Schrumpfung vertagt?
Was wir von den neuen Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamts erwarten dürfen
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Anreize benötigt
Das Hotel- und Gaststättengewerbe muss sich neu erfinden, um sich im Wettbewerb um Auszubildende zu behaupten
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In eigener Sache
Schlagabtausch zur Demografie am 18. Mai 2015 in Hamburg
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Schrumpfung vertagt?
Was wir von den neuen Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamts erwarten dürfen

Am morgigen Dienstag, den 28. April, stellt das Statistische Bundesamt neue Bevölkerungsvorausberechnungen für Deutschland vor. Die bislang aktuellsten Zahlen zur künftigen Bevölkerungsentwicklung stammen aus dem Jahr 2009. Das war noch vor dem Zensus 2011, durch den Deutschland quasi über Nacht etwa 1,5 Millionen Einwohner verlor. In den damaligen Projektionen errechneten die Statistiker in ihrer mittleren Variante bis 2060 einen Rückgang der Einwohnerschaft von 12 bis 17 Millionen Menschen auf dann 70 beziehungsweise 65 Millionen Einwohner. Vor allem ab 2030, wenn die große Gruppe der sogenannten Babyboomer ins hohe Alter vorrückt, nimmt die Schrumpfung demnach an Fahrt auf. Bevor dies geschieht, wird sich vor allem die Alterung der Bevölkerung bemerkbar machen, die das Arbeitskräftepotenzial bis 2030 um etwa zehn Millionen Menschen schrumpfen lassen sollte.

Was aber können wir von den neuen Berechnungen erwarten? Bleibt der Bevölkerungsrückgang möglicherweise doch aus? Immerhin ist die Bevölkerung nach einem vorhergehenden Schwund seit 2011 um knapp eine Million Personen gewachsen. Im Zentrum der positiven Entwicklungen der letzten Jahre steht die Zuwanderung. Nachdem Ende der 2000er Jahre in etwa gleich viele Menschen aus Deutschland wegzogen wie neu hinzuzogen, ist der Wanderungssaldo in den vergangenen fünf Jahren sprunghaft angestiegen: von einer Netto-Zuwanderung von 128.000 Menschen im Jahr 2010 über 279.000 und 369.000 Menschen 2011 und 2012 bis auf 429.000 Menschen im Jahr 2013. Und vorläufige Zahlen für 2014 deuten darauf hin, dass der Überschuss seitdem sogar noch größer geworden ist. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass die tatsächliche Bevölkerungszahl heute trotz der Zensus-Einbußen um etwa 300.000 Menschen höher liegt als 2009 avisiert – bei 81,1 Millionen. Die beiden Wanderungsannahmen der letzten Vorausberechnung von im Schnitt jährlich 100.000 beziehungsweise 200.000 mehr Zu- als Abwanderern scheinen zu niedrig angesetzt.

Immer mehr Zuwanderung
Wanderungssaldo Deutschlands seit 1990

Seit der letzten Bevölkerungsvorausberechnung aus dem Jahr 2009 hat sich das Wanderungsgeschehen in Deutschland grundlegend verändert. Aus einer Netto-Abwanderung ist seitdem ein jährlicher Überschuss von mehr als 400.000 Personen geworden. Hauptgrund hierfür ist der Zustrom an Menschen aus den ost- und südeuropäischen EU-Staaten. Selbst wenn dieser in der Zukunft abnimmt, sind deutliche Wanderungsüberschüsse zu erwarten, da Deutschland sich vermehrt um Fachkräfte aus Nicht-EU-Staaten bemüht und auch die Flüchtlingsströme über das Mittelmeer weiter anwachsen. Die neuen Vorausberechnungen sollten daher neben den traditionellen Annahmen zum Wanderungssaldo (plus 100.000 und 200.000 pro Jahr) auch optimistischere Szenarien enthalten, etwa mit jährlich 300.000 Menschen Netto-Zuwanderung. (Datengrundlage: Statistisches Bundesamt)


