern eine Grundschulbildung zu ermöglichen). Für alle Ziele gilt das Bezugsjahr 1990.

Überbewertet - relative Ziele kaschieren häufig verbleibende Probleme
Gegen Ende der der Agenda-Periode zeigt sich, dass viele der Ziele erreicht wurden, allerdings nur in bestimmten Weltregionen, etwa in Ostasien, während andere Gebiete, vor allem in Subsahara-Afrika kaum Erfolge vorweisen können. Zudem hat etwa das Erreichen relativer Ziele die Lebenssituation der Menschen in vielen Ländern und Regionen kaum verbessert. Vielerorts hat es lediglich eine Verschlechterung der Lage verhindert.

MDG 1 fordert zum Beispiel, den Anteil der Armen an der Bevölkerung zu halbieren. Dem westafrikanischen Mali ist das gelungen. 1990 lebten dort noch mehr als 80 Prozent der Malier in extremer Armut, also von weniger als umgerechnet 1,25 Dollar am Tag. Zum Ende der MDG-Laufzeit werden es voraussichtlich nur noch rund 40 Prozent sein. Auf den ersten Blick ist das ein großer Erfolg. Weil Malis Gesamtbevölkerung jedoch beinahe genauso schnell wuchs wie die Armutsrate zurückging, zählt das Land kaum weniger Arme als noch 1990 - insgesamt sind es immer noch 7,5 Millionen. Das Erreichen des ersten Millenniumsziels stellt für Mali also noch lange keinen klaren Entwicklungserfolg dar.

Millionen entrinnen der Armut - trotzdem kein Erfolg bei den MDGs

Die Grafik zeigt alle am wenigsten entwickelten Länder, die über einen Zeitraum von 15 Jahren über ihre Fortschritte beim ersten Entwicklungsziel berichtet haben. Nirgendwo ist die Zahl der Armen so stark zurückgegangen wie in Bangladesch. Trotzdem hat das Land das Entwicklungsziel wohl gerade so verpasst. Anstatt den Armutsanteil zwischen 1990 und 2015 um 50 Prozent zu reduzieren, werden es am Ende wohl nur 49 Prozent sein. Das afrikanische Niger hingegen dürfte das Entwicklungsziel erreichen: Jetzigen Annahmen zufolge wird sich der Anteil der Armen an der Gesamtbevölkerung hier um 55 Prozent reduzieren haben – obwohl deren Zahl seit 1990 um 700.000 angestiegen ist.

Fälle wie diese gab es vor allem in der Gruppe der am wenigsten entwickelten Länder der Welt. Denn dort wachsen die Bevölkerungen besonders stark. Im Ergebnis ist in dieser Region die Gesamtzahl der Armen sogar gestiegen. Als die Ziele verabschiedet wurden, hätte man dies absehen können. Denn damals sagten alle seriösen Hochrechnungen gerade diesen Ländern ein starkes Bevölkerungswachstum voraus.

Schall und Rauch - was absolute Ziele meinen, ist unklar
Auch die absoluten Ziele erweisen sich als schwaches Messinstrument. MDG 7 zufolge sollen im Jahr 2020 in den Slums der Welt 100 Millionen weniger Menschen leben als noch 1990.* Ihre Zahl würde sich dann auf 563 Millionen belaufen. Bleibt es beim bisherigen Trend, dürfte die Welt MDG 7 weit verfehlen. Bei der letzten Erhebung im Jahr 2012 zählten die Städte weltweit insgesamt 880 Millionen Slumbewohner und damit rund 200 Millionen mehr als 20 Jahre zuvor. Dies ist kein Wunder, denn in den betroffenen Ländern wächst nicht nur die Zahl der Menschen rasch. Darüber hinaus treibt es auf der Suche nach einem besseren Leben immer mehr von ihnen in die großen Städte.

Legt man die Zielsetzung aber anders aus, könnte sich der Weg zum MDG 7 als Erfolgsgeschichte erweisen: 1990 lebte beinahe die Hälfte aller 1,3 Milliarden Stadtbewohner weltweit unter ärmlichsten Bedingungen. Wäre es bei diesem Anteil geblieben, müsste man heute mit 1,3 Milliarden Slumbewohnern rechnen und mit 1,2 Milliarden, zöge man die im Ziel geforderten 100 Millionen ab. Damit würde bereits heute eine halbe Milliarde Menschen weniger in Slums leben als das Millennium-Ziel fordert. Die Welt hätte das Ziel längst erfüllt. Welche der beiden Rechnungen die richtige ist, hat niemand klar festgelegt.

Zu Unrecht gerügt - universelle Ziele verdecken Erfolge
Bis heute unterscheiden sich die Lebensbedingungen innerhalb der Gruppe der Entwicklungsländer sehr stark voneinander. In einigen hatte bereits im Jahr 2000 der Aufstieg vieler Bewohner aus der Armut in die Mittelschicht begonnen. In anderen kämpft bis heute die Mehrheit der Menschen ums tägliche Überleben.

Wegen dieser unterschiedlichen Startbedingungen sieht die Entwicklungsagenda bei den meisten MDGs davon ab, von besonders armen Ländern wie etwa Uganda zu verlangen, am Ende den gleichen Entwicklungsstand zu erreichen wie das Schwellenland China. Bei den universellen Zielen sieht es anders aus. Unabhängig von der Ausgangslage fordern sie von allen Ländern bis ins Jahr 2015 Zugang zu Grundschulbildung, zu Verhütungsmitteln und „ehrbare Arbeit“ für alle. Doch weil das Bevölkerungswachstum gerade in den am wenigsten entwickelten Ländern besonders stark war, wurde es für sie über die Jahre immer schwieriger, diese Ziele zu erreichen.

Es überrascht deshalb wenig, dass die Region Subsahara-Afrika mit ihren hohen Geburtenraten das Bildungsziel MDG 3 bei weitem verfehlt hat und noch mehr als 33 Millionen Kindern der Grundschulbesuch verwehrt bleibt (2012).

Das verdeckt jedoch die beachtlichen Erfolge der Region: Zwischen 1990 und 2012 hat sich dort die Zahl der Kinder im Grundschulalter um 61 Millionen auf 148 Millionen mehr als verdoppelt. Weil die Länder Subsahara-Afrikas mehr neue Grundschulplätze schufen als Kinder nachwuchsen, ist der Anteil derjenigen, die keine Schule besuchen von beinahe der Hälfte auf ein Drittel geschrumpft. Keine andere Weltregion hat vergleichbare Fortschritte erzielt. Gebremst wurden diese Erfolge lediglich durch das hohe Bevölkerungswachstum – wäre es ausgeblieben, hätte Subsahara-Afrika bereits im Jahr 2000 Grundschulbildung für alle Kinder garantieren können. Bei der Debatte um die neuen, ab Ende 2015 geltenden nachhaltigen Entwicklungsziele, die Sustainable Development Goals (SDGs), und ihre Indikatoren müssen diese Erfahrungen eine Rolle spielen. Denn nur wenn sich verlässlich festzustellen ist, ob die Entwicklungsmaßnahmen wirkliche Erfolge erzielen, lässt sich ermitteln, ob diese Schritte auch die Richtigen waren.


*Als einziges soll MDG 7 erst im Jahr 2020 erreicht werden.

**Diese Studie wurde ermöglicht durch den Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) sowie den Förderkreis des Berlin-Instituts. Für den Inhalt dieser Veröffentlichung sind allein die Autoren verantwortlich; der Inhalt kann in keiner Weise als Standpunkt von UNFPA angesehen werden.



Ausgabe 185, 13.04.2015

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