Es ist anzunehmen, dass Deutschland auch in den kommenden Jahren vergleichsweise hohe Wanderungsüberschüsse verzeichnen wird. Möglicherweise nicht ganz so stark wie in den letzten Jahren, aber doch höher als 2009 angenommen. Denn für den Moment hält der Zustrom von Ost- und Südeuropäern an, die von der Arbeitnehmer-Freizügigkeit innerhalb der EU Gebrauch machen und in Deutschland auf bessere wirtschaftliche Perspektiven hoffen. Langfristig dürfte auch die Zuwanderung von Arbeitskräften aus Nicht-EU-Ländern zunehmen, um die sich Deutschland immer stärker bemüht. Und schließlich dürften auch die Flüchtlingsströme nach Deutschland nicht abrupt abreißen, da das Wohlstands- und Sicherheitsgefälle zwischen Europa und seinen Nachbarstaaten derzeit eher größer denn kleiner wird. All dies dürfte sich in den Annahmen der Statistiker zur künftigen Zuwanderung widerspiegeln. Zumindest die Folgen einer jährlichen Zuwanderung von 300.000 Menschen sollten in den neuen Berechnungen abgebildet werden.

Doch Bevölkerungsvorausberechnungen basieren nicht ausschließlich auf Annahmen zur Migration. Auch die prognostizierten Entwicklungen der Geburtenzahlen und Lebenserwartung fließen mit in sie ein. In beiden Bereichen hat sich allerdings in den letzten Jahren wenig verändert. Erst letzte Woche veröffentlichte das Statistische Bundesamt neue Zahlen zur Lebenserwartung, die bestätigen, dass die Deutschen – wie 2009 angenommen – immer länger leben. Große Abweichungen von der letzten Vorausberechnung sind hier nicht zu erwarten. Etwas komplizierter ist die Lage bei den Geburten. In letzter Zeit gibt es Anzeichen, dass der Trend zu immer späteren Geburten langsam gestoppt ist. Die Fertilitätsraten könnten hierdurch steigen. Wenn überhaupt ist also auch hier eher mit einer positiven Abweichung gegenüber 2009 zu rechnen.

Doch selbst wenn sich die Annahmen zur Geburtenzahl nicht von der letzten Berechnung unterscheiden, dürfte allein die verstärkte Zuwanderung dazu führen, dass die Bevölkerung weniger stark schrumpft als bislang angenommen. Eine Netto-Zuwanderung von 200.000 statt 100.000 Personen führte in den Berechnungen von 2009 über den Zeitraum bis 2060 zu insgesamt etwa fünfeinhalb Millionen Einwohnern mehr. Ein jährlicher Wanderungsüberschuss von 300.000 Menschen könnte also im Vergleich zu den 200.000 der letzten Vorausberechnung etwa einen Zugewinn in dieser Größenordnung generieren. Das Schrumpfen, das durch den Überschuss der Todesfälle über die Geburten verursacht wird, könnte dann auf wenige Millionen Menschen begrenzt werden. Kurzfristig könnte die Bevölkerung sogar weiter wachsen.


Quellenverzeichnis:

Statistisches Bundesamt (2009): Bevölkerung Deutschlands bis 2060 - 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, Wiesbaden. Online verfügbar unter
https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Bevoelkerung/VorausberechnungBevoelkerung/BevoelkerungDeutschland2060Presse5124204099004.pdf;jsessionid=4967BC94CFFB1197FD0B700BB5C0C198.cae1?__blob=publicationFile
(27. April 2015).

Statistisches Bundesamt (2015): Online-Datenbank, Wiesbaden. Online verfügbar unter https://www-genesis.destatis.de/genesis/online/logon (27. April 2015).

 

Anreize benötigt
Das Hotel- und Gaststättengewerbe muss sich neu erfinden, um sich im Wettbewerb um Auszubildende zu behaupten

Deutschlandweit klagen Hoteliers und Gastwirte über Probleme bei der Suche nach Auszubildenden. Allein im Jahr 2013 blieben in der Branche beinahe zwei Drittel der angebotenen Ausbildungsplätze unbesetzt. Damit ist das Hotel- und Gaststättengewerbe im Wettbewerb um Lehrlinge weit abgeschlagen. Dieser wird sich weiter verschärfen. Allein in den kommenden zehn Jahren dürfte die Zahl der Schulabgänger von heute jährlich über 900.000 auf etwa 750.000 sinken. Bleibt es bei den schlechten Rekrutierungsquoten von Lehrlingen, wird dieser Rückgang Hotels, Gaststätten und Restaurants besonders stark treffen. Um den anstehenden Fachkräftemangel zu vermeiden, müsste sich daher vieles ändern.

Hochschulen laufen Lehrbetrieben den Rang ab
Anfängerzahlen im dualen System und im Studium zwischen 2005 und 2014*

*Vorläufige Ergebnisse

Im Zeitraum von 2005 bis 2014 stieg die Zahl der Studenten von circa 370.000 auf über 500.000. Gleichzeit nahm die Anzahl der Auszubildenden im dualen System ab. Dadurch verstärkt sich der Wettbewerb um die Schulabgänger auf dem Ausbildungsmarkt. (Datengrundlage: Bundesinstitut für Berufsbildung)


Schlechtes Image belastet das Gastgewerbe

Momentan gelten Koch und Hotelfachmann als die unbeliebtesten Lehrberufe über alle Wirtschaftszweige hinweg. Lange Schichten, hohe körperliche Belastung und ein rauer Umgangston – und das alles bei geringer Bezahlung – schrecken die Schulabgänger von Jobs hinter der Rezeption oder in der Küche ab. Darüber hinaus mangelt es oft an der Ausbildungsqualität: Viele Betriebe missachten den Ausbildungsrahmenplan. Anstatt ihre Lehrlinge in relevanten Bereichen zu schulen, verlangen sie von ihnen häufig ausbildungsfremde Tätigkeiten. Entsprechend viele Lehrlinge lösen ihren Vertrag frühzeitig auf und kehren der Branche den Rücken.

Frühes Ausscheiden bei schlechter Lehre

Mit steigender Ausbildungsqualität verringert sich der Anteil der Vertragsauflösung. Jeder zweite Koch und fast 40 Prozent der Hotelfachleute beenden ihre Lehre vorzeitig. (Datengrundlage: Deutscher Gewerkschaftsbund)


Der Mangel an Lehrlingen verstärkt sich dadurch, dass es den Arbeitgebern schwer fällt, unter den ohnehin wenigen Bewerbern geeignete Kandidaten zu finden. Wie in anderen Wirtschaftszweigen bemängeln auch die Ausbildungsbetriebe im Gastgewerbe die fehlenden Fähigkeiten vieler Schulabgänger in Deutsch und Mathematik. Vor allem aber mangele es ihnen an den sogenannten Softskills – etwa guten Umgangsformen und Disziplin. Immer mehr Firmenleiter schrecken deshalb davor zurück, neue Lehrlinge einzustellen. Seit Jahren sinkt in der Branche der Anteil der Unternehmen, die überhaupt ausbilden.

Bestehen im Wettbewerb um junge Köpfe

Bleibt es bei diesen Problemen, scheint ein langfristiger Personalengpass im Hotel- und Gaststättengewerbe unvermeidlich. Um dem zu entgehen, werden die Unternehmen nicht umhin kommen, künftig auch mit schwächeren Bewerbern Vorlieb zu nehmen und sie im Betrieb nachzuqualifizieren. Dabei gilt es auch, die Ausbildungsqualität insgesamt zu verbessern. Gerade kleinen Betrieben fällt es schwer, die Inhalte des Ausbildungsrahmenplans einzuhalten. Kooperationen zwischen den Unternehmen könnten sie dabei unterstützen, die notwendigen Standards einzuhalten. Nicht zuletzt müssten die Betriebe aktiv das Image der Lehrberufe aufpolieren - etwa, indem sie den gewachsenen Ansprüchen junger Menschen an ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Freizeit und Arbeit stärker entgegen kommen. Dazu könnten großzügige Pausen nach langen und unregelmäßigen Einsatzphasen beitragen. Auch materielle Anreize wie Bonuszahlungen, Mietzuschüsse oder Einstellungsgeschenke in Form eines Smartphones oder eines Mitgliedsausweises im Fitnessstudio könnten beim Anheuern neuer Auszubildender hilfreich sein. Weniger kostspielig, aber ebenfalls attraktiv sind ideelle Anreize wie ein gutes Betriebsklima sowie Wertschätzung, Loyalität und Respekt gegenüber den Auszubildenden.

Für Hotels und Restaurants sind derlei Veränderungen überlebenswichtig. Denn im direkten Umgang mit den Kunden entscheidet letztlich die Qualifikation und Motivation des Personals darüber, ob die Gäste sich wohl fühlen, wiederkehren oder das Unternehmen weiterempfehlen.


Quellenverzeichnis:

Bundesinstitut für Berufsbildung (2015): Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2015. Informationen und Analysen zur Entwicklung der Beruflichen Bildung, Vorversion. Stand 15. April 2015, Bonn. Online verfügbar unter www.bibb.de/dokumente/pdf/bibb_datenreport_2015_vorversion.pdf (27. April 2015).

Deutscher Industrie- und Handelskammertag (2014): Ausbildung 2014. Ergebnisse einer DIHK-Online-Unternehmensbefragung, Berlin/Brüssel. Online verfügbar unter www.dihk.de/ressourcen/downloads/dihk-ausbildungsumfrage-2104.pdf/at_download/file?mdate=1408546175080 (27. April 2015).

Deutscher Gewerkschaftsbund (2014): Ausbildungsreport 2014, Berlin. Online verfügbar unter http://www.dgb.de/presse/++co++6c4de58a-338a-11e4-b49d-52540023ef1a/file/DGB-Jugend-Ausbildungsreport-2014.pdf (27. April 2015).

Statistisches Bundesamt (2013): Bildungsvorausberechnung, Wiesbaden. Online verfügbar unter https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/BildungForschungKultur/Bildungsstand/Bildungsvorausberechnung5210003129004.pdf?__blob=publicationFile (27. April 2015).

 

In eigener Sache
Schlagabtausch zur Demografie am 18. Mai 2015 in Hamburg

Die demografischen Veränderungen in Deutschland und die globale Bevölkerungsentwicklung verlangen nach neuen, umfassenden Handlungsstrategien. Doch wie diese auszusehen haben, ist wie in jeder pluralistischen Gesellschaft umstritten. Sie können nur im öffentlichen Diskurs erarbeitet werden.

Diesem Diskurs möchten das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung und die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius mit dem „Schlagabtausch zur Demografie“ einen Raum geben. Beim Schlagabtausch sollen unterschiedliche Standpunkte vorgestellt und kontrovers diskutiert werden.

Die erste Veranstaltung dieser Reihe mit dem Titel "Flüchtlingspolitik: Zwischenmoralischem Anspruch und politischer Umsetzung" beschäftigt sich mit der wachsenden Zahl an Asylbewerbern in der Europäischen Union und insbesondere in Deutschland. Sie findet statt

am Montag, den 18. Mai 2015 um 19:00 Uhr

im Thalia Gauß, Gaußstraße 190, 22765 Hamburg (Anfahrt: http://www.thalia-theater.de/de/service/anfahrt/)

Zum Programm gelangen Sie unter www.berlin-institut.org/fileadmin/user_upload/Schlagabtausch/Schlagabtausch-Flyer_online.pdf.

Aufgrund der begrenzten Anzahl an Sitzplätzen bitten wir um schriftliche Anmeldung unter www.berlin-institut.org/schlagabtausch.

Einlass ist nur nach Anmeldung möglich.



Ausgabe 186, 27.04.2015

